Undefinierbares Machtmonster

Der Drache am Staatsschauspiel Dresden
Eheglück sieht anders aus: Tom Quaas und Ines Marie Westernströer (Foto: PR/David Baltzer) .

„Der Drache“ am Schauspielhaus

Der „Drache“ ist Märchenmotiv, Monster und Mythos. In Jewgeni Schwarz’ Märchenerzählung (1943) symbolisiert er in erster Linie eine barbarische Willkürherrschaft, die brutale Opfer von den Menschen fordert, ihnen gleichzeitig aber eine perfide Sicherheit bietet. Dieser Drache hat viele Köpfe mit zahlreichen Gesichtern und erobert die Bühnen je nach zeitgeschichtlichem Hintergrund in unterschiedlichen Gewändern.

Regisseur Wolfgang Engel bringt „Der Drache“ anno 2013 (Premiere am 12.4.) nun auf die Bühne des Dresdner Schauspielhauses. Die Inszenierung ist neben „Der Turm“ (2010) und „Meister und Margarita“ (2012) die dritte seiner Stücke-Trilogie, die sich mit dem Leben des Menschen unter den Umständen der Diktatur aus­einandersetzt. Sie beginnt ganz unkonventionell als Musikperformance, bei der das Ensemble vor dem Bild eines chinesischen Drachen auf einer (vermutlich) deutschen Autobahn, umhangen von goldenen Girlanden (Bühne und Kostüm: Hendrik Scheel) steht und sich dem märchenhaften Stoff des Stückes zunächst rappend, singend, auch skalierend nähert. Eine Diktatur des Dirigenten sozusagen, oder des Ballettchoreografen.

Nach dieser musikalischen Einlage wird es jedoch erstaunlich ruhig auf der Bühne. Bis, ja bis der sagenumwitterte Drache zum ersten Mal in Schlips und Kragen erscheint. Dieser Auftritt ist so grandios hintersinnig, dass das Stück plötzlich wieder an Fahrt gewinnt. Tom Quaas säuselt hier als Drache in Nadelstreifen mit rauer Stimme über Aktien, Macht und den Krieg, um dann – wieder ganz Gentleman – mit seinem Zigarillo doch noch ein wenig Feuer zu speien. Den Drachen zeigt Quaas auch im weiteren Verlauf facettenreich und mit viel spielerischer Leidenschaft, egal ob im Anzug, als hässliches humpelndes Grauen oder leger arrogant im Hawaiihemd.

Sein Widersacher, der tapfere Held Lanzelot (Matthias Luckey) in Lederjacke und mit langen Haaren, bleibt dagegen eher eine blasse Figur. Mit lässigem Ehrgeiz hält er am Sieg gegen den Drachen fest, setzt sich mehr schlecht als recht gegen das Regime eines neurotischen Bürgermeisters (Holger Hübner) und seiner – als treudoofer Sprechchor voller Mitläufer inszenierten – Bürgerschaft durch. Er tut es aus Überzeugung. Unterstützer hat er nicht. Bis auf seinen treuen Freund, den wilden allgegenwärtigen Kater (Christian Clauß), der darstellerisch weit präsenter scheint als der Held selbst.

Beim Drachenkampf rumpelt und donnert es. Als das Ungeheuer dann von geschundenen, gebrochenen, verkauften Seelen philosophiert, meint man, noch einmal Untertöne herauslauschen zu können. Doch sie verhallen abrupt, als ein riesiger Drachenkopf aus dem Bühnenhimmel hinabrauscht, eingeholt vom Theatervorhang. Pause. Als der Drache besiegt ist, kehrt die Diktatur jedoch in Form des alten Bürgermeisters und seines Sohnes umgehend zurück. Das Märchen wird nun endgültig zur Groteske, wenn die Bürger wie Vögel im Chor „Piepiephurra, Piepiephurra!“, zwitschern. Holger Hübner gelingt dabei eine überzeugende Wandlung vom neurotischen Stadtoberhaupt zum selbstsüchtigen Herrscher, an dessen Beispiel die Mechanismen der Politik humorvoll gespiegelt werden. Da wird gelogen, manipuliert, verhindert und wenn es sein muss, zu lang gewartet, aber am Ende doch regiert – und alle machen mit.

Alle, außer Elsa. Ines Marie Westernströer gibt eine smarte, selbstbewusste, geradlinige Jungfrau. Einst sollte sie dem Drachen geopfert werden, doch gegen die bevorstehende Zwangsheirat mit dem neuen Machthaber wehrt sie sich mit Händen und Füßen. Bis Lancelot zurückkehrt und Elsa zur Frau nimmt. Nun feiert das Volk, allein Elsa scheint noch nicht erlöst. Der Vorhang fällt.

Danach blicken die Zuschauer auf einen darstellerisch brillanten, dramaturgisch aber wenig prägnanten Abend zurück. Trotz schöner Ideen im Detail (wie dem Bürgermeistersohn im Dompteurs-Gewand) fehlt es der Inszenierung insgesamt an Konsequenz. Es scheint, als könne sich Engel nicht so recht zwischen Märchenparabel, Groteske und modernem Theater entscheiden. Andeutungen bleiben vage, werden kaum ausgespielt. Der „Drache des entfesselten Marktes“, von dem im Programmheft die Rede ist und den Quaas noch so wunderbar einführt, gerät allzu bald aus dem Fokus. Die Flut an Diktatoren, Gurus und Wendehälsen, mit denen Engel seine Zuschauer statt dessen im Laufe des Stückes konfrontiert, erscheint eher wie eine willkürliche Versammlung von Machthabern, die hier ohne Zusammenhang regieren. Der Spannungsbogen stolpert so über durchaus gelungene Höhen, um sich später in wenig pointierten Längen zu verheddern. Dabei muss es das Publikum 2013 statt mit einem Drachen, gleich mit unzähligen aufnehmen – und sich sein Lieblingsmonster schließlich selbst herauspicken.

Jewgeni Schwarz „Der Drache“ am Großen Haus Dresden, wieder am 16.4., 25.4., je 19.30 Uhr, 5.5., um 19 Uhr und am 11.5., 19.5., 30.5.

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Vietnams Folklore trifft Europas Jazz

Das „Lao Xao Trio“ musiziert ungewöhnlich

Lao Xao ist Vietnamesisch und bedeutet – je nach Betonungszeichen – etwa so viel wie knirschen, rascheln, raunen, gemischt, Speer oder werfen. Der Facettenreichtum der beiden Worte ist enorm, ebenso wie die Musik des gleichnamigen Trios, das 2005 an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber in Dresden (HfM) zusammenfand. Ausgangspunkt war eine Vocalnight unter dem Motto „Heimat“ im Jazzclub Tonne, bei der Sängerin Khanh Nguyen zusammen mit dem Gitarristen Stefan Wehrenpfennig eine verjazzte Volksweise aus Vietnam präsentierte. „Die beiden Liedzeilen hatte mir früher meine Mutter vorgesungen“, sagt die in Deutschland geborene Vietnamesin.

Der Cellist Diethard Krause – damals ebenfalls Student an der HfM – war sofort von dieser Art Musik begeistert und daher bald der Dritte im Bunde. Das Lao Xao Trio (Foto: PR/Marco Warmuth) war geboren. „Wir haben uns einmal getroffen und sofort gemerkt, dass wir uns gut verstehen“, sagt Krause. So brachte Khanh Nguyen schließlich weitere Weisen aus ihrer Heimat mit in die Runde, die sie zusammen mit ihren beiden Kommilitonen neu arrangierte. Acht Lieder an der Zahl sind es mittlerweile, die auf dem just Anfang April erschienenen Debutalbum „Upon tree ?a“ des Lao Xao Trios von Liebe, Landschaft und Traditionen im fernen Vietnam erzählen. „Das Volksliedgut aus Vietnam bildet den Kern unserer Musik. Wir haben aus den kleinen Weisen jedoch auch mit europäischen Stilmitteln unsere eigene Version gemacht, ohne sie gänzlich zu entfremden“, erzählt Khanh Nguyen.

Vietnamesische Folklore trifft dabei auf europäische Jazzmusik, poetische vietnamesische Texte auf ungewöhnliche musikalische Improvisationen. Zusammen kulminiert das in einer Musik, die von einer ganz eigenen Ruhe durchströmt wird – allerdings weder meditativ noch melancholisch, sondern eher unbeschwert zu nennen ist. Die helle, aber durchaus wandelbare, Stimme von Khanh Nguyen behält dabei stets die Oberhand, während es Diethard Krause und Stefan Wehrenpfennig grandios gelingt, ihren Instrumenten sehr asiatische Klänge zu entlocken. Die Ausbildung der drei an der Dresdner Musikhochschule hört man dennoch deutlich heraus, sowohl was die künstlerische Präzision, als auch Stilfarben betrifft. So klingt es einerseits fremd, und trotzdem vertraut.

Dieses weltweit vermutlich einmalige Spiel mit traditionellen vietnamesischen Weisen bescherte dem Trio bereits zwei große Auszeichnungen. Im Jahr 2011 haben sie den Weltmusikwettbewerb „Creole Mitteldeutschland“ gewonnen und damit auch erstmals die Aufmerksamkeit eines größeren Fachpublikums auf sich gezogen. Mit dem RUTH-Weltmusikpreis bekommt das Trio am 6. Juli 2013 in Rudolstadt eine weitere, hochdotierte Auszeichnung überreicht. Leben können die drei studierten Musiker von ihrer Nische dennoch bislang nicht, arbeiten hauptberuflich in anderen Ensembles, Orchestern oder als Musiklehrer. Die Fertigstellung ihres ersten Albums wäre ohne eine Reihe von Sponsoren, den Griff ins eigene Sparschwein und Herzblut ohne Ende kaum denkbar gewesen. „Wenn man so etwas macht, muss man es richtig machen“, sagt Diethard Krause – allein der Blick auf das Cover zeigt, was er meint. Im Booklet sind alle Texte auf Deutsch, Englisch und Vietnamesisch nachzulesen, dazu soll es auch eine Schallplattenausgabe des ersten Albums geben.

Trotz harter Vorbereitungszeit und richtigem Brotverdienst nebenher sprießen die Ideen bei den dreien wie eh und je. Schon arbeiten sie an neuen Songs. Das Releasekonzert steht am 3. Mai im Rahmen der Reihe „Musik zwischen den Welten“ in der Dreikönigskirche Dresden auf dem Auftrittsplan. Anschließend werden sie mehrere Konzerte geben. Und dann ist da noch ein großer Traum: „Wir würden einmal gern in Vietnam spielen, um zu sehen, wie die Menschen dort auf unsere Musik reagieren“, sagt Diethard Krause. Wer die Geschichte des Lao Xao Trios liest, wird wohl kaum daran zweifeln, dass sie das auch eines Tages schaffen – schließlich bedeutet lao auch soviel wie vorwärtsstürmen.

Nicole Czerwinka


Linktipp: www.laoxaotrio.com

 

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Zurücklehnen ist nicht

„szene: ENGLAND“ am Societaetstheater

Das Societaetstheater Dresden verspricht mit seinem „szene: EUROPA“ Festival vom 11. bis 21. April 2013 zum siebten Mal einen theatralischen Tapetenwechsel mitten in der eigenen Stadt. Nach Frankreich (2007), Moldau (2008), der Schweiz (2009), Polen (2010), Schottland (2011) und dem Baltikum (2013) steht dabei dieses Mal – zum Zweiten in Zusammenarbeit mit dem Europäischen Zentrum der Künste in Hellerau – die Theater- und Performancekunst Englands im Fokus.

„Wir haben beim Festival ‚szene: SCHOTTLAND‘ vor zwei Jahren gesehen, wie unheimlich breit gefächert die Theaterszene in England ist“, sagt Andreas Nattermann, der Geschäftsführer des Societaetstheaters. Schon vor zwei Jahren stand für die Organisatoren daher fest, dass sie anno 2013 englische Theatergruppen nach Dresden einladen. Neun sind es nun an der Zahl, die hier elf Tage lang Theater-, Performance-, Live-Art- und Gaming-Aufführungen aus ihrem Land präsentieren werden. Ähnlich wie die Schotten lassen auch die Engländer dabei auf humorvolle, freche und vor allem unkonventionelle Art die Grenzen zwischen Performance, Kunst, Tanz und klassischem Theater oft dahinschmelzen.

Wer hier jedoch auf eine stille Berieselung im Zuschauerraum hofft, der sollte lieber gleich zu Hause bleiben. Denn viele der Companies beziehen ihr Publikum zu gern in ihre Kunst mit ein. So kann es durchaus vorkommen, dass sich die Gäste später mit einem Radiogerät auf Dresdens Straßen wiederfinden oder selbst ein Manuskript lesen müssen. Schauspielerische Kenntnisse seien dabei nicht gefragt, wohl aber die Lust am Experiment, bestätigt Brit Magdon, die Künstlerische Leiterin des Societaetstheaters. Sie hat das vielfältige Programm, das „szene: ENGLAND“ Mitte April nach Dresden holt, selbstverständlich vorab am eigenen Leib getestet – und für gut befunden.

Die Engländer verstehen es, aus scheinbar unscheinbaren Situationen große Kunst entstehen zu lassen, wie beispielsweise die sechsstündige Theater-Performance „Quizoola“ der Forced Entertainment Companie beweist. Dahinter verbirgt sich nichts anderes als ein Frage-Antwort-Spiel wie wir es von TV-Quizshows kennen. Dieses jedoch geht mit der Zeit so weit in die Tiefen der Privatsphäre, dass die Grenze zwischen Schauspiel und Realität immer diffuser wird. „Ich habe das Stück schon zweimal gesehen und fand es sehr interessant, welche Entwicklung sich da abzeichnet“; sagt Brit Magdon und stellt gleich klar: „Die Zuschauer können zwischendurch auch einen Kaffee trinken gehen und später wiederkommen, sie müssen nicht sechs Stunden am Stück zusehen.“

Englisch allerdings müssen sie für diese Performance wenigstens ein bisschen beherrschen. Ansonsten sind jedoch die meisten der 30 Aufführungen ins Deutsche übersetzt oder zumindest in einer deutschen Synopsis zusammengefasst worden, sodass niemand vor Sprachbarrieren zu bangen braucht. Und wer sich dennoch etwas vor Mitmachtheater und fremden Sprachen fürchtet, dem sei an dieser Stelle schon mal die Eröffnungsveranstaltung empfohlen. In dieser wird nämlich vor allem getanzt. Die Michael Clark Company wird ihr Stück „COME, BEEN AND GONE“ am 11. und 12. April (jeweils um 20 Uhr) im Europäischen Zentrum der Künste Hellerau aufführen und das Festival damit einleiten. Wer dann noch kein Blut geleckt hat, der ist wirklich selber schuld …

Nicole Czerwinka

Linktipp: www.societaetstheater.de/szeneENGLAND.html

„szene: ENGLAND“ am Societaetstehater sowie im HELLERAU Europäisches Zentrum der Künste, 11. bis 21.4.2013, Karten gibt es jeweils für 15 (ermäßigt 7) Euro, zudem gilt das Angebot: fünf für vier, bei der es für vier gekaufte Tickets ein Fünftes gratis dazu gibt.

Fotos: Michael Clark Company (Jake Walters, li.) und Ant Hampton „Ok Ok“ (Richard Lahuis, re.)

 

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Ostasien trifft Elbflorenz

Söhne und Töchter Dresdens I.

Dresden hat viele Töchter und Söhne, die auf die eine oder andere Weise berühmt und bekannt sind. Eine davon ist Rose Hempel. Ihr Ruf als ausgezeichnete Kennerin der ostasiatischen Kunstgeschichte reicht weit über Deutschlands Grenzen hinaus.

Rose-Marie Hempel wurde am 27. März 1920 in Dresden geboren. Noch während des zweiten Weltkrieges, im Jahr 1944, studierte sie ostasiatische Kunstgeschichte, Japanologie und Sinologie in Berlin bei Otto Kümmel (1874-1952), dem Gründer und Direktor des Museums für Ostasiatische Kunst in Berlin und Generaldirektor der staatlichen Museen in Berlin. Sie promovierte noch im gleichen Jahr.

 Während dem verheerenden Luftangriff auf Dresden im Februar 1945 wurde ihr Elternhaus zerstört. Sie arbeitete für die Staatlichen Museen Berlin, bevor sie 1946 nach Dresden zurückkehrte, um unter anderem als kommissarische Direktorin für das Museum für Völkerkunde tätig zu sein. Allerdings litt sie zunehmend unter den politischen Widerständen und so entschied sie sich in den „Westen“ zu gehen und begleitete eine Assistentenstelle im Kölner Museum für Ostasiatische Kunst. Ein Stipendium der japanischen Regierung ermöglichte ihr einen eineinhalbjährigen Studienaufenthalt in Japan, der für ihre Wissenschaft außerordentlich prägend war. Ab 1959 bis zur ihrem Ruhestand 1985 war sie Hauptkustodin des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe und Leiterin der Asienabteilung.

Nach ihrem Ruhestand weitete sie ihren guten Ruf als Kennerin der japanischen Kunst aus, indem sie eine umfangreiche Sammlung von japanischen Künstleralben aus dem 18. und 19. Jahrhundert zusammentrug. Kurz nach der Wende erreichte sie die Bitte aus Dresden, die äußerst umfangreiche Sammlung von japanischen Farbholzschnitten der Dresdner Kunstsammlungen zu ordnen. Eine Aufgabe, der sie hingebungsvoll nachkam. 2001 kehrte sie endgültig in ihre Heimatstadt zurück und wirkte bis zu ihrem Tod für die ostasiatische Kunst, nicht nur Dresden. Ihre Sammlungen stiftete sie den Museen in denen sie einst arbeitet. Sie war Mitglied des Vereins der Freunde des Kupferstich-Kabinetts. Hempel starb am 3. April 2009.

Foto & Text: Janine Kallenbach

Zum Foto: Eine japanische Figur im Eingangsbereich des Japanischen Palais, das heute das Museum für Völkerkunde beherbergt.

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Dresdner Herrlichkeiten

Altstadtspaziergänge

Ein verfrühter Osterspaziergang am Palmsonntag. Die Sonne lockt nicht nur Touristen in die Innenstadt. Dick behütet und ummantelt bummeln auch die Dresdner durch diesen endlosen Winter. Der blaue Himmel scheint dabei trotz Minusgraden schon verheißungsvoll Sommerlieder zu summen. Am Neumarkt werden die ersten Biergärten hergerichtet, die Frauenkirche reckt ihre Kuppel fröhlich den zarten Sonnenstrahlen entgegen und die Uhr gegenüber will sagen, bald ist es soweit …

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Sex versus Satire

Erich Kästners „Fabian“ am Kleinen Haus

Arbeitslosigkeit, Weltwirtschaftskrise, als Werbetexter missbrauchte (wahrscheinlich unterbezahlte) Germanisten, individuelle Orientierungslosigkeit – die Gesellschaft, die Erich Kästner in seinem Roman „Fabian. Die Geschichte eines Moralisten“ (1931) zeichnete, scheint uns auf den ersten Blick seltsam vertraut. Dabei wollte Kästner mit diesem Großstadtroman ursprünglich ein durch und durch ironisches Gesellschaftsbild Berlins am „Vorabend“ der „Machtergreifung“ Adolf Hitlers zeichnen. Felicitas Zürcher und Regisseurin Julia Hölscher stellen in ihrer Theaterfassung der Geschichte dennoch Zitate von aktuellen Zeitungsmeldungen an den Anfang.

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Autorin erzählt übers Schreiben

Josefine Gottwald und die „Krieger des Horns“

Das Schreiben liegt ihr im Blut. Obwohl Josefine Gottwald seit September 2012 einen handfesten Abschluss als Diplombiologin an der TU Dresden in der Tasche hat, ist sie momentan am liebsten Buchautorin. Schon im zarten Alter von 14 Jahren hat sie ihr erstes Buch veröffentlicht. Der Fantasieroman „Die Krieger des Horns“ erschien 2003 in einem kleinen Verlag aus Dessau.

Von da an ließ sie die Lust am Schreiben nicht mehr los. Aus dem Erstlingswerk wurde eine ganze Reihe über Einhörner, Vampire und Krieger, die die Träume der Menschen beschützen. Drei Teile (2003, 2005 und 2010) sind bereits erschienen, zwei davon werden demnächst auch als E-Book herausgegeben. Der vierte und letzte Band ist derzeit schon in Arbeit. Das Schreiben fällt Josefine Gottwald (Foto: PR) leicht. „Es ist nicht so, dass ich mich dazu zwinge. Ich warte eher darauf, bis ich alles niederschreiben kann“, sagt die 25-Jährige. Viel schwerer sei es dagegen, das Geschriebene auf dem schier unendlichen Buchmarkt in Deutschland auch bekannt zu machen.

Josefine Gottwald investiert seit Jahren viel Zeit und Mühe, um ihre Bücher den potenziellen Lesern vorzustellen. Wie jedes Jahr war sie am vergangenen Wochenende wieder als Autorin auf der Buchmesse in Leipzig zu Gast, hat dort ihre dreibändige Fantasiegeschichte am Stand des Machtwortverlages beworben und mit ihren Lesern gesprochen. Am 18. März wird die gebürtige Altenbergerin nun auch in Dresden ihre nächste Lesung halten, 18.30 Uhr geht es in der Bibliothek Strehlen, im Otto-Dix-Center los. Der Eintritt ist frei. „Ich werde Textstellen aus meinen Jugendromanen über die ‚Krieger des Horns‘ vorlesen und es wird auch eine Beamer-Präsentation mit Bildern aus dem Fantasy-Fotoshooting geben. Außerdem bringe ich Bücher zum Signieren und viele kleine Geschenke von der Buchmesse mit“, verspricht die junge Autorin.

Bei ihren Lesungen bestehe auch immer die Möglichkeit, sie „Löcher in den Bauch“ zu fragen. „Ich erzähle gern etwas über das Schreiben und meine Erfahrungen mit dem Veröffentlichen“, sagt sie. Natürlich hat Josefine Gottwald neben ihren Fantasyromanen auch schon weitere Projekte an der Angel. Nebenbei arbeitet sie zum Beispiel an einem historischen Fantasy-Roman für Erwachsene, schreibt Kinder-Kurzgeschichten und Gute-Nacht-Geschichten, die als Hörbuch und vielleicht auch als Buch erscheinen sollen. Die unerschöpflichen Ideen für diese zahlreichen Erzählungen kommen der jungen Frau nicht nur im Alltag, sondern ganz oft bei Ausritten in der Natur. Etwa 1000 Wörter fließen täglich aus ihrer Feder – und wer weiß, vielleicht entwickelt sich das in Zukunft ja noch hin zum hauptberuflichen Autoren-Dasein?

Nicole Czerwinka

Lesung:  „Die Krieger des Horns“, Josefine Gottwald, 18. März, 18.30 Uhr, Bibliothek-Strehlen

 

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Musik wie ein Meer aus Träumen

„Pantoum“ jazzen phantasievoll-prägnant

Pantoum sind eine musikalische Entdeckung, ein Geheimtipp am Samstagabend. Ihre Einladung lockte am 16. März hinunter ins Kellergewölbe des Kügelgenhauses. Das Jazzquartett mit dem malaiischen Namen (Foto: PR/René Limbecker) ist vor etwa zweieinhalb Jahren an der Dresdner Hochschule für Musik Carl Maria von Weber entstanden. Gemeinsame Auftritte führten die jungen Musiker in den vergangenen zwei Jahren nicht nur quer durch Deutschland, sondern bis nach Oslo, Lillehammer und Prag. Im Januar haben die vier nun zehn Songs für ihre erste gemeinsame CD aufgenommen. Pünktlich zum Konzert konnten Pantoum am 15. März via Startnext.de ihr Projekt für die Finanzierung dieses Albums freischalten.

Ein Klick auf Profil und Webseite lohnt sich. Denn Pantoum (der Name steht für eine besondere Form des Dichtens, bei der es um Wiederholung und Entwicklung geht) ziehen mit ihrer kunstvollen, aber trotzdem authentischen Art des Musikmachens sofort in ihren Bann. Die oft träumerischen Songs sind von Sängerin Inez Schaefer und Schlagzeugerin Katharina Lattke selbst geschrieben. Die beiden Damen werden von Marius Moritz am Klavier und Christoph Hutter am Kontrabass wirkungsvoll unterstützt. Ihre Musik klingt sehnsuchtsvoll bis leidenschaftlich, dann wieder energisch wie ein Bachlauf in bergiger Landschaft. Sie erzählt von kleinen Begebenheiten und großen Erfahrungen, wie der Erinnerung an eine Fernbeziehung oder dem Leben in der norwegischen Hauptstadt Oslo.

Die junge, mädchenhafte Stimme von Inez Schaefer bezaubert nicht nur mit unschuldiger Zartheit, sondern auch in den kraftvolleren Passagen. Ihr Gesang verschmilzt mit Schlagzeug, Bass und Keyboard zu einer Musik, in die man eintauchen kann wie in ein Meer aus Träumen – jugendlich unbeschwert und trotzdem geheimnisvoll faszinierend. So gehen die vier Musiker im Laufe des Konzerts immer und immer mehr aus sich heraus, jeder hat mal seinen Auftritt.

In der technischen Präzision des Spiels, die stets genug Raum für Improvisationen und Klangexperimente lässt, wird die gute Kinderstube der Hochschule dabei hör- und spürbar. Mit einer Mischung aus klassischen und experimentellen Stilmitteln bauen die vier Musikstudenten eine Spannung auf, der man sich nur schwer entziehen kann. Ihre Parts sind stets gut abgestimmt, selbst Improvisationen fließen stimmig ineinander, sind phantasievoll und trotzdem prägnant.

Dabei sind Pantoum stets nah am Publikum, gestalten ihre Ansagen zwischen den Titeln lebendig, ohne übertrieben lebhaft zu sein. Die gut 20 Konzertbesucher danken es ihnen mit großem Applaus. Man hätte ihnen gern noch länger als diese eineinhalb Stunden zugehört und gewiss hätten sie auch mehr Zuhörer verdient. Doch schon am 5. April folgt das nächste Konzert im Jazzclub Blue Note – da kann es ja getrost etwas voller werden.

Nicole Czerwinka

Linktipp: http://www.pantoum-music.com/live/

 

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Eine Plattform für die Kunst

CYNAL verknüpft Zeitgenössische(s)

Freitagvormittag im Stadtteilhaus Dresden Neustadt, Raum Louise. Hier sitzen Katharina Groß und Katja Dannowski an einem großen Tisch, trinken Kaffee, lesen, diskutieren, planen. Die beiden jungen Frauen sind Teil eines kleinen Vereins, der sich der zeitgenössischen Kunst in Dresden verschrieben hat – und seit 2011 wächst und gedeiht.

Unter dem Namen „CYNAL – Neue Kunst im Dialog“ versuchen die derzeit rund 14 Mitglieder eine Schnittstelle für Künstler, Kunstinteressierte, Produzenten und Konsumenten sowie Dresdner Kunstorte zu schaffen, um diese besser miteinander zu vernetzen. „Wir wollen der Dresdner Hochkultur gegenüber geschlossener auftreten“, sagt Katharina Groß, die als Meisterschülerin an der Dresdner Hochschule für Bildende Künste (HfBK) ganz sicher weiß, wovon sie spricht, wenn sie sagt: „Gerade die zeitgenössische Kunst wird vom Stadtmarketing gern vernachlässigt, das hat auch schon einige Künstler dazu veranlasst, aus Dresden wegzuziehen.“

Ziel von Cynal sei es, der zeitgenössischen Kunstszene in Dresden etwas mehr Dynamik zu verleihen. „Man muss erst einmal kommunizieren, dass Dresden eine junge offene Kunstszene hat“, sagt Katja Dannowski, Kunsthistorikerin und Kuratorin. Cynal hat es sich daher auf die Fahne geschrieben, Informationen über zeitgenössische Kunst in Dresden spartenübergreifend zu bündeln und selbst wiederum Diskurse in der Stadt anzuregen. Das schafft der Verein derzeit in erster Linie mit seiner Internetplattform www.cynal.de, die gleichzeitig Terminkalender und virtueller Diskussionsraum ist.

Es braucht in der Stadt mehr Kunstkritik, sind sich Katharina Groß und Katja Dannowski sicher und suchen mit Cynal daher auch nach Autoren für die Internetseite. Geeignete Texte und Essays können online eingeschickt werden. Sie dürfen alles behandeln, was mit zeitgenössischer Kunst in Dresden zu tun und eine gewisse gesellschaftliche Relevanz hat. Mit dem Themenfeld „Die Kunst geht nach Brot“ beispielsweise haben die Initiatoren von Cynal einen Diskurs angeregt, bei dem jeder Einzelne von ihnen wohl selbst mitreden kann. Es geht darum, welchen Produktionsbedingungen moderne Kunst unterliegt, welche Macht sie haben kann, aber auch welchen Mächten sie unterworfen ist.

Die Essays und Rezensionen werden auch in einem Printmagazin abgedruckt. Dieses ist erstmals im vergangenen Jahr erscheinen und soll auch anno 2013 herausgegeben werden. „Wir wollen damit auch eine Art Archivfunktion erfüllen“, sagt Katja Dannowski. Finanziert wird das Ganze mit Projektgeldern, Sponsoren sowie mittels Spendensammlung via Internet. Zwar reicht es noch kaum, um auch die Autoren zu bezahlen, jedoch bekämen diese immerhin die Möglichkeit, aktiv selbst ein „Experimentierfeld mitzugestalten, das stetig wächst“, sagen die beiden Künstlerinnen.

Kurz bevor sie sich im Raum Louise mit Blick auf die winterliche Landschaft der Radeberger Vorstadt wieder ihrer Organisationsarbeit widmen, verraten sie noch, wie der Name „Cynal“ eigentlich zustande kam: „Es war schwer, sich auf einen Namen zu einigen. Ich habe daher gesagt, jeder wirft jetzt einen Buchstaben in den Raum“, erzählt Katharina Groß. Bei einem Picknick im Albertinum sei es gewesen, wo die gefallenen Buchstaben anschließend hin- und her- und schließlich zum Kunstnamen CYNAL zusammengeschoben wurden – l’art pour l’art sozusagen.

Linktipp: www.cynal.de

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Buhrufe für die Freiheit

„Manon Lescaut“ an der Semperoper

Es ist ein zeitloser Kampf zwischen Liebe und Geld, eine Kreisbewegung von Gefühl und Verstand, die in Giacomo Puccinis Oper „Manon Lescaut“ zweieinhalb Stunden lang immer wieder neu aufflammt. In Stefan Herheims Inszenierung an der Semperoper Dresden (Premiere am 2.3.13) jedoch wird diese Kreisbewegung kein bisschen langweilig. Der gebürtige Norweger begeisterte in Dresden schon 2010 mit seiner bildgewaltigen Inszenierung von Dvoraks „Rusalka“ sowie mit seiner Interpretation von Bergs „Lulu“ im vergangenen Jahr. Nun verpackt er auch Puccini in einen betörenden Bilderreigen mit überraschenden Sichtweisen.

Der amerikanische Traum von Freiheit und Puccinis Ringen um das beste Libretto – an dem nicht weniger als acht Librettisten beteiligt waren – sind die beiden Ausgangspunkte, von denen aus Herheim seine Inszenierung in ein neues Licht taucht. Gleich zu Beginn baut Renato des Grieux (Thiago Arancam) in seinem Pariser Atelier an einer lebensgroßen Freiheitsstatue, als ihm schließlich die schöne Manon Lescaut über den Weg läuft, in die er sich sofort verliebt. Auch Manon (Norma Fantini) hegt Gefühle für den mittellosen Künstler, entscheidet sich jedoch für den reichen Geronte (Maurizio Muraro). Fortan beginnt des Grieux’ Kampf um seine Geliebte, der sich hier, unter dem überirdischen Kopf der amerikanischen Freiheitsstatue (Bühne: Heike Scheele), nicht nur als Sehnsucht nach Liebe, sondern auch als Sehnsucht nach Unabhängigkeit zeigt. Herheim lässt auch in dieser Oper symbolbeladene Bilder sprechen. So etwa eine große Tafel mit drei Zahlen: Der 4. Juli 1776, man ahnt es, ist der Tag der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung.

Beobachtet von den Erbauern der Freiheitsstatue bandeln die beiden Verliebten also miteinander an (Foto: PR/Matthias Creutziger), um später zu erfahren, dass selbst in Amerika keine uneingeschränkte Freiheit herrscht. Denn ausgerechnet das Land der unbegrenzten Möglichkeiten wird für Manon zum Ort der Verbannung. Und auch dafür findet Herheim starke Bilder: Die Heldin erscheint hier zwölffach gefesselt im Baugerüst der Freiheitsstatue, wird später inmitten anderer Frauen vors Gericht geführt und gesteht des Grieux am Ende schließlich doch noch ihre Liebe. Von Anfang an präsent ist dabei zudem die Figur des Schriftstellers mit dem schwarzen Hut (Mathias Kopetzki), der wohl ein bisschen Puccini selbst, ein bisschen auch des Grieux in späteren Jahren darstellt, als dieser – noch immer berührt – seine Geschichte zu Papier bringt.

Bei aller Bildhaftigkeit lässt Herheim stets genug Raum für die Musik. Puccini hat darin das ganze große Pathos der italienischen Oper, aber auch den Aufruhr und die Leidenschaft des Aufbruchs verpackt, die das Bühnenbild gleichsam hörbar widerspiegeln. Chefdirigent Christian Thielemann führt die Sächsische Staatskapelle Dresden erhaben durch diese Oper. Drama, Spannung und Melancholie, aber auch kitschige Süße wechseln in der Partitur – und das Orchester beherrscht in der Premiere alle diese Facetten brillant. Die Töne fügen sich zu einem Klang wie Samt und Satin, weich fließend, dann wieder aufgeregt wie ein Herzschlag. Gänsehaut im Publikum.

Gesanglich begeistert allen voran Norma Fantini als Manon Lescaut, in deren glockenklarer Stimme viel Dramatik mitklingt, egal ob sie kraftvoll anschwellt oder gefühlvoll die leisen Stellen ihrer Partie auskostet. Maurizio Muraro gibt einen rauen, kantigen, brillant darauf abgestimmten Ehemann Geronte. Dagegen scheint der international renommierte Tenor Thiago Arancam als des Grieux von Anfang an ein wenig schwach auf der Brust, kommt auch im Laufe des Stückes nicht so richtig in Fahrt und erntet dafür am Premierenabend – dennoch zu Unrecht – unverschämt hämische Buhrufe. Ebenso wie die Inszenierung selbst, die an dieser Stelle trotzdem als eine der besten in dieser Spielzeit gelobt werden muss.

„Manon Lescaut“ an der Semperoper Dresden, wieder am 06.03. (19 Uhr), 10.03. (18 Uhr) sowie am 28.04., 01.05., 04.05., 18.06., 23.06., 27.06.

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