Wie zwei Dresdner Autoren bei Literatur Jetzt! die Zeit der Brücke-Künstler mit den 1968ern verbinden …

Die Dresdner Autoren Josefine Gottwald und Ralf Günther tun sich für ein Projekt zusammen: Ralf Günther liest aus seiner neuen Novelle „Die Badende von Moritzburg“ und Josefine Gottwald begleitet ihn an der Gitarre mit Liedern aus der Zeit der 1968er. Zu erleben ist das Programm am 11. November im Rahmen von „Literatur Jetzt!“, 19 Uhr im Japanischen Palais. Was es damit auf sich hat, erzählen die beiden im Interview.

Die Novelle „Die Badende von Moritzburg“ handelt von den Brücke-Künstlern und ihrer Lebensphilosophie. Worin lag damals die „Kunst des befreiten Denkens“?
Die „Kunst des befreiten Denkens“ ist nicht an eine Epoche gebunden, sie beschreibt das Abweichen von festgetretenen Pfaden. Die Möglichkeit, anders zu denken und zu handeln, als es schicklich und gebräuchlich ist. Dies schafft man nur mit mentaler Unabhängigkeit. Künstlertum besteht – zumindest in seinen intellektuellen und psychologischen Voraussetzungen – zum großen Teil aus dieser Unabhängigkeit. Für die Lebensreformer war das in diesem sehr prüden, den gesellschaftlichen Konventionen unterworfenen Wilhelminischen Zeitalter etwa der nackte, ungezwungene Umgang mit ihren Modellen beim Malen. Der notwendige Gegenentwurf in einer Zeit, da der Mann außer Haus nur mit Hut vollständig angezogen war und die Frau immer noch Korsett trug.

Seht ihr da Parallelen zur Gegenwart? Könnten wir das „befreite Denken“ wieder gebrauchen?
Jede Zeit braucht Kunst. Und Kunst ist befreites Denken. Natürlich gibt es befreites Denken auch außerhalb der Kunst, die Künstler sind wichtige – heute würde man sagen – „Multiplikatoren“, die anderen den Weg zum befreiten Denken öffnen. In Diktaturen ist befreites Denken natürlich viel schwieriger, aber auch in unserer Zeit gibt es sehr mächtige Einflüsse auf unser Bewusstsein, die unser Leben in bestimmte Richtungen lenken wollen. Zum Beispiel die Werbung, die uns dem Glücksversprechen durch Konsum verpflichten will. Das sorgt dafür, dass viele Menschen Glück mit materiellem Wohlstand verbinden, also nur zufrieden sein können, wenn sie konsumieren. Das ist ein schwerwiegender Eingriff in unser freies Denken und unser Bewusstsein.

In eurem Programm greifen Literatur und Musik ineinander. Wie bringt ihr Klang mit Sprache dabei in Kommunikation?
Sprache besteht wie Musik aus Klang und Rhythmus. Die Texte der Songs der 68er, vor allem auch Joan Baez‘ Texte, die Josefine in unserem Programm zum Klingen bringt, sind sehr tiefgründig. Einige stammen von Bob Dylan, einem Literaturnobelpreisträger. Der inhaltliche Zusammenhang zwischen der Lebensreform und 68 liegt in der Lebensphilosophie: Neue Wege, neue Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens, neue Beziehungsformen. Das geht bis in sehr detaillierte Positionen zum Ausleben von Nacktheit, von vegetarischer Ernährung, von autarker Versorgung zum Beispiel mit Kleidung … Da gibt es viele Parallelen. Die 68er würden das natürlich weit von sich weisen, zum Einen, weil einige Lebensreformer nach ganz rechts abgedriftet sind und Nazis wurden, zum anderen, weil sie denken, dass ihre Bewegung etwas völlig Neues war, was aber nicht stimmte: Das Gedankengut der 68er war bei den Lebensreformern schon um die Jahrhundertwende vorhanden.

Warum gerade der Rückgriff auf die 68er?
Die 68er sind uns heute sehr nahe. Das liegt vielleicht auch daran, dass die Zeit nun ein halbes Jahrhundert vergangen ist. Dennoch hat uns diese Bewegung geprägt wie keine andere in diesem halben Jahrhundert. Die Songs sind immer noch frisch, beinahe alle lebenden Generationen haben die bekanntesten davon im Ohr – und Josie interpretiert sie wunderbar. Unser Verhältnis zur Liberalität in der Gesellschaft, zur Sexualität, Toleranz und Demokratie, all dies ist mehr von den 68ern geprägt als von irgendeiner anderen Generation. Freilich gibt es auch einiges, was man kritisieren kann, z. B . in Fragen der Erziehung.

Wenn ihr heute durch Moritzburg spaziert, was geht euch durch den Kopf?
Wie herrlich diese Landschaft immer noch ist!

Termintipp: Literatur Jetzt! am 11.11.17 um 19:00 im Japanischen Palais Dresden

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.