Walzer und Tränen

Die Dresdner Philharmonie verabschiedet 2019 temperamentvoll schwelgend mit zwei Entdeckungen

Für die Dresdner Philharmonie wird das Jahr 2020 ein besonderes, feiert das Orchester zum Auftakt der „Goldenen 2020er“ doch 150. Geburtstag. Der Jahresabschluss 2019 fiel im Silvesterkonzert entsprechend festlich, jedoch keineswegs belanglos aus. Unter der Leitung von Aziz Shokhakimov erklang ein sorgsam durchdachtes Programm, das spritzig charaktervolle Klänge von Wien über Paris bis Moskau miteinander verband.

Der Auftakt geriet mit der Ouvertüre zur „Fledermaus“ von Johann Strauß zunächst noch ganz klassisch wienerisch. Shokhakimov setzte hier auf rasantes Tempo und hohe Dynamik, verlieh der Ouvertüre damit einen ungewohnt schroffen Charakter, der sich wie ein Strudel in den Saal ergoss. Die Solistin des Abends, Cellistin Raphaela Gromes, brachte jedoch auch zwei Werke mit nach Dresden, die sich als spannungsvolle Entdeckungen entpuppten und so noch nie hier zu hören waren: Jacques Offenbachs Fantasie für Violoncello und Orchester, eine „Hommage an Rossini“, galt lange als verschollen und erklang nun erstmals mit der Dresdner Philharmonie und zugleich als Reminiszenz am letzten Abend des Offenbachjahrs 2019. Sie beginnt mit einer rauen, wehmütigen Cellomelodie, die sich bald zu einem tänzerischen, vergnügten Duktus aufschwingt, wobei das Orchester stets vom Solocello dominiert bleibt. Raphaela Gromes betonte den spielerischen, verträumten Charakter des Stückes, ließ das Cello wie eine Märchenprinzessin schwelgen, die in pastellenen Farben Offenbachs Liebeserklärung an Rossini singt.

Gioacchino Rossini kam schließlich mit seinem „Une larme“ (Eine Träne), Thema und Variationen für Violoncello und Streichorchester, zu Wort. Das ursprünglich für Kontrabass und Klavier geschriebene Stück feierte in Julian Riems Bearbeitung für Cello und Orchester, für die Dresdner Philharmonie um Bläser erweitert, ebenfalls Premiere in Dresden. Es war zugleich ein romantisch versunkener Ruhepol an dem Abend. Solistin Raphaela Gromes stand auch hier in zarter Dominanz zum Orchester, ließ ihren durchdringender Celloton samtig im Saal schweben, gestaltete die Variationen virtuos und klangschön.

Die „Maskerade“ Suite aus der Bühnenmusik des russischen Komponisten Aram Chatschaturjan wirkte dazu wie ein lebhafter Kontrast. Dirigent Aziz Shokhakimov gab hier mit dem Orchester einmal mehr ordentlich Gas und brachte das russische Temperament gehörig zum Brodeln. Das schmerzvolle Schluchzen der Solovioline im Walzer kontrastierte dabei gekonnt mit dem pompösen Ballzauber, der sich seelenvoll in ausgelassene Stimmung ergießt. Dieses spannungsvolle Programm, das musikalisch gekonnt verschiedene Wechselgefühle eines Jahres in sich zu vereinen wusste, fand mit Georges Bizets „L’Arlésienne“ Suiten Nr. 1 und 2 einen sehnsuchtsvollen Abschluss, in dem sich perlender Orchesterklang mit mitreißender Rhythmik vereinten.

Locker und unaufdringlich führte Moderator Arndt Schmöle durch den Abend, der schließlich nicht ohne Zugabe auskommen konnte: Die gab es statt mit Brahms bekanntem 1. oder 5., mit seinem weit weniger populären, aber nicht minder feurigem 10. Ungarischen Tanz, den Shokhakimov mit dem Orchester leidenschaftlich durch den Saal fegen ließ, gekrönt – wieder ganz klassisch – von Strauß‘ legendärem Radetzkymarsch als finales Feuerwerk. Natürlich! Jetzt kann 2020 kommen.

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