Donizettis „Lucia di Lammermoor“ an der Semperoper nach 80 Jahren erstmals szenisch

Oper muss die Menschen zum Weinen bringen, sie vor Entsetzen schaudern lassen, sie sterben lassen durch Gesang“, hat Vincenzo Bellini einmal gesagt. Die Oper „Lucia di Lammermoor“ (1835) seines engen Freundes Gaetano Donizetti scheint wie gemacht dafür. Zum Sterben schön ist die Musik, der Stoff so dramatisch wie Shakespeares „Romeo und Julia“. In Dresden jedoch ist sie kaum bekannt, liegt die letzte szenische Aufführung doch schon 80 Jahre zurück.

Die Auferstehung erfolgt nun mit einer düsteren Neuinszenierung (Fotos: PR/ Jochen Quast) von Regisseur Dietrich W. Hilsdorf. Er gibt sein Hausdebüt in Dresden und taucht die Handlung der Oper in dunkle, mystische Bilder. Das Unheil der Liebe zwischen Lucia und ihrem Edgardo ist vom ersten Moment an offensichtlich. Lucias Bruder Enrico hat sie bereits dem reichen Arturo Bucklaw versprochen. Indem er die Schwester und Edgardo von der Untreue des jeweils anderen überzeugt, wird Lucia bald zur Hochzeit mit Bucklaw gezwungen – und vor Liebe fast wahnsinnig. In der Hochzeitsnacht noch ersticht sie ihren Gatten und nimmt sich selbst das Leben, bevor Edgardo sich tötet, um mit seiner Braut auf ewig vereint zu sein.

Libretto beruht auf dem Roman „The Bride of Lammermoor“

Hilsdorf und sein Regieteam haben sich für die Arbeit intensiv mit Walter Scotts Roman „The Bride of Lammermoor“ auseinandergesetzt, der die Vorlage für das Libretto von Salvatore Cammarano bildet. Sie fassen die Geschichte als Parabel, die irgendwo zwischen der Zeit Donizettis und der Gegenwart angesiedelt ist. Als Kulisse schuf Johannes Leiacker an der Semperoper einen schwarzen Raum, im Hintergrund durchbrochen von einer grellen Lichtsäulenwand. Ein Tisch, ein Bett, ein paar Stühle, zum Schluss ein blutgetränktes Laken. Diese Reduktion verleiht der Szene bedrückende Eintönigkeit und Statik – und überlässt allein der Musik die Bühne.

Chor, Kapelle und Sänger bescheren eine Sternstunde des Belcanto

Das Konzept geht auf, weil Hilsdorf sich auf einen famosen Chor (Cornelius Volke), eine großartige Kapelle und ein betörendes Sängerensemble verlassen kann. Donizetti komponierte in seiner Oper eindrückliche Seelenbilder der Figuren, konterkariert traurige Situationen immer wieder mit heiteren Momenten, die wie ein ironischer Bruch wirken. Seine Musik ist von bitterer Schönheit getragen. Giamaolo Bisanti lässt sie am Pult der Sächsischen Staatskapelle Dresden bedrohlich flackern und sanft fließen, entwickelt aus dem Orchestergraben heraus eine fesselnde Dramatik.

Zwischen Sehnsucht und Leiden getrieben wird Lucia zur stärksten Figur der ganzen Oper. Venera Gimadieva bringt in der Partie die Sterne zum Funkeln: Sie hat die Präsenz und die Power, dem gesamten Saal den Atem stocken zu lassen. In ihrer warmen, kräftigen Sopranstimme schwingt ein mystisches Prickeln, brennt schmerzvolles Verlangen. Die Unterzeichnung des Vertrags und die Ohnmacht im vierten Bild sind in ihrer Intensität der vorläufige Höhepunkt. Als sie dann im weißen Kleid und mit dem Dolch in der Hand auf die Bühne taumelt, möchte man den Moment am liebsten festhalten. Dieser entzückend leidenden Lucia verzeiht man den Mord sofort, Gimadieva singt die „Wahnsinns-Arie“ zum Niederknien. Dabei ist ihre Lucia nicht bloß süß und romantisch, sondern eine starke Frau, die Rückgrat beweist.

Eine Aufführung ganz im Sinne von Vincenzo Bellini

Mit Edgaras Montvidas hat sie einen starken Sir Edgardo zur Seite. Aleksey Isaev gibt den Enrico mit brausender Leidenschaft und Georg Zeppenfeld bleibt als kraftvoller Raimondo in Erinnerung. Wirkt die Neuinszenierung am Anfang ein wenig trist und lebensarm, so muss man am Ende gestehen: Belcanto-Opern sind ein Genuss. Denn was wäre die Oper ohne Intrige, ohne große Leidenschaft, angetrieben von der Musik? In diesem Sinne sollte es eine Aufführung ganz nach dem Geschmack von Vincenzo Bellini sein.

Donizettis „Lucia di Lammermoor“ an der Semperoper Dresden, wieder am 29.11., 8. und 22.12.2017 sowie am 28. und 31.3.2018

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