Dresden tanzt in den Frühling

Erste Tanzplattform Sachsen in Hellerau

Sachsens freie Tanzszene ist vielfältig, kreativ und lebhaft. Wer das nicht glaubt, der kann sich auf der ersten Tanzplattform Sachsen am 3. und 4. Mai im Festspielhaus Hellerau selbst davon überzeugen. Zwei Abende lang führen dort zehn ausgewählte Produktionen von freien Tänzern, Choreografen und Kompanien aus Sachsen einen komprimierten Querschnitt des zeitgenössischen Tanzes im Freistaat vor Augen. Auswählt wurden sie von einer vierköpfigen Jury aus Theaterleuten und Journalisten, die aus insgesamt 45 Bewerbungen jene zehn Choreografien wählte, die in ihrer Unterschiedlichkeit am besten vom Stand des zeitgenössischen Tanzes in der sächsischen freien Szene zeugen. Zu sehen sein werden dabei unter andrem Nora Schott, Golde Grunske (Foto: PR/Marlies Kross), Hermann Heisig, Cindy Hammer und Johanna Roggan.

Die Idee für eine solche Plattform hatte Dieter Jaenicke, der Künstlerische Leiter des Festspielhauses schon lange. Als im Februar 2012 die alle zwei Jahre an wechselnden Orten stattfindende Tanzplattform Deutschland vier Tage lang in seinem Haus gastierte, zeigte sich einmal mehr, wie groß das Interesse des Dresdner Publikums am Tanz wirklich ist – ganze 25 der 33 Veranstaltungen waren ausverkauft. Und weil die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen am 3. Mai 2013 zum ersten sächsischen Fachtag Tanz ebenfalls ins Festspielhaus nach Hellerau einlädt, ist die Gelegenheit für ihn nun doppelt günstig, direkt im Anschluss daran eine Tanzplattform nur für Sachsen zu starten.

Das Dresdner Publikum bekommt dabei einen Dresdner Tanzfrühling von nie dagewesener Intensität serviert. Denn kaum ist die bereits im Kulturkalender der Stadt etablierte Tanzwoche (19.-29.4.) zu Ende, wird dieser auch schon mit dem Fachtag Tanz und der ersten Tanzplattform Sachsen um zwei weitere Formate im Zeichen der freien Tanzszene ergänzt. Diese gedeiht in Sachsen besser als im Rest Mitteldeutschlands, wächst aber meist am kulturellen Rande in den Großstädten wie Dresden und Leipzig, ansatzweise auch in Chemnitz, sagt Boris Michael Gruhl, der Vorsitzende des Landesverbandes der freien Theater in Sachsen. Mangels Vernetzung in festen Vereinsstrukturen haben es freie Tänzer, Choreografen und Kompanien jedoch vergleichsweise schwer, breitenwirksam auf sich aufmerksam zu machen.

So ist die erste Tanzplattform Sachsens in Verbindung mit dem Fachtag Tanz nicht nur ein zusätzliches Angebot für Publikum, sondern gleichsam auch eine landesweite Bestandsaufnahme der freien Tanzszene. In vier Workshops werden mit Tänzern, Theaterleuten, Choreografen, Wissenschaftlern sowie Vertretern von Kultur- und Bildungseinrichtungen die Arbeits- und Produktionsbedingungen in der freien Szene, Projekte im öffentlichen Raum, Vermarktungsstrategien sowie Potenziale, Perspektiven und Entwicklungsmöglichkeiten ausgelotet. Zudem bekommen städtische Netzwerke wie das TanzNetzDresden auch die Möglichkeit, über den lokalen Tellerrand hinauszublicken und wiederum mit anderen zu kooperieren – damit die nächsten Frühjahre in Dresden weiterhin so tanzvielfältig erblühen wie dieses.

Nicole Czerwinka

Linktipp: http://www.hellerau.org/aktuelles/2013/tanzplattform-sachsen-am-3-und-4-mai/

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Ein Dieb in der Weißen Gasse

Vergessene Orte: Der Gänsediebbrunnen

Er ist einer der schönsten Brunnen der Stadt. Im Sommer bietet er für Dresdner und Touristen eine kleine Oase zum Entspannen. Und auch sonst fügt er sich harmonisch in das Bild. Der Gänsediebbrunnen in der Weißen Gasse.

Die Bronzefigur mit einem jungen Burschen, der zwei Gänse am Schopfe packt, wurde 1878 von Robert Diez als Standbild geschaffen. Die Figur wurde 1878 mit der „Großen goldenen Medaille“ auf der internationalen Kunstausstellung in München ausgezeichnet. Der Brunnenunterbau ist vom Architekten Bernhard Paul Weidner. 1880 wurde der Brunnen dann auf dem Ferdinandplatz eingeweiht. Dort überstand die Figur auch den Zweiten Weltkrieg. 1961 zog der Brunnen in die Weiße Gasse um, wo er seitdem zu finden ist. In den Jahren 1991/92 wurde er außerdem rekonstruiert.

Robert Diez wurde am 20. April 1844 in Pößneck (Thüringen) als Sohn des hiesigen Bürgermeisters Emil Diez geboren. 1863 begann er an Dresdner Akademie der Künste zu studieren und war ab 1867 ein Schüler von Johannes Schilling, der unter anderem die Brühl’sche Terrasse gestaltete.

Seit 1873 begann Diez selbstständig zu arbeiten und wurde Ehrenmitglied der Dresdner Akademie (1881). Später war er Professor der Kunstakademie und Geheim-Rat der Stadt Dresden. Neben der Figur des Gänsediebes hat er auch das Bismarck-Standbild in der Seestraße und die Zwillingsbrunnenanlage „Stille Wasser und Stürmische Wogen“ am Albertplatz konzipiert.  Eine Kopie seiner Standfigur hat er auch seiner Heimatstadt Pößneck geschenkt. Der dazugehörige Brunnen wurde 1936 gestiftet.

Zu guter Letzt noch eine kleine Anmerkung zum Gänsedieb selbst: Angeblich soll das der junge Thomas Plattern (1499-1582) sein, der spätere Rektor der Lateinschule in Basel, der sowohl Hebräisch an der Universität in Basel lehrte als auch Griechisch. 1512 besuchte er kurzzeitig die Dresdner Kreuzschule als fahrender Schüler. Für das Abschlussessen mit seinem Schulleiter soll er zwei Gänse gestohlen haben.

Foto & Text: Janine Kallenbach

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Unbequemer Wüstling

„Baal“ an den Landesbühnen Sachsen

„Ihr müsst euch besaufen!“, sagt Baal zu Johannes und dessen Freundin Johanna, um sich wenig später mit ihr auf seiner eigenen Matratze zu suhlen (Foto: PR/Detlef Ulbrich). Als er nichts mehr von ihr wissen will, steigt sie schließlich ins Wasser – und die nächsten Mädels landen in Baals Bett. „Baal“, die Geschichte vom zügellosen Wüstling, dem Leidenschaftsgetriebenen, das Jugendwerk Bertold Brechts, feierte am 19. April in einer Inszenierung von Arne Retzlaff umstrittene Premiere an den Landesbühnen Sachsen.

René Geisler zeigt Baal hier als einen blassen, stoisch schmunzelnd am Mirko stehenden Popstar. Ein verwöhnter Sonderling, der vieles will und auf niemanden Rücksicht nimmt. Geisler gibt diesen, dem Dionysischen verfallenen, Baal als stets distanzierten Egoisten, dem alles egal ist, außer das eigene Vergnügen. Für die Lieder, die er ab und an – nur, wenn er Lust dazu hat, versteht sich – schmettert, zeichnet die Band MARY & THE HOLY BALLS verantwortlich, die im Hintergrund der welligen Lamellenwand auf der Bühne (Ausstattung: Stefan Wiel) für musikalische Würze sorgt. Und so säuft Baal sich durchs Leben, immer auf der Suche nach neuen Frauen, die ihn – so lange es ihm Spaß macht – dabei begleiten.

Zuletzt ist es Sophie, die Sandra Maria Huimann zunächst noch als stolze, sogleich aber den Reizen des smarten Baal erlegene Lady darstellt. Die am Ende dank Schwangerschaft und Trennung von Baal aber dennoch zum Untergang verurteilt ist. Und da ist da noch Ekard, der beste Freund des zügellosen Künstlers. Michael Berndt gibt diesen lebensfrohen, anfangs noch vernünftigen, bald aber doch von Baal, der mit ihm eine homoerotische Liebschaft beginnt, Verdorbenen mit Leidenschaft – bis Baal ihn schließlich ermordet und sich selbst im schwarzen Regen wiederfindet.

Da ist es vorbei mit dem zunächst gehuldigten Popstar, da will niemand mehr etwas von ihm wissen. Der Egoist zur miteiderregenden Fratze verzerrt. Eine Null, für die sich niemand länger interessiert. Das ausschweifende Leben kehrt sich in Selbstzerstörung um. Die edle Gesellschaft wendet sich nun brüskiert ab, zieht sich zurück hinter ihre buntbestrahlte Lamellenwand, bis die verbliebene Band Baals Selbstmitleid gänzlich übertönt. – Und im Stammhaus Radebeul haben die ersten aus dem Publikum diese Inszenierung bereits empört verlassen.

Warum, ist eigentlich nicht so ganz klar. Denn Baals Stationen, vom Salon übers Wirtshaus, eine Travestiebar bis hin zum Schlafzimmer, sind alle samt sehr ideenreich, witzig und vollgepackt mit Andeutungen umgesetzt. Die Stimmungen auf der Bühne wechseln in bunten Farben – ein vielfältiger Reigen aus Musik, Licht und gutem Schauspiel, bei dem immer wieder ein paar (auch vulgäre) Textausschnitte Brechts via Videoprojektion über die Kulissen flimmern. Theater hat an den Landesbühnen Sachsen wohl selten so viel Freude gemacht, wie in dieser Version von Brechts Jugendwerk, das hier vielleicht an vielen Stellen überzogen, dafür aber niemals langweilig wird.

Nein, bequem ist diese Inszenierung, die sich unzählige Freiheiten gestattet und dabei viel Raum zum Nachdenken lässt, ganz bestimmt nicht. Denn Retzlaff verzichtet in seiner letzten Inszenierung als Radebeuler Schauspieldirektor auf klare Wertungen, ebenso wie auf einen Mitleidsbonus für den wilden Antihelden Baal. Er setzt vielmehr auf die Phantasie seines Publikums, das hier frei nach Belieben Analogien ziehen darf – und auch kann.

Nicole Czerwinka

„Baal“ an den Landesbühnen Sachsen, wieder am 27.4., 19.30 Uhr im Stammhaus Radebeul, am 8.5., 19.30 Uhr im Theater Meißen und am 06.06., 19.30 Uhr im Stammhaus Radebeul

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Einmal Mount Everest und zurück

Dresdner gewinnt beim Treppen-Marathon

Die Radebeuler Spitzhaustreppe hat sich an diesem Wochenende (20./21.4.) in ein steiniges Sportgerät verwandelt. Der 9. Mount Everest Treppen-Marathon inmitten idyllischer Weinberge zählte anno 2013 rund 400 Teilnehmer. Knapp 70 davon nahmen in der Kategorie „Alleingänger“ teil, in der es darum geht, die 397 Stufen der Spitzhaustreppe binnen 24 Stunden ganze 100 Mal auf- und abzulaufen. Sieger war Heiko Lätsch aus Dresden, der mit einer Bestzeit von 14:46:09 Stunden ins Ziel lief. Dicht gefolgt von Frank Wittwer, ebenfalls aus Dresden, der in 14:48:35 Stunden 100 Mal die Treppe auf- und abging.

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Christusköpfe, Wiesenblumen und Perlhühner

Werner Zawischa stellt in Riesa aus

So farbenfroh wie jede einzelne Pflanze in den erblühten Blumenrabatten, so facettenreich präsentiert sich die seit Freitag (18.4.) eröffnete Kunstausstellung „Im Laufe der Jahre“ (bis 8. Juni, Eintritt frei) in der Städtischen Galerie in Riesa. Über 70 Werke in zehn verschiedenen Techniken umspannen ein mehr als 50-jähriges Schaffen des Riesaer Künstlers Werner Zawischa. Es ist die erste Einzelausstellung im Leben des heute 73-Jährigen.

Dicht an dicht hängen Porträts in Öl neben Landschaftsbildern in Pastell, Kirchenansichten mit Feder, ungewöhnliche Collagen, bunte Stillleben oder  schwarz-weiße Skizzen. „Man muß mit wachen Augen durch die Natur und überhaupt durchs Leben gehen“, sagt der sympathische kleine Mann. Wer diesen Rat befolgt und sich so der Ausstellung nähert, vor dem erblüht ein jedes Bild auf seine besondere Art und Weise. Eines seiner ersten Werke ist die Pastellzeichnung „Migranten“. Gemalt mit 22 Jahren ist es eine Reflexion seiner eigenen Erfahrungen. „Mit fünf Jahren bin ich mit meiner Mutter und meinen beiden älteren Schwestern in Riesa angekommen. Wir sind aus Oberschlesien geflüchtet“, schildert Zawischa. Ein Schatten huscht über sein sonst so strahlendes Gesicht. Er spricht leise weiter: „Ich hab all die Erniedrigungen erlebt, die Flüchtlingskinder widerfahren sind. Ich kenn betteln und vieles andere auch. Das prägt.“

Indem Werner Zawischa Bilder malt, kann er sein Innerstes zum Ausdruck bringen. Früh begann er damit. „Ich habe mit Kohlezeichnungen auf Zeitungsrändern gekritzelt“, erinnert er sich. Zawischa tritt in den Zeichenzirkel, spielt Kabarett und Pantomine, lernt Dekorationsmaler, studiert Kulturwissenschaften. Von 1971 bis 1991 ist er Leiter der Volkskunst Riesa, danach bis heute Vereinsvorsitzender des Kreativen Zentrums. „Er gehört quasi zum Inventar der Stadt“, bringt die Journalistin Ines Witt-Klotz in ihrer Laudatio vergangenen Freitag seine Bedeutung für die Elbstadt auf den Punkt. Erst im März ehrte die Stadt ihn mit dem Riesaer Riesen für sein Lebenswerk. „Diese Ausstellung ist eine Würdigung seines Schaffens“, sagt Organisatorin Birgit Herold. Ein Schaffen, so bunt und vielfältig wie jede einzelne Blüte im Blumenmeer des Frühlings.

Jane Pabst

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Sternstunden der englischen Theaterszene

„Going Dark“ am Societaetstheater

Das Schöne an Theaterfestivals wie „szene: ENGLAND“ ist, dass sie Kunst aus anderen Ländern für ein paar Tage lang direkt nach Dresden holen. Und manchmal beschert das sogar wahrhafte Sternstunden: Sound & Fury’s „Going Dark“ jedenfalls kann getrost als Höhepunkt des diesjährigen szene-Festivals im Societaetstheater Dresden gehandelt werden.

Das gut einstündige Theaterstück entführt die Zuschauer zunächst in einen dunklen Bühnenraum. Dort nehmen sie – vom schummrigen Licht einer Taschenlampe begleitet – zunächst verwirrt Platz auf (zugegeben: recht unbequemen) Stühlen. Diese sind im Karee um die ebenerdige Bühne gestellt. Der Vorhang zum Vorraum schließt sich und kurz darauf lässt die Geräuschkulisse englischen Regen prasseln. Tom Espiner bestreitet diese gekonnt mit Klang und Lichteffekten ausstaffierte Stück anschließend im brillanten Alleingang.

Mit viel Hingabe spielt er den Wissenschaftler Max, der mit Leidenschaft in einem Planetarium arbeitet und sich alleinerziehend rührend um seinen Sohn Leo kümmert. Gekonnt wechseln die Szenen zwischen heimischen Familienplaudereien und seinen wissenschaftlichen Vorträgen unter projiziertem Sternenhimmel hin und her. Die Zuschauer sind in dem düstern Raum mittendrin in diesem philosophischen Spiel menschlicher Wahrnehmungen und tiefgründiger Erkenntnisse. „Wie weit kann der Mensch sehen?“, fragt Max in einem seiner Planetariumsvorträge zu Beginn des Stücks und erklärt, wie sich die Menschen seit Urzeiten am Polarstern orientiert haben. Noch ahnt man nicht, wie existenziell diese Frage später für ihn selbst, aber auch für die Zuschauer wird. Denn Max, der engagierte Vater und kluge Wissenschaftler, leidet an einer Krankheit, die ihn langsam erblinden lässt. Am Ende erkennt wer weder die Sterne noch seinen Sohn mehr mit bloßem Auge.

Es ist berührend und zauberhaft zugleich, wie Sound&Fury’s diese eigentlich tragische Geschichte im düsteren Bühnenraum mit Worten, Licht und Sounds für den Zuschauer gleichermaßen erlebbar machen. Eine Art von Theater, wie man sie in Dresden bislang kaum findet. Immer wieder wechseln die Szenen zwischen Privatleben und astronomischen Vorträgen hin und her. Der Zuschauer muss so ebenfalls abwechselnd in die Rollen des Beobachters und des Planetariumsgastes schlüpfen. Geräusche von lauten Autostraßen machen zwischendrin deutlich, wie Max mehr und mehr seinen Ohren vertrauen muss, weil sein Augenlicht schwindet. Auch wenn es ihm zunächst nicht gelingt, seinen Sohn – der übrigens nur via Tonband auftritt – über die Krankheit aufzuklären, weil er Angst hat, ihm damit die Unbeschwertheit zu rauben, machen seine Planetariumserklärungen deutlich, was gerade in ihm vorgeht. Max kleine Welt wird auf fantastische Weise mit dem großen Universum verknüpft, wenn er beispielsweise davon erzählt, dass die Wahrnehmung von Lichtspektren nur eine Illusion unseres Gehirns ist, dass alles, was unsere Augen sehen, im Kopf entsteht.

Hier hat die Tiefe des Stücks bereits einen Punkt erreicht, dem man sich nicht mehr entziehen kann. Die Intensität des Spiels, die Unentrinnbarkeit der schummrigen Bühnenatmosphäre, die Philosophie des Universums, das alles zieht so in seinen Bann, dass man längst nicht mehr darüber nachdenkt, ob man jedes der englischen Worte versteht. Denn schon ist der Zuschauer hier auf raffinierte Weise ein Teil des Stücks geworden und versteht gleichsam, ohne zu hören. Max ist nahezu erblindet, als er erzählt, mit wie vielen Stundenkilometern die Erde um die Sonne saust. Orientierung ist angesichts dieser Geschwindigkeit kaum möglich. Und Max, der mit der Krankheit kurzzeitig die Orientierung im Leben zu verlieren droht, erzählt: „Es gibt keine Fixpunkte im Universum, man muss sich selbst einen solchen Punkt suchen.“ Als Max auch diesen Vortrag abbrechen muss, weil seine Krankheit ihm die weitere Arbeit nicht ermöglicht, hat er seinen Fixpunkt dennoch gefunden. Zu Hause erklärt er seinem Sohn Leo endlich, was es für ihn bedeutet, nun blind zu sein. Sein Sohn stellt viele Fragen, bis die beiden hinaus in den Garten gehen – und der Regen wieder zu prasseln beginnt.

Ein beeindruckender Theaterabend, der sich vor allem durch das herausragende Zusammenspiel von Gestaltung und Darstellung auszeichnet, geht zu Ende – er wird in Dresden mit minutenlangem Applaus belohnt. So faszinierend kann fremde Schauspielkunst sein …

Nicole Czerwinka

„Going Dark“ am Societaetstheater noch einmal am 19.4., 20 Uhr

Fotos: PR/Edmund Collier (rechts)

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Tanz mit viel Heiterkeit

 Tanzwoche startet in Dresden

Mit über 40 künstlerischen Produktionen findet vom 19. bis 29. April 2013 die Tanzwoche Dresden statt. – Einmal im Jahr organisiert er das Spektakel. Und das seit 1991. Julius Skowronek ist der künstlerische Leiter der Tanzwoche und versucht diese ständig weiterzuentwickeln. „Ich habe mich im Laufe der Jahre bemüht, neue Tendenzen aufzuspüren und junge Künstler zu unterstützen. Gleichzeitig sind wir immer auf der Suche nach interessanten, internationalen Kompanien“, erklärt er.

Auch dieses Jahr ist dabei eine interessante Mischung entstanden. Einerseits sind Beiträge von bereits bewährten Gruppen vertreten, wie den Tanz-Komikern Veselé skoky aus Prag. Oder Uraufführungen von Paul Julius oder Gundula Peuthert. Andererseits geben Serien wie „kurz und gut“ neue Impulse. „Das ist ein Format, bei dem an einem Abend mehrere Stücke von Tänzern aus der freien Szene zusammengefasst werden“, beschreibt Skowronek. Diese Künstler hätten oft nicht die finanziellen Mittel, ganze abendfüllende Stücke selbst zu choreografieren. Meistens seien es Miniaturen, die bei ihrer Arbeit entstünden. „Das wird für alle ganz spannend, weil wir uns deren Beiträge nicht vorher anschauen. Viele sind erst im Entstehen begriffen und dann eine Art Zustandsschau“.

Ein besonderes Anliegen für Skowronek ist die Unterhaltung der Besucher. „Bei uns gibt es nicht so schwere Kost. Ein Grundelement, das sich dieses Jahr durch fast alle Produktionen zieht, ist die Heiterkeit. Und was kann einem Besseres passieren, als im Theater gut unterhalten zu werden?“ Dabei weißt er aber entschieden darauf hin, dass diese Form der Komik nicht mit platter Stand-up-Comedy gleichgesetzt werden darf.

Katrin Mädler

Linktipp: www.tanzwoche.de

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Honigsüßer Musikabend

Intermezzo: HONIG in DDer Scheune

Die Musik des Düsseldorfer Sängers und Songschreibers (Stefan) Honig ist nur schwer auf einen Nenner zu bringen. Mal nachdenklich wie ein norwegischer Fjord, dann wieder wild und fröhlich wie die tosende See bewegen sich die elf Titel auf seiner zweiten CD „Empty Orchestra“ irgendwo zwischen gefühlvollem Blues, nordischem Folk und poppigem Soul.

Der ehemalige Metalrocker fand nach einer Tinnitusattacke mit HONIG vor Jahren zurück zu seiner ruhigen Seite. Nun entführt er mal nur mit Stimme und Gitarre, dann als Duo, später gar mit der ganzen Bandbreite einer Band in seine Welt. Zusammen mit seinen fünf Mitmusikern entwickelte er daraus ein ebenso vielfältiges wie grandios berauschendes Album, das er am kommenden Dienstag (16.04., 20 Uhr) in der Scheune präsentiert. (NC)

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Undefinierbares Machtmonster

Der Drache am Staatsschauspiel Dresden
Eheglück sieht anders aus: Tom Quaas und Ines Marie Westernströer (Foto: PR/David Baltzer) .

„Der Drache“ am Schauspielhaus

Der „Drache“ ist Märchenmotiv, Monster und Mythos. In Jewgeni Schwarz’ Märchenerzählung (1943) symbolisiert er in erster Linie eine barbarische Willkürherrschaft, die brutale Opfer von den Menschen fordert, ihnen gleichzeitig aber eine perfide Sicherheit bietet. Dieser Drache hat viele Köpfe mit zahlreichen Gesichtern und erobert die Bühnen je nach zeitgeschichtlichem Hintergrund in unterschiedlichen Gewändern.

Regisseur Wolfgang Engel bringt „Der Drache“ anno 2013 (Premiere am 12.4.) nun auf die Bühne des Dresdner Schauspielhauses. Die Inszenierung ist neben „Der Turm“ (2010) und „Meister und Margarita“ (2012) die dritte seiner Stücke-Trilogie, die sich mit dem Leben des Menschen unter den Umständen der Diktatur aus­einandersetzt. Sie beginnt ganz unkonventionell als Musikperformance, bei der das Ensemble vor dem Bild eines chinesischen Drachen auf einer (vermutlich) deutschen Autobahn, umhangen von goldenen Girlanden (Bühne und Kostüm: Hendrik Scheel) steht und sich dem märchenhaften Stoff des Stückes zunächst rappend, singend, auch skalierend nähert. Eine Diktatur des Dirigenten sozusagen, oder des Ballettchoreografen.

Nach dieser musikalischen Einlage wird es jedoch erstaunlich ruhig auf der Bühne. Bis, ja bis der sagenumwitterte Drache zum ersten Mal in Schlips und Kragen erscheint. Dieser Auftritt ist so grandios hintersinnig, dass das Stück plötzlich wieder an Fahrt gewinnt. Tom Quaas säuselt hier als Drache in Nadelstreifen mit rauer Stimme über Aktien, Macht und den Krieg, um dann – wieder ganz Gentleman – mit seinem Zigarillo doch noch ein wenig Feuer zu speien. Den Drachen zeigt Quaas auch im weiteren Verlauf facettenreich und mit viel spielerischer Leidenschaft, egal ob im Anzug, als hässliches humpelndes Grauen oder leger arrogant im Hawaiihemd.

Sein Widersacher, der tapfere Held Lanzelot (Matthias Luckey) in Lederjacke und mit langen Haaren, bleibt dagegen eher eine blasse Figur. Mit lässigem Ehrgeiz hält er am Sieg gegen den Drachen fest, setzt sich mehr schlecht als recht gegen das Regime eines neurotischen Bürgermeisters (Holger Hübner) und seiner – als treudoofer Sprechchor voller Mitläufer inszenierten – Bürgerschaft durch. Er tut es aus Überzeugung. Unterstützer hat er nicht. Bis auf seinen treuen Freund, den wilden allgegenwärtigen Kater (Christian Clauß), der darstellerisch weit präsenter scheint als der Held selbst.

Beim Drachenkampf rumpelt und donnert es. Als das Ungeheuer dann von geschundenen, gebrochenen, verkauften Seelen philosophiert, meint man, noch einmal Untertöne herauslauschen zu können. Doch sie verhallen abrupt, als ein riesiger Drachenkopf aus dem Bühnenhimmel hinabrauscht, eingeholt vom Theatervorhang. Pause. Als der Drache besiegt ist, kehrt die Diktatur jedoch in Form des alten Bürgermeisters und seines Sohnes umgehend zurück. Das Märchen wird nun endgültig zur Groteske, wenn die Bürger wie Vögel im Chor „Piepiephurra, Piepiephurra!“, zwitschern. Holger Hübner gelingt dabei eine überzeugende Wandlung vom neurotischen Stadtoberhaupt zum selbstsüchtigen Herrscher, an dessen Beispiel die Mechanismen der Politik humorvoll gespiegelt werden. Da wird gelogen, manipuliert, verhindert und wenn es sein muss, zu lang gewartet, aber am Ende doch regiert – und alle machen mit.

Alle, außer Elsa. Ines Marie Westernströer gibt eine smarte, selbstbewusste, geradlinige Jungfrau. Einst sollte sie dem Drachen geopfert werden, doch gegen die bevorstehende Zwangsheirat mit dem neuen Machthaber wehrt sie sich mit Händen und Füßen. Bis Lancelot zurückkehrt und Elsa zur Frau nimmt. Nun feiert das Volk, allein Elsa scheint noch nicht erlöst. Der Vorhang fällt.

Danach blicken die Zuschauer auf einen darstellerisch brillanten, dramaturgisch aber wenig prägnanten Abend zurück. Trotz schöner Ideen im Detail (wie dem Bürgermeistersohn im Dompteurs-Gewand) fehlt es der Inszenierung insgesamt an Konsequenz. Es scheint, als könne sich Engel nicht so recht zwischen Märchenparabel, Groteske und modernem Theater entscheiden. Andeutungen bleiben vage, werden kaum ausgespielt. Der „Drache des entfesselten Marktes“, von dem im Programmheft die Rede ist und den Quaas noch so wunderbar einführt, gerät allzu bald aus dem Fokus. Die Flut an Diktatoren, Gurus und Wendehälsen, mit denen Engel seine Zuschauer statt dessen im Laufe des Stückes konfrontiert, erscheint eher wie eine willkürliche Versammlung von Machthabern, die hier ohne Zusammenhang regieren. Der Spannungsbogen stolpert so über durchaus gelungene Höhen, um sich später in wenig pointierten Längen zu verheddern. Dabei muss es das Publikum 2013 statt mit einem Drachen, gleich mit unzähligen aufnehmen – und sich sein Lieblingsmonster schließlich selbst herauspicken.

Jewgeni Schwarz „Der Drache“ am Großen Haus Dresden, wieder am 16.4., 25.4., je 19.30 Uhr, 5.5., um 19 Uhr und am 11.5., 19.5., 30.5.

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Vietnams Folklore trifft Europas Jazz

Das „Lao Xao Trio“ musiziert ungewöhnlich

Lao Xao ist Vietnamesisch und bedeutet – je nach Betonungszeichen – etwa so viel wie knirschen, rascheln, raunen, gemischt, Speer oder werfen. Der Facettenreichtum der beiden Worte ist enorm, ebenso wie die Musik des gleichnamigen Trios, das 2005 an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber in Dresden (HfM) zusammenfand. Ausgangspunkt war eine Vocalnight unter dem Motto „Heimat“ im Jazzclub Tonne, bei der Sängerin Khanh Nguyen zusammen mit dem Gitarristen Stefan Wehrenpfennig eine verjazzte Volksweise aus Vietnam präsentierte. „Die beiden Liedzeilen hatte mir früher meine Mutter vorgesungen“, sagt die in Deutschland geborene Vietnamesin.

Der Cellist Diethard Krause – damals ebenfalls Student an der HfM – war sofort von dieser Art Musik begeistert und daher bald der Dritte im Bunde. Das Lao Xao Trio (Foto: PR/Marco Warmuth) war geboren. „Wir haben uns einmal getroffen und sofort gemerkt, dass wir uns gut verstehen“, sagt Krause. So brachte Khanh Nguyen schließlich weitere Weisen aus ihrer Heimat mit in die Runde, die sie zusammen mit ihren beiden Kommilitonen neu arrangierte. Acht Lieder an der Zahl sind es mittlerweile, die auf dem just Anfang April erschienenen Debutalbum „Upon tree ?a“ des Lao Xao Trios von Liebe, Landschaft und Traditionen im fernen Vietnam erzählen. „Das Volksliedgut aus Vietnam bildet den Kern unserer Musik. Wir haben aus den kleinen Weisen jedoch auch mit europäischen Stilmitteln unsere eigene Version gemacht, ohne sie gänzlich zu entfremden“, erzählt Khanh Nguyen.

Vietnamesische Folklore trifft dabei auf europäische Jazzmusik, poetische vietnamesische Texte auf ungewöhnliche musikalische Improvisationen. Zusammen kulminiert das in einer Musik, die von einer ganz eigenen Ruhe durchströmt wird – allerdings weder meditativ noch melancholisch, sondern eher unbeschwert zu nennen ist. Die helle, aber durchaus wandelbare, Stimme von Khanh Nguyen behält dabei stets die Oberhand, während es Diethard Krause und Stefan Wehrenpfennig grandios gelingt, ihren Instrumenten sehr asiatische Klänge zu entlocken. Die Ausbildung der drei an der Dresdner Musikhochschule hört man dennoch deutlich heraus, sowohl was die künstlerische Präzision, als auch Stilfarben betrifft. So klingt es einerseits fremd, und trotzdem vertraut.

Dieses weltweit vermutlich einmalige Spiel mit traditionellen vietnamesischen Weisen bescherte dem Trio bereits zwei große Auszeichnungen. Im Jahr 2011 haben sie den Weltmusikwettbewerb „Creole Mitteldeutschland“ gewonnen und damit auch erstmals die Aufmerksamkeit eines größeren Fachpublikums auf sich gezogen. Mit dem RUTH-Weltmusikpreis bekommt das Trio am 6. Juli 2013 in Rudolstadt eine weitere, hochdotierte Auszeichnung überreicht. Leben können die drei studierten Musiker von ihrer Nische dennoch bislang nicht, arbeiten hauptberuflich in anderen Ensembles, Orchestern oder als Musiklehrer. Die Fertigstellung ihres ersten Albums wäre ohne eine Reihe von Sponsoren, den Griff ins eigene Sparschwein und Herzblut ohne Ende kaum denkbar gewesen. „Wenn man so etwas macht, muss man es richtig machen“, sagt Diethard Krause – allein der Blick auf das Cover zeigt, was er meint. Im Booklet sind alle Texte auf Deutsch, Englisch und Vietnamesisch nachzulesen, dazu soll es auch eine Schallplattenausgabe des ersten Albums geben.

Trotz harter Vorbereitungszeit und richtigem Brotverdienst nebenher sprießen die Ideen bei den dreien wie eh und je. Schon arbeiten sie an neuen Songs. Das Releasekonzert steht am 3. Mai im Rahmen der Reihe „Musik zwischen den Welten“ in der Dreikönigskirche Dresden auf dem Auftrittsplan. Anschließend werden sie mehrere Konzerte geben. Und dann ist da noch ein großer Traum: „Wir würden einmal gern in Vietnam spielen, um zu sehen, wie die Menschen dort auf unsere Musik reagieren“, sagt Diethard Krause. Wer die Geschichte des Lao Xao Trios liest, wird wohl kaum daran zweifeln, dass sie das auch eines Tages schaffen – schließlich bedeutet lao auch soviel wie vorwärtsstürmen.

Nicole Czerwinka


Linktipp: www.laoxaotrio.com

 

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