Uwe Tellkamp und Durs Grünbein diskutierten heute im Kulturpalast

Es gibt sie noch, die innovativen Veranstaltungen in Dresden und Diskussionen, die spannender sind als jeder Sonntagskrimi. Die vom Kulturhauptstadtbüro „Dresden 2025“ initiierte Reihe „Streitbar!“ hat das heute im Kulturpalast eindrücklich vor Augen geführt. Auf dem Podium: die beiden Autoren Uwe Tellkamp und Durs Grünbein. Beide sind Dresdner, beide belesene, intelligente Beobachter, mit einem Unterschied: Tellkamp gehörte im Herbst zu den Unterzeichnern der von der Loschwitzer Buchhändlerin Susanne Dagen verfassten „Charta 2017“, die in drastischen Worten den Umgang mit „andersdenkenden Verlagen“ auf der Frankfurter Buchmesse kritisiert. Grünbein nicht.


Eine Woche vor der Leipziger Buchmesse lädt Dresden die beiden Autoren nun also zu einer Diskussion über die Grenzen der Meinungsfreiheit in den Kulturpalast ein – und zeigt sich dabei seit langem endlich wieder von seiner offenen, diskursfähigen Seite. Statt im Foyer muss die Veranstaltung im Konzertsaal stattfinden, so groß ist das Interesse der Besucher. Per Livestream wird die Diskussion zudem virtuell – mit 1080 Live-Aufrufen! – via Facebook übertragen. Diskurse wolle man anstoßen, ins Gespräch kommen, statt Gräben zu vertiefen, sagt Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch (LINKE) zum Auftakt des Abends.

Am Ende dauert die auf eine Stunde angelegte Veranstaltung mehr als doppelt so lange. Moderiert wird sie von Karin Großmann, Chefreporterin der Sächsischen Zeitung. Doch Großmann bleibt zeitweise recht stumm, während Tellkamp und Grünbein in freundlichem, aber bestimmten Ton Argumente vorbringen. Es ist keiner dieser klischeehaften Schlagabtausche, in denen Worthülsen durch den Saal fliegen, hier stehen sich vielmehr zwei starke Diskutanten gegenüber, die gut vorbereitet wirken, ihre Standpunkte klar verteidigen, sich immer wieder auch vorsichtig annähern, ohne es vielleicht selbst zu bemerken.

Die Frage „Wie viel Meinungsfreiheit halten wir aus?“ verhandeln sie jedoch weniger philosophisch, als vielmehr anhand von aktuellen Beispielen. Wobei Uwe Tellkamp die Rolle des kritischen Weltbeobachters einnimmt und schonungslos Missstände aufzeigt, während Durs Grünbein eher versucht, beschwichtigend zu erklären, sich auf pauschale Überspitzungen nicht einlassen will. Wenn Tellkamp den Mainstream in den Medien kritisiert, die Flüchtlingskrise als Härtefallbeispiel aufs Tapet holt und gegen die Zensur der Kunst wettert (die entsprechenden Meldungen aus jüngster Zeit hat er en Masse aus den Nachrichten gesammelt und bei Gelegenheit sofort parat), wirkt Grünbein wie ein differenzierter Beobachter, der  – durchaus nicht unkritisch gestimmt – lieber erst verschiedene Perspektiven einnimmt und Ereignisse aus diesen heraus scheinbar unaufgeregt einzuordnen versucht.

In seinem Statement zum Auftakt des Abends bezeichnet Grünbein die Meinungsfreiheit als die Grundlage der Demokratie, mit einem Blick auf die Antike beschwört er regelrecht die Werte dieser Gesellschaftsordnung – und lässt im gleichen Atemzug Kritik am Meinungsmonopol großer Verlage anklingen. Tellkamp zeigt sich dagegen empört über das Ossibashing großer Tageszeitungen, er verweist auf eine Studie der Otto-Brenner-Stiftung, die die tendenziöse Berichterstattung deutscher Medien in der Flüchtlingskrise nachgewiesen hat und wirft den Journalisten die Verdrehung von Kausalitäten vor: „Denn erst kam die Finanzkrise, dann kam die Flüchtlingskrise, die das noch verstärkt hat!“ Grünbein kontert, er habe keine alarmistischen Gefühle, obgleich er nicht unbedingt ein Befürworter der derzeitigen Regierung sei.

Wer dem Gespräch aufmerksam folgt, kann durchaus zarte Schnittpunkte zwischen beiden ausmachen. Doch es kommt an dem Abend nicht dazu, diese tiefer auszuloten. Die Stimmung ist angespannt, auch im Publikum vernimmt man (selbst im Stream) immer wieder sachtes Brodeln. Der Applaus für die beiden Diskutanten kommt zwar aus jeweils unterschiedlichen Ecken, hält sich jedoch ungefähr die Waage.

Spannend wird es, als sich das Gespräch zum Schluss tatsächlich ein wenig in Richtung Meinungsfreiheit dreht: „Es gibt einen Unterschied zwischen gewünschter und geduldeter Meinung. Ich darf meine Meinung zwar sagen, aber ich bekomme Ohrfeigen dafür. Zur Meinungsfreiheit gehört auch der Respekt vor anderen Meinungen“, stellt Tellkamp fest, bevor sich Grünbein für einen Wandel im politischen Diskurs und gegen „verbale Aufrüstung“ ausspricht. Das fühlt sich noch lange nicht nach Konsens an, bringt aber endlich ein offenes Gespräch auf die Bühne, das diese Stadt und die ganze Gesellschaft jetzt so dringend braucht. Ein Abend, der zum Nachdenken anregt, ohne aufzuregen geht damit zu Ende – in der Hoffnung, dass das erst der Anfang war!

Ein Gedanke zu „Diskurse made in Dresden

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