Johannes Krams Monolog „Seite Eins“ regt am Theater Zittau zum Nachdenken über gute und schlechte Journalisten an

Journalisten, das sind doch alles Haie. Immer auf der Pirsch nach der nächsten Sensation, bis die Jagd nach Skandalen in dicken Lettern gedruckt auf der Titelseite endet. Marco jedenfalls ist so einer. Der eitle Protagonist aus Johannes Krams Theatermonolog „Seite Eins“ strickt sich seine Titelstory aus falschen Indizien einfach selbst, opfert dabei ein gerade aufflammendes Popsternchen auf dem Altar der boulevardesken Aufmerksamkeiten – und das alles, um dem Leser das zu bieten, was der doch angeblich am liebsten hat: eine richtig fette Story.

Der Autor Johannes Kram schrieb sein Stück lange bevor „Lügenpresse“-Rufe allmontäglich durch Dresdens Straßen dröhnten – und stellt damit auf erschreckend unterhaltsame Art jenen Typ Journalisten bloß, der sich dank Pressefreiheit als vierte Macht im Staate wähnt, die Schlagzeile am Ende aber doch höher gewichtet als die Moral. Uraufgeführt wurde es vor drei Jahren am Theater Gütersloh mit Ingolf Lück als Marco, bundesweit folgten weitere Inszenierungen. Am Gerhart-Hauptmann-Theater in Zittau führt Toni Burghard Friedrich nun Regie in der ersten sächsischen Auffürhung von „Seite Eins“.

Textgetreu zeigt er hier einen Journalisten am Rande des Wahnsinns, der sich berufen fühlt, beflissen aufzuklären, anzuprangern, die „Menschen hinter den Geschichten“ zu zeigen und damit – natürlich! – auch zu unterhalten. Was ihm dabei jedoch verloren geht, ist eben jener verantwortungsvolle Blick auf die Menschen, die er zum Mittelpunkt seiner Titelstorys macht. David Thomas Pawlak läuft in der Rolle Marcos (Fotos: PR/Pawel Sosnowski) am Premierenabend zu Hochform auf. Immer ein Ohr am Telefon wetzt er in Sakko und Schlüppi über die Bühne im Zittauer Theaterfoyer, bringt das gehetzte Journalisten-Ich wortreich und zackig gestikulierend auf die Bühne.

Und weil die Zeiten längst vorbei sind, in denen sich Journalisten im verrauchten Redaktionskämmerlein verbarrikadieren, um Seite für Seite der Ausgabe von morgen aufzupinseln, baut der Regisseur noch eine zweite Ebene mit ein: Denn Marco telefoniert nicht nur hektisch hin und her, er produziert sich auch selbst: Spricht immer wieder über eine Videoleinwand zum Publikum und erklärt überzeugt von seinem Berufsbild, warum Boulevardjournalismus genauso so sein muss, wie er eben ist: oft radikal, aber ehrlich. Das Publikum wird so auch zum Youtuber, wird live Zeuge einer vertrackten Boulevard-Recherche. Es spielt mit im multimedialen Wettlauf um die Aufmerksamkeit. Ungefragt. Fast wie im richtigen Leben.

René Fußhöller hat dazu eine schlichte Kulisse geschaffen, die Marcos Mikrokosmos zwischen dem klassischem Schreibtisch und der virtuellen Videoansicht aufspaltet. Marco muss das Haus gar nicht mehr verlassen, um über die Welt zu schreiben. Sein Smartphone reicht ihm als Recherchemittel völlig aus. Gerade aus diesem Wechsel zwischen Onlinewelt und dem realen Arbeitsplatz im Wohnzimmer schöpft der Monolog im ersten Teil jene Dynamik, die den Zuschauer ähnlich wirksam in die Geschichte zieht wie die dicken Buchstaben in Bildzeitungsüberschriften. Nach der Pause lässt Toni Burghard Friedrich den Protagonisten dann aber doch mit der Realität zusammentreffen. Der steht nun im Theaterfoyer an der Bar, umringt vom Publikum – und liest das Ergebnis seiner sogenannten Recherche vor.

Ein gravierender Fehler in der Faktenlage macht ihn angreifbar. Doch Marco weicht dennoch nicht von seiner Journalismus-Idee ab. Statt sich selbst zu hinterfragen, sucht er flugs nach einer „redaktionellen Lösung“, um den Fehler möglichst unmerklich auszubügeln. David Thomas Pawlak lässt die Medienkritik in einem seiner stärksten Momente an diesem Abend förmlich implodieren, indem er lauthals ausschreit: „Wir sind die Stimme des Volkes“ – und damit die Arroganz des Reporters bitter vorführt. Doch auch der Leser wird dabei nicht nur geschont, denn auch er macht Journalismus. Wer bloß konsumiert und nur liest, was er glauben will, ist ebenso ein Teil des Spiels. Angebot und Nachfrage: Der Mensch verkauft sich als Ware gut. Selbst ein grober Fehler des Reporters lässt sich so am Ende redaktionell kaschieren – ohne, dass jemand Anstoß daran nimmt. Das gibt viel Stoff zum Nachdenken, zunächst aber tosenden Applaus für eine wirklich großartige Regie und Schauspielleistung im Saal. Nur eines sollten wir nicht hierbei vergessen: Es werden nicht alle Storys so geschrieben. Das muss am Ende doch auch einmal gesagt werden!

Weitere Vorstellungen: „Seite Eins“ am GHT Zittau, wieder am 16.4., 23.4., 1.5. und 23.5.

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