Die romantische Landschaft – oder: Warum nur wenige große Romane in Dresden spielen

Dresden ist als Kunst-, Architektur- und Musikstadt bekannt. Dieser Ruf halt bis heute weit über das Elbtal hinaus. Selten ist dagegen von Dresden als einer Literaturstadt die Rede. In einer neuen Serie widmen wir uns daher der literarischen Dimension von Dresden, wollen in Büchern, Gedichten, Briefen und Reiseberichten auf Spurensuche gehen, ins Gespräch mit Autoren kommen. In Teil 1 stellen wir uns dabei die Frage, wie literarisch Dresden wirklich ist. Ein Lesestück.

Die idyllische Elblandschaft, die prachtvolle Architektur der Altstadt und die weltweit bekannten Kunstsammlungen lockten in den vergangenen 200 Jahren viele bedeutende Literaten nach „Elbflorenz“. Den Nimbus eines literarischen Ortes kann Dresden bislang aber wohl kaum für sich beanspruchen. Autoren, Philosophen und Denker setzten der Stadt zwar in Gedichten, Briefen oder Essays poetische Denkmäler. In epischen Großformen spielt Dresden im Vergleich zu Städten, wie Berlin, Weimar oder Wien dagegen kaum eine Rolle.

Residenzstadt versus Romanlandschaft

Angesichts des großen Stellenwerts, den Dresden als Kulturstadt seit Jahrhunderten genießt, verwundert die zögerliche Aufnahme der Stadt in der Literatur, vor allem im Roman, zunächst etwas. Die Ursachen dafür liegen jedoch auch in der Historie der sächsischen (Residenz-)Stadt begründet. Dresden galt von jeher als konservativer Ort, wo freiheitliches Denken (oder Schreiben) lange dem Repräsentationswillen des Hofes untergeordnet wurde. Vor allem von den höfischen Festen und Repräsentation sollten die Schreiber den Bürgern berichten. Entsprechend waren die Erwartungen des Dresdner Publikums von vornherein eher höfisch-konservativ geprägt. Das machte die Stadt sicher nicht gerade zum idealen Tummelplatz für Literaten.

Zudem ist Dresden zwar eine große Stadt, nicht vergleichbar jedoch mit weltstädtischen Metropolen wie Paris, London oder Wien. Das Stadtleben in Dresden ist im Vergleich dazu eher auf sich selbst bezogen, steht kaum oder nur punktuell im Austausch mit der Weltgesellschaft und bildet, zumindest seit Ende des Augusteischen Zeitalters, längst keines jener kulturellen Zentren mehr, auf das man aus anderen großen Städten oder von anderen Ländern aus schaut.

Dresden als Zentrum der Romantik

Dennoch schuf Dresden immer bedeutende Kultur-Räume, vor allem in der Musik und der bildenden Kunst. Auch das sind imaginative Welten, die literarisch ins Überwirkliche gesteigert werden können. Und tatsächlich weilten ja mit Goethe, Schiller und zahlreichen Frühromantikern um 1800 bedeutende Autoren als Besucher in Dresden. Besonders auf die Frühromantiker Wilhelm Heinrich Wackenroder und Friedrich von Hardenberg (Novalis) hat die Stadt große Faszination ausgeübt. Ludwig Tieck lebte zwischen 1819 und 1842 am Altmarkt. Der Salon in seinem Haus war in diesen Jahren der Mittelpunkt des literarischen Lebens der Stadt. Die Eindrücke der Autoren von Dresden schlugen sich in ihren Werken nieder. E.T.A. Hoffmanns romantisches Märchen „Der goldne Topf“ (1814) ist eines der prominentesten Beispiele dafür. Dresdens Landschaft dient hier als romantische Kulisse. Die Stadt wird als ein Ort des Wunderbaren dargestellt, die Elbwiesen sind Platz der phantastischen Begegnung des Studenten Anselmus mit der schönen Schlange Serpentina. Die Elbe selbst wird zum rauschhaften Strom. Hoffmanns Dresden-Beschreibung kulminiert in der einer traumhaften Landschaft.

Silhouette Dresden

Beispiele wie diese zeigen jedoch auch, dass das literarische Interesse an Dresden sich im 18. und 19. Jahrhundert vorrangig auf den „Landschaftsraum“ der Stadt bezieht. Neben den Natur- und Landschaftsbeschreibungen – etwa eines Novalis in dem Gedicht „An den Plauischen Grund“ – nahmen die Literaten in der Romantik zudem die Meister der Dresdner Gemäldegalerie zum Thema ihrer Essays und Gedichte. So schlug sich Wackenroders und Tiecks gemeinsamer Besuch der Gemäldegalerie im Sommer 1796 in den „Phantasien über die Kunst“ (1799) und den „Herzergießungen eines kunstliebhabenden Klosterbruders“ (1798) nieder. 1798 war die Gemäldegalerie Treffpunkt der Jenaer Gruppe der Frühromantiker. Ihre Auffassungen zu den Werken der Dresdner Sammlungen erschienen im zweiten Band der Zeitschrift „Athenäum“ unter dem Titel „Die Gemälde“. Auch Raffaels „Sixtinische Madonna“ wurde zum Inhalt zahlreicher Gedichte, etwa von Theodor Körner und Friedrich Hebbel – und somit bald identitätsbildend für die Stadt. Sogar Arthur Schopenhauer dichtete über Raffaels Werk.

Landschaftsraum der Subjektivität

Dresdens „literarisches Dilemma“ dabei ist: Architektur, Künste und Landschaft passten in den Reflexionsrahmen der Romantiker und mögen als Themen in Gedichten geeignet sein, sie reizen die Möglichkeiten der großen Gattung Roman jedoch bei Weitem nicht aus. Um Romanseiten lebendig füllen zu können, müssen Autoren auf Differenzen, Gegensätze, ein gewisses Maß an Heterogenität zugreifen können. Dies alles ist in Dresden nur partiell zu finden – die Ursachen hierfür liegen wohl ebenfalls im Augusteischen Zeitalter und dem damit verbundenen Selbstverständnis Dresdens als Residenzstadt begründet: Die barocke Hofgesellschaft gäbe  allenfalls Material für schnulzige Liebes- oder Historienromane her. Eine Entwicklung zur Stadt der Moderne, wie sie für Paris beschrieben wurde, mit der Entstehung von Museen und Wissenschaft sowie dem Beginn eines sich entwickelnden Bewusstseins der Stadt, war in Dresden in vergleichbarer Ausdifferenzierung aber kaum gegeben.

Expressionismus als Schrei in die Welt

Selbst als die Stadt ab 1917 ein künstlerisches Zentrum des Expressionismus wurde, blieben nennenswerte Großgattungen mit Dresden-Bezug aus. Krieg und Revolution waren die vorherrschenden Themen, mit denen die Expressionisten von Dresden einen „Schrei in die Welt“ hinaustragen wollten. Lyrik blieb aber auch dabei die vorherrschende literarische Gattung. Neben zahlreichen Essays wurden vor allem Gedichte geschrieben. Von einem sich im Text manifestierenden literarischen Bewusstsein der Stadt kann dabei keine Rede sein.

Hauptmann und das Inferno

Erst mit dem Angriff auf Dresden im Zweiten Weltkrieg ändert sich dies etwas. Gerhart Hauptmann legte unmittelbar nach dem Angriff am 13. Februar 1945 den Grundstein für jenen Themenkomplex, der die Dresden-Darstellungen seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges maßgeblich prägte. Hauptmann hatte die Angriffe auf Dresden im Februar 1945 miterlebt und schon kurz danach ausgiebig reflektiert. Dem Gedicht „Zauberblume“ folgte der Artikel „Die Untat von Dresden. Gerhart Hauptmann klagt an.“ Auch, wenn auf den Angriff am 13. Februar 1945 zunächst eine Stille folgte, bedingt durch die Angst, das Unsagbare nicht erzählen zu können, nahmen viele Autoren die Zerstörung später ebenfalls zum Thema.

Dennoch verwundert es angesichts dieser herben Verlusterfahrung kaum, dass der Roman auch nach dem Zweiten Weltkrieg nicht eben die Paradegattung für literarische Dresden-Darstellungen war. Vielmehr fand der Verlust als prägende Empfindung abermals eher subjektive Artikulation in Lyrik und Essays. Dies zeigt sich auch in der Entstehung einer „Sächsischen Dichterschule“ in Dresden während der DDR. Deutschlandliteratur wurde weiterhin an anderer Stelle geschrieben, Dresden blieb als Roman-Stadt ein literarisches Randphänomen. Mit wenigen Ausnahmen.

Dresden bei Kästner und Mulisch

Selbst der berühmte Dresdner Sohn Erich Kästner zeichnet in dem autobiografischen Roman „Als ich ein kleiner Junge war“ (1957) ein auf persönliche Erinnerungen gestütztes, und damit äußerst subjektives, Bild seiner Heimatstadt. Harry Mulisch hingegen treibt die Verlusterfahrung kurz nach dem Krieg literarisch auf die Spitze, indem er die Zerstörung in seinem Roman „Das steinerne Brautbett“ (1959) mit der Vergewaltigung einer Frau gleichsetzt. Auch hier scheint das Dresden-Bild jedoch eher eindimensional auf die barocke Pracht und deren Verlust/Zerstörung ausgerichtet.

Zwei Deutschlandromane aus Dresden

Erst viel später, 1991 und 2008, rückte die Stadt erneut in den Fokus zweier Romane: „Die Verteidigung der Kindheit“ von Martin Walser und „Der Turm“ von Uwe Tellkamp können dabei nicht nur als Dresden- sondern auch als Deutschlandromane gelesen werden, zeigen sie doch das Bild der zerstörten Stadt in einem geteilten Land. Nach wie vor jedoch bleibt die Dresden-Beschreibung auch in diesen Beispielen eher topografisch, an ihrer Silhouette und Stadtlandschaft ausgerichtet: So wie die Türmer auf dem Weißen Hirsch bei Uwe Tellkamp scheint die literarische Darstellung der Stadt damit seit Jahrhunderten um sich selbst und die Bewahrung/den Verlust/ die Wiedererlangung ihrer barocken Pracht zu kreisen.

Dresden wartet bis heute auf den Autor, der dieses Bild – mit einem, nennen wir es ruhig Contra-Mythos – im Roman aufzubrechen vermag.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.