Eine Geschichte zum ersten Advent

Es war ein Wintertag wie im Bilderbuch: Die Sonne tauchte die Elbwiesen in ein goldenes Licht, und sachte streichelte der Wind meine Wange, als ich am Elbufer spazieren ging. Ich sah, wie die Kinder bunte Drachen in den Himmel gleiten ließen und spürte den Frieden dieses Nachmittags ganz tief in meiner Seele. Wie doch die Zeit vergeht, in drei Wochen ist wieder Weihnachten, das Jahr zu Ende, so viel passiert in diesen Monaten, die so schnell verflogen sind.

Drachen am Dresdner Elbufer

Ich marschierte schnellen Schrittes am Ufer entlang, immer weiter in Richtung der großen Brücken, die im Osten der Stadt die Landschaft mit ihren markanten Bögen schnitten – und dachte über die Zeit nach, und über das Leben. Ein Moment, der mir unendlich schien und in dieser Unendlichkeit doch unendlich flüchtig. Der Weg bis zum Blauen Wunder war noch weit. Ich schaute hinauf zu dem kleinen Pavillon, der am Waldschlösschen einen bekannten Aussichtspunkt markiert. Ein Fixpunkt in der Landschaft. Der Weg dahin war steil und von buntem Herbstlaub gesäumt, das kupfern in der Sonne leuchtete. Er lag einsam vor mir und raschelnd lief ich nun durchs Laub hinauf.

Pavillon am Waldschlösschen Dresden

Erst oben, im Pavillon auf einer Bank sitzend, sah ich einen Mann. Er schien verträumt in der Sonne zu dösen, den Blick in Richtung Stadtzentrum gerichtet, wo sich die Kuppel der Frauenkirche stolz in den Himmel reckte. Ganz still saß er da, im schwarzen Mantel, den Hut tief in die Stirn gezogen, die alten Hände auf den edlen Knauf seines hölzernen Spazierstocks gestützt. „Wissen Sie vielleicht, wie spät es ist?“, fragte er mich plötzlich mit der gütigen Stimme eines alten Herrn, aber ohne mich dabei anzusehen. Überrascht schüttelte ich meinen Kopf, schob dann aber schnell den linken Jacken-Ärmel beiseite, um kurz darauf enttäuscht festzustellen, dass ich meine Armbanduhr heute zu Hause gelassen hatte. „Ich … warten Sie, ich habe noch ein …“, stammelte ich verlegen und kramte in meiner Manteltasche nach meinem Handy.

Pavillon am Waldschlösschen Dresden

Doch dann drehte er sich abrupt zu mir um und schaute mich aus lebendigen blauen Augen an. „Ach, lassen Sie nur! Die Zeit, sie ist an so einem Tag doch zweitrangig.“ Er sagte das bestimmt und mit einem solchen Nachdruck, dass ich weder widersprechen noch weiter nach meinem Handy suchen wollte. Er musste meinen verdutzen Ausdruck wohl bemerkt haben, denn er lächelt nun und sagte zu mir: „Sehen Sie, dieser Baum da unten, der ist schon mehr als hundert Jahre alt, viel älter als wir beide zusammen. Der hat schon so viel gesehen, doch für ihn scheint die Zeit dennoch zu stehen, denn er rührt sich seit über 100 Jahren nicht von der Stelle. Und der Fluss, er fließt seit Jahrhunderten durch dieses Tal, fließt mit der Zeit und hat sich dennoch seither kaum verändert.“

Panorama am Waldschlösschen

„Aber wir verändern uns“, antwortete ich und wusste gar nicht, woher diese Worte kamen, ich hatte sie einfach ausgesprochen, ohne lange darüber nachzudenken. Der alte Mann schüttelte kaum merklich mit dem Kopf. „Wir sind wie der Baum. Wir gewinnen jeden Tag neue Eindrücke, neue Erinnerungen hinzu, unsere Haut bekommt Falten und Narben, und wir bleiben doch wir selbst, verwurzelt mit uns. Und wir sind wie der Fluss, wir geben uns dem Lauf des Lebens hin, gehen von Ort zu Ort, nehmen die verschiedenen Bilder dieser Orte als Erinnerungen auf und bleiben doch wir selbst. Bis zum Ende.“ Er sagte das mit ruhiger Stimme, setzte die Worte mit Bedacht, wie ein Erzähler. Ja, ich hörte sie gebannt. Dann erhob er sich von der Bank, langsam, seine Knochen bereiteten ihm sichtlich Mühe. Er war schon alt.

Waldschlösschen Dresden

Er stand nun vor mir und schaute mich abermals mit seinen blauen Augen an, die jetzt vor Erwartung loderten. „Lass Dir eines sagen, Mädchen: das Leben ist kurz, die Erinnerung ist alles, was uns bleibt. Genieße jeden Tag und sammle gute Erinnerungen. Sie werden dich durch so manche Flut, manchen Sturm tragen. Sie werden Dich vor bösen Geistern dieser Welt bewahren. Suche die Liebe, die Menschen, umgib Dich mit Menschen, die Du liebst. Die Liebe verleiht Flügel, sie allein kann Dir über alle Mauern helfen, die Dir im Weg stehen. Sie ist genau wie Erinnerungen unvergänglich. Du kannst sie in Deinem Herzen tragen und für schlechte Zeiten bewahren. Je mehr Liebe Du gibst, desto mehr wirst Du empfangen. Suche die Liebe, sammle gute Erinnerungen. Das ist der Schlüssel zum Glück.“ Er zwinkerte mir noch einmal zu, und dann drehte er sich um. Ging ein Stück die Straße lang und schlug den kleinen Weg hinunter zur Elbe ein.

Dresden-Silhouette vom Neustadtufer aus

Ich sah ihm noch nach, musste darüber nachdenken, was er gesagt hatte. Und plötzlich war er im Dunst der immer tiefer sinkenden Wintersonne verschwunden. Ich schaute hinüber zur Altstadt und der gütigen Kuppel der Frauenkirche. Ein Anblick, der mich stets mit Glück erfüllte. Und ich beschloss, weiterzugehen, um gute Erinnerungen zu sammeln und die Liebe zu finden.

Ein Gedanke zu „Der alte Mann am Fluss

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