Zweimal Wendepunkt macht #6

Hörtipp des Monats: Dresdner Philharmonie mit Shostakovich und Beethoven

Auf den ersten Blick ist es ein ungleiches Paar, das die Dresdner Philharmonie auf ihrer jüngsten Einspielung miteinander verbandelt: Das Dresdner Orchester hat unter der Leitung von Michael Sanderling die Sinfonien Nr. „#6“ von Shostakovich und Beethoven auf eine CD gebannt und setzt sie in einen Dialog, der offensichtlich von Kontrasten geprägt ist, an dessen Ende die beiden Kompositionen aber doch erstaunlich harmonisch Hand in Hand gehen.

Beide Werke – und da kommen wir schon zu ihren Parallelen – markieren laut Michael Sanderling einen wichtigen Halte-, wenn nicht gar Wendepunkt im Schaffen ihrer Komponisten, folgten sie doch gleichsam als Außenseiter jeweils auf eine gefeierte 5. Sinfonie von Shostakovich wie auch von Beethoven. Die fesselnd kraftvolle 6. Sinfonie Shostakovichs, 1939 in Leningrad uraufgeführt, gilt im Vergleich zur 1808 entstandenen „Pastorale“ Beethovens heute wohl noch als das geheimnisvollere, unerforschtere Werk, in seiner ganzen formalen Zerklüftung vermeintlich irrtümlich geschrieben, irrtümlich aufgeführt, ist es bislang wohl nie zweifelsfrei dechiffriert worden.

Doch auch Beethovens „Pastorale“ ist nicht ganz so lieblich, wie wir sie in heutigen Interpretationen oft und gern hören. Im Gegenteil! Ihr Klangbild soll zur Entstehungszeit wesentlich rauer gewesen sein – und daran knüpft Sanderling in seiner Interpretation mit der Dresdner Philharmonie auch an. Zunächst aber kostet er den sirrend spannungsvollen Grundton in Shostakovichs 6. Sinfonie mit seinem Orchester in all seinen Klangfacetten aus, stellt die Momente ruhiger Rückbesinnung und nervöser Irritation kontrastreich gegenüber. Der anfangs überwiegend düstere Klangcharakter der 6. von Shostakovich wirkt dabei so geheimnisvoll fesselnd wie ein guter nordischer Krimi, trägt er doch bis zum aufbrausenden Schlusssatz etwas bedrohlich Unentrinnbares in sich.

Der Auftakt zu Beethovens 6. Sinfonie wirkt dazu zunächst wie ein starker Kontrast, bevor sich nach und nach jedoch die latenten Parallelen beider Werke eröffnen. Sanderling baut auch hier auf eine geheimnisvolle Spannung, die sich in seiner Beethoveninterpretation vor allem auf ein bedrohliches Brodeln im Hintergrund stützt, in dem eine dunkel rauschende Tonfärbung mitschwingt. Er befreit die „Pastorale“ tatsächlich deutlich von dem süßlichen Schmelz, der ihr oft anhaftet, trotzt ihr gar einige raue, dezent kantige Momente ab, arbeitet die Getriebenheit schon im ersten Satz deutlich heraus, lässt es zum Schluss hin kräftig donnern und verleiht der Sinfonie klangliches Rückgrat, ja geradezu typisch Beethoven’schen Charakter.

In der Kombination beider Sinfonien treten so Zeiten, Komponistenschicksale und zwei eigentlich recht unterschiedliche Werke in einen fruchtbaren Dialog, der spannungsvoller, lebendiger und heutiger vielleicht kaum sein könnte. Die Dresdner Philharmonie hat damit eine kluges Zusammentreffen zweier großer Köpfe in ihrer Musik arrangiert – und eines scheint nach dem Genuss dieser Aufnahme nur allzu gewiss: Hätten Beethoven und Shostakovich sich kennenlernen können, sie hätten sich gewiss viel zu erzählen gehabt.


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