Freitag, Sonnabend, Sonntag

KaW ist Kultur am Wochenende – mit drei Weggehtipps

Volle Pulle Kultur in Dresden – und wer die Wahl hat, hat bekanntlich auch die Qual. Wir picken in unserer Rubrik „KaW“ (Kultur am Wochenende) daher ab sofort jede Woche jeweils drei einmalige Veranstaltungen am Freitag, Sonnabend und Sonntag für Dresden in Vorschau heraus.

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Oper mit Gruselfilm-Effekt

Giuseppe Verdis „Maskenball“ an den Landesbühnen

Verdis Opern gehören schon immer irgendwie zu den Thrillern der Musiktheaterliteratur. Der Regisseur Sebastian Ritschel bringt den „Maskenball“ an den Landesbühnen Sachsen nun in seiner Inszenierung auch optisch im Hitchcock-Stil auf die Bühne – und das gelingt ihm äußerst kurzweilig.

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Alter Mythos ganz modern

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Johannes Krobbach ist Odysseus.

 

„Odysseus“ an den Landesbühnen Sachsen

Was ist über den alten „Odysseus“ nicht schon alles geschrieben, aufgeführt und gefilmt worden. An den Landesbühnen Sachsen erobert der Mythos nun in einer Version des dänischen Autors Kim Nørrevig (übersetzt von Kerstin Kirpal) die Studiobühne – und soll dort vor allem junges Publikum mit Odysseus, dessen Irrfahrten sowie seiner Rückkehr ins normale Familienleben vertraut machen.

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Muckefuck war gestern

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Kulturelles WG-Hopping sucht Mitstreiter

Der Kopf ist schwer, die Augenlider klappen immer wieder zu, die Konzentration hat schon vor über einer Stunde den Feierabend beschlossen – aber die Arbeit wird und wird nicht weniger. Der braune Wachmacher Kaffee soll es richten. Das grelle Klingeln des Löffels in der Tasse wäre normalerweise schon Weckruf genug, doch heute ist es anders.

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Verschwunden im Eismeer

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„Das Kind der Seehundfrau“ an den Landesbühnen

Sphärischer Gesang erklingt auf der Studiobühne der Landesbühnen Sachsen. Eine Melodie wie aus einem fernen Land kündet – ähnlich einer Ouvertüre – von dem, was hier gleich erzählt werden soll. In der Regie von Klaus-Peter Fischer erwacht das alte Inuit-Märchen „Das Kind der Seehundfrau“ als musikalisches Theater für Kinder (ab 8 Jahren) nun zu neuem Leben.

Die Geschichte (Foto: PR/Hagen König) handelt von dem Eskimojungen Oruk, der bis zu seinem siebten Lebensjahr unbeschwert mit Vater und Mutter in einer kleinen Fischer-Hütte am Eismeer lebt. Als seine Mutter plötzlich krank wird, lüftet sich jedoch schon bald ein lang gehütetes Geheimnis seiner Eltern. Denn Oruks Mutter ist eigentlich ein Seehund. Vor der Hochzeit musste sein Vater versprechen, ihr das Seehundfell nach sieben Jahren zurückzugeben, damit sie wieder ins Meer zu den Seehunden gehen kann. Fischers Inszenierung erzählt diese nachdenkliche Geschichte von Liebe und Trennung auf behutsame Weise und hält gekonnt die Waage zwischen traurigen und humorvollen Momenten.

Dies gelingt nicht zuletzt aufgrund der Kompositionen, die der Musiker Jan Heinke für diese Aufführung schuf, so hervorragend. Das Orchester, das er zusammen mit Thomas Tuchscheerer (Celesta) und Demian Kappenstein (Percussion) bildet, vereint teils ungewöhnliche Instrumente aus Schrott, die ein wenig wie ein Sammelsurium in einem Kuriositätenladen wirken – ein Sammelsurium mit 1000 Klangfarben, versteht sich. Da funktioniert ein seltsamer Schlauch als Flöte, ein paar Regenrohre werden zu einer Art Didgeridoo verschraubt und Bürsten dienen als Geräuschmacher auf der Pauke. Nicht zu vergessen Heinkes Stahlcello aus unterschiedlich langen Edelstahlstäben, einem metallischen Resonator, gespielt mit einem Bogen aus Bambus und Angelschnur.

Die Töne, die aus diesem exotischen Orchester strömen, machen zwar das ganze Spektrum arktischer Kälte hörbar, sind dabei aber weit harmonischer und weicher, als die optische Beschreibung der Instrumente vielleicht ahnen lässt. Die Musik wirkt wie eine zweite Erzählebene in dem Stück. Fast schon filmmusikalisch unterstützt sie die Handlung mit Klängen, Geräuschen oder einzelnen Liedern. Sie fängt traurige Momente mit hellen Tönen auf, erzeugt Spannung mit Klängen und verschafft dem Erzählten dank ihres großen Geräuschspektrums eine zusätzliche Tiefe. So wird es auch den kleinen Zuschauern im Saal nie langweilig.

Raffiniert ist auch das Bühnenbild (Ausstattung: Irina Steiner): Drei Stühle symbolisieren Kanus und Eskimohütte. Ein großes blaues Tuch auf dem Boden dient als kuscheliges Bett oder wogendes Meer. Auch dank geschickter Lichtregie (Beleuchtung: Elke Häse) sorgt diese reduzierte Ausstattung für einprägsame Bilder. In der kleinen, gemütlichen Kammerkulisse wechseln Sängerin Stephanie Krone und Schauspieler Grian Duesberg die Rollen von Mutter, Vater, Oruk und dessen Freundin. Krone überzeugt hier nicht nur stimmlich als reife Seehundfrau und junger Backfisch, während Duesberg die brennende Verzweiflung des Vaters und die kindliche Unbeschwertheit Oruks mitreißend transportiert.

So entstehen wirklich berührende Momente, in denen die Weite der arktischen Eiswelt tatsächlich aufzutauchen scheint – und mit der ganzen Poesie dieses nachdenklichen, hierzulande bislang eher unbekannten Märchens aus der Arktis die Herzen der Zuschauer im Nu erobert und wärmt.

Nicole Czerwinka

„Das Kind der Seehundfrau“ an den Landesbühnen Sachsen, wieder am 16.12., 10 Uhr; 18.12., 10 Uhr; 22.12., 15 Uhr; 23.12., 15 Uhr in Radebeul u. am 12.2.14, 10 Uhr im Theater Meißen

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Arktische Eislandschaft aus Musik

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Jan Heinke vertont „Das Kind der Seehundfrau“

Es ist ein altes Inuit-Märchen über Liebe und Verlust, das die Landesbühnen Sachsen am Nikolaustag als Musiktheater für Kinder (ab acht Jahren) erstmals auf die Bühne bringen. „Das Kind der Seehundfrau“ erzählt poetisch von einer Mutter, die ihre Familie nach sieben Jahren verlassen muss, um zu den Seehunden im Meer zurückzukehren. Jan Heinke, Musiker und Komponist aus Dresden, schrieb die Musik für diese nachdenklich schöne Geschichte.

Der 45-Jährige findet mit seinen selbstgebauten Stahlcelli ganz eigene Töne, um die Atmosphäre der Eskimolandschaft klanglich zu beschreiben. „Das Stahlcello besteht aus unterschiedlich langen Edelstahlstäben und einer Metallplatte als Resonator. Es wird mit einem Bogen aus Bambus und Angelschnur gestrichen und hat einen metallischen Klang, der lange nachhallt“, erzählt der Musiker. So kann er die Weite der Eiswelt in Grönland und dem arktischen Kanada förmlich hörbar machen, die Musik wird dabei zu einer weiteren Erzählebene in dem Theaterstück.

Doch das Stahlcello ist nicht das einzige Instrument Marke Eigenbau, das in „Das Kind der Seehundfrau“ mitspielt. Zusammen mit dem Dresdner Schlagzeuger Demian Kappenstein sei Jan Heinke im Vorfeld der Proben über die Schrottplätze der Stadt spaziert und habe passende Teile für ein ganz besonderes Percussions-Instrument zusammengesammelt. „Das waren alte Sägeblätter oder Gastanks, wir haben dabei unsere Phantasie spielen lassen“, sagt Heinke. Die blechernen Schrott-Instrumente werden auf der Bühne noch von der glockenspielartigen Celesta, gespielt von Thomas Tuchscheerer, unterstützt, denn ganz ohne Harmonieinstrument geht es nicht.

Zusammen ist dieses kleine Orchester im Stück fast immer auf der Bühne präsent (Foto: PR/Hagen König). Es untermalt die Geschichte mit atmosphärischen Tönen, bringt live arktisches Meeresrauschen, bitterkalte Windböen oder klirrenden Frost ins Theater – und unterstreicht die Poesie des Stückes so auch akustisch. Zwischendurch wird in dem alten Inuit-Märchen aber auch gesungen, gerappt und sogar einen Obertongesang, der die Ohren wahrlich in eskimoartige Iglu-Gefilde entführt, hat Jan Heinke für das musikalische Theaterstück komponiert.

Die alte Geschichte aus einem fernen Land wird so vor den Augen und Ohren der Zuschauer von heute wiederauferstehen. Die Seehundfrau – so viel sei schon jetzt verraten – bekommt ihr Fell und damit ihr Leben am Ende von ihrem Sohn Oruk zurück. Ob dieser allerdings anschließend mit ihr in die Fluten des Meeres abtaucht oder sich für ein Fischerleben mit seinem Vater entscheidet, werden die Besucher in einer der vielen Vorstellungen vor Weihnachten sehen.

Nicole Czerwinka

„Das Kind der Seehundfrau“ an den Landesbühnen Sachsen: Premiere am 6.12., 10 Uhr in Weinböhla, weitere Vorstellungen in Radebeul am 7.12., 15 Uhr; 8.12., 17 Uhr; 13.12., 10 Uhr; 14.12., 11 Uhr; 16.12., 17.12. und 18.12., 10 Uhr; sowie am 10.12. im Großenhainer Schloss und am 11. und 12.12. im Klostersaal Riesa

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Weihnachtsbühnenschau

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Wie Dresdens Theater die Adventszeit versüßen

Alle Jahre wieder, wenn Glühweinduft durch die Straßen weht und Winterfrost in die Nasen zwickt, zieht es die Welt in kuschelig warme Theatersäle. Dort steigen zur Weihnachtszeit Märchenfiguren aus der Vergessenheit empor, rütteln Melodien längst schlummernde Kindheitserinnerungen wach und lassen den Zauber des Jahresendes für ein paar wohlige Stunden lang Wahrheit werden. Was? Das glaubt ihr nicht? Dann schaut selbst, wie Dresdens Theater zur Weihnachtszeit funkeln:

Staatsschauspiel Dresden:

Am Staatsschauspiel Dresden versteckt sich dieses Jahr im Advent zum ersten Mal Erich Kästners „Klaus im Schrank“ und feiert samt seiner Familie ein verkehrtes Weihnachtsfest. Zudem treiben auch die drei Geister aus Charles Dickens „A Christmas Carol“ wieder ihr Unwesen im Palais im Großen Garten. Wer sich eines der beiden Stücke anschauen will, der muss jedoch schnell sein, die meisten Vorstellungen sind schon ausverkauft!

Landesbühnen Sachsen:

Dis Landesbühnen Sachsen bescheren zur Weihnachtszeit eine Qual der Wahl. Zum einen erobert hier die Musicalversion des Kultfilms „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ die Theaterbühnen, zum anderen wird hier wohl auch all jenen warm ums Herz, für die Engelbert Humperdincks Oper „Hänsel und Gretel“ zum Advent gehört wie Stollen und Lebkuchen. Zudem versüßt hier auch „Ox und Esel“, eine tierische Weihnachtsgeschichte von Norbert Ebel den Advent.

Theater junge Generation:

Das Theater der jungen Generation (tjg) tischt zum Fest dieses Jahr die ebenso komische wie nachdenkliche Geschichte über die verrückte Familie Herdmann auf. Diese will in dem turbulenten Stück „Hilfe, die Herdmanns kommen!“ natürlich unbedingt beim Krippenspiel in einer Kleinstadt mitmachen, schnappt sich flugs die begehrtesten Rollen und sorgt dabei für allerlei Aufruhr bei den Nachbarn. Ob am Ende daraus noch ein friedliches Fest wird?

Theaterkahn:

Lustig wird es auch auf dem Theaterkahn. Hier verbünden sich Patrick Barlow, Peter Kube und Tom Quaas zur sogenannten Weihnachtskultkomödie „Der Messias“, in dem die Weihnachtsgeschichte mit vielen Überraschungen einmal ganz anderes erzählt wird als sonst. An den Tagen rings ums Fest lädt zudem ein Programm mit Geschichten Musik vom Michael-Fuchs-Trio zu besinnlichen „Weihnachten auf dem Theaterkahn“ ein.

Comödie Dresden:

Ein süßer Protagonist der Weihnachtszeit wird zur Hauptfigur des neuen Weihnachtsmusicals an der Comödie Dresden. Das Stück „Willie der Weihnachtsstollen“ stammt aus der Feder des Comödien-Intendanten Christian Kühn und erzählt die Geschichte von einem in der Backstube vergessenen Stollen, der sich auf eine abenteuerliche Reise über den Striezelmarkt begibt. Mit von der Partie ist dabei auch DSDS-Sternchen Lisa Wohlgemut in der Rolle von Krümel, dem Baisertörtchen.

Theater Wechselbad der Gefühle:

Das schöne Märchen „Das singende, klingende Bäumchen“ flimmert dieses Jahr zum Fest nicht nur über die Fernsehbildschirme. Im Theater Wechselbad erobert der DEFA-Märchenklassiker nun auch die Bühne und wird dort nicht allein Kinderherzen an den Festtagen erfreuen. Die Produktion stammt übrigens von den Machern von „Die Hexe Babajaga“ und „Spuk unterm Riesenrad“.

Societaetstheater:

Kein Theater, aber dafür umso mehr Weihnachten bescheren das Dresdner Societaetstheater und das Barockviertel im Advent. Beim Adventsgeschichtenkalender lesen stadtbekannte Dresdner im Barockviertel vom 1. bis zum 23. Dezember jeden Tag winterliche Märchen oder Weihnachtsgeschichten. Die literarischen Kalendertürchen öffnen sich jeden Tag um 18 Uhr an einem anderen Ort im Barockviertel. Glühwein, Gebäck und Kerzenschein inklusive.

Theaterhaus Rudi:

Weihnachtszeit ist auch im Theaterhaus Rudi gleich Märchenzeit. Hier sind Familien zu einer ganz besonderen Vorstellung von „Hänsel und Gretel“ eingeladen. Im Puppentheater mit Karla Wintermann steht außerdem „Frau Holle“ auf dem Programm und Katharina Randel inszeniert mit ihren Puppen das Märchen „Der Wolf und die sieben Geißlein“.

Projekttheater:

Heiliger Bimbam! Die Weihnachtsgeschichte soll gar nicht wahr sein? Die bühne, das Theater der TU Dresden, hinterfragt dieses Jahr in ihrer Weihnachtsshow „The Holy Shit!“, was wäre wenn. Zu sehen ist dieses freche, junge Theater dreimal im Dezember im Projekttheater Dresden – und ganz sicher wird dabei so manche lustige Wahrheit über das Weihnachtsfest entlarvt.

Semperoper:

Gleich dreifach märchenhafte Weihnachtsunterhaltung schenkt die Semperoper im Advent. Hier tanzt Peter Tschaikowskis Nußknacker-Ballett (Foto: PR/Costin Radu) kunterbunt über die Hauptbühne, während in Semper II „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“ das kleine Publikum in seinen Bann zieht und „Hänsel und Gretel“ sich in der zuckersüßen Inszenierung von Katharina Thalbach aus dem Pfefferkuchenhaus der Hexe befreien.

Staatsoperette:

Die Staatsoperette Dresden setzt zum Jahresende ebenfalls auf den Zauber der Märchenwelt. Neben Humperdincks „Hänsel und Gretel“ kommt hier mit der „Weihnachtsgans Auguste“ ein weiteres typisches Weihnachtsstück unter den Baum. Und auch der „Zauberer von Oz“ spukt hier über die Bühne, um die Qual der Wahl perfekt zu machen.

Nicole Czerwinka

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Figaros Hochzeit im futuristischen Ufo

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„Die Hochzeit des Figaro“ an den Landesbühnen

Ein bisschen Eifersucht, viel Leidenschaft und eine Prise Aufmüpf sind das Geheimrezept, mit dem Wolfgang Amadeus Mozarts Oper „Die Hochzeit des Figaro“ (1786) das Publikum bis heute in ihren Bann zieht. Die Geschichte vom gräflichen Diener Figaro, der seine Susanna heiraten will, auf die wiederum auch Graf Almaviva ein zwinkerndes Auge geworfen hat, erobert in einer optisch unkonventionellen Inszenierung von Anja Sündermann nun auch die Landesbühnen Sachsen.

Sündermann bewegt sich inhaltlich nah am Original der Oper, die damals die erste von drei gemeinsamen Arbeiten Mozarts mit dem Librettisten Lorenzo Da Ponte war. Sie versetzt die Handlung auf der Bühne in einen von Ausstatterin Olga von Wahl geschaffenen, futuristischen und sehr technisch anmutenden Glitzerraum, der im Wesentlichen aus einer großen Metallwelle und einem liebesroten, ufoartigen Ring besteht, mit dem der Graf – hier Herr über die Fernsteuerung – Susanna einfangen möchte.

Diese ist, wie auch die anderen Figuren im Spiel, von Emotionen und Leidenschaften getrieben, hin und hergerissen zwischen dem mächtigen, erfahrenen Grafen und ihrem lässigen Jungspund Figaro. Miriam Sabba (Foto: PR/Robert Jentzsch) verleiht ihrer Susanna dabei wahrhaft kämpferische Züge und meistert die Partie, die der größte Gesangspart in der Oper überhaupt ist, souverän und vielgestaltig. Die Inszenierung stellt ihr zudem noch zwei weitere Bräute zur Seite. Denn auch Marcellina, die ebenfalls gern mit Figaro verheiratet werden möchte, wird hier von Silke Richter in silbernen Stiefeln und mit weißer Korsage als mondänes Vollweib im Brautkleid gezeigt.

Die dritte Braut im Bunde ist schließlich die Gräfin. Stephanie Krone singt diese Partie so wunderbar gefühlvoll und berührend, dass man ihr den Kampf der langjährigen Ehefrau um ihren Gatten gern abnimmt. Doch auch sie ist gegen die Verführung des Fremden nicht ganz immun. Vor allem der lebenslustige Page Cherubino hat es ihr angetan. In der beliebten Hosenrolle gehört Patrizia Häusermann gewiss zu den großen Stimmen des Abends. Sie ist der sorglose Fixpunkt der Inszenierung, springt selbst in Stöckelschuhen unbeschwert über die Bühne und lässt sich von keiner Regel fangen.

Obwohl die Herren – allen voran Kazuhisa Kurumada als Graf und Paul G. Song als Figaro – sowohl musikalisch als auch darstellerisch keine Wünsche offen lassen, scheint die Bühne hier eher den Damen zu gehören. Sie treiben das Spiel an, kontern die Intrigen des Grafen und Figaros schließlich mit ihrer eigenen und sind auch optisch irgendwie stets im Fokus. Hinzu kommt ein mit lustigen Kappen begleiteter Chor, der wie ein Spähtrupp des Grafen immer dann beobachtend zur Stelle ist, wenn der Hausherr mal nicht an seinem blinkenden Steuerrad steht.

Überhaupt bietet die mit vielen neckischen Ideen garnierte Inszenierung jede Menge zum Schauen. Das sonst häufig im „Figaro“ gezeigte Türengeklapper – zum Zimmer rein, zum Zimmer raus, ins Versteck und wieder zurück – wird hier durch einen aufgeweckten allgemeinen Trubel ersetzt, der nicht nur Kurzweil, sondern bisweilen auch viel Komik erzeugt. Einziges Manko des quirligen Spiels: Der eine oder andere Handlungsfaden kann dem Zuschauer in diesem bunten Treiben schon mal verloren gehen.

Doch das ist im Strudel der Aufführung schnell wieder vergessen. Gelungen ist diese auch deswegen, weil die langen Rezitative der Oper im Vorfeld massiv gekürzt wurden. Der musikalische Leiter Jan Michael Horstmann hat dazu flüssige Anschlüsse gefunden und führt die Elbland Philharmonie Sachsen sowie das Ensemble am Premierenabend werkgetreu durch die Oper. Musik und Bühne gehen dabei trotz des ungewöhnlichen Bildaufbaus erstaunlich gut Hand in Hand, sodass dieser „Figaro“ als pfiffige und lebhafte Interpretation in bester Erinnerung bleibt.

Nicole Czerwinka

Mozarts „Die Hochzeit des Figaro“ an den Landesbühnen Sachsen, wieder am 18.10., 17.11. und 29.11. im Stammhaus Radebeul

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Unbequemer Wüstling

„Baal“ an den Landesbühnen Sachsen

„Ihr müsst euch besaufen!“, sagt Baal zu Johannes und dessen Freundin Johanna, um sich wenig später mit ihr auf seiner eigenen Matratze zu suhlen (Foto: PR/Detlef Ulbrich). Als er nichts mehr von ihr wissen will, steigt sie schließlich ins Wasser – und die nächsten Mädels landen in Baals Bett. „Baal“, die Geschichte vom zügellosen Wüstling, dem Leidenschaftsgetriebenen, das Jugendwerk Bertold Brechts, feierte am 19. April in einer Inszenierung von Arne Retzlaff umstrittene Premiere an den Landesbühnen Sachsen.

René Geisler zeigt Baal hier als einen blassen, stoisch schmunzelnd am Mirko stehenden Popstar. Ein verwöhnter Sonderling, der vieles will und auf niemanden Rücksicht nimmt. Geisler gibt diesen, dem Dionysischen verfallenen, Baal als stets distanzierten Egoisten, dem alles egal ist, außer das eigene Vergnügen. Für die Lieder, die er ab und an – nur, wenn er Lust dazu hat, versteht sich – schmettert, zeichnet die Band MARY & THE HOLY BALLS verantwortlich, die im Hintergrund der welligen Lamellenwand auf der Bühne (Ausstattung: Stefan Wiel) für musikalische Würze sorgt. Und so säuft Baal sich durchs Leben, immer auf der Suche nach neuen Frauen, die ihn – so lange es ihm Spaß macht – dabei begleiten.

Zuletzt ist es Sophie, die Sandra Maria Huimann zunächst noch als stolze, sogleich aber den Reizen des smarten Baal erlegene Lady darstellt. Die am Ende dank Schwangerschaft und Trennung von Baal aber dennoch zum Untergang verurteilt ist. Und da ist da noch Ekard, der beste Freund des zügellosen Künstlers. Michael Berndt gibt diesen lebensfrohen, anfangs noch vernünftigen, bald aber doch von Baal, der mit ihm eine homoerotische Liebschaft beginnt, Verdorbenen mit Leidenschaft – bis Baal ihn schließlich ermordet und sich selbst im schwarzen Regen wiederfindet.

Da ist es vorbei mit dem zunächst gehuldigten Popstar, da will niemand mehr etwas von ihm wissen. Der Egoist zur miteiderregenden Fratze verzerrt. Eine Null, für die sich niemand länger interessiert. Das ausschweifende Leben kehrt sich in Selbstzerstörung um. Die edle Gesellschaft wendet sich nun brüskiert ab, zieht sich zurück hinter ihre buntbestrahlte Lamellenwand, bis die verbliebene Band Baals Selbstmitleid gänzlich übertönt. – Und im Stammhaus Radebeul haben die ersten aus dem Publikum diese Inszenierung bereits empört verlassen.

Warum, ist eigentlich nicht so ganz klar. Denn Baals Stationen, vom Salon übers Wirtshaus, eine Travestiebar bis hin zum Schlafzimmer, sind alle samt sehr ideenreich, witzig und vollgepackt mit Andeutungen umgesetzt. Die Stimmungen auf der Bühne wechseln in bunten Farben – ein vielfältiger Reigen aus Musik, Licht und gutem Schauspiel, bei dem immer wieder ein paar (auch vulgäre) Textausschnitte Brechts via Videoprojektion über die Kulissen flimmern. Theater hat an den Landesbühnen Sachsen wohl selten so viel Freude gemacht, wie in dieser Version von Brechts Jugendwerk, das hier vielleicht an vielen Stellen überzogen, dafür aber niemals langweilig wird.

Nein, bequem ist diese Inszenierung, die sich unzählige Freiheiten gestattet und dabei viel Raum zum Nachdenken lässt, ganz bestimmt nicht. Denn Retzlaff verzichtet in seiner letzten Inszenierung als Radebeuler Schauspieldirektor auf klare Wertungen, ebenso wie auf einen Mitleidsbonus für den wilden Antihelden Baal. Er setzt vielmehr auf die Phantasie seines Publikums, das hier frei nach Belieben Analogien ziehen darf – und auch kann.

Nicole Czerwinka

„Baal“ an den Landesbühnen Sachsen, wieder am 27.4., 19.30 Uhr im Stammhaus Radebeul, am 8.5., 19.30 Uhr im Theater Meißen und am 06.06., 19.30 Uhr im Stammhaus Radebeul

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DDR-Opern wachgeküsst

Neue Reihe enrkundet alte Werke

Auf den ersten Blick verbindet den Sänger Guido Hackhausen (Foto: PR) eigentlich nicht viel mit der DDR. 1971 in Wuppertal geboren, studierte er Gesang sowie Musik- und Theaterwissenschaften in Berlin, bevor es ihn 2001 dann als Sänger nach Sachsen verschlug. Seit 2007 ist er als Tenor an den Landesbühnen Sachsen engagiert, und weil er die Arbeit auf der Bühne gern mit ein wenig Wissenschaft würzen wollte, begann er schließlich 2010 die Arbeit an seiner Promotion. „Ich wollte mich dabei auf einen Bereich beschränken, mit dem ich durch das Musiktheater auch praktisch schon in Berührung gekommen bin“, sagt Guido Hackhausen.

Und so kam es, dass der Sänger die Opern der DDR in den 70er und 80er Jahren neu entdeckte. „Zunächst dachte ich, dass ich eine Art Semiotik des Widerstands in den Werken, die in der DDR uraufgeführt wurden, finden müsste“, erzählt er, „doch das ist der falsche Ansatz. Man muss diese Opern aus sich selbst heraus betrachten.“ Etwa zehn bis 15 DDR-Opern habe er inzwischen eingehend analysiert. Es seien nicht immer große Meisterwerke, allerdings sind sie wesentlich rezipierbarer als die Musik, die zur gleichen Zeit in der Bundesrepublik entstand. „Und einige sind es durchaus wert, wieder einmal gespielt zu werden“, findet der Landesbühnen-Tenor. Ebenso wie die Opern selbst – etwa „Bill Brook“ von Rainer Kunad – sind jedoch auch deren Komponisten bei Theatern und Publikum nach 1989 weitgehend in Vergessenheit geraten. „Ich dachte, man müsste diese zeitgeschichtlich sehr interessanten Werke wieder auf ein Konzertpodium bringen“, sagt Hackhausen.

In Zusammenarbeit mit der Dresdner Hochschule für Musik „Car Maria von Weber“ (HfM) hat er daher unter dem Titel „MUSIKzonenMUSIK“ eine neue Konzertreihe an den Landesbühnen ins Leben gerufen. „Das soll gar nicht nostalgisch sein, sondern eher zeigen: Welche Musik hatte diese Zeit. Es geht uns darum, die Opernmusik der DDR vorurteilsfrei zur Diskussion zu stellen“, sagt er. Schließlich sind gerade an dem Radebeuler Theater einst zahlreiche Uraufführungen gespielt worden. Eine davon war die Oper „Reise mit Joujou“ von Robert Hanell. Sie hatte 1976 Premiere in Radebeul – und Regie führte damals Andreas Baumann, der heute die Opernklasse an der HfM leitet. So schließt sich denn beim Auftakt zur neuen Konzertreihe am 27. Oktober auch einmal mehr der Kreis, wenn heutige Musikstudenten der Dresdner Hochschule zusammen mit den Sängern der Landesbühnen und der Elbland Philharmonie Sachsen in Radebeul die längst vergessenen Opernschlager aus der DDR konzertant wieder zum Leben erwecken.

Nicole Czerwinka

„MUSIKzonenMUSIK“ an den Landesbühnen Sachsen, Stammhaus Radebeul, Auftakt am 27.10., 19 Uhr, öffentliche Probe am 26. Oktober

 

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