„Le nozze die Figaro“ an der Semperoper Dresden

Ein Graf, der die Finger nicht von seinen Bediensteten lassen kann, das Recht der ersten Nacht, und das Aufbegehren des Personals gehen die gräfliche Herrschaft – auf den ersten Blick bietet Mozarts Oper „Die Hochzeit des Figaro“ (1786) nicht viel, was sich fürs Publikum heute noch nachvollziehbar inszenieren ließe. Dabei ist die Oper (Fotos: PR/Matthias Creutziger) so zeitlos wie kaum eine zweite, erzählt sie doch vom Spiel mit der Macht, in dem oft die Würfel gerade durch Liebe und Gefühle fallen. Der Regisseur Johannes Erath jedenfalls sieht es so und hat die Neuinszenierung des Stücks an der Semperoper Dresden zu einer pfiffigen Wiederbelebung jenes Stoffes gemacht, dessen Libretto auf ein Schauspiel von Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais zurückgeht, das so gesellschaftskritisch war, dass es in Frankreich einst gehörig von der Zensur zerrupft wurde.

Harlekinade im künstlichen Rampenlicht

In genauer Rückschau auf diese Vorlage setzt er das Opernlibretto von Lorenzo da Ponte nun auf eine breitere Grundlage, inszeniert das showartige Intrigieren der höfischen Gesellschaft nun als Spiel. Im ersten Akt ist dies noch ein reines Maskenspiel, eine Harlekinade einander gleichender Figuren, die eifrige Bühnenarbeiter immer mal wieder ins rechte Rampenlicht rücken – ein putziger Auftakt. Spätestens im zweiten Aufzug entpuppt sich das Ganze jedoch als äußerst verspielte Inszenierung, in der Kostüme und Kulissen (Kostüm: Birgit Wentsch, Bühne: Katrin Connan) nach Belieben wechseln, die es sich sogar erlaubt, dass Figaro die Kapelle einfach per Fingerschnipp stoppt – und anknipst wie ein Radio. Das sind Details, die auch heute noch Lust an alten Opern wecken, die einfach Freude machen, obwohl das Recht des Grafen auf die erste Nacht mit der Zofe Susanna im Jahr 2015 doch längst der Vergessenheit angehört.

Erath zaubert so einen erfrischend anderen „Figaro“, der ohne das typische Türenklappern auskommt, dafür das Spiel mit der Verkleidung gehörig aufs Korn nimmt. Richtig ernst nehmen kann man dieses Versteckspiel ja sowieso nicht, also nimmt es die Regie leicht, indem sie es augenzwinkernd als große Inszenierung in der Inszenierung zeigt. So hat man den „Figaro“ gewiss noch nicht gesehen – und auch nicht gehört! Schon in der Ouvertüre lässt Omer Meir Wellber am Pult der Sächsischen Staatskapelle Dresden die Aufgeregtheit des „Tollen Tags“ erahnen, haucht der Musik seine ganze eigene Dramaturgie ein. Der Klang wirkt verschlankt, was die von Mozart angelegten Akzente in der Partitur jedoch noch verstärkt. Hinzu kommen flotte Cembaloimprovisationen, welche die Rezitative umspielen und zwischendrin sogar ein Marsch, ja auch in hörbarer Zeitlupe wird einmal gespielt.

Zachary Nelson gibt menschlichen Figaro

Das Sängerensemble fühlt sich in diesem bunten Experimentierfeld offenbar pudelwohl. Nicht jeder Moment ist dabei nur der drolligen Komödie vorbehalten. Sarah-Jane Brandon macht die Arie der Gräfin im zweiten Aufzug zu einem wunderbaren Gänsehautmoment – und Emily Dorn kann ihre Susanna von einem zarten Backfisch stimmlich hin zur selbstbewussten jungen Frau entwickeln. Auch Christina Bock singt sich als Cherubino sofort in die Herzen des Publikums. Zachary Nelson ist ein selbstbewusster, zum Ende hin aber immer mehr von Zweifeln an seiner Liebe gebeutelter und damit sehr menschlicher Figaro – er ist hier wohl überhaupt die natürlichste Figur im Stück. Christoph Pohl stellt den Grafen Almaviva dagegen in seiner ganzen fragwürdigen Ambivalenz zwischen Lustmolch und Respektsperson dar, dessen Machtanspruch in der kräftigen Stimme mächtig widerhallt.

In dieser flotten Konstellation steigern sich die Intrigenspiele und Inszenierungen von Aufzug zu Aufzug. Plätschert der erste Akt noch halbwegs gemächlich vor sich hin, so findet das Stück im vierten Akt schließlich seinen absoluten Höhe- und rasanten Umschlagpunkt. Hier werden die Figuren der Oper richtig menschlich, sind uns in ihren Gefühlen, in Eifersucht, Liebe und auch Leidenschaft plötzlich erstaunlich nahe. Es bereitet diebischen Spaß, diesem kecken Hin- und Her zuzuschauen, das in mancher Figaro-Inszenierung schon lahm bis langatmig daherkam. Am Ende muss natürlich kein Geringerer als der Graf um Verzeihung bitten, weil er seine Frau betrog, weil er Macht und Liebe von allen begehrte – und weil die Inszenierung in einer solchen Oper eben doch immer ein Happy End beinhaltet. Tobender Applaus, ja, und ein paar Buhrufe zur Premiere. Die dürfen an dieser Stelle getrost als Kompliment für eine gelungen zeitgemäße Inszenierung betrachtet werden!

Wolfgang Amadeus Mozart: „Le nozze die Figaro“ an der Semperoper Dresden, wieder am 25. Juni, 19 Uhr; 2. Juli, 19 Uhr und am 4. Juli, 19 Uhr

Ein Gedanke zu „Das schöne Spiel um Liebe und Macht

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