Was jetzt …?

Der Shutdown geht in die Verlängerung – zu Weihnachten ist das auch eine Chance

Wir schreiben den 30. November 2020. Der erste Monat im „Lockdown light“ geht heute zu Ende – und es ist wenig überraschend, dass die Beschränkungen auch in den folgenden Wochen, vielleicht gar für Monate, andauern werden. Das öffentliche Kulturleben der Stadt steht still. Zum ersten Mal seit 1945 muss der Striezelmarkt in diesem Jahr ausfallen. Und dennoch: Es geht uns gut!

Wir, die symptomfrei und quickfidel im Homeoffice sitzen, haben nichts zu Jammern. Die Zeiten sind hart für all jene, die erkrankt sind oder deren Existenz durch den Virus auf den Prüfstand gestellt wird. Sie sind hart für alle Pfleger, Krankenschwestern, für Ärzte und Klinikpersonal, die gerade kurz vor Weihnachten jetzt alles geben müssen. Corona ist eine Herausforderung für uns alle, weil wir angehalten sind, Kontakte einzuschränken, um den Schwächeren zu schützen. Der Mensch ist ein soziales Wesen, er braucht Kommunikation, das Gespräch mit anderen – und soll nun Verzicht üben.

Doch auch wenn wir es uns bis vor Kurzem nicht vorstellen konnten, wir werden diesen Winter ohne Marktzauber, Konzerte und Weihnachtstheater überleben. Unsere Bücherschränke sind gut gefüllt, die CD-Regale ebenso. Wir leben seit Jahrzehnten im Übermaß, Konsum bestimmt unser Glück. Das gilt auch für die Kunst. Eine Premiere jagt die nächste, die Spalten mit Konzertankündigungen in den Zeitungen quillen normalerweise um diese Jahreszeit über. Jeden Monat erscheinen neue Bücher, Filme, CD-Einspielungen. Hinzu kommen digitale Angebote, deren permanente Verfügbarkeit uns die Bibliotheken dieser Welt rund um die Uhr nach Hause holt. Ein bisschen wahllos erscheint das meist, als könne der Strudel der Angebote das Gefühl echten Lebens ersetzen. Das Gegenteil ist der Fall!

Was wäre falsch daran, sich zu Weihnachten einfach mal zu Hause einzuschließen und sich ganz auf sich selbst zu konzentrieren? Plätzchen backen, Sterne basteln, den Inhalt des eigenen Bücherregals lesend erkunden und dabei alle CDs aus dem eigenen Plattenschrank durchhören? Wenn wir heute damit anfangen, könnten die meisten von uns sicher noch mehrere Lockdown-Monate füllen, ohne das Ende der eigenen Sammlung erreicht zu haben. Auf welch interessante Erkenntnisse könnten wir stoßen, würden wir Goethe oder Schiller mit heutigen Augen lesen. Wie wundervoll könnte es sein, eine alte Lieblings-CD nach vielen Jahren wiederzuentdecken – oder die Plätzchenrezepte von Oma?

Und wenn wir damit fertig sind, fangen wir endlich an, selbst kreativ zu werden. Wir könnten unsere Tagebücher füllen und wieder Briefe schreiben. Gedanken zu Papier bringen, Gedichte erfinden. Wir könnten die Gitarre aus der Ecke hinterm Schrank zerren und die Noten dazu. Wir könnten singen, Papierflugzeuge aus dem Fenster schicken, stricken, häkeln, die Modelleisenbahn um den Esstisch fahren lassen. Wir könnten verrückte Dinge erfinden oder mit dem Fotoapparat besondere Momente festhalten. Der Winter kommt! Gehen wir hinaus und lassen uns von der Natur inspirieren!

Vielleicht ist das die größte Lehre, die wir aus diesem trüben Herbst mitnehmen können: uns selbst genug zu sein, indem wir selbst aktiv werden. Wenn dann irgendwann alles vorbei ist, werden wir die Welt mit anderen Augen sehen, wir werden wacher sein für die Bedürfnisse der anderen, werden mit geschärftem Blick im Theater sitzen, werden Musik neu hören. Einfach weil wir blinden Konsum ein paar Monate lang durch Besinnung ersetzt haben. Und welche Zeit wäre besser geeignet, damit anzufangen, als die Weihnachtszeit?

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