Netter Perspektivwechsel

„Die Zuschauer“ am Staatsschauspiel Dresden

Sie gelten als das Erfolgsgespann am Staatsschauspiel Dresden schlechthin: Die Band „Woods of Birnam“ um Christian Friedel und Regisseur Roger Vontobel haben mit Shakespeares „Hamlet“ vor drei Jahren schon für Furore gesorgt. Zum Auftakt der neuen Spielzeit – es ist die letzte von Intendant Wilfried Schulz in Dresden – darf das bewährte Team nun erneut ran. Mit Martin Heckmanns steht ein nicht minder bewährter Stückeschreiber für den neuen Streich Pate: In der ersten Uraufführung der Saison sollen nun also „Die Zuschauer“ (Fotos: David Blatzer) ins Visier der Theatermacher geraten.

Das beginnt tatsächlich vielversprechend: Nicht in Parkett und Rängen, sondern auf der Bühne darf das Publikum Platz nehmen, ein bisschen Kulissenluft schnuppern. Oben Scheinwerfer und schwere Bühnentechnik, vorn der atemberaubende Blick in den Zuschauerraum. Theaternebel sorgt für geheimnisvolle Stimmung, als sich der Vorhang öffnet. Auf dem ersten Rang die Band, die leise flirrende Töne verbreitet. Man freut sich, das beginnt wirklich gut. Aus dem Theatersaal ein Lachen, ein Bravo, Taschenlampen irren lange umher –, aber dann fängt es auch schon wieder an, ins Ereignislose abzudriften. Husten, ein röhrendes Schnauben. Wo bleibt der Spiegel? Wo die Erkenntnis?

Martin Heckmanns Text zeigt verschiedene Typen, unterschiedliche Herangehensweisen der Zuschauer an das Theater. Er philosophiert über Möglichkeiten, Unmöglichkeiten, Wirkungen, die Theater seit Jahrhunderten auslöst, zeigt Situationen, Sichtweisen, Perspektiven auf. Da sind Vater und Sohn, der eine sieht den Fuchs im Stück, der andere nicht. Da sind die Begeisterten, ein Liebespaar, Erstaunte, Verwirrte, jene, die zum ersten Mal da sind. Ein Spiel mit Erwartungen, mit Erfahrungen. Sie kreuzen sich im Wandel der Zeit. Die Figuren tragen schwarze Anzüge oder Kleider (Ellen Hofmann), die große schwarze Masse, sie wandeln und schreien im Zuschauerraum umher. Wie genial die Idee, dass Schauspieler mit den Zuschauern die Plätze und Perspektive tauschen. Doch sie will dennoch nicht recht zünden.

Vor allem die Musik entwickelt in der Leere des Bühnenraums tatsächlich einen Sog. Heckmanns Text ist eher glatt, die Regie muss sich zudem durch die vertauschten Perspektiven mit einem begrenzten Illusionsraum begnügen. Ab und zu wandern Phantasiefiguren durch die Reihen – ein Engel, ein Bär, merkwürdige Gestalten. Doch letztlich zeigt die Inszenierung nur eines: Wenn die Zuschauer wirklich unterhaltsam wären, dann wären sie Schauspieler geworden. Mithilfe der Musik schwankt das Ganze zwischen einlullend und abstoßend. Die Figuren im Stück übertragen das Theater schließlich langsam ins Leben. Sie versuchen das Unsagbare, kündigen ihren Job, begehren auf. Denn „das Elend findet statt, aber nicht hier“, heißt es im Textbuch. Draußen sterben Menschen im Krieg, die Theaterbühne kann das zwar zeigen, nicht aber verhindern. Sie würde gern. Doch sie bleibt seit Jahrhunderten machtlos.

Machtlos? Es bleibt ein gut gedachter Ansatz, den das Ensemble engagiert verwirklicht. Kilian Land, Hannelore Koch und Anna-Katharina Muck sind hier besonders hervorzuheben. Doch über ein paar amüsante Episoden geht es dennoch nicht hinaus. Die Welt ist kaputt. Und wenn Theater ein Spiegel der Welt ist … ja, was dann? Dann werden Schauspieler zu Zuschauern und Zuschauer sitzen auf der Bühne, um dem Trauerspiel da draußen ebenfalls tatenlos zuzusehen. Aber das macht das Theater und die Welt auch nicht besser. Immerhin: Wir haben mal auf der Bühne gesessen. Nette Erfahrung!


Martin Heckmanns „Die Zuschauer“, wieder am 26.9., 4.10., 25.10. und 9.12.

Weitere Kritiken: Nachtkritik

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