Gefangen im Reich der Totenträume

Die Semperoper entdeckt mit Korngolds „Die tote Stadt“ ein packend modernes Stück für Dresden neu

Es ist eine düstere Umgebung, ein graues Zimmer, in das sich Paul verkrochen hat. Der Protagonist in Erich Wolfgang Korngolds Oper „Die tote Stadt“ (1920) gibt sich nach dem Tod seiner Frau ganz der Trauer hin. Er träumt von der Wiederauferstehung seiner Marie und vergisst vor lauter Träumen das Leben. Nach fast 100 Jahren hat die Semperoper das packende Psychodrama (Fotos: David Baltzer) wiederentdeckt – eine Oper von bestechender Modernität.

Die Musik spiegelt kraftvoll den inneren Kampf, die Zerrissenheit in Pauls Seele. Düster säuselnde Bässe und Celli, brausende Bläser, ein donnerndes Schlagzeug wechseln filmisch mit schwelgender Seligkeit, in der Sehnsucht und Melancholie mitschwingen. Dimitri Jurowski malt kräftige Klangbilder mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden, lässt das Orchester federn und beben und schafft stets glatte Übergänge zwischen den unterschiedlichen Stimmungen. Die psychischen Berg- und Talfahrten sind detailliert gezeichnet, sie werden in der Inszenierung von Regisseur David Bösch auch optisch aufgefangen.

Patrick Bannwart hat dazu ein düster graues Bühnenbild geschaffen, in dem neben einer Matratze und einem Stuhl vor allem eine riesige Staffelei mit dem Bild Maries dominiert. Sie ist so etwas wie der heilige Grahl, um den Pauls Existenz kreist. Als die hübsche Tänzerin Marietta in sein Leben tritt, wird er von wilden Wahnvorstellungen heimgesucht, denn Marietta sieht Marie verblüffend ähnlich, sodass der Wittwer bald an die Auferstehung seiner Frau glaubt. Das Zusammentreffen von Marietta und Paul trägt die ganze Opernhandlung, während die Musik Leben und Tod in den Figuren treffend in Kontrast setzt.

Musik ist psychologisch fein gezeichnet und höchst menschlich

Korngold hat seine Partitur psychologisch so fein gezeichnet, dass es streckenweise fast wehtut. Seine Oper ist ein Seelenkrimi vom Format eines Richard Strauss. Das Libretto von Paul Schott frei nach dem Roman „Bruges-la-Morte“ von Georges Rodenbach greift einen Themenkomplex auf, der so alt ist wie die Menschheit, sich jedoch klar am Aufkommen der Psychoanalyse im Wien um 1900 orientiert und dabei zeitlos modern ist. Die Dresdner Inszenierung setzt auf eindrückliche Effekte und spiegelt den Seelenterror in all seinen Facetten als höchst menschlich wider.

In der Partie des Paul stolpert Burkhard Fritz durch bunte Trugbilder und verleiht seinem warmen Tenor etwas Weiches, ungeheuer Sanftes, wenn er von Marie träumt. Pauls verzweifelter Kampf führt ihn bis an den Grenzen des Wahnsinns, er bleibt dabei jedoch stets passiv, den Trugbildern und heiligen Melodien hörig. Da ist kein Platz für die leuchtende Welt des Lebens, die Marietta in seine Welt strahlen lässt. Manuela Uhl wirkt als Marietta anfangs noch zurückhaltend, kann aber bald schon berührende Momente und auch Erotik auf der Bühne heraufbeschwören. Dass Paul außer fürs Sexuelle für sie nicht empfänglich ist, führt immer wieder zu heftigen Konfrontationen der beiden – und verleiht der Oper eine tiefe, intensive Emotionalität.

Videoprojektionen verleihen der Inszenierung eine weitere Ebene

Musik und Bühne verschränken sich besonderes berührend, wenn die Videoprojektionen von David Bösch die Szene in düstere Mystik tauchen, wenn Tote als Schattenspiel an der Wand auferstehen oder Heilige Lichtfiguren wie im Phantasiethriller über die Bühne wandeln. Einer dieser Momente ist die Auferstehung Maries in Pauls Vorstellung am Ende des zweiten Bildes, die abrupt von einem Paukenschlag beendet wird, ein weiterer der Heiligenzug im dritten Aufzug, erhebend von Chor und Kinderchor der Staatsoper begleitet und der fast mystisch-religiöse Stimmungen heraufbeschwört.

Immer tiefer in der Welt seiner Seelentiefe verstrickt, flüchtet sich Paul in Trugbilder. Er kündigt die Freundschaft zu Frank, dem Christoph Pohl starke Präsenz verleiht. Auch seine Haushälterin Brigitta (Christa Mayer) gibt den Dienst bei ihm auf. Fast surreal zur grauen Welt, die einem Abbruchhaus ähnelt, wirkt die Welt der Theaterleute, die Timothy Oliver, Tahnee Niboro, Khansyso Gwenxane und Grance Durham und Christoph Pohl als bunte Traumsequenz heraufbeschwören. Trotzdem liegt immer eine prickelnde Melancholie auf der Szene, denn Marie wird nicht mehr lebendig und Paul hat sich längst der Welt der Toten hingegeben. Erst als die Leidenschaft der Trauer ihn zum Äußersten treibt und er Marietta erwürgt, erwacht er aus seinem Tagtraum – und erkennt, dass die tote Stadt nicht länger seine Heimat sein kann.

Erich Wolfgang Korngold „Die tote Stadt“ an der Semperoper Dresden, wieder am 7. Und 21. Januar sowie am 2. Februar 2018

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