Zurücklehnen ist nicht

„szene: ENGLAND“ am Societaetstheater

Das Societaetstheater Dresden verspricht mit seinem „szene: EUROPA“ Festival vom 11. bis 21. April 2013 zum siebten Mal einen theatralischen Tapetenwechsel mitten in der eigenen Stadt. Nach Frankreich (2007), Moldau (2008), der Schweiz (2009), Polen (2010), Schottland (2011) und dem Baltikum (2013) steht dabei dieses Mal – zum Zweiten in Zusammenarbeit mit dem Europäischen Zentrum der Künste in Hellerau – die Theater- und Performancekunst Englands im Fokus.

„Wir haben beim Festival ‚szene: SCHOTTLAND‘ vor zwei Jahren gesehen, wie unheimlich breit gefächert die Theaterszene in England ist“, sagt Andreas Nattermann, der Geschäftsführer des Societaetstheaters. Schon vor zwei Jahren stand für die Organisatoren daher fest, dass sie anno 2013 englische Theatergruppen nach Dresden einladen. Neun sind es nun an der Zahl, die hier elf Tage lang Theater-, Performance-, Live-Art- und Gaming-Aufführungen aus ihrem Land präsentieren werden. Ähnlich wie die Schotten lassen auch die Engländer dabei auf humorvolle, freche und vor allem unkonventionelle Art die Grenzen zwischen Performance, Kunst, Tanz und klassischem Theater oft dahinschmelzen.

Wer hier jedoch auf eine stille Berieselung im Zuschauerraum hofft, der sollte lieber gleich zu Hause bleiben. Denn viele der Companies beziehen ihr Publikum zu gern in ihre Kunst mit ein. So kann es durchaus vorkommen, dass sich die Gäste später mit einem Radiogerät auf Dresdens Straßen wiederfinden oder selbst ein Manuskript lesen müssen. Schauspielerische Kenntnisse seien dabei nicht gefragt, wohl aber die Lust am Experiment, bestätigt Brit Magdon, die Künstlerische Leiterin des Societaetstheaters. Sie hat das vielfältige Programm, das „szene: ENGLAND“ Mitte April nach Dresden holt, selbstverständlich vorab am eigenen Leib getestet – und für gut befunden.

Die Engländer verstehen es, aus scheinbar unscheinbaren Situationen große Kunst entstehen zu lassen, wie beispielsweise die sechsstündige Theater-Performance „Quizoola“ der Forced Entertainment Companie beweist. Dahinter verbirgt sich nichts anderes als ein Frage-Antwort-Spiel wie wir es von TV-Quizshows kennen. Dieses jedoch geht mit der Zeit so weit in die Tiefen der Privatsphäre, dass die Grenze zwischen Schauspiel und Realität immer diffuser wird. „Ich habe das Stück schon zweimal gesehen und fand es sehr interessant, welche Entwicklung sich da abzeichnet“; sagt Brit Magdon und stellt gleich klar: „Die Zuschauer können zwischendurch auch einen Kaffee trinken gehen und später wiederkommen, sie müssen nicht sechs Stunden am Stück zusehen.“

Englisch allerdings müssen sie für diese Performance wenigstens ein bisschen beherrschen. Ansonsten sind jedoch die meisten der 30 Aufführungen ins Deutsche übersetzt oder zumindest in einer deutschen Synopsis zusammengefasst worden, sodass niemand vor Sprachbarrieren zu bangen braucht. Und wer sich dennoch etwas vor Mitmachtheater und fremden Sprachen fürchtet, dem sei an dieser Stelle schon mal die Eröffnungsveranstaltung empfohlen. In dieser wird nämlich vor allem getanzt. Die Michael Clark Company wird ihr Stück „COME, BEEN AND GONE“ am 11. und 12. April (jeweils um 20 Uhr) im Europäischen Zentrum der Künste Hellerau aufführen und das Festival damit einleiten. Wer dann noch kein Blut geleckt hat, der ist wirklich selber schuld …

Nicole Czerwinka

Linktipp: www.societaetstheater.de/szeneENGLAND.html

„szene: ENGLAND“ am Societaetstehater sowie im HELLERAU Europäisches Zentrum der Künste, 11. bis 21.4.2013, Karten gibt es jeweils für 15 (ermäßigt 7) Euro, zudem gilt das Angebot: fünf für vier, bei der es für vier gekaufte Tickets ein Fünftes gratis dazu gibt.

Fotos: Michael Clark Company (Jake Walters, li.) und Ant Hampton „Ok Ok“ (Richard Lahuis, re.)

 

Weiterlesen

Ostasien trifft Elbflorenz

Söhne und Töchter Dresdens I.

Dresden hat viele Töchter und Söhne, die auf die eine oder andere Weise berühmt und bekannt sind. Eine davon ist Rose Hempel. Ihr Ruf als ausgezeichnete Kennerin der ostasiatischen Kunstgeschichte reicht weit über Deutschlands Grenzen hinaus.

Rose-Marie Hempel wurde am 27. März 1920 in Dresden geboren. Noch während des zweiten Weltkrieges, im Jahr 1944, studierte sie ostasiatische Kunstgeschichte, Japanologie und Sinologie in Berlin bei Otto Kümmel (1874-1952), dem Gründer und Direktor des Museums für Ostasiatische Kunst in Berlin und Generaldirektor der staatlichen Museen in Berlin. Sie promovierte noch im gleichen Jahr.

 Während dem verheerenden Luftangriff auf Dresden im Februar 1945 wurde ihr Elternhaus zerstört. Sie arbeitete für die Staatlichen Museen Berlin, bevor sie 1946 nach Dresden zurückkehrte, um unter anderem als kommissarische Direktorin für das Museum für Völkerkunde tätig zu sein. Allerdings litt sie zunehmend unter den politischen Widerständen und so entschied sie sich in den „Westen“ zu gehen und begleitete eine Assistentenstelle im Kölner Museum für Ostasiatische Kunst. Ein Stipendium der japanischen Regierung ermöglichte ihr einen eineinhalbjährigen Studienaufenthalt in Japan, der für ihre Wissenschaft außerordentlich prägend war. Ab 1959 bis zur ihrem Ruhestand 1985 war sie Hauptkustodin des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe und Leiterin der Asienabteilung.

Nach ihrem Ruhestand weitete sie ihren guten Ruf als Kennerin der japanischen Kunst aus, indem sie eine umfangreiche Sammlung von japanischen Künstleralben aus dem 18. und 19. Jahrhundert zusammentrug. Kurz nach der Wende erreichte sie die Bitte aus Dresden, die äußerst umfangreiche Sammlung von japanischen Farbholzschnitten der Dresdner Kunstsammlungen zu ordnen. Eine Aufgabe, der sie hingebungsvoll nachkam. 2001 kehrte sie endgültig in ihre Heimatstadt zurück und wirkte bis zu ihrem Tod für die ostasiatische Kunst, nicht nur Dresden. Ihre Sammlungen stiftete sie den Museen in denen sie einst arbeitet. Sie war Mitglied des Vereins der Freunde des Kupferstich-Kabinetts. Hempel starb am 3. April 2009.

Foto & Text: Janine Kallenbach

Zum Foto: Eine japanische Figur im Eingangsbereich des Japanischen Palais, das heute das Museum für Völkerkunde beherbergt.

Weiterlesen

Dresdner Herrlichkeiten

Altstadtspaziergänge

Ein verfrühter Osterspaziergang am Palmsonntag. Die Sonne lockt nicht nur Touristen in die Innenstadt. Dick behütet und ummantelt bummeln auch die Dresdner durch diesen endlosen Winter. Der blaue Himmel scheint dabei trotz Minusgraden schon verheißungsvoll Sommerlieder zu summen. Am Neumarkt werden die ersten Biergärten hergerichtet, die Frauenkirche reckt ihre Kuppel fröhlich den zarten Sonnenstrahlen entgegen und die Uhr gegenüber will sagen, bald ist es soweit …

Weiterlesen

Sex versus Satire

Erich Kästners „Fabian“ am Kleinen Haus

Arbeitslosigkeit, Weltwirtschaftskrise, als Werbetexter missbrauchte (wahrscheinlich unterbezahlte) Germanisten, individuelle Orientierungslosigkeit – die Gesellschaft, die Erich Kästner in seinem Roman „Fabian. Die Geschichte eines Moralisten“ (1931) zeichnete, scheint uns auf den ersten Blick seltsam vertraut. Dabei wollte Kästner mit diesem Großstadtroman ursprünglich ein durch und durch ironisches Gesellschaftsbild Berlins am „Vorabend“ der „Machtergreifung“ Adolf Hitlers zeichnen. Felicitas Zürcher und Regisseurin Julia Hölscher stellen in ihrer Theaterfassung der Geschichte dennoch Zitate von aktuellen Zeitungsmeldungen an den Anfang.

Weiterlesen

Autorin erzählt übers Schreiben

Josefine Gottwald und die „Krieger des Horns“

Das Schreiben liegt ihr im Blut. Obwohl Josefine Gottwald seit September 2012 einen handfesten Abschluss als Diplombiologin an der TU Dresden in der Tasche hat, ist sie momentan am liebsten Buchautorin. Schon im zarten Alter von 14 Jahren hat sie ihr erstes Buch veröffentlicht. Der Fantasieroman „Die Krieger des Horns“ erschien 2003 in einem kleinen Verlag aus Dessau.

Von da an ließ sie die Lust am Schreiben nicht mehr los. Aus dem Erstlingswerk wurde eine ganze Reihe über Einhörner, Vampire und Krieger, die die Träume der Menschen beschützen. Drei Teile (2003, 2005 und 2010) sind bereits erschienen, zwei davon werden demnächst auch als E-Book herausgegeben. Der vierte und letzte Band ist derzeit schon in Arbeit. Das Schreiben fällt Josefine Gottwald (Foto: PR) leicht. „Es ist nicht so, dass ich mich dazu zwinge. Ich warte eher darauf, bis ich alles niederschreiben kann“, sagt die 25-Jährige. Viel schwerer sei es dagegen, das Geschriebene auf dem schier unendlichen Buchmarkt in Deutschland auch bekannt zu machen.

Josefine Gottwald investiert seit Jahren viel Zeit und Mühe, um ihre Bücher den potenziellen Lesern vorzustellen. Wie jedes Jahr war sie am vergangenen Wochenende wieder als Autorin auf der Buchmesse in Leipzig zu Gast, hat dort ihre dreibändige Fantasiegeschichte am Stand des Machtwortverlages beworben und mit ihren Lesern gesprochen. Am 18. März wird die gebürtige Altenbergerin nun auch in Dresden ihre nächste Lesung halten, 18.30 Uhr geht es in der Bibliothek Strehlen, im Otto-Dix-Center los. Der Eintritt ist frei. „Ich werde Textstellen aus meinen Jugendromanen über die ‚Krieger des Horns‘ vorlesen und es wird auch eine Beamer-Präsentation mit Bildern aus dem Fantasy-Fotoshooting geben. Außerdem bringe ich Bücher zum Signieren und viele kleine Geschenke von der Buchmesse mit“, verspricht die junge Autorin.

Bei ihren Lesungen bestehe auch immer die Möglichkeit, sie „Löcher in den Bauch“ zu fragen. „Ich erzähle gern etwas über das Schreiben und meine Erfahrungen mit dem Veröffentlichen“, sagt sie. Natürlich hat Josefine Gottwald neben ihren Fantasyromanen auch schon weitere Projekte an der Angel. Nebenbei arbeitet sie zum Beispiel an einem historischen Fantasy-Roman für Erwachsene, schreibt Kinder-Kurzgeschichten und Gute-Nacht-Geschichten, die als Hörbuch und vielleicht auch als Buch erscheinen sollen. Die unerschöpflichen Ideen für diese zahlreichen Erzählungen kommen der jungen Frau nicht nur im Alltag, sondern ganz oft bei Ausritten in der Natur. Etwa 1000 Wörter fließen täglich aus ihrer Feder – und wer weiß, vielleicht entwickelt sich das in Zukunft ja noch hin zum hauptberuflichen Autoren-Dasein?

Nicole Czerwinka

Lesung:  „Die Krieger des Horns“, Josefine Gottwald, 18. März, 18.30 Uhr, Bibliothek-Strehlen

 

Weiterlesen

Musik wie ein Meer aus Träumen

„Pantoum“ jazzen phantasievoll-prägnant

Pantoum sind eine musikalische Entdeckung, ein Geheimtipp am Samstagabend. Ihre Einladung lockte am 16. März hinunter ins Kellergewölbe des Kügelgenhauses. Das Jazzquartett mit dem malaiischen Namen (Foto: PR/René Limbecker) ist vor etwa zweieinhalb Jahren an der Dresdner Hochschule für Musik Carl Maria von Weber entstanden. Gemeinsame Auftritte führten die jungen Musiker in den vergangenen zwei Jahren nicht nur quer durch Deutschland, sondern bis nach Oslo, Lillehammer und Prag. Im Januar haben die vier nun zehn Songs für ihre erste gemeinsame CD aufgenommen. Pünktlich zum Konzert konnten Pantoum am 15. März via Startnext.de ihr Projekt für die Finanzierung dieses Albums freischalten.

Ein Klick auf Profil und Webseite lohnt sich. Denn Pantoum (der Name steht für eine besondere Form des Dichtens, bei der es um Wiederholung und Entwicklung geht) ziehen mit ihrer kunstvollen, aber trotzdem authentischen Art des Musikmachens sofort in ihren Bann. Die oft träumerischen Songs sind von Sängerin Inez Schaefer und Schlagzeugerin Katharina Lattke selbst geschrieben. Die beiden Damen werden von Marius Moritz am Klavier und Christoph Hutter am Kontrabass wirkungsvoll unterstützt. Ihre Musik klingt sehnsuchtsvoll bis leidenschaftlich, dann wieder energisch wie ein Bachlauf in bergiger Landschaft. Sie erzählt von kleinen Begebenheiten und großen Erfahrungen, wie der Erinnerung an eine Fernbeziehung oder dem Leben in der norwegischen Hauptstadt Oslo.

Die junge, mädchenhafte Stimme von Inez Schaefer bezaubert nicht nur mit unschuldiger Zartheit, sondern auch in den kraftvolleren Passagen. Ihr Gesang verschmilzt mit Schlagzeug, Bass und Keyboard zu einer Musik, in die man eintauchen kann wie in ein Meer aus Träumen – jugendlich unbeschwert und trotzdem geheimnisvoll faszinierend. So gehen die vier Musiker im Laufe des Konzerts immer und immer mehr aus sich heraus, jeder hat mal seinen Auftritt.

In der technischen Präzision des Spiels, die stets genug Raum für Improvisationen und Klangexperimente lässt, wird die gute Kinderstube der Hochschule dabei hör- und spürbar. Mit einer Mischung aus klassischen und experimentellen Stilmitteln bauen die vier Musikstudenten eine Spannung auf, der man sich nur schwer entziehen kann. Ihre Parts sind stets gut abgestimmt, selbst Improvisationen fließen stimmig ineinander, sind phantasievoll und trotzdem prägnant.

Dabei sind Pantoum stets nah am Publikum, gestalten ihre Ansagen zwischen den Titeln lebendig, ohne übertrieben lebhaft zu sein. Die gut 20 Konzertbesucher danken es ihnen mit großem Applaus. Man hätte ihnen gern noch länger als diese eineinhalb Stunden zugehört und gewiss hätten sie auch mehr Zuhörer verdient. Doch schon am 5. April folgt das nächste Konzert im Jazzclub Blue Note – da kann es ja getrost etwas voller werden.

Nicole Czerwinka

Linktipp: http://www.pantoum-music.com/live/

 

Weiterlesen

Eine Plattform für die Kunst

CYNAL verknüpft Zeitgenössische(s)

Freitagvormittag im Stadtteilhaus Dresden Neustadt, Raum Louise. Hier sitzen Katharina Groß und Katja Dannowski an einem großen Tisch, trinken Kaffee, lesen, diskutieren, planen. Die beiden jungen Frauen sind Teil eines kleinen Vereins, der sich der zeitgenössischen Kunst in Dresden verschrieben hat – und seit 2011 wächst und gedeiht.

Unter dem Namen „CYNAL – Neue Kunst im Dialog“ versuchen die derzeit rund 14 Mitglieder eine Schnittstelle für Künstler, Kunstinteressierte, Produzenten und Konsumenten sowie Dresdner Kunstorte zu schaffen, um diese besser miteinander zu vernetzen. „Wir wollen der Dresdner Hochkultur gegenüber geschlossener auftreten“, sagt Katharina Groß, die als Meisterschülerin an der Dresdner Hochschule für Bildende Künste (HfBK) ganz sicher weiß, wovon sie spricht, wenn sie sagt: „Gerade die zeitgenössische Kunst wird vom Stadtmarketing gern vernachlässigt, das hat auch schon einige Künstler dazu veranlasst, aus Dresden wegzuziehen.“

Ziel von Cynal sei es, der zeitgenössischen Kunstszene in Dresden etwas mehr Dynamik zu verleihen. „Man muss erst einmal kommunizieren, dass Dresden eine junge offene Kunstszene hat“, sagt Katja Dannowski, Kunsthistorikerin und Kuratorin. Cynal hat es sich daher auf die Fahne geschrieben, Informationen über zeitgenössische Kunst in Dresden spartenübergreifend zu bündeln und selbst wiederum Diskurse in der Stadt anzuregen. Das schafft der Verein derzeit in erster Linie mit seiner Internetplattform www.cynal.de, die gleichzeitig Terminkalender und virtueller Diskussionsraum ist.

Es braucht in der Stadt mehr Kunstkritik, sind sich Katharina Groß und Katja Dannowski sicher und suchen mit Cynal daher auch nach Autoren für die Internetseite. Geeignete Texte und Essays können online eingeschickt werden. Sie dürfen alles behandeln, was mit zeitgenössischer Kunst in Dresden zu tun und eine gewisse gesellschaftliche Relevanz hat. Mit dem Themenfeld „Die Kunst geht nach Brot“ beispielsweise haben die Initiatoren von Cynal einen Diskurs angeregt, bei dem jeder Einzelne von ihnen wohl selbst mitreden kann. Es geht darum, welchen Produktionsbedingungen moderne Kunst unterliegt, welche Macht sie haben kann, aber auch welchen Mächten sie unterworfen ist.

Die Essays und Rezensionen werden auch in einem Printmagazin abgedruckt. Dieses ist erstmals im vergangenen Jahr erscheinen und soll auch anno 2013 herausgegeben werden. „Wir wollen damit auch eine Art Archivfunktion erfüllen“, sagt Katja Dannowski. Finanziert wird das Ganze mit Projektgeldern, Sponsoren sowie mittels Spendensammlung via Internet. Zwar reicht es noch kaum, um auch die Autoren zu bezahlen, jedoch bekämen diese immerhin die Möglichkeit, aktiv selbst ein „Experimentierfeld mitzugestalten, das stetig wächst“, sagen die beiden Künstlerinnen.

Kurz bevor sie sich im Raum Louise mit Blick auf die winterliche Landschaft der Radeberger Vorstadt wieder ihrer Organisationsarbeit widmen, verraten sie noch, wie der Name „Cynal“ eigentlich zustande kam: „Es war schwer, sich auf einen Namen zu einigen. Ich habe daher gesagt, jeder wirft jetzt einen Buchstaben in den Raum“, erzählt Katharina Groß. Bei einem Picknick im Albertinum sei es gewesen, wo die gefallenen Buchstaben anschließend hin- und her- und schließlich zum Kunstnamen CYNAL zusammengeschoben wurden – l’art pour l’art sozusagen.

Linktipp: www.cynal.de

Weiterlesen

Buhrufe für die Freiheit

„Manon Lescaut“ an der Semperoper

Es ist ein zeitloser Kampf zwischen Liebe und Geld, eine Kreisbewegung von Gefühl und Verstand, die in Giacomo Puccinis Oper „Manon Lescaut“ zweieinhalb Stunden lang immer wieder neu aufflammt. In Stefan Herheims Inszenierung an der Semperoper Dresden (Premiere am 2.3.13) jedoch wird diese Kreisbewegung kein bisschen langweilig. Der gebürtige Norweger begeisterte in Dresden schon 2010 mit seiner bildgewaltigen Inszenierung von Dvoraks „Rusalka“ sowie mit seiner Interpretation von Bergs „Lulu“ im vergangenen Jahr. Nun verpackt er auch Puccini in einen betörenden Bilderreigen mit überraschenden Sichtweisen.

Der amerikanische Traum von Freiheit und Puccinis Ringen um das beste Libretto – an dem nicht weniger als acht Librettisten beteiligt waren – sind die beiden Ausgangspunkte, von denen aus Herheim seine Inszenierung in ein neues Licht taucht. Gleich zu Beginn baut Renato des Grieux (Thiago Arancam) in seinem Pariser Atelier an einer lebensgroßen Freiheitsstatue, als ihm schließlich die schöne Manon Lescaut über den Weg läuft, in die er sich sofort verliebt. Auch Manon (Norma Fantini) hegt Gefühle für den mittellosen Künstler, entscheidet sich jedoch für den reichen Geronte (Maurizio Muraro). Fortan beginnt des Grieux’ Kampf um seine Geliebte, der sich hier, unter dem überirdischen Kopf der amerikanischen Freiheitsstatue (Bühne: Heike Scheele), nicht nur als Sehnsucht nach Liebe, sondern auch als Sehnsucht nach Unabhängigkeit zeigt. Herheim lässt auch in dieser Oper symbolbeladene Bilder sprechen. So etwa eine große Tafel mit drei Zahlen: Der 4. Juli 1776, man ahnt es, ist der Tag der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung.

Beobachtet von den Erbauern der Freiheitsstatue bandeln die beiden Verliebten also miteinander an (Foto: PR/Matthias Creutziger), um später zu erfahren, dass selbst in Amerika keine uneingeschränkte Freiheit herrscht. Denn ausgerechnet das Land der unbegrenzten Möglichkeiten wird für Manon zum Ort der Verbannung. Und auch dafür findet Herheim starke Bilder: Die Heldin erscheint hier zwölffach gefesselt im Baugerüst der Freiheitsstatue, wird später inmitten anderer Frauen vors Gericht geführt und gesteht des Grieux am Ende schließlich doch noch ihre Liebe. Von Anfang an präsent ist dabei zudem die Figur des Schriftstellers mit dem schwarzen Hut (Mathias Kopetzki), der wohl ein bisschen Puccini selbst, ein bisschen auch des Grieux in späteren Jahren darstellt, als dieser – noch immer berührt – seine Geschichte zu Papier bringt.

Bei aller Bildhaftigkeit lässt Herheim stets genug Raum für die Musik. Puccini hat darin das ganze große Pathos der italienischen Oper, aber auch den Aufruhr und die Leidenschaft des Aufbruchs verpackt, die das Bühnenbild gleichsam hörbar widerspiegeln. Chefdirigent Christian Thielemann führt die Sächsische Staatskapelle Dresden erhaben durch diese Oper. Drama, Spannung und Melancholie, aber auch kitschige Süße wechseln in der Partitur – und das Orchester beherrscht in der Premiere alle diese Facetten brillant. Die Töne fügen sich zu einem Klang wie Samt und Satin, weich fließend, dann wieder aufgeregt wie ein Herzschlag. Gänsehaut im Publikum.

Gesanglich begeistert allen voran Norma Fantini als Manon Lescaut, in deren glockenklarer Stimme viel Dramatik mitklingt, egal ob sie kraftvoll anschwellt oder gefühlvoll die leisen Stellen ihrer Partie auskostet. Maurizio Muraro gibt einen rauen, kantigen, brillant darauf abgestimmten Ehemann Geronte. Dagegen scheint der international renommierte Tenor Thiago Arancam als des Grieux von Anfang an ein wenig schwach auf der Brust, kommt auch im Laufe des Stückes nicht so richtig in Fahrt und erntet dafür am Premierenabend – dennoch zu Unrecht – unverschämt hämische Buhrufe. Ebenso wie die Inszenierung selbst, die an dieser Stelle trotzdem als eine der besten in dieser Spielzeit gelobt werden muss.

„Manon Lescaut“ an der Semperoper Dresden, wieder am 06.03. (19 Uhr), 10.03. (18 Uhr) sowie am 28.04., 01.05., 04.05., 18.06., 23.06., 27.06.

Weiterlesen

Sachsens moderne Schatzkammer

Der Kunstfonds im Lipsiusbau

Mittlerweile befinden sich im Kunstfonds über 25.000 Werke der Bildenden Kunst. Ein Großteil stammt aus DDR-Zeiten. Ab 1992 entschied der Freistaat Sachsen, diesen Bestand fortlaufend durch zeitgenössische Kunst zu erweitern. „Heute tätigt die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen jährlich Förderankäufe von zeitgenössischer, sächsischer Kunst im Wert zwischen 140.000 und 170.000 Euro. Die geht dann in unsere Sammlung ein“, erläutert Silke Wagler, Leiterin des Kunstfonds und Kuratorin.

In der Ausstellung „jetzt hier. Gegenwartskunst. Aus dem Kunstfonds“ ist ab 1. März eine Auswahl der Erwerbungen seit 1992 zu sehen. „Meinem Co-Kurator Mathias Wagner und mir geht es darum, wesentliche Entwicklungslinien des Kunstgeschehens in der Region aufzuzeigen. Außerdem wird sichtbar, dass die Ankäufe bisher ein erfolgreiches Förderinstrument waren, das interessante neue Kunst entdecken und durch einen Ankauf die Künstler in ihrem Schaffen ermutigen konnte“, meint Wagler. Die jährlichen Ankaufsempfehlungen spricht ein unabhängiges Gremium von Kunstexperten aus. Dieses sucht nach Werken, deren künstlerische Handschrift großes Potenzial vermuten lässt. „Auf diese Weise konnte im Laufe der Jahre Bildende Kunst von jungen Künstlern und Hochschulabsolventen in Sachsen erworben werden, die erst später international bekannt geworden sind. Jetzt wären diese aus einem öffentlichen Ankaufsetat eines Museums überhaupt nicht mehr bezahlbar“, sagt Wagler weiter.

Dazu gehören Paradebeispiele, wie Neo Rauch, Rosa Loy und Eberhard Havekost. Die Ausstellung will darüber hinaus zentrale Schwerpunkte innerhalb der sächsischen Kunstlandschaft aufzeigen. „Ein wichtiges Merkmal sind die zwei starken Schulen der Malerei in Dresden und Leipzig, dann gibt es eine Reihe exzellenter Fotografen, was vor allem der Leipziger Hochschule zu verdanken ist“, erklärt Wagler. Die Ausstellung geht auch auf andere Entwicklungen ein, wie der verstärkten Hinwendung junger Künstler zu traditionellen, grafischen Techniken. Dazu gehören der Holzschnitt und die Zeichnung. Auch weitere mediale Erscheinungsformen sind vertreten, dazu gehören Objekte, Installationen und Filmkunst.

Katrin Mädler

Kunstfonds Sachsen, Ausstellung vom 1. März bis 20. Mai 2013; Kunsthalle im Lipsiusbau, Brühlsche Terrasse Dresden

 

Weiterlesen

Der Witz des Sonderbaren

Elling an der Comödie Dresden
Ulkiger Elling an der Comödie Dresden

„Elling“ an der Comödie Dresden

Elling und Kjell Bjarne sind zwei liebenswerte Existenzen am Rande der Gesellschaft. Nach einem längeren Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik dürfen sie nun endlich zusammen in eine Osloer Wohnung ziehen. Doch der Start in den eigenen vier Wänden ist für die beiden alles andere als einfach. Die Wände schaukeln zunächst noch, fast so wie der Zug, der die beiden nach Oslo bringt. Trotz einer großen Portion Unbeholfenheit im Gepäck sollen Elling und sein Freund Kjell Bjarne nun gemeinsam die Hürden des ganz realen Lebens meistern.

Der norwegische Regisseur Petter Næss brachte „Elling“ vor gut zehn Jahren auf die norwegischen Theaterbühnen und anschließend auf europäische Kinoleinwände. In Deutschland sahen allein 500.000 Zuschauer den Film, der aus der Romanvorlage des Schriftstellers Ingvar Ambjørnsen entstand. Witzig und poetisch zugleich erobert das Stück „Elling – zwei gegen den Rest der Welt“ in der Regie von Swentja Krumscheidt nun auch die Bühne der Dresdner Comödie.

Hier mimen Intendant Christian Kühn und Ex-GZSZ-Star Oli Petszokat das herrlich verrückte Freundespaar. Christian Kühn gibt den liebenswert naiven Elling, wie er ganz nach dem Vorbild seiner verstorbenen Mama plötzlich in die Putzpuschen schlüpft und die gemeinsame Wohnung wienert, als ulkigen, altklugen, aber auch zutiefst vor den Hürden des Alltags verängstigten Sonderling, für den schon ein Telefonanruf zur Herausforderung wird. Daneben wirkt Oli Petszokat als Kjell Bjarne fast wie ein treudoofer Wolf, der „sein halbes Leben hinter sich, aber noch nie gebumst“ hat, und beweist als trottliger Antiheld wahrhaft komödiantisches Talent.

Mit Pudelmützen, Koffer und Werkzeugkiste bewaffnet stehen die beiden unbeholfen in ihrem neuen Zuhause. Stolpernd bewegen sie sich durch die ungewohnte Freiheit, stellen vorsichtshalber ihre Betten wie in der Klinik zusammen, und entdecken so mit behutsamer „forsiktighet“ unter der Aufsicht des Sozialarbeiters Frank (Tobias Schenke) ihr neues Leben. Doch plötzlich werden die zwei Hilfsbedürftigen selbst zu Helfern. Denn Kjell Bjarne bringt eines Abends die sturzbetrunkene schwangere Nachbarin Reidun (Miriam Pielhau) mit – und auch mit Ellings Ruhe ist es fortan aus.

Ulkig und doch tiefsinnig wie das norwegische Original bewegt sich die Dresdner Inszenierung (Foto: PR/Robert Jentzsch) erstaunlich nah an der Filmvorlage und geht dennoch gekonnt ihre eigenen Weg. So versucht Krumscheidt gar nicht erst, Norwegen auf Deutschland zu adaptieren und lässt Radiosender und Lyrikvorträge in Originalsprache laufen. Dazwischen finden sich mit Kittelschürze und Einkaufsnetz ab und an kleine DDR-Reliquien versteckt. Auch der immer wieder auftauchende Roger Whittaker Song, den Elling wie ein beruhigendes Mantra vor sich hinsingt, wenn es für ihn wieder mal brenzlig wird, ist eine Erfindung der Dresdner, die sich gut ins Stück einfügt.

Mit Witz, aber ohne Klamauk und dank einem grandiosen Ensemble, das spürbare Freude am Spiel zeigt, wird diese norwegische Komödie zu einem herzerfrischenden Theaterabend mitten in Dresden.

„Elling“, Comödie Dresden, wieder vom 26.2. bis 3.3. und 16.4. bis 21.4., jeweils 19.30 Uhr

Weiterlesen