Leonard Bernsteins „Trouble in Tahiti“ bringt das Amerika der 50er Jahre auf Semper2

Das Leben könnte so schön sein wie in der Reklame, wenn es die Realität nicht gäbe. Dass die oft schonungslos mit der bunten Welt aus Liebesfilmchen und Werbefernsehen aufräumt, zeigt Leonard Bernsteins Kammeroper „Trouble in Tahiti“ (1952), die in der Regie von Manfred Weiß am Samstag (30.9.) Premiere auf Semper2 feierte.

Schon das Bühnenbild von Timo Dentler und Okarina Peter entführt hier im großflächigen Plakatstil sofort in die heile Welt aus dem Fernsehen der 50er Jahre in Amerika: Eine strahlende Familie, die glücklicher nicht sein könnte, ist da auf der großen Leinwand zu sehen. Das Ideal des amerikanischen Traums als Fotomontage. Auf der Bühne (Fotos: Nik Schölzel) hingegen spielt sich wenig später das ganze Gegenteil davon ab.

Denn hinter den Gardinen des weiß getünchten Einfamilienhauses von Dinah (Jennifer Porto) und Sam (Martin Gerke) sehen wir eine Ehe, deren Alltag von Missverständnissen und Streit überschattet ist. Während Dinah zu Hause das Kind versorgt und sich zum Analytiker sowie ins Kino flüchtet, lebt Sam für seine Arbeit und den Sport. Die Verständigung scheint unmöglich geworden. Adieu, du rosarote Filmwelt. War das der amerikanische Traum?

Bernsteins Eltern als mögliche Vorlage fürs Stück

Leonhard Bernstein selbst schrieb das Libretto für sein selten gespieltes Werk, würzte dies mit Jazz, Musical-, Filmmusik und zeitgenössischen Dissonanzen. Es ist gut möglich, dass er mit der bittersüßen Geschichte von Sam und Dinah die Ehe seiner Eltern auf der Bühne spiegelte. In jedem Fall jedoch wollte er mit dem Stück den Weg zur amerikanischen Oper einschlagen, indem er auch die Gesellschaft kritisch hinterfragte.

Wie diffizil und packend ihm das gelang, zeigt das Duett von Dinah und Sam, in dem Jennifer Porto und Martin Gerke berührend die Tragik zweier sich verlierender Liebender aufflammen lassen. Bernstein lässt die Protagonisten aneinander vorbei singen, indem sie doch eigentlich dasselbe wollen: den blühenden Garten der Liebe, in dem sie sich einst zu Hause fühlten, endlich wiederfinden.

Sensibles Gesellschaftsbild statt belangloses Musical

Szene wie diese zeigen, dass „Trouble in Tahiti“ mehr ist, als ein belangloses Musical mit feschen Jazzmelodien. Vielmehr zeichnet die Oper ein sensibles Bild der Gesellschaft der 50er Jahre in Amerika. Der Titel bezeichnet einen der Filme, die Dinah im Kino sieht und die genau jene Idylle darstellen, nach der sie sich im Leben sehnt. Doch die Regie des Lebens schreibt ihre eigenen Geschichten und die haben nicht immer ein Happy End.

Im Kontrast dazu begleitet und umrahmt ein Radio-Trio die Handlung, das im Stile der Werbung mit bunten Kostümen und witzigen Choreografien (Natalie Holtom) über die Bühne tanzt. Carolina Ullrich, Timothy Oliver und Sheldon Baxter sind die Personifizierung der Film- und Werbewelt, die Dinah und Sam immer wieder bitter den Spiegel vorhält. Derart konfrontiert mit den Idealen einer Konsumwelt, in der alles möglich und erreichbar scheint, können sie am Ende gar nicht anders, als unzufrieden mit ihrer eigenen Wirklichkeit zu sein. Sie sind zwar willig, aber nicht fähig zum Glück.

Raffiniert an dem Stück ist vor allem die Verschränkung aus Traumfabrik (Trio) und Realität (Ehe), der wir bis heute im Alltag begegnen und aus der es scheinbar kein Entrinnen gibt. Bernsteins Musik spiegelt diesen Widerspruch wider. In der reduzierten Orchesterfassung von Garth Edwin Sunderland, der die Mitglieder der Sächsischen Staatskapelle Dresden unter der Leitung von Franz Brochhagen prickelndes Leben verleihen, wirkt das vielleicht sogar noch unmittelbarer und authentischer.

„The Unanswered Question“ als kluger Epilog für die Oper

Wo am Ende die Lösung liegt, das müssen wir schon selbst herausfinden. Denn dass die Geschichte nicht einfach vorbei ist, zeigt die Regie, indem sie dem Stück noch einen Epilog anfügt und die Scheinwerfer am Ende auf den Sohn (Ernst Friedrich Thiemar) von Dinah und Sam schwenkt: Der spielt zu Charles Ives „The Unanswered Question“ selbstverloren mit Superman und schaut fern, während seine Eltern – statt zu reden – sich erneut der bunten Filmwelt im Kino hingeben.

Leonard Bernstein: „Trouble in Tahiti“ auf Semper2, wieder am 1., 4., 7., 8., 11., 13. und 14. Oktober 2017

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