Die Musketiere kämpfen im Bärenzwinger

Sommertheater-Company startet 10. Saison

Eine spanische Königin, ein französischer Kardinal, der Herzog von Buckingham und drei Musketiere – oder waren es doch vier? –, das sind die Zutaten, mit denen Peter Förster und seine Sommertheater-Company das nunmehr zehnte Theater im Bärenzwinger anrichten. Das neue Stück „Eine für alle – ein Shakespeare von den Musketieren“ feiert am 12. Juli Premiere (20 Uhr) und mixt Romane von Alexandre Dumas mit einer Prise Gegenwartsbezug zu einer bärenzwingertauglichen Försterfassung.

Um Lust und Leidenschaft geht es, ebenso wie um das Streben nach Ehre, verspricht der Dresdner Stückeschreiber Peter Förster. Es ist das allzu Menschliche, das bei ihm ganz im Stile Shakespeares die Handlung vorantreibt. Und obwohl der englische Dramatiker dieses Mal nur als Zitat die Bühne betritt, steckt auch in „Eine für alle“ viel vom Geiste des alten William. „Shakespeare hat Theater für die Leute gemacht. Das versuchen wir auch. Wenn wir das Publikum gut unterhalten wollen, müssen wir hart arbeiten, damit unsere Zuschauer glauben: das geht denen aber leicht von der Hand“, erklärt Förster. Er schreibt und inszeniert seine Stücke stets mit einem Augenzwinkern – witzig und intelligent, aber nicht intellektuell sollen sie sein. „Die Leute schenken uns ihre Zeit und bezahlen dafür, dass wir ihnen einen tollen Abend bieten. Das ist der Deal, den hatte auch Shakespeare mit seinen Zuschauern“, bringt Förster seine Theaterphilosophie auf den Punkt.

Dass dieses Konzept aufgeht, zeigt der Erfolg des Sommertheaters (Foto: PR) in den vergangenen Jahren. Fünf von sechs Vorstellungen in der Woche waren anno 2012 ausverkauft. Seit fünf Jahren liefert Förster mit den Kammerspielen Dresden zudem ein nicht minder erfolgreiches, winterliches Pendant zum Sommertheater im Bärenzwinger. Jeweils ein Theaterstück im Sommer und im Winter, daraus ergeben sich rund 100 Vorstellungen seiner Company im Jahr – und das nicht nur in Dresden. Noch bevor die Proben zu „Eine für alle“ begannen, erfreute das Kammerspiel-Stück „Adam und Eva im Reihenhaus“ bereits im Theater Putbus auf Rügen als sommerliches Ostseegastspiel – bis zum 27. August ist es dort noch zu erleben.

„Ohne ein professionelles Ensemble wäre das alles gar nicht möglich“, betont Peter Förster gern. Alle seine Schauspieler sind Vollblutprofis. Mit Laien wären allein 42 Sommertheatervorstellungen in acht Wochen nicht zu stemmen. In „Eine für alle“ stehen mit Felicitas Schreier, Katrin Ingendoh, Robert Martin, Florian Kaufmann und Tobias Wollschläger überwiegend erfahrene Bärenzwingerdarsteller auf der Bühne. Die meisten von ihnen sind schon seit zwei oder gar drei Jahren mit dabei. „Nur durch dieses eingespielte Team können wir die bewährte Spielweise von Jahr zu Jahr weitergeben“, so Förster.

Seine Stücke schreibt er nicht nur der rustikalen Kulisse des Bärenzwingers, sondern auch den Schauspielern auf den Leib. „Funktioniert eine Szene in den Proben nicht, schreibe ich sie über Nacht um, so oft bis sie funktioniert“, sagt er. Wie jedes Jahr ist Förster beim Dresdner Sommertheater jedoch nicht nur Autor und Regisseur, sondern auch Kartenverkäufer und Abräumer in einer Person. Vielleicht ist diese Nähe zum Publikum auch eines der Geheimrezepte seiner bunten Inszenierungen im Bärenzwinger. „Es gibt bei uns kein Vorder- und kein Hinterhaus, alle packen mit an“, so Förster. Dass sein Sommertheater nach der allerersten Premiere 2004 nun schon in die zehnte Saison geht, kann er selbst kaum fassen. „Es zeigt aber, dass es ja irgendwie funktioniert hat“, meint er stolz, „wir haben offenbar eine Handschrift gefunden, die uns unterscheidet.“

Nicole Czerwinka

www.sommertheaterdresden.de

Info: das Dresdner Sommertheater spielt täglich von Dienstag bis Sonntag,
jeweils 20.00 Uhr und zwar vom 12. Juli bis 15. August und vom 20. August bis 1. September 2013

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Ergänzung zur Sommerfilmflimmerschau …

… aus aktuellem Anlass

Die Filmnächte und die Elbe: Bereits in der Nacht von Dienstag (25.6.) auf Mittwoch mussten die Filmnächte am Elbufer ihre Bildwand- und Bühnenkonstruktion abbauen. Der steigende Elbpegel macht dies erforderlich. Gestern Vormittag wurden dann auch noch die Eingangsanlagen, Besuchertoiletten und Bierwagen zurückgebaut.

Bei einem Pegelstand von 5,34 Metern (Stand: 27.06., 8:45 Uhr) ist an Filmeschauen an der Elbe nicht zu denken, weswegen sich der Start der Filmnächte um eine Woche nach hinten verschiebt und das Kino am Königsufer nun vom 4. Juli bis 8. September stattfinden wird.

Das Peter Maffay Konzert seiner „Extratour“ vom Freitag (28.6.) wurde in die Messe Dresden verlegt. Bereits gekaufte Tickets behalten ihre Gültigkeit. Allerdings macht die Messe darauf aufmerksam, dass es ein reines Stehkonzert sein wird und keine Sitzplätze zur Verfügung stehen.

Besucher des Konzertes sollten nach Möglichkeit mit den öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen, denn die Flutrinne steht nach dem Hochwasser als Parkfläche noch nicht wieder zur Verfügung. Als Ausweichparkplätze werden das Parkhaus Dresden Mitte und Parkflächen Volksfestgelände Pieschener Allee und die Tiefgarage am Hauptbahnhof (dann mit Linie 10 zur Messe) angeboten.

Janine Kallenbach

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Sommerfilmflimmerschau …

… wo Kino auch im Freien fetzt

Die Dresdner Freiluftkinos servieren in diesem Jahr einen heißen Filmsommer. Vom Klassiker bis zur Premiere, vom Programmkinofilm bis zum Blockbuster steht hier alles auf dem Programm. Die elbmargarita-Sommerkinoliste zeigt auf einen Blick, wann es wo losgeht und wer welche Filme spielt. Hier gibts die Daten, Fakten und Linktipps – das passende Wetter ist Glückssache.

(1) Filmnächte am Elbufer

Dresdens größtes und Deutschlands wohl schönstes Sommerkino zaubert vom 27. Juni bis 25. August ein sattes Film- und Konzertprogramm ans Königsufer. Neben alten DDR-Klassikern wie „Die Legende von Paul und Paula“ (29.6.) laufen hier die großen Produktionen der Saison, wie „Cloudatlas“ (5.7.) und „Kontiki“ (18.8.). Am 8. August lockt zudem die Kurzfilmnacht an die Elbe. – Aktuelles zu den Filmnächten gibt’s hier.

Filmnächte-Linktipp: www.filmnaechte-am-elbufer.de

(2) Kino hinterm Zentralgasthof Weinböhla

Das Freiluftkino Weinböhla flimmert dieses Jahr vom 12. Juli bis 3. August über die Leinwand hinter dem Zetralgasthof. Jeweils freitags und samstags sind dort in diesem Zeitraum ausgewählte cineastische Filmperlen wie „Sushi in Suhl“ (12.7.), „Der Sommer der Gaukler“ (19.7.) oder „Drive“ (2.8.) zu sehen.

Kino-Linktipp: https://www.facebook.com/freiluftkino

(3) Schauburg Hirsch-Kino in der Muschel

Auf dem Konzertplatz am Weißen Hirsch bietet die Dresdner Heide eine kühlschattige Kulisse für filmischen, theatralen und musikalischen Hochgenuss unter freiem Himmel. Zum Programm, das hier vom 7. Juli bis 31. August unterhält, gehören neben Theater, Kabarett und Konzerten auch acht Filmabende. Diese werden von der Schauburg organisiert – um welche Filme es sich handelt, steht noch nicht fest.

Hirsch-Kino-Linktipp: www.dresdner-sommer.de

(4) Sommerkino in der Zschoner Mühle

Nicht unter freiem Himmel, aber dennoch idyllisch in der Scheune ist das Sommerkino in der Zschoner Mühler. Dieses geht anno 2013 seine 19. Saison, die dank dem verantwortlichen Cinema Paradiso schon am 2. Juni begann und noch bis zum 28. August mit Filmen wie „The broken circle“ (30.6.-3.7.), „Das hält kein Jahr“ (7.7.-10.7.). oder „Oh Boy“ (28.7.-31.7.)  als einziges Sommerkino der Stadt auch bei Regen erfreut.

Film-Mühlen-Linktipp: www.zschoner-muehle.de

(5) Hofkino in der Schauburg

Freiluftflimmern mit über zehnjähriger Tradition ist im Hofkino der Schauburg Programm. Von Arpil bis Ende September laufen hier die aktuellen Filme nach Sonnenuntergang auch draußen. So können Cineasten noch in ganz entspannt in der Sonne die wöchentlichen Kinokritiken studieren, bevor sie sich unter freiem Himmel im Hof des Lichtspieltheaters ganz dem Kinospaß hingeben.

Hofkino-Linktipp: www.schauburg-dresden.de

Ihr kennt noch ein anderes Sommerkino, das hier unbedingt erwähnt werden sollte? Dann schreibt eine Mail an: elbmargarita[at]freenet.de !

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Die Macht der Weiblichkeit

Bühnamit spielt „Selbstbefriedung“

Sechs Paare, sechs Beziehungen – die bald ganz ohne Sex stattfinden. Kaum zu glauben, aber genau das ist das Thema der gut 2000 Jahre alten griechischen Komödie „Lysistrata“ von Aristophanes. Die freie Dresdner Theatergruppe „Bühnamit“ hat aus diesem Stück, bei dem Die Frauen per Sexentzug letztlich vor allem den Krieg stoppen wollen, nun mit „Selbstbefriedung“ – nicht Selbstbefriedigung! – ihre ganz eigene, moderne Lesart entworfen und auf die Bühne (Fotomontage: PR) gebracht.

So sind diese sechs Paare in der Inszenierung von Moritz Greifzu und Vivien Woltersdorf zunächst in ganz alltäglichen Situationen zu sehen: Beim Schachspiel, beim Hausputz, nach dem Sex oder beim leidenschaftlichen Wiedersehenskuss. Sie sind erstaunlich heutig diese Pärchen – der Krieg, der die Männer früher band und für jede Beziehung ungreifbar machte, hat hier nun ganz verschiedene Gesichter. Da ist ein ständig arbeitender Macho, dort ein Ehemann, dem schnell mal die Hand ausrutscht, da der Gatte, der seiner Frau nur über den Rand der Frühstückszeitung beim Putzen zusieht, oder der wilde Liebhaber.

Sie alle trifft die plötzliche Abstinenz ihrer Damen wie ein unerwarteter Blitzschlag. Machtlos wie sie sind, drohen die Männer zu verzweifeln, sie diskutieren, tun laut hämmernd ihren Unmut kund, versuchen zu verführen und beißen bei der holden Weiblichkeit doch auf Granit. Ganz allmählich wird so aus dem früheren Staats- ein handfester Ehestreit, der jeweils in den unterschiedlichen Farben dieser verschiedenen Beziehungskonstellationen gemalt ist. Dabei tun die Frauen hier eigentlich nichts anderes als die Männer: Sie führen Krieg, nur eben mit den Waffen einer Frau – der später auch zum Zickenkrieg ausufert.

Der Sexentzug, so zeigt sich bald im Wechsel von streitenden, schmollenden, verzweifelten und verbissenen Gesten, macht auch heute sicher nichts besser, aber alles anders. Zu schwach sind beide Geschlechter, die am Ende schließlich noch weniger ohne als miteinander leben können. Aus dem antiken Stück wird so auf amüsante, kurzweilige und doch auch tiefsinnige Weise eine moderne Parabel auf die Emanzipation der Frau – mit allen ihren Vor- und Nachteilen. Denn selbst die mitbestimmende, selbstbewusste Frau bleibt im Herzen doch immer auch Weib.

So ist das Experiment Sexentzug am Ende vor allem für jene geglückt, die es mutig auf die Bühnen der Stadt holten: Das Ensemble von Bühnamit übersetzt die Vorlage von Aristophanes in seiner achten Inszenierung keck ironisch in die Gegenwart, sodass sich jeder mit einem Schmunzeln im Gesicht auch ein Stück weit selbst darin wiederfinden kann. Man kennt sie ja irgendwie diese Beziehungskisten. Vielfältig und mit Liebe sind diese Stereotypen gestaltet – doch genau das macht sie hier so lebendig und wunderbar komisch in ihren Handlungsweisen.

Nicole Czerwinka

Bühnamit: „Selbstbefriedung“, wieder am 19.06. und 20.06., 20 Uhr im Projekttheater sowie am  21.06. und 25.06., 19 Uhr im Kreuzgymnasium

Linktipp: www.bühnamit.de

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Russische Sehnsucht an der Manufaktur

„Klassik Picknickt“ zum Sechsten

Das ist Dresden wie es leibt und lebt: Die Sächsische Staatskapelle Dresden lädt zusammen mit der Gläsernen Manufaktur im Herzen von Elbflorenz zur russischen Nacht (15.6.) unter freiem Himmel ein – und alle kommen. Mit Decken und Picknickkörben strömen sie zur sechsten Auflage von „Klassik Picknickt“ herbei. Hier trifft Kenner auf Genießer, Klassikliebhaber auf Junggesellenabschied. Dass 3500 verkaufte Karten auf dem Gelände der Automobilfabrik da nicht ausreichen, kann kaum verwundern – tatsächlich sind auch die 300 Abendkassenkarten schon 19.30 ratzeputz ausverkauft.

Heim geht deswegen aber niemand, schnell entfalten die klassikinteressierten Picknicker stattdessen ihre Decken auch auf der Wiese gegenüber, zaubern Sekt, Brote oder Süßigkeiten aus ihren Körben, schlagen Campingstühle auf dem Fußweg vor der Manufaktur auf oder platzieren sich etwas abseits auf den angrenzenden Rasenflächen im Großen Garten. Denn ab 21 Uhr servieren die Gläserne Manufaktur und die Staatskappelle unter sommerlichem Himmel ein auserlesenes Musikprogramm. Hier steht dieses Mal kein geringerer als Schostakowitsch-Kenner Michail Jurowski am Pult, als Solist betritt später Sergei Nakariakov, auch als Paganini der Trompete bezeichnet, die Bühne.

Bei solch großer Kunst für wenig (fünf Euro Eintritt!) oder gar kein Geld stört nicht einmal die in kurzen Abständen sachte vorbeisäuselnde Straßenbahn – die Verkehrsbetriebe haben ihre Fahrer in Höhe der Manufaktur während des Konzerts zum Langsamfahren angehalten – den Musikgenuss. Das zuvor an alle, auch die Außenpicknicker, verteilte Programmheft informiert neben Moderatorin Bettina Volksdorf über diesen Abend, an dem sehnsuchtsvolle Melodien von Schostakowitsch, Mussorgsky, Arutjunjan, Böhme, Glinka und Tschaikowski durch die Sommerluft flattern und in reinem Ton auch jenseits der Lennéstraße ankommen. Sogar die Getränkeverkäufer finden den Weg bis dahin, sodass es diesem gediegenen Klassikpicknick an nichts fehlt – außer vielleicht an einer guten Platzlösung bei weiterer Publikumszunahme in den nächsten sechs Jahren.

Fotos & Text: Nicole Czerwinka

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Aufwühlend persönliche Akteneinsicht

„Meine Akte und ich“ am Kleinen Haus

Meter von Aktenordnern und vergilbten Papier, kleine weiße Wolken geschredderter Vergangenheit am Boden, ein Holztisch, zahlreiche Regale – diese Kulisse ist statisch und doch so lebendig. Matthias Schaller hat mit seiner atmosphärischen Bühnengestaltung am Kleinen Haus 3 ein symbolhaftes Bild für das Stasi-Stück „Meine Akte und ich“ der Dresdner Bürgerbühne gefunden, das den neun Darstellern dennoch genug Raum für Individualität lässt.

Denn Künstlichkeit und Schauspielerei sind ganz sicher nicht das Anliegen, das Regisseur Clemens Bechtel mit seiner Inszenierung verfolgt. Vielmehr geht es hier um die unbedingte Authentizität der neun Dresdner, die sehr persönlich von ihren Erfahrungen mit der Staatssicherheit, schwarz auf weiß festgehalten im Inhalt ihrer Stasiakten, erzählen. Diese neun Geschichten verweben sich zu einem gut recherchierten, behutsam präsentierten Teil der DDR-Geschichte – und sind so unterschiedlich wie ihre Protagonisten selbst.

Da ist zum Beispiel Ex-EOS-Lehrer Max Fischer, der zwar nicht unterschrieb, dafür aber bei der Akteneinsicht später feststellte, dass er von jenem Kollegen, den er einst bespitzeln sollte, selbst verraten wurde. Oder Catharina Laube, die als Studentin einer politisch interessierten Gruppe angehörte und nach der Verhaftung eines Kommilitonen stundenlang von der Staatssicherheit verhört wurde. Auch Michael Schlosser, der „Dresdner Ikarus“, der einst mit einem selbst gebauten Flugzeug aus der DDR flüchten wollte, aber vorher von der Stasi geschnappt wurde, gehört zum Ensemble dieses berührend-authentischen Dokumentationstheaters.

Bechtel hüllt diese neun Schicksale in eine bühnentaugliche Dramaturgie und erarbeitet mit den individuellen Erfahrungen der Protagonisten eine Art Rückschau, ohne zu verurteilen, anzuklagen oder zu bewerten. Hier geht es nicht um Opfer und Täter – beide Seiten stehen sich auf der Bühne sogar gegenüber –, sondern vielmehr um die Funktionsweise des DDR-Geheimdienstes, die anhand der Akteneinsicht exemplarisch ein Stück weit offengelegt werden kann. Am aufwühlendsten ist dabei die Szene, in der Jürgen Gottschalk (Foto: PR/Matthias Horn), Michael Schlosser und Gottfried Dutschke sich an den Häftlingsalltag in der DDR erinnern. Doch auch an anderen Stellen sind die Ängste der Vergangenheit dank der Nähe aller Darsteller zum Thema nahezu greifbar.

Dennoch wird der Versuch, bei der nachträglichen Auseinandersetzung mit den Mechanismen der Diktatur Ursache und Wirkung in ihrem Zusammenhang darzustellen, immer Versuch bleiben – zu komplex ist das Thema, das sich der Nachvollziehbarkeit aus heutiger Sicht allzu gern entzieht. Es gehört zu den Stärken der Inszenierung, dass Bechtel auch das gar nicht zu verschleiern versucht, sondern die Protagonisten ganz für sich sprechen lässt. So ist das Stück mit Sicherheit eines der spannendsten, aber auch berührendsten im Spielplan der Dresdner Bürgerbühne.

Nicole Czerwinka

„Meine Akte“ am Kleinen Haus Dresden, wieder am 08.06., 18.06. und 30.06., jeweils 20 Uhr

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Schelmisches Puppenspiel vom Menschsein

Werkschau der Compagnie Freaks und Fremde

Ein bisschen anders, ein bisschen verrückt, dabei gleichzeitig berührend, schelmisch, derb und weise – das ist Theater der „Compagnie Freaks und Fremde“. Hinter dem etwas sperrigen Namen verbirgt sich das ganz und gar nicht spießige Puppenspielerduo Heiki Ikkola und Sabine Köhler aus Dresden. Wie in einem „künstlerischen Labor“ denken sich die beiden seit 1997 Theaterprogramme aus und forschen dabei bis heute an sich selbst, wie sie sagen. Ihre Geschichten entstehen auf Reisen, im Dialog mit verschiedenen Theatermaterialien oder purzeln ihnen ganz schlicht im Alltag über den Weg. Nur eines haben sie alle gemeinsam: Sie erzählen von den großen und kleinen Unmöglichkeiten des Menschseins, loten Normen aus und bezaubern die Zuschauer mit einem Übermaß an Phantasie (Foto aus MASCARA: PR/Max Messer).

„Wir machen grenzenloses Theater, es ist aber kein Gemüsegarten. Es ist nicht beliebig, sondern frei in der Wahl der Mittel“, erzählt Heiki Ikkola über die Arbeit der Compagnie. Zusammen mit Sabine Köhler will er seinen Zuschauern keinen belehrenden Zeigefinger entgegenstrecken, sondern mit seinen Stücken viel lieber berühren. „Die Zuschauer sind Voyeure, leben ihre Faszination mit dem Abnormen aus. Mit Puppen ist es möglich, so etwas zu zeigen und auch darüber zu lachen“, ergänzt Sabine Köhler. So widmet sich das Stück „Freakshow“ beispielsweise der Frage: Was ist normal? – und stellt dabei Sonderlinge mit ihren merkwürdigen Fratzen in den Mittelpunkt. Die „Geschichte vom Fuchs, der den Verstand verlor“ dagegen erklärt auf spielerische Weise, wie das Leben funktioniert und dass der Tod ein natürlicher Teil davon ist.

In der Vorbereitung dieser Programme steckt so manche mühevolle Nachtschicht. Freizeit und Arbeit gehen für die beiden Künstler, die unter anderem auch vom Dresdner Schaubudensommer bekannt sind, Hand in Hand. So sind zum Beispiel die Puppen der Compagnie alle samt von Sabine Köhler selbst angefertigt. Von Dresden aus reisen diese dann mit ihren beiden Compagnie-Eltern nicht selten quer durch die Welt. „Das Reisen passt für mich super zum Theatermachen. Das gibt mit Wellen von Spannung und Entspannung. Und wenn man zurückkommt, sieht man Dinge, die man vorher gar nicht mehr gesehen hat, wieder ganz neu“, meint Heiki Ikkola.

Doch auch für die Zuschauer ist jede Aufführung der „Compagnie Freaks und Fremde“ so etwas wie eine kleine individuelle Reise für sich. Wer Lust bekommen hat, sich darauf einzulassen, der kann schon mal die Phantasie-Koffer packen. Denn unter dem Motto „Acht Stücke in vier Tagen: Ein langes Wochenende voller Chaos und Liebe, echtem Mut und falschen Hörnern“, versprechen die beiden bei einer Werkschau im Rahmen des OFF-Theaterfestivals vom 6. bis zum 9. Juni am Dresdner Societaetstheater einen bunten Querschnitt durch ihr Programm. Neben eigenen Inszenierungen sind hier auch Koproduktionen und künstlerische Begegnungen der beiden mit anderen Theatern und Compagnien zu erleben. Vom bissig interpretierten Märchen bis hin nachdenklichen Fabel übers Altern ist alles dabei.

Nicole Czerwinka

Linktipp: www.freaksundfremde.blogspot.de

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Von Helden und Waschlappen

Peter Hacks „Helena“ an der St. Pauli Ruine

Auch Götter können irren. Und sie tun es ständig. So oder so ähnlich könnte man Peter Hacks fröhlich-satirisches Schauspiel mit Musik um die schöne „Helena“ (1964), nach einer Operette von Jacques Offenbach, wohl interpretieren. An der St. Pauli Ruine feierte dieses schwer ironische Stück am Freitag (31.5.) in einer Inszenierung von Jörg Berger Premiere. Hier gipfelt der allzu heutig erscheinende Götterkampf um Popularität zwar nicht im Trojanischen Krieg, dafür jedoch in einem unterhaltsamen Theaterabend, der in Hacks’scher Manier die Schwächen der allzu menschlichen Herrscher (Foto: PR) vorführt.

Helena, die schönste Frau auf dem Olymp, wird dabei gleichsam selbst Mittel zum Zweck. Denn eigentlich ist es die listige Kupplerin Venus, welche die Ehe der Schönen per verhängnisvolles Versprechen in den Hades befördert. Britta Andreas spielt diese listige Liebesgöttin, die es weder Minerva (Simone Foltran) noch Juno (Katrin Soddu) gönnt, vom trojanischen Prinzen Paris (Jonas Finger) als die Schönste aller Göttinnen gekrönt zu werden. So verspricht sie dem Prinzen die Liebe der Helena, um den goldenen Apfel des Paris schließlich selbst zu erhalten.

Der anfangs als blökender Zickenkrieg inszenierte Frauenstreit – sinnfällig werden die Schafe hier von Hund Merkur alias Detlef Epperlein zusammengescheucht – mündet schließlich im Konkurrenzkampf zwischen Jupiter (Karl Weber) und Venus. Resigniert stellt Priester Kalchas (Rainer Leschhorn) fest, dass Venus längst populärer als Jupiter ist. Helena indes ist inzwischen dem schönen jungen Paris verfallen und in ein gesellschaftliches Verhängnis verstrickt. Felicitas Mallinckrodt sticht dabei als eine allzu menschliche Helena hervor, die aufgeregt von der Empore herab ihr Schicksal betrachtet und hyperventilierend die Ankunft des angebeteten Paris kundtut.

„Dem Herzen folgen, gilt als Sünde“, deklamiert sie – tut es aber doch. Zusammen mit Paris zieht sie am Ende die Leidenschaft der gesellschaftlichen Anerkennung vor und flüchtet ins Nirgendwo, um die Herrscherriege, die eben noch beschaulich beim Angeln saß, einfach mal stehen zu lassen. Auch Helenas gehörnter Gatte Menelaos – von Lutz Koch wunderbar machtlos-treudoof dargestellt – bleibt mit dem Rest der ulkigen Götterbande zurück. Sogar das als große Show inszenierte Orakel führt sich mit diesem Ausgang der Geschichte letztlich selbst ad absurdum.

Das göttliche Herrschaftsgetue dieser in Bettwäschegewänder (Bühnen- und Kostümbild: André Thiemig) gepackten Bande wird hier nicht nur dank Ehebruch, sondern auch in seiner Erscheinung per se parodiert und herzhaft komisch in seiner ganzen Fragwürdigkeit enttarnt. Nicht nur Ajax I und II (Detlef Epperlein und Jens Döring) und der mächtige Held Achilles (Hans-Martin Thiel) erscheinen dabei als humorige Waschlappen, auch ihr Dichter Homer tritt als blinder Schreiber, den niemand mehr ernst nimmt, auf die Bühne und hat selbst am Mikro bald nichts mehr zu sagen.

Am Ende gibt es in dieser hintersinnigen Inszenierung weder Sieger noch Verlierer. Eine Moral aus der Geschicht’ – so sie überhaupt existiert – mag sich jeder Zuschauer für sich selbst herausfiltern. Dass es dem bunten Treiben in der Ruine dabei manchmal ein wenig an Stringenz fehlt und im wilden Göttergewusel auch schnell mal der Faden verloren geht, machen die vielen guten Einfälle – vom göttlichen Donnergrollen bis zur blökenden Schafsherde –  bis dahin wieder doppelt wett.

Nicole Czerwinka

Peter Hacks: „Helena“ an der St. Pauli Ruine, wieder am 4.6., 5.6. 19.30 Uhr, 7.6. und 29.6. 20 Uhr sowie am 9.7., 10.7., 23.7., 24.7., 25.7. 19.30 Uhr, am 13.-15.8., 27./28.9., 4./5.10.

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Das Große steckt oft im Unscheinbaren

„Wie Licht schmeckt“ an der bühne der TU

Sie rascheln und pfeifen und kratzen und summen und brummen, um dann wieder ganz still zu sitzen oder pantomimisch Lachfalten beim Publikum zu produzieren. Mattis Hasler und Maximilian Helm alias Lissy und Ringo sind die heimlichen Stars der aktuellen Produktion von die bühne – das Theater der TU Dresden. Still im Hintergrund, aber doch immer wieder mit herrlich komischer Präsenz in das eigentliche Stück hineinprasselnd sind sie so etwas wie der Pfeffer in einem gelungen angerichteten Theaterabend mit dem vieldeutigen Titel „Wie Licht schmeckt“ (Foto: PR/Paul Krehl).

Vordergründig entspinnt sich in der ersten Inszenierung von Stephan Thiel an der TU-Bühne, jedoch eine nachdenkliche, philosophisch-berührende Geschichte um den 14-jährigen Lukas. Das Stück beruht auf dem gleichnamigen Roman von Friedrich Ani. Im Gegensatz zu dieser Vorlage verzichtet die Dramatisierung von Johannes Schrettle jedoch auf den Hintergrund der Elternfiguren und genaue Ortsangaben. Hier geht es zunächst nur um Lukas, der an seinem 14. Geburtstag drei Tage lang nicht nach Hause gehen und schlicht frei sein mag. Marcus Horn spielt diesen planlosen Jungen, der außer einem Roman von Simon Beckett und ausgedehnten Spaziergängen in seiner Heimatsstadt nichts will und braucht, zunächst noch voll ungestümem Übermut, entwickelt diese Figur im Verlauf des Abends jedoch hin zu immer mehr Tiefe und Besonnenheit.

Auf seinen Streifzügen begegnet Lukas den beiden ulkigen Typen Lissy und Ringo, die zwar ein wenig älter als er, aber letztlich ebenso planlos daherkommen – und manchmal als bloße Phantasiefiguren von Lukas erscheinen, die nur vorübergehend aus Simon Becketts Roman an den Rand der Bühne zu ihm hervorkriechen. Doch dann stolpert Lukas auf einer Rolltreppe plötzlich über den Blindenstock der 17-jährigen Sonja. Er ist fasziniert von dem seltsamen Mädchen, hilft ihr über die Straße – wiederum kunstvoll gemalt mit Geräuschen aus dem Mikro – und verfolgt sie schließlich bis in das Lokal, in dem sie arbeitet. Sarah John könnte man in der Rolle dieser selbstbewussten und doch zerbrechlich wirkenden Sonja ewig zusehen. Mit geschlossenen Augen spielt sie die Figur souverän und berührend, wenn sie etwa Lukas zeigt, dass nicht nur das, was man sieht, wahr sein muss und den übermütigen Jungen mehr als einmal in die Schranken weist.

Und dann ist da noch Sonjas Freundin Vanessa. Maria Rähder lässt diese Kumpeline zwischen großer Sorge um ihre blinde Freundin und kleiner Eifersucht auf die immer mehr sich zwischen dieser und Luaks anbahnende Freundschaft schwanken. Geht sie zu Anfang noch begeistert mit Sonja ins Kino und Schwimmbad, schnattert fröhlich mit ihr über Lieblingsfernsehserien, so tritt sie am Ende eher als Randfigur in Erscheinung. Das, was da zwischen Lukas und Sonja passiert, versteht sie wohl nicht so recht, vielleicht weil sie selbst noch nicht so ganz begriffen hat, wie man ohne Augenlicht, aber dafür viel mehr als die anderen sehen kann.

Dank einem starken Ensemble entsteht so auf der kleinen Bühne im Weberbau der TU Dresden mit einfachen Mitteln großartiges Theater, bei dem viele gute Ideen mitspielen und am Ende zu einem gelungenen Ganzen zusammengesetzt werden. Mit einem Sammelsurium an kreativen Geräuschmachern aus dem Küchenschrank setzen die jungen Schauspieler sowohl die ulkigen als auch die wahrhaft berührenden Momente des Stückes ins richtige Licht. Die Philosophie der eigentlich tiefsinnigen Geschichte entspinnt sich in diesem abwechslungsreichen, vielseitigen Spiel angenehm unaufdringlich, ganz ohne erhobenen Zeigefinger.

Nicole Czerwinka

„Wie Licht schmeckt“, bühne das Theater der TU Dresden, wieder am 31.5., 1.6., 5.6., 7.6., 8.6. jeweils um 20.15 Uhr

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