Psychologisches Kammerspiel auf Messers Schneide

Hörtipp des Monats: Dresdner Kammerchor mit „Johannespassion“

Ein musikalisches Mammutprojekt steht kurz vor seinem Abschuss: Der Dresdner Kammerchor hat sich mit dem 13. Teil seiner Heinrich-Schütz-Gesamteinspielung – der ersten landesweit überhaupt – im Anschluss an das Jubiläumsjahr 2015 gleichsam selbst beschenkt. Das Scheibchen ist erneut bei Carus erschienen und vereint Heinrich Schütz’ „Johannespassion“ mit dem „Kyrie eleison“, „Unser Herr Jesus Christus in der Nacht, da er verraten ward“ und „Ach Herr, du Sohn Davids“ – also gleich vier geistliche Werke, die den Leidensweg des Menschen in Zeiten der Bedrohung und Angst widerspiegeln.

Sie werden vom Dresdner Kammerchor unter der Leitung von Hans-Christoph Rademann klangschön wiederentdeckt. Die Sänger Jan Kobow und Harry van der Kamp agieren hier äußerst feinsinnig und präzise, stimmlich stets auf Messers Schneide, sodass man sich kaum entziehen kann. Musikalisch bis auf Tiorba (Lee Santana), Violone (Frauke Hess) und Organo (Ludger Rémy) ganz auf den intensiven Gesang reduziert, präsentiert der Chor Schütz’ „Johannespassion“ als psychologisches Kammerspiel, das bis heute nichts von seiner Eindringlichkeit eingebüßt hat. Das freilich merkt nur, wer sich auch bis zuletzt auf den Gesang einlässt, wer es nicht verlernt hat, still zu lauschen und dem Geschehen in der Musik zu folgen.

Der Einspielung der „Johannespassion“ ist eine intensive Beschäftigung mit der Wirkungsgeschichte von Schütz’ Passionsvertonungen vorausgegangen, in der der Chor gar Parallelen von Schütz’ Lesart zu der von Michael Bulgakow in seinem Roman „Der Meister und Margarita“ auftut. Das mag auf den ersten Blick weit her geholt klingen, stellt die eindringliche Musik jedoch spannungsvoll in Beziehung auch zu totalen Machtverhältnissen in der Gegenwart. Eine spannende Entdeckungsreise ist beim Hören also garantiert, nicht nur zu Ostern!

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