Die OFF-Operngruppe szene12 verleiht Mozarts „Don Giovanni“ neuen Schwung

Wer die Produktionen der OFF-Operngruppe szene12 um Regisseur Toni Burghard Friedrich kennt, der weiß: Den Besucher erwartet etwas Außergewöhnliches. Das neueste szene12-Werk stellt gar sämtliche Konventionen der Gattung auf den Kopf und verwandelt das Zentralwerk in Pieschen in eine riesige Partylocation. Wolfgang Amadeus Mozarts „Don Giovanni“ wird hier tatsächlich zum Fest.

Über diese Oper ist so viel geschrieben worden, dass sich jede Inhaltsangabe erübrigt. Sie gilt als die Oper aller Opern, ließen Mozart und sein Librettist Lorenzo da Ponte die Titelfigur doch zu einem Archetypus der Don-Juan-Figuren gedeihen. Doch alle Theorie findet in dieser Aufführung ihr Ende. Kaum hat man das Zentralwerk betreten, steckt man auch schon mittendrin. Die Zuschauer werden selbst Teil des Stücks, indem sie – ohne es freilich zu ahnen – die Handlung als Gast auf Don Giovannis großem Fest verfolgen. Eine Zuschauertribüne gibt es nicht. Wer mag, kann sich während der Vorstellung frei im Raum bewegen oder gar an der Bar ein Bier bestellen.

Maxi Büchner schenkt Wein aus und auch Vodka, an Zuschauer wie die Figuren im Stück. Und flugs sitzt man neben einem Sänger an der Bar, wird ungefragt zum Statisten auf Don Giovannis Fete. Für das Ensemble ist die unmittelbare Nähe zum Publikum gewiss eine Herausforderung. Doch die Sänger, größtenteils Gesangsstudenten, agieren souverän und überzeugen mit großen stimmlichen wie darstellerischen Leistungen. Sheldon Baxter gibt den Don Giovanni als gewitzten Lebemann mit kräftiger Stimme. Sein Kumpel Leporello bekommt von Meinhard Möbius den Charme des patenten Kerls von nebenan. Gar nicht unterwürfig sind in dieser Inszenierung die Frauen gezeichnet: Julia Pietrusewicz ist als Donna Elvira zwar von der Trennung zerrissen, aber keines Falles schwach. Karolina Jędrzejczyk ist die erotischen Abenteuern mit Giovanni nicht abgeneigte, raffiniert agierende Zerlina.

Ein starker Partner für die Sänger ist das englische Kammerorchester, das Mozarts Partitur in den Arrangements und unter Leitung von Matthew Lynch prickelnde Lebendigkeit verleiht. Schnell ist so die Aufmerksamkeit der Partygäste im Zentrum der Oper. Schon passiert ein Mord im Saal, Don Giovanni flieht und verführt und trickst sich durch die Nacht, während Elvira immer wieder ihren Kummer an der Bar zu ertrinken versucht – bis am Ende die Pistolen gezückt werden.

René Fußhöller und Antonia Kamp, beide Studenten für Kostüm- und Bühnenbild an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden, haben den Saal in eine stylische Partyhöhle verwandelt. Der morbide Charme des Gebäudes ist hier bunten Farben gewichen, auf dem Tresen wächst Gras, die Zuschauer finden am Rand auf breiten Stufenkonstruktionen bequem Platz. Gespielt wird nicht nur in der Mitte, sondern im ganzen Raum: Auf der Empore oben, am Rand, an der Bar. Manchmal weiß man kaum, wo man zuerst hinschauen soll – überall passiert etwas. Wie auf einer richtigen Party eben. Ergänzt wird das Treiben von den beiden Tänzern Cecilia Lerg und Alexej C. Bernard sowie mit Kunstinstallationen von Miriam Schröder, Raiko Sánchez und Filmen von Nils Neuer. Das lockert die Szene zusätzlich auf, gibt ihr eine weitere Ebene. Gerade so, als habe Don Giovanni für sein großes Fest alles aufgefahren, was eine rauschende Ballnacht braucht.

Info: Szene12 spielt Mozarts „Don Giovanni“, weitere Vorstellungen am 28. und 31. August sowie am 1. September 2018, 20 Uhr im Zentralwerk Pieschen

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