Vom bitteren Ende eines schönen Traums

Verdis „La Traviata“ verführt das Publikum an der Semperoper

Das Glück ist vergänglich wie eine schöne Opernaufführung, die uns traumähnlich gefangen nimmt und mit erfüllten Herzen auf schattige, regennasse Straßen entlässt. Vielleicht wollte Giuseppe Verdi mit seiner „La Traviata“ (Fotos: Semperoper Dresden/Ludwig Olah) ja wirklich nicht viel mehr sagen als das: Genieße das Leben in vollen Zügen, bevor es zu Ende ist. Regisseurin Barbora Horáková Joly jedenfalls macht die Vergänglichkeit zum Thema ihrer Neuinszenierung an der Dresdner Semperoper.

Das Ende ist hier bereits zu Beginn allgegenwärtig: Wir sehen Violetta in einem düsteren Raum vor ihrem Sterbebett, noch bevor sich der Vorhang öffnet und die lebendige Welt eines Pariser Varietés aus dem 19. Jahrhundert offenbart. Violetta ist der Star in diesem Cabaret. Elegant, schillernd und selbstbewusst macht sie sich zunächst nichts aus den Worten Alfredos, der sich in sie verliebt hat. Doch im Schatten ihrer Angst vor fortschreitender Krankheit und Tod bemerkt sie, wie sehr sie sich nach dieser Liebe sehnt. Unnötig zu sagen, dass auch diese nicht von Bestand sein wird.

Vom ersten Augenblick an verzaubert Nina Minasyan in der Partie der Violetta. Ihr warmer, wandlungsfähiger Sopran verleiht der Protagonistin emotionale Tiefe und Plastizität. Das große Varieté, das sich im Bühnenbild von Eva-Maria van Acker wie ein buntes Karussell des Vergnügens dreht und die düstere Realität des Alltags ausblendet, ist an diesem Abend auch Minasyans Bühne – und die füllt sie spielend, indem sie Violetta mit Leidenschaft und einem präzisen Gespür für feine Nuancen ausstattet. Innere Zerbrechlichkeit und äußere Stärke stehen nicht in Widerspruch, sondern verleihen der Partie etwas zeitlos Menschliches.

Violetta als Star des Cabarets (Foto: Semperoper Dresden/Ludwig Olah)

Barbora Horáková Joly sucht in ihrer Inszenierung bewusst diese Kontraste. Auf der einen Seite das Varieté als riesige Party, auf der Champagnerkorken knallen und Goldregen rieselt. Es wird getanzt, getrunken und rauschhaft geliebt. Doch zugleich wartet hinter der Bühne schon die Endlichkeit als verlässlicher Begleiter allen Seins. Selbst in dem Moment als Violetta und Alfredo das kurze gemeinsame Glück genießen, lauert der Tod heimlich unter dem Bett – personifiziert durch Mick Morris Mehnert, der eben noch als Conférencier die Geschicke der Show führte.

Der Wechsel bestimmt die Ästhetik des Abends. Das findet seine Entsprechung in Verdis Musik, der die Sächsische Staatskapelle Dresden etwas ungeahnt Elegantes verleiht. Am Pult gibt zur Premiere der italienische Dirigent Leonardo Sini sein Hausdebüt. Unter der Leitung des 32-Jährigen schwelgt das Orchester beinahe im Flüsterton. Sini verzichtet auf Pathos und Wucht, betont die Natürlichkeit des Klangs und lässt die Kapelle zum feinsinnigen Erzähler werden. Die dramatischen Stellen wirken dadurch nur umso packender. Das ist wahre Gänsehautmusik!

Komplettiert werden Orchester und Ensemble von einem großartigen Chor und Ballett (Chor: André Kellinghaus, Choreografie: Juanjo Arqués), die für lebendige Varieté-Stimmung auf der Bühne sorgen. Diese opulenten Szenen erhellen den Abend wie kurze Blitzeinschläge der Ausgelassenheit. Dazwischen nimmt das Drama seinen Lauf, als Alfredos Vater Giorgio Germont Violetta um die Trennung bittet.

Alfredo und Giorgio (Foto: Semperoper Dresden/Ludwig Olah)

Alexey Markov wirkt als Giorgio wie der ebenbürtige Gegenpol zu Nina Minasyan. Er strahlt noble Autorität aus, fast wie ein Magier. Ist er nur strenger Patriarch oder zugleich gütiger Ratgeber? Beschützer oder Zerstörer einer Liebe, die für Violetta zum Lebensquell geworden ist? Markovs durchdringender Bariton ist enorm differenziert im Ausdruck und so voller emotionaler Wärme, dass man Violettas Entschluss zum Verzicht beinahe verstehen kann.

In dieser Dreierkonstellation wirkt Alfredo bald wie der Außenseiter. Liparit Avetisyan bringt ihn als entschlossenen jungen Mann auf die Bühne, in Jeans und Hemd (Kostüm: Annemarie Bulla) könnte man ihn leicht für den netten Kerl von nebenan halten. Der Tenor überzeugt mit stimmlicher Agilität und hoher Präsenz, obgleich ihn die Inszenierung schlussendlich zur Passivität zwingt und keine Möglichkeit zur Entwicklung gibt. Alfredo muss sich den Entscheidungen der anderen beugen, ob er will oder nicht.

Sein Wiedersehen mit der sterbenden Violetta am Schluss bleibt konsequent im Dunkel, distanziert. Es findet wohl nur noch in ihrer Phantasie statt. Ein letzter schöner Traum, der vergeht wie die Musik, die Oper und das Leben. Am Ende gibt’s zur Premiere stehende Ovationen und minutenlangen Applaus – wie als Beweis dafür, dass die Welt solch schöne Träume dringend braucht.

Verdi „La Traviata“ an der Semperoper wieder am 6., 9., 12., 15., 21., 23. 27. und 30. Oktober 2022

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