Innerlichkeit in pastellenen Tönen

Die Landesbühnen Sachsen zeigen Massenets Oper „Werther“ als feinsinniges Liebesdrama

Zwei Seelenverwandte und eine Liebe, die im Selbstmord gipfelt – Goethes berühmter Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ gehört zu den unangefochtenen Klassikern der Weltliteratur. Die Landesbühnen Sachsen bringen den Stoff in Form von Jules Massenets Oper „Werther“ (Foto: Carsten Beier) auf die moderne Musiktheaterbühne und locken damit zur Premiere auch viel junges Publikum in den Saal.

Ob das der richtige Zugriff ist, um den Nachwuchs fürs Musiktheater zu begeistern, wird sich zeigen. Massenet setzt zwar auf Schönheit des Klangs, bietet dafür aber kaum Dynamik. Es plätschert bisweilen. Doch hat die Pariser Musiktheaterregisseurin Béatrice Lachaussée in Radebeul eine lichte, feinsinnige Inszenierung geschaffen, die die Akteure und ihre Leidenschaften intim ausleuchtet. Das Bühnenbild von Mara Lena Schönborn ist ein hoher, wandelbarer Raum. Ein Ort, der zugleich Begegnungen ermöglicht, aber auch Einsamkeit sichtbar macht. Hier sehen wir Lotte mit ihrer Geschwisterschar am Tisch sitzen, schauen den Kumpanen des Amtsmanns beim Trinkgelage zu, werden Teil der Feier zu einer Goldenen Hochzeit – und Zeuge einer der berühmtesten Geschichten der deutschen Literatur.

Werthers Begegnung mit Lotte wird in der Musik von Massenet besonders fühlbar, der die Elbland Philharmonie Sachsen unter der Leitung von Hans-Peter Preu viele zauberhafte Momente und Facetten abgewinnt. Das Orchester schwelgt bisweilen fast märchenhaft, es verleiht der Handlung Spannung, selbst wenn sich manche Szenenbilder zu wiederholen scheinen, denn leicht ist es nicht, die intime Innerlichkeit des Briefromans im Spiel sichtbar zu machen. 

Massenet bedient sich dafür eines klugen Mittels: Die Stimmen der Kinder werden durch den Chor zum fast engelsgleichen Gesang. Ein zartes Beben und Raunen, das der Handlung eine transzendente Ebene verleiht, wobei in Radebeul der Kinderchor des Gymnasiums Coswig und die Kapellknaben Dresden (Leitung Fanny Kaufmann und Jörg Hempel) mit ihrem klaren Gesang bezaubern.

Solistisch liegt das Augenmerk vor allem auf Werther und seiner Charlotte, wobei Aljaž Vesel in der Partie des Werther die wohl eindrücklichste Entwicklung durchlebt. Fehlt es ihm besonders anfangs manchmal am lyrischen Gespür für die Musik, so gerät sein Liebes- und Lebenskampf später dafür umso kraftvoller und packender. Mit Ylva Gruen hat er eine entzückende Charlotte an seiner Seite, eine Besetzung wie aus dem Roman geschnitten. Stimmlich wie darstellerisch verführt sie nicht nur „ihren“ Werther, sondern auch das Premierenpublikum mit ihrem warmen, klaren Mezzosopran.

Lottes rationalem, fürsorglichen Albert verleiht Johannes Wollrab klare Konturen, während Michael König den Amtmann als herzlichen Vater zeigt. Der lebhafte Kontrapunkt in der Familie ist Charlottes Schwester Sophie. Anna Maria Schmidt bringt sie mit großer stimmlicher Präsenz als unbeschwerten Sonnenschein auf die Bühne und gibt den geselligen Szenen zusätzlich Schwung, während die Beziehung zwischen Lotte und Werther allmählich auf den verhängnisvollen Endpunkt zusteuert. Florian Neubauer und Do-Heon Kim spielen als trinkfreudige Freunde des Amtmannes eher am Rande, dafür mit viel Enthusiasmus.

Das Bühnenbild deutet die Jahreszeiten an. Es schneit, als Werther stirbt. Tanzte er nicht eben noch mit Lotte im hellen Septemberlicht? Der Blick auf die Natur ist zentral in Goethes Text und verhilft der Inszenierung für einen Augenblick zu philosophischer Tiefe. Dies bleibt jedoch, ebenso wie die Themen Religion und Freiheit, bloß eine vage Andeutung. Die Oper ist ganz dem Leiden an der Liebe verschrieben, weil Musik vielleicht nichts besser auszudrücken vermag als das. Genau das tut sie an den Landesbühnen Sachsen voll und innig – und macht den Abend so zu einer berührenden Wiederbegegnung mit Goethes Werther.

Info: „Werther“ an den Landesbühnen wieder am 20., 25. November und 3. Dezember

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