„Le Grand Plaisir“ als Zeitenspiegel

An der Staatsoperette weht mit der Revue „Hier und Jetzt und Himmelblau“ ein belebend frischer Wind

Chapeau! Der Einstand für die neue Intendantin der Staatsoperette Dresden, Kathrin Kondaurow, ist wirklich gelungen: Mit dem Auftragswerk „Hier und Jetzt und Himmelblau“ bringt sie erstmals eine Revue ins Kraftwerk Mitte – und entdeckt damit ein vergessen geglaubtes Genre auf erfrischende Weise neu. Ja, diese Revue (Fotos: Pawel Sosnowski) ist wie ein knallender Champagnerkorken zur Spielzeiteröffnung. Sie ist ein Zeitspiegel. Und was es alles darin zu entdecken gibt!

Szenen und Texte stammen von Regisseur Jan Neumann, der in einer famosen Mischung aus Musik, Ballett, Sketchen und Akrobatik nicht nur ins pralle Leben eintaucht, sondern einen tiefen Blick in die Herzen der Menschen gewährt. Mit einem Augenzwinkern nimmt er ihre Sorgen und Schwächen aufs Korn, wobei er auch das Theater selbst, das Genre der Operette, das Verharren im Gestern wie das Hadern mit dem Heute zum Thema macht.

Im fiktiven Revuetheater „Le Grand Plaisir“ lässt Neumann Ehepaare, Junggesellen, Ärzte, Busfahrer, Immobilienmakler und Touristen aufeinandertreffen. Schnell fühlt sich der Zuschauer hier zu Hause, obgleich er in den Reihen des Saals und nicht an einem der Tische auf der Bühne Platz nimmt. Cary Gayler hat sie in ein lauschiges Lokal verwandelt, in dem glamouröse Kulissen mit phantasievollen Einblicken in die Seelen der Anwesenden wechseln. Humorvoll, bisweilen drastisch und rasant geht es zu, wobei sich zwischen furiose Ballette und Gesangseinlagen in den 20 Szenen auch immer wieder der eine oder andere nachdenkliche Moment schmiegt.

Mit funkensprühendem Charme verleiht das Ensemble den verschiedenen Protagonisten, die stets die Suche nach dem Glück eint, einprägsame Gesichter. Bryan Rothfuss gibt den auf Ordnung bedachten Platzanweiser, der in Straps und Strümpfen bald heimliche Sehnsüchte offenbart. In der Nacht ist der Mensch eben nicht gern alleine. Hauke Möller berührt als singender Bühnenarbeiter, welcher kurz vor Beginn der Show im „Le Grand Plaisir“ mit „Nur die Eine“ von einer ganz anderen Karriere träumt. Silke Richter beweist als frustrierte Busfahrerin großes kabarettistisches Talent – und wünscht sich statt plärrender Touristen und Schokolade lieber einen Mann. Ingeborg Schöpf bekommt als Marschallin aus dem „Rosenkavalier“ mit „Die Zeit, die ist ein sonderbar‘ Ding“ ein einfühlsames Solo, das einmal ganz ohne Bildzauber auskommt. – Eine schöne Hommage an die große Sängerin der Staatsoperette Dresden. Und auch die Neuen haben einiges zu bieten: Steffi Lehmann weiß als besorgte Mutter, mondäne Chanelfrau und pfiffige Statistikerin zu überzeugen. Dimitra Kalaitzi wird mit „Sexappeal“ und als geplagte Verwaltungsfachangestellte flugs zum Favoriten der Show.

Jan Neumann versteht es, das Publikum mitzunehmen auf eine Reise in die Welt des Theaters, die am Ende ja doch bloß ein buntes Abbild des grauen Alltags ist. Die wundersame Welt seiner Revue überrascht dabei immer wieder aufs Neue, sei es mit einem plötzlichen Blick auf die Hinterbühne, mit einem hintersinnigen Dialog über die „Sehnsucht nach der Ästhetik einer Diktatur“, mit großen Bildern oder eben mit der Musik. Neben Gassenhauer wie „Ich brauche keine Millionen“ gesellen sich wie selbstverständlich Entdeckungen wie das Trio „Ô Mon Bel Inconnu“ aus der gleichnamigen comédie musicale von Reynaldo Hahn und Sacha Guitry. Operette trifft auf Filmmusik, auf Jazz, Schlager, Oper bis hin zu Pop von Wincent Weiss. Zahlreiche Arrangements stammen von dem Dresdner Komponisten Sven Helbig, der mit dem Chorstück „A Tear“ und der Komposition „Gone“ aus seinen „Pocket Symphonys“ von 2013 auch eigenes beisteuerte und zwei zauberhafte Momente des Innehaltens koloriert.

Ja, es weht spürbar ein frischer Wind an der Staatsoperette Dresden. Doch pustet er liebgewonnene Eigenheiten des Hauses nicht einfach rücksichtslos davon, er belebt sie neu. Nicht nur im Ensemble, sondern auch im Orchester der Staatsoperette Dresden wird dies spürbar. Die Musiker verleihen den Szenen unter der Leitung von Andreas Schüller einen mitreißenden Sound. Sie agieren nicht nur im Graben: Als Band des „Le Grand Plaisir“ wurden Holger Miersch, Marco Chacon und Clemens Amme auf die Bühne entsandt, wo sie mit Keyboard, Kontrabass und Schlagzeug Laune machen.

Und so nimmt die Revue ihren Lauf, beobachtet von vielen aufmerksamen Augen, begleitet von so vielen Alltagsgeschichten am Rande, die uns tief ins Spiegelbild unserer Welt schauen lassen. In der Mitte aber sorgen aufwendige Ballette (Choreografie: Radek Stopka), glamouröse Bühnenbilder, ein agiler Chor (Einstudierung: Thomas Runge) und das vielseitige Ensemble für einen unterhaltsamen Abend, der wunderbar leichtfüßig auf der Schneide zwischen Komik und Ernsthaftigkeit balanciert, der unterhält, ohne abzuflachen – und Lust weckt auf eine neue Ära an der Staatsoperette Dresden.

#hierundjetzt

Info: „Hier und Jetzt und Himmelblau“ an der Staatsoperette Dresden, wieder am 10., 11., 12., 14. und 16.9. sowie am 26. und 27.10. und am Silvestertag (Restkarten)

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