Das Geschichtenhaus II

Eine Erzählung zum Erich-Kästner-Jahr 2019 – Teil (2)

… Mia entfuhr unwillkürlich ein Seufzer, als sie die Türschwelle erreicht hatte. „Der ist wirklich schwer“, sagte sie mit Blick auf den Einkaufskorb. Dann sah sie Max an, dessen wache blaue Augen zu tanzen schienen. „Kaffee?“, fragte er erneut und lächelte schelmisch. Mia willigte ein. Was sollte es auch? Draußen war es hundekalt und in Dresden wartete niemand auf sie. Mit einem dumpfen Gefühl im Bauch meldeten sich ihre Sorgen wegen der verpatzen Semesterarbeit bei ihr zurück. Der Alltag konnte warten! Ohne zu zögern, trat sie also ein.

Die Wohnung des alten Mannes war hell und freundlich. Er hatte sie mit Möbeln aus dem vorigen Jahrhundert eingerichtet. Ein schmaler Flur führte geradewegs zu einer hohen Holztür, hinter der sich das Wohnzimmer mit einem riesigen Bücherregal und einem samtenen Sofa befand. Vor der breiten Fensterfront stand ein runder Esstisch, auf dem eine Karaffe mit Wasser auf Gäste wartete. „Hier hat er gewohnt als Kind. Drei Jahre lang mit seiner Mutter und dem Vater“, begann Max seine Kästner-Geschichte von Neuem, bevor er ihr den Kob abnahm. Mia beschloss, endlich darauf einzugehen, denn Max würde sie wohl vorher sowieso nicht heim gehen lassen. „Und wer hat ihm denn die Wohnung vermittelt?“, fragte sie in die Stille hinein und konnte sich sogar ein Lächeln abringen.

„Mein Großvater!“, sagte Max mit feierlicher Miene. Er stand jetzt in Filzpantoffeln vor ihr im Türrahmen. „Mein Opa war unsterblich in Kästners Mutter Ida verliebt. Aber diese Liebe blieb platonisch.“
„Sie leben seit so vielen Generationen schon in dem Haus?“, fragte Mia jetzt ungläubig. Sie sah, wie Max in den Nachbarraum lief, wo sich die Küche befand und ging ihm hinterher.
„Nein, wir haben früher im Hechtviertel gewohnt. Dieses Haus gehörte meinem Onkel. Als ich und Anne geheiratet haben, hat er uns diese Wohnung zur Verfügung gestellt. Mein Bruder und seine Frau lebten in der gegenüber. So bin ich nun seit über 50 Jahren in Erich Kästners Wohnung zu Hause“, sagte Max zufrieden, während er in einer alten orangefarbenen Maschine den Kaffee aufsetzte.
Dieser Kästner schien es ihm ja angetan zu haben, dachte Mia, die neugierig geworden war. „Sie sind ein großer Fan des Schriftstellers, oder?“, fragte sie ihn offen.
Wieder lächelte Max nur geheimnisvoll. „Weißt Du, Erich Kästner war gewiss kein einfacher Mensch, er hat sich zum Beispiel nie verheiratet, hat nur für seine Bücher gelebt. Aber die nicht zu mögen, ist wahrlich ein Kunststück“, erklärte Max ernsthaft und seine Stimme schimmerte dabei wieder in diesem warmen, herzlichen Ton. Wenn er sprach, hörte man ihm gern zu. Er wählte seine Worte mit Liebe und Bedacht.

Kaum hatte er die Kaffeemaschine mit einem lauten Klick angeschaltet, lief Max plötzlich an Mia vorbei, seine Bewegungen wirkten jetzt viel eleganter und schneidiger als vorhin im Treppenhaus noch. Er ging zu dem großen Bücherregal und zog eine kleine blaue Schachtel aus einem der Fächer heraus.
„Nimm Platz, Mia“, sagte er nachdrücklich und wies auf den großen Tisch vor dem Fenster. Dann setzte auch er sich hin, stellte die blaue Kiste vor sich hin und hob mit sehnsuchtsvollem Blick den Deckel an. Mia atmete den Duft nach vergilbtem Papier, der sofort wohlige Erinnerungen an die alte Bibliothek in ihrer Heimatstadt in ihr wach rief.
„Schau, das alles sind Briefe und Postkarten von Erich Kästner. Er hat sie meiner Familie geschrieben, auch als er schon lange nicht mehr in Dresden lebte.“

Mia staunte, als Max ihr eine Postkarte herüberreichte, auf der die zwei Türme der Münchner Frauenkirche zu erkennen waren. Die Schrift war gut lesbar. Große, geschwungene Buchstaben setzten sich zu freundlichen Grußworten und Geburtstagsglückwünschen zusammen. Mia hielt die Karte behutsam in ihrer Hand und las die Zeilen erneut. „Kästner muss Ihre Familie sehr gemocht haben“, sagte sie fasziniert und nahm aus dem Augenwinkel ein vorsichtiges Nicken von Max wahr. Kaum hielt er ihr die nächste Karte hin, bereute sie es, noch nie ein Buch von Erich Kästner gelesen zu haben.

„Er hat vor allem meine Mutter sehr gemocht“, sagte Max jetzt mit einem Augenzwinkern. „Vielleicht lag diese Zuneigung ja auch in der Familie. Aber es stimmt, Erich Kästner hat den Kontakt in seine Heimatstadt nie abbrechen lassen. Selbst nachdem er schon lange in Berlin und München wohnte, ist die Dresdner Neustadt immer sein Zuhause geblieben.“

Während Max schlürfend in die Küche ging, um den Kaffee zu holen, stöberte Mia weiter fasziniert in Erich Kästners Post. Sie betrachtete die sauber geschriebenen Zeilen, strich sanft mit dem Finger über dünne Buchstaben aus Tinte auf dem gelbem Papier. Im Gegensatz zu ihrem Studium fand sie selbst an den alten Kästner-Briefen Gefallen, an Zeilen, die vor fast 100 Jahren an eine Familie aus Dresden geschrieben waren, dachte Mia bei sich und spürte wieder diese unsagbare Schwere im Herzen.

„Du siehst so traurig aus! Was ist denn los, Mia?“, fragte Max, dem der abrupte Stimmungswechsel sofort auffiel, als er mit zwei vollen Kaffeetassen zum Tisch zurückkehrte. „Hast Du Liebeskummer?“

Mia schüttelte den Kopf. Sie steckte die Briefe und Karten schnell in die Schachtel zurück, umklammerte ihre Tasse mit den Händen und gestand dem alten Mann: „Ich komme mit meinem Studium nicht klar … Informatik.“ Mia warf die Worte halbherzig in den Raum. Aus irgendeinem Grund hatte sie nicht erwartet, dass Max darauf weiter eingehen würde. Wahrscheinlich konnte er mit Rechentechnik und Programmierung sowieso nichts anfangen. Aber da hatte sie sich getäuscht. „Was stört Dich denn daran?“, fragte Max nun.

„Es ist alles so kalt und technisch. Zu viel Mathematik, so wenig Sinn …“, Mia nahm einen Schluck Kaffee, der sie wohlig von innen wärmte. Sie wusste selbst nicht, warum sie dem fremden alten Mann das alles erzählte. Es war, als meldete sich eine bislang stumm gebliebene Stimme jetzt tief aus ihrem Inneren heraus, als hätten Kästners Worte etwas in ihr in Bewegung gebracht.

Max ließ den Blick von seiner Tasse über die Briefe schweifen und sah Mia schließlich tief in die Augen. Er fixierte sie einen Moment lang, bevor er mit ruhiger Stimme antwortete: „Tu das, was Dich glücklich macht, Mia. Nur dann wirst Du erfolgreich sein.“ Das war alles, was er sagte, bevor er sich wieder seinem Kaffee widmete.

Mia hörte die Worte. Sie sog sie in sich ein wie das warme, köstlich bittere Getränk, das ihre Sinne schärfte. Dann wandte sie sich wieder Kästners Briefen zu. Sie las sie alle. Manchen waren Bilder beigelegt. Und Max wusste zu jedem einzelnen etwas zu sagen. Zusammen mit dem alten Mann saß Mia am Tisch in der Kästner-Wohnung und las die Post des großen Schriftstellers an eine einfache Dresdner Familie. Sie hörte Max zu, bis es draußen schon dunkel wurde.

Als Mia an diesem Abend von der Königsbrücker Straße 48 aus nach Hause lief, kam es ihr so vor, als könne sie die Atmosphäre des Kästner-Viertels mit den Händen greifen. Sie dachte an die Geschichten, die Max ihr am Tisch vor dem Fenster erzählt hatte, von Begegnungen mit der Familie Kästner und Episoden aus berühmten Kinderbüchern, die in der Neustadt geboren wurden – und zum ersten Mal, zum allerersten Mal seit sechs Monaten, fühlte sie sich in Dresden ein bisschen zu Hause.

Der erste Teil von „Das Geschichtenhaus“ ist am 12. Januar auf elbmargarita.de erschienen und unter diesem Link nachzulesen.

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