Andreas Kriegenburg inszeniert Mozarts „Don Giovanni“ an der Semperoper Dresden

Ein Penthouse in New York, halbnackte Frauen liegen überall im Wohnzimmer, in ihrer Mitte: der Verführer und Lebemann Don Giovanni. Er wechselt die Liebhaberinnen öfter als die Unterhosen, kennt keine Skrupel, stellt die Beziehungen der anderen auf unerbittliche Proben – und keine Dame ist vor ihm sicher. „Don Giovanni“ (Fotos: PR/David Baltzer) ist ohne Zweifel die radikalste, auch brutalste Figur, die Mozart in den drei gemeinsamen Opern mit seinem Librettisten Lorenzo da Ponte auf die Bühne brachte. Nach „Cosi fan tutte“ und „Le nozze di Figaro“ beschließt das Stück aus dem Jahr 1787 nun in einer stimmigen Inszenierung von Andreas Kriegenburg den neuen Da-Ponte-Zyklus an der Semperoper Dresden.

Es ist ein spannender Mozartabend, der klug die Waage zwischen unbeschwerter Leichtigkeit und düsterer Tragik hält. Dabei geht es viel weniger um Schuld, als vielmehr um verschiedene Liebes-, und Lebenskonzepte, um Eifersucht, Wut, Sehnsucht und Begierde, die sich in wechselnden Konstellationen gegenüber stehen – und Giovanni als den personifizierten Schwachpunkt eigentlich aller Figuren am Ende einkreiseln.

Modern mit musikalischen Überraschungen

Ein heutiges Stück, von Kriegenburg bewusst in moderne Atmosphäre getaucht. Das gilt auch musikalisch: Am Pult der Sächsischen Staatskapelle Dresden steht erneut Omer Meir Wellber, der schon die „Cosi“ 2014 und auch den „Figaro“ 2015 keck mit gestalterischen Überraschungen würzte. Er lässt die Staatskapelle im „Giovanni“ zur einfühlsamen Erzählerin werden, ohne den Sängern die Show zu stehlen. Das Ensemble stellt die Protagonisten. Doch die Musik weiß mehr. Die Ouvertüre erklingt mehr schwebend als donnernd, und trotzdem immer mit Bodenhaftung. Am Ende des zweiten Aktes spitzt sich das Ganze dramatisch zu wie im Krimi – dazwischen flirrt und knistert immer wieder die Lust auf Verführung, gepaart mit vibrierender Sehnsucht und der Wucht des Verhängnisses. Der Einfallsreichtum in der Musik kennt keine Grenzen – das ist nicht nur bei Mozart so, sondern wird in Wellbers Dirigat noch verstärkt: Dezent flicht er kleine Pfiffigkeiten ein, begleitet etwa ein Rezitativ mit plätschernder Klaviermusik wie im Restaurant oder lässt ein paar einzelne Bläser das Geschehen auf der Bühne kommentieren. Die Musik bekommt dadurch ein Eigenleben, das das Geschehen auf der Bühne dezent kommentiert – und das Stück wohltuend vom Staub alter Aufführungstraditionen befreit.

Don Giovanni. Autor / Komponist: Wolfgang Amadeus Mozart. Musikal. Ltg.: Omer Meir Wellber. Insz.: Andreas Kriegenburg. Buehne: Harald Thor. Kostueme: Tanja Hofmann. Chor: Joern Hinnerk Andresen. Ort: Semperoper Dresden. Premiere: 12. Juni 2016. Copyright: david baltzer / bildbuehne.de. SaengerInnen: Lucas Meachem / Don Giovanni u.a..
Don Giovanni (Lucas Meachem)

Doch kommen wir zu den Protagonisten: Ein Ensemble wie aus dem Bilderbuch. Da ist dieser Giovanni, dem Lucas Meachem mit seinem kräftigen Bariton enorme Präsenz verleiht. Einer, der kriegt, was er will, der im Zweifel selbst vor Mord nicht zurückschreckt. Das ist kein Charmeur und kein Adonis, sondern eher einer vom Typ Bär, ein mächtiger Kerl, dem man sich nicht widersetzt und der mancher Frau als Beschützertier wohl auch imponiert. In seiner unerbittlichen Art, bloße Begierde zu stillen, ist er allerdings zu tiefen Beziehungen unfähig, ein Verführer, der immer wieder die Grenze zum Verbrecher überschreitet. Sein Diener Leporello wäre gern wie Don Giovanni und ist gleichzeitig genervt davon, immer für seinen Boss in die Presche springen zu müssen. Er wird von Giovanni herumgeschubst, später sogar von Zerlina gefesselt. Doch Guido Loconsolo verleiht diesem ewigen Diener dennoch Format, gibt den Gehilfen mit Charme.

New York statt Italien

Es ist nicht das glutheiße Spanien, sondern eher das fesche New York, in dem Kriegenburg die Handlung ansiedelt, eine Modelagentur in der Stadt der schnelllebigen Moden. Hier schreiten die Mädels in Pumps und Mini (Kostüm: Tanja Hofmann) durchs lichtdurchflutete Wohnzimmer. Leporello hat Giovannis Trophäen auf zwei langen Beinen sorgfältig in einen Katalog auf dem Tablet gebannt.

Don Giovanni. Autor / Komponist: Wolfgang Amadeus Mozart. Musikal. Ltg.: Omer Meir Wellber. Insz.: Andreas Kriegenburg. Buehne: Harald Thor. Kostueme: Tanja Hofmann. Chor: Joern Hinnerk Andresen. Ort: Semperoper Dresden. Premiere: 12. Juni 2016. Copyright: david baltzer / bildbuehne.de. SaengerInnen: Lucas Meachem / Don Giovanni, Maria Bengtsson / Donna Anna, Peter Sonn / Don Ottavio, Christina Bock / Zerlina, Evan Hughes / Masetto, Aga Mikolaj / Donna Elvira und Michael Eder / Il Commendatore u.a..
Don Giovanni: Lucas Meachem und Christina Bock.

Doch dann fährt die Bühne von Harald Thor plötzlich nach oben und darunter kommt eine Art Kellergewölbe zum Vorschein, düster im Vergleich, mit Kerzenleuchtern und Tischen wie im Restaurant. Im Kerzenlicht wird gefeiert, Hochzeit von Zerlina (Christina Bock) und Masetto (Evan Hughes), was Giovanni natürlich nicht abhält, sein wildes Spiel weiter zu spielen. Langsam tastet er sich vor, macht die Braut neugierig. Das Duett, das daraus entsteht, ist betörend. Christina Bock zeigt die Zerlina in ihrer ganzen Ambivalenz, lässt Begierde, süße Liebe und Sehnsucht in ihrer Stimme schillern, immer hin und hergerissen zwischen Vernunft und Verlangen. Entzückend, wie sie ihren Mann Masetto im zweiten Akt mit etwas Schlagsahne für kurze Zeit wieder gefügig macht.

Don Giovanni. Autor / Komponist: Wolfgang Amadeus Mozart. Musikal. Ltg.: Omer Meir Wellber. Insz.: Andreas Kriegenburg. Buehne: Harald Thor. Kostueme: Tanja Hofmann. Chor: Joern Hinnerk Andresen. Ort: Semperoper Dresden. Premiere: 12. Juni 2016. Copyright: david baltzer / bildbuehne.de. SaengerInnen: Lucas Meachem / Don Giovanni und Aga Mikolaj / Donna Elvira u.a..
Don Giovanni: Lucas Meachem und Aga Mikolaj.

Maria Bengtsson hingegen gibt eine mehr sehn- als rachsüchtige Donna Anna, erfüllt von bitter süßem Schmerz, wenn sie daran denkt, was Giovanni ihr doch eigentlich angetan hat. Die stimmlich stärkste und wandlungsfähigste Frau im Bunde ist jedoch Aga Mikolaj als Donna Elvira. Anfangs noch vom Schmerz und Sehnsucht nach Giovanni getrieben, entblößt ihr kräftiger, facettenreicher Sopran unbändige stimmliche Leidenschaft in der stolzen Arie im zweiten Akt. Zur Retterin wird Giovannis wird auch sie jedoch nicht. Denn anders als in meisten Mozart-Opern krankt der Titelheld an seiner eigenen Überheblichkeit und muss im Fegefeuer büßen. Kriegenburg gestattet da auch keine Kompromisse. Schluss, aus, Ende. Bravo!

Wolfgang Amadeus Mozart: „Don Giovanni“ an der Semperoper Dresden, wieder am 16., 18., 24. und 29. Juni

Weitere Kritiken: Manuel Brug im Blog DIE WELT, Martin Morgenstern in Musik in Dresden und dpa in Musik Heute

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