Herbstauslese: „Canaletto – Seine Jahre in Dresden“

Herbstzeit ist auch Lesezeit. Unter dem Motto „Herbstauslese“ gibt es auf elbmargarita.de eine Serie, in der wir ausgewählte Romane und Erzählungen rezensieren, die in Dresden spielen. Heute: Ralf Nürnbergers Roman „Canaletto“.

Ein königlicher Ruf ereilt Venedig und der Veduten-Maler Bernardo Bellotto folgt ihm mit seiner Familie und zieht aus Italien nach „Elbflorenz“, um ein neues Auskommen zu suchen. Nach seinem Onkel und Lehrer, dem Malermeister Canal, nennt er sich strategisch Canaletto und beginnt die Stellung am Hof mit Intrigen, Sprach- und Geldproblemen.

Ralf Nürnberger, Ex-Regisseur der Staatsoperette und akribischer Rechercheur, zeigt Bellottos Weg mit einem von Beginn an chronischen Charakter durch unbelebte Zwischenberichte und Einblicke in die „Staffage“: Sein auktorialer Erzähler wirkt unerfahren und zwängt sich immer wieder in die erste Person.

August der Starke war schon ein Prasser, aber sein Sohn ist noch schlimmer. Für italienische Kunst ist ihm nichts zu teuer, und wir Sachsen bluten für seine Italienträume. Und so kommen sie alle. Sänger, Bühnenbildner, Bildhauer, Maler, Architekten und Kunsthandwerker. Ich mag sie nicht, schließlich leben sie von sächsischem Geld, also von unseren Steuern. Doch ich mache das Beste daraus und nehme ihnen so viel wie möglich wieder ab. Ich bin Klotzsche, der führende Weinhändler in Dresden. Die vielen Italiener in der Stadt haben mich reich gemacht. Das ist meine Form von patriotischer Gerechtigkeit.

Der Beginn des Romans wirkt eher wie eine Aneinanderreihung verschenkter Gelegenheiten: Nürnberger baut Erwartungen auf, traut sich dann jedoch nicht, konkret zu werden. So wird mancher Szene durch literarischen Abort der Sinn genommen. Woanders wirken Vergleiche durch fehlenden Zusammenhang deplatziert; doch trotz Überflüssigkeiten wird die Geschichte spannend.  Ein paar staksige erste Schreibschritte kontrastieren mit hellen Momenten, in denen der Autor einzigartige Bilder findet. Sein Witz und die Einblicke in die Sozialgeschichte lassen spüren: Er könnte es noch besser. Sein Potenzial formt die beste Voraussetzung für die feste Etablierung in der literarischen Welt.

Auch Satz und Lektorat scheinen noch unsicher: Ein Klappentext, länger als manche Rezension, und eine Schriftgröße, die jeder Bildunterschrift zur Ehre gereicht, lenken höchstens ab, wenn die Korrekturen großzügig Adjektive oder ein aufdringliches Gerundium tolerieren. Doch die Argumente sind bestechend: Welches Thema hätte das Barockpanorama Asisis im hauseigenen Verlag besser „untermalt“ als Nürnbergers leidenschaftlicher Romanidee? Und seine ausbaubare Raffinesse im Stil gleicht „Canaletto“ mit historischen Fakten aus.

Schritt für Schritt erlebt der Leser, wie der Maler aktiv bewirkte, dass die ideale Stadtsilhouette überhaupt erst zustande kam. Der Streit um den Bau der Hofkirche mit ihrem Turm, Einblicke in eine Opernaufführung oder die Erfindung der Camera obscura zeichnen ein klares Bild, das über die Gebäude der Barockstadt weit hinaus geht und durch den Abdruck der Veduten noch prägnanter wird. Jedes Gemälde hat seine Geschichte, die kein Historienfan verpassen sollte.

Dann kam Bernardo mit Maria am Arm und wünschte einen guten Tag. Die beiden waren schlicht und elegant gekleidet, Maria in blau, Bernardo in weiß. Sie machten eine sehr gute Figur. Alle waren spontan beeindruckt.

Bemüht, jede Figur zu Wort kommen zu lassen, schildert Nürnberger authentische Schicksale, wie das der jungen Malerin Felicita Hoffmann, des cholerischen Architekten Chiaveri, des intriganten Ministers Brühl oder des listigen Hofnarrs Fröhlich. Vielleicht dank der intensiven Einblicke lassen sich die zahlreichen Charaktere überschauen; insgesamt wirkt Nürnbergers Debüt wie ein barockes Puppenspiel, das die Geschichte unterhaltsam näher bringt. Nicht ganz so meisterlich umgesetzt, dafür akribisch recherchiert und kurzweilig zu lesen – eine Zugabe ließe man sich gern gefallen.

Ein Gedanke zu „Den Meister gefunden …

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