Barocke Uraufführung im Palais

Festspielorchester präsentiert Vergessenes

Das Dresdner Festspielorchester, 2012 im Rahmen der Musikfestspiele eher still gegründet, knüpft beim Werkstattkonzert am vergangenen Sonnabend (18.5.) musikalisch an jenes Zeitalter an, in dem in Dresden alles versammelt war, was musikalisch Rang und Namen hatte. Im Mittelpunkt stehen dabei teils noch ungehörte Werke aus dem legendären „Schrank II“, in dem der Ausnahmegeiger Johann Georg Pisendel (1687-1755) einst in der Hofkirche seine umfangreiche Musikaliensammlung aufbewahrte. Diese umfasste rund 1700 Manuskripte, darunter auch Abschriften von Werken Antonio Vivaldis, vor allem aber Kompositionen von Georg Philipp Telemann und Johann Friedrich Fasch. Die Noten gehören heute zum Bestand der Sächsischen Landes-, Staats- und Universitätsbibliothek (SLUB), wo sie von 2008 bis 2011 neu aufgearbeitet und digitalisiert wurden.

Dank des Festspielorchesters (Foto: PR/Oliver Killig), in dem sich Spezialisten für historische Aufführungspraxis aus zwölf Ländern vereinigt haben, folgt nun die Ur- und Erstaufführung eines kleinen Teils dieses lange in den Untiefen der Archive schlummernden Musikalienschatzes. Mit festlich, ja fast hymnisch anmutenden Auszügen aus der Ouvertüren-Suite D-Dur von Johann Friedrich Fasch (1688-1758) – die hier eine Uraufführung in drei Teilen erlebt – eröffnen die Musiker diesen historischen Konzertabend im barocken Ambiente des Palais im Großen Garten. Ein Hauch von höfischer Festmusik durchweht den Saal, wobei die Trompeten sehr dominant durchdringen. Das Orchester unter der Leitung des Engländers Ivor Bolten am Cembalo lässt die drei Teile dieses fast schon klassisch anmutenden Stücks mit großem Enthusiasmus aufleben.

Dazwischen betritt immer wieder (fast ein wenig zu oft) Festspielintendant Jan Vogler die Bühne. Er ist der Moderator des Abends, ordnet die insgesamt vier Werke historisch ein und stellt die alten Instrumente in Gesprächen mit den Musikern vor. Heute kaum noch geläufige Klangkörper sind hier versammelt: Da wären zum Beispiel eine ungewöhnlich lange Naturtrompete ohne Ventile, eine 250 Jahre alte Pauke mit Ziegenfell, eine Flöte mit Elfenbeinringen in konischer Struktur, ein Horn  mit einer fast fünf Meter langen Röhre, ebenfalls ohne Ventile, und eine Barock-Laute mit 24 Saiten.

Die Flöte (Frank Theuns) mit ihrem warmen, weichen, eher gedämpften Ton steht beim zweiten Stück, einem Flötenkonzert von Johann Joachim Quantz (1697-1773), im Fokus. Rund 300 solcher Flötenkonzerte hat Quantz geschrieben. Dieses ist ein besonders klangschönes, eingängiges Werk, das vom Orchester mit großer Präzision vorgetragen wird, bevor ein ebenfalls sehr moderner Satz von Antonio Vivaldis (1678-1741) Concerto in D-Dur erklingt. Hier kommt nun die sperrige Barock-Laute zu ihrem großen Auftritt. Mit sichtbarer Freude geht Joachim Held an diesem Instrument ans Werk, mit dem er auch dem in Dresden wirkenden Silvius Leopold Weiss (1687-1750), einst einer der berühmtesten Lautisten seiner Zeit, späte Ehre erweist. Konzertmeister Giuliano Carmignola führt auf der barocken Violine lässig und akkurat zugleich durch diesen ungewöhnlichen Vivaldi.

Das wahrscheinlich barockste Stück des Abends jedoch ist Johann David Heinichens (1683-1729) „Serenata di Moritzburg“. Das ebenfalls frisch edierte Werk aus dem „Schrank II“ ist mit Horn – Wilhelm Bruns demonstrierte es zuvor – und Trompeten (Wolfgang Gaisböck, Bernhard Mühringer) in einem lebhaften Jagdkolorit gehalten. Allerdings – und das ist wohl das einzige Manko, ist wie schon zuvor auch hier das Cembalo in den ersten Reihen kaum zu hören. Abgesehen davon glänzt dieses von sicht- und hörbarem Enthusiasmus des Festspielorchesters getragene Gesprächskonzert mit einer lebhaften Rückschau auf Dresdens Musikgeschichte als historischer Programmpunkt mitten im Festspieltrubel. Ein weiteres wird der Klangkörper, unter anderem mit Werken von Fasch, Händel, Heinichen und Vivaldi, am kommenden Montag (20.5.), um 20 Uhr im Lichthof des Albertinums gestalten.

Nicole Czerwinka

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