Scheitern als Konzept

Sebastian Hartmann inszeniert „Schuld und Sühne“ am Staatsschauspiel Dresden

Wenn Fjodor Dostojewskis „Schuld und Sühne“ am Staatsschauspiel Dresden gegeben wird, klingt das zunächst nach einem Klassiker. Die Inszenierung von Sebastian Hartmann allerdings ist alles andere als klassisches Theater. Es ist vielmehr eine düstere Performance mit Videoprojektion und Livemusik – alles in allem sehr frei nach dem Roman „Schuld und Sühne“ (Fotos: Sebastian Hoppe) in der Übersetzung von Swetlana Geier und unter Verwendung der „Rede zum Unmöglichen Theater“ von Wolfram Lotz in Szene gesetzt.

Samuel Wiese sorgt mit seinem psychedelischen Gesang anfangs für eine flirrende Atmosphäre. Daraufhin beginnt ein Monolog aus Gedankenfetzen. Zeit, Nebel, Einsamkeit. Aus Worten werden Wendungen, aus Wendungen Sätze – während sich die Zeituhr am Bühnenrand immer und immer wieder vom Jahr 0 bis 2019 dreht. Die ersten Besucher verlassen schon nach wenigen Minuten den Saal. Inzwischen huschen Bilder von Krieg und Grausamkeit über die Kulisse, alle in schwarz-weiß.

Passend zu dieser Ästhetik hat Adriana Braga Peretzki fledermausschwarze Kostüme entworfen, in denen ein einziges weißes Kleid unschuldig hervorblitzt. Die Bühne samt flexibel klappbarem Zelthaus wirkt wie eine leere Hülle aus Raum und Zeit, die mit wechselnden Fotos verschiedener Regime und Staatsmänner, allerhand dunklen Gedanken und mit Musik gefüllt wird. Das Ensemble zeigt Momentaufnahmen statt Figuren, Dialoge gibt es nicht, auch keinen Handlungsfaden.

Als kurzer Höhepunkt hängt zwischen all dem dann doch ein Stück Text von Dostojewski. Es ist die Einteilung der Menschen in außergewöhnliche und gewöhnliche, in Herrscher/Erfinder/Krieger und ihr „Material“, wie sie der Protagonist Raskolnikow im Buch vornimmt – mitreißend vorgetragen von Philip Lux. Das war’s dann auch. Kein Wunder also, dass bis zum Ende der Vorstellung noch weitere Besucher aus dem Saal flüchten.

Zweifelsohne: Die Inszenierung ist ein Appell, die Welt besser zu machen, „Schuld“ und damit die Chance zur „Sühne“ gar nicht erst aufkommen zu lassen. Oder Verbrechen und Strafe, wie Swetlana Geier es übersetzt hat. Hartmann untersucht den Text nach Motiven und Assoziationen, will ergründen, was den Menschen zum Töten bringt. Er tut dies mit der ihm eigenen Radikalität und Provokation, offenbart einen ungeschönten Blick auf die Dinge: Hoffnungslos. – Und allzu plakativ.

Das Scheitern wird bei ihm zum Konzept. Immer begleitet von der Kamera (Thomas Schenkel und Diana Stelzer), zeigt er eine bedrückende Welt aus Schuld, in der Opfer wie Täter in Echtzeit auf den Bildschirmen agieren. Mag es auch klug gedacht sein, als Theaterinszenierung trägt es nicht. Selbst mit dem Zusatz „nach Dostojewski“ bleibt das Stück eine fiese Mogelpackung, solange der performative Charakter nirgends erwähnt wird. Offenbar hat sich das seit der Premiere im Mai 2019 in Dresden längst herumgesprochen. Sagten wir schon, dass der Saal am Mittwoch (21.2.20) nur halb besetzt war?

„Die Fiktion soll die Wirklichkeit verändern“, heißt es am Ende, zitiert nach Wolfram Lotz. Dieser fahle Abspann setzt dem Ganzen die Krone auf, wirkt er doch wie eine Rechtfertigung des Regisseurs. „Der Mensch gewöhnt sich schließlich an alles“, heißt es irgendwo im Stück. Hoffentlich nicht an Theater ohne Schauspiel!

Info: Fjodor Dostojewski „Schuld und Sühne“ am Staatsschauspiel Dresden, wieder am 23. Februar, 19 Uhr

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