Johannes Erath inszeniert Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“ an der Semperoper Dresden als phantastisches Traum-Spektakel

Das weiße Kleid aus Tüll ist überall. Es steckt im Wandschrank, liegt unter dem Flügel, verleiht den Frauen in Jacques Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“ (Fotos: PR/Jochen Quast) einen unschuldigen, ja reinen Schein. Und doch will es am Ende keiner richtig passen, symbolisiert es in der Inszenierung von Johannes Erath an der Dresdner Semperoper doch ein Idealbild, die männliche Illusion von der perfekten Frau. Das weiße Kleid ist aber nur ein Requisit von vielen, aus denen Erath die bunte Welt dieser surrealen, romantischen Oper baut, in der Realität und Phantasie so haarscharf aufeinanderprallen, dass man die Grenze dazwischen bald nicht mehr wahrnehmen kann.

"Hoffmanns Erzählungen" an der Semperoper
Gigantisches Spiel mit phantastischen Mitteln des Musiktheaters

Bereits im vergangenen Jahr beglückte Erath das Dresdner Opernhaus mit seiner unkonventionell kurzweiligen Inszenierung von Mozarts „Figaro“. Er schuf für Mozart eine Lesart, die nicht jedem gefiel, obwohl oder gerade weil sie ganz neue Blickwinkel auf das Stück eröffnete, mit Traditionen spielte, ohne die Vorlage ernsthaft zu beschädigen. Mit „Hoffmanns Erzählungen“ kann er nun nochmal eine Schippe drauflegen. Denn der Stoff, der nach einem Schauspiel von Jules Barbier und Michel Carré aus drei Erzählungen E.T.A. Hoffmanns gewebt ist, eignet sich wie kaum ein anderer für ein Spiel mit den phantastischen Mitteln des Musiktheaters. Die Hauptfigur ist der Schriftsteller Hoffmann selbst. Ein Künstler auf der Suche nach dem Glück und Inspiration, dabei dem Rausch des Alkohols und der Liebe zugetan. Dieser Hoffmann wird nun als Erzähler gleichsam zum Protagonisten seiner eigenen Geschichten, die er, begleitet von der Muse und einem düsteren Widersacher, nun erneut durchlebt.

Der rote Faden in einem Opulenten Werk

Drei ganz verschiedene Erzählungen, verpackt in einer Oper – ein opulentes Werk. Und Erath stürzt sich mittenrein in dieses rätselhaft romantische Märchen, das sich immer weiter verstrickt, bis man am Ende selbst nicht mehr so genau weiß, wo man steht. War dieser Hoffmann nur ein unglücklich Liebender? Oder ist er ein Künstler auf der Suche nach Inspiration? Im Leben gebrochen und von den Geistern seiner eigenen Sehnsüchte heimgesucht? Inspiriert für seine Kunst nur durch Leid? Es gibt nicht nur eine Antwort, es gibt viele – und während man im Zuschauersaal darüber nachdenkt, tanzt die Inszenierung von Bild zu Bild, von Szene zu Szene. Ein einziger Rausch der Ideen, Klänge, Farben, in dem Erath den roten Faden aufnimmt. Seine Inszenierung entgleitet dabei aber nie komplett ins Ungewisse, lässt das Undurchsichtige, das Mysteriöse, das E.T.A. Hoffmanns Erzählungen naturgemäß anhaftet, auch mal einfach am Bühnenrand liegen, während oben wieder weiße Tüllkleider tanzen.

"Hoffmanns Erzählungen" an der Semperoper Dresden
Frédéric Chaslin führt die Staaskapelle geradlinig und schnörkellos

Mit Frédéric Chaslin hat die Semperoper Dresden zudem einen Dirigenten ans Pult der Staatskapelle gebeten, der die Partitur zu Offenbachs einziger ernster Oper mit all ihren Finessen in- und auswendig kennt. Irgendwo zwischen Operette und romantischer Oper schwankend, gleicht die Musik hier einem Stimmungsbild, das je nach Szene in anderen Farben gemalt scheint. Chaslin führt das Orchester sicher und geradlinig durch die oft raschen Wechsel zwischen Melancholie und tänzerischer Lebensfreude, lässt diese Vielseitigkeit in all ihren Facetten schimmern, ohne sich in Schnörkeln zu verlieren. Ganz besonders wirkungsvoll kommt zudem der Sächsische Staatsopernchor (Leitung: Jörn Hinnerk Andresen) zum Einsatz. Nicht nur gesanglich, sondern auch darstellerisch meistert der Chor dies bravourös und nimmt einen sofort für dieses Stück gefangen.

Gigantisches Bühnenbild und märchenhafte Samtstoffe

In dem gigantischen Bühnenbild von Heike Scheele und Norman Heinrich spiegelt sich der Saal der Semperoper, um dann – wie von Zauberhand – einer schäbigen Raumkonstruktion Platz zu machen, die sich bald wie in die Unendlichkeit ausdehnt, bevor die Semperoper wieder auftaucht. Die Kostüme von Gesine Völlm sind in märchenhaften Lilatönen und Samt genäht. Dazwischen Tupfer aus Tüll und Seide. In dieser Kulisse wirkt Hoffmann von Anfang an als Einzelgänger, unglücklich. Der amerikanische Tenor Eric Cutler gibt in der Partie sein Debüt an der Semperoper Dresden, und zeigt vom ersten Ton an durchdringende Präsenz. Wie er anfangs noch unnahbar sein Geschichtchen von „Klein-Zack“ erzählt, sich immer mehr in die Leidenschaft seiner Sehnsüchte steigert, das ist einfach großartig. Ob berauscht oder melancholisch, Cutler brilliert als egoistischer Autor.

"Hoffmanns Erzählungen" an der Semperoper Dresden
Christina Bock beschert knisternde musikalische Momente

Christina Bock wirkt als Muse an seiner Seite behände und knabenhaft. Mit ihrer Arie im dritten Akt beschert sie zusammen mit Cutler einen knisternden Moment, der noch ein Weilchen nachhallt. Auf der Bühne oder zumindest auf dem Seitenbalkon sind sie und Peter Rose, der äußerst stimmgewaltig alle vier Gegenspieler von Hoffmann in einer Person vereint, auch optisch omnipräsent im Stück. Das wirkt fast ein bisschen wie Engel und Teufel, erinnert auch ein wenig an Goethes „Faust“. Eine Idee, die dem Verständnis zuträglich ist und gut zeigt, wie nah sich Gut und Böse manchmal sein können. Die beiden begleiten Hoffmann treu durch die Erzählungen von seinen Liebschaften mit der unechten Automatenfrau Olympia, dem verträumten Mädel Antonia und der raffinierten Kurtisane Giulietta.

"Hoffmanns Erzählungen" an der Semperoper Dresden

So wandert Hoffmann rückblickend in die Welten von ganz unterschiedlichen Frauen, jede im weißen Tüllkleid und mit bezaubernder Stimme versehen: Die Finnin Tuuli Takala singt Olympia mit süßem, glockenklaren Sopran, wirkt zerbrechlich wie Porzellan, wenn sie auf Zehenspitzen tanzt. Sarah-Jane Brandon ist gesanglich als Antonia die wohl stärkste Partie der drei Damen. Optisch erinnert sie im Spiegelsaal der Semperoper auch an Marilyn Monroe – opfert dabei Liebe und Leben für die Musik. Measha Brueggergosman steigert das divenhafte Spiel sogar noch, wenn sie als raffinierte Giulietta soulig ins Mikro haucht, um Hoffmann schließlich den Verstand (und dann sein Spielbild) zu rauben.

"Hoffmanns Erzählungen" an der Semperoper Dresden
Der Künstler bleibt allein – oder die Stunde der Muse

Doch wer glaubt, hier sei der Spuk nun zu Ende, der irrt. Gewaltig fährt die Bühne zurück und die Figuren aus Hoffmanns Erzählungen laufen im Rückwärtsgang an ihm vorbei. Von seiner Stella, die alle drei Frauenideale vereint, noch immer keine Spur. Olympia, Antonia, Giulietta. Die Muse erkennt nun ihre Chance und singt ihr trauriges Lied: „Man ist groß durch die Liebe und größer durch die Tränen.“ Der Künstler Hoffmann ist ausgelaugt, am Ende seiner Sehnsüchte und Träume angelangt. Was bleibt, ist ein weißes Kleid aus Tüll. Der Vorhang fällt. Das Publikum jubelt. Die 3,5 Stunden sind verflogen. Fast wünscht man sich, die Maschinerie dieses gigantischen Phantasie- und Traumspektakels möge sogleich wieder von Neuem anheben. So wie in einem Buch voller mystischer Erzählungen, dass man immer wieder von vorn durchblättern kann, um Neues darin zu entdecken …

Jacques Offenbach: „Hoffmanns Erzählungen“ an der Semperoper Dresden, wieder am 7., 10., 16., 19., 23. Dezember 2016 und am 2. Und 7. Januar 2017 

Ein Gedanke zu „Im Rausch der Sehnsüchte

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