„Cavalleria rusticana“ und „Pagliacci“ an der semperoper dresden

Ehebruch und Eifersucht in Sizilien, eine Theateraufführung, deren Handlung sich in bittere Wahrheit verwandelt – das Spiel mit dem Spiel und verbotener Leidenschaft war vielleicht nie so unerbittlich wie in den Opern des italienischen Verismo. Echte Gefühle statt nur gesanglicher Effekte sollten auf der Bühne damals gezeigt werden. Aus den beiden bekanntesten Werken dieser in Italien um 1850 in Mode gekommenen Ästhetik, Pietro Mascagnis „Cavalleria rusticana“ und Ruggero Leoncavallos „Pagliacci“, wird an der Semperoper Dresden (Fotos: PR/Daniel Koch) in Kooperation mit den Osterfestspielen Salzburg nun ein optisch wie musikalisch intensiver Abend.

Beide Opern handeln vom Ehebruch, rasender Eifersucht, aufwühlender Enttäuschung ihrer Figuren, sie enden schließlich mit einem Mord. Und da beide kurz nacheinander entstanden und zu kurz für den normalen Theatergebrauch waren, wurden sie schon damals gern an einem Abend gespielt. Regisseur Philipp Stölzl stellt die beiden Stücke in seiner Inszenierung abermals raffiniert nebeneinander, indem er optisch zwar ihre Verwandtschaft andeutet, sie aber dennoch – wie bei einem Kurzfilmabend – als voneinander unabhängige Werke zeigt.

Stölzl erzählt Oper mit filmischer Ästhetik

Stölzl, der sich auch als Filmregisseur, unter anderem mit dem Bergdrama „Nordwand“ oder dem Kostümfilm „Goethe!“ einen Namen machte, bedient sich auch für die Oper filmscher Erzählweisen. Sein Bühnenbild spielt mit Wahrheit und Fiktion, indem es echte Kulisse mit Holzschnittoptik und Filmsequenzen aus der Oper mischt. Dafür hat er die Bühne der Semperoper in vier gleichgroße Rechtecke geteilt (in Salzburg waren es sechs), die, ähnlich den Etagen eines Hauses gestaltet, den Blick auf wechselnde Szenen freigeben. Oben führt er etwa in die dunkle Dachkammer von Turiddu und Santuzza, unten auf den sizilianischen Markt vor dem Kirchportal. In „Pagliacci“ zeigt er oben die Theaterkulisse samt Garderobenraum, unten das jubelnde Publikum hinter dem Kassenhaus.

Semperoper Dresden, Cavalleria Rusticana // Pagliacci

Dieses Bühnenkonzept eröffnet mehrere Perspektiven, die Stölzl mit Videoeinspielungen noch ergänzt. Sie zeigen die Darsteller in Großaufnahme, verstärken die (vermeintlich echten) Emotionen in ihrem Gesicht. Das alles greift klug ineinander, wirkt nur selten überladen und verleiht dem Stück optisch eine Spannung, die man sonst in der Oper häufig vermisst. Während Mascagnis „Cavalleria rusticana“ in einer fast comicartigen Schwarz-Weiß-Ästhetik gehalten ist, malt Stölzl das Schausteller-Milieu aus Leoncavallos „Pagliacci“ in knallbunten Farben. So erscheint die Handlung in „Cavalleria rusticana“ beinahe wie eine Art Grundgerüst für das noch etwas differenziertere Spiel mit dem Spiel bei Leoncavallo.

Staatskapelle mit strahlender INterpretation

Die Sächsische Staatskapelle Dresden lässt unter der Leitung von Stefano Ranzani die teils lyrischen, dabei aber oft sehr schroff dramatisch aufflackernden Farben in Mascagnis Partitur strahlen, lebhaft und scheinbar unbezwingbar wie die geheimen Gefühle der Figuren. Leoncavallos Musik wirkt da im Vergleich einförmiger, dafür stringenter. Ranzani setzt hier auf italienischen Glanz und emotionale Dramatik, ohne zu viel Pathos zu verströmen. Das Beste an diesem Premierenabend aber sind die Sänger, die Tiefe und Tragik der Emotionen in beiden Werken bewegend auf die Bühne bringen.

Semperoper Dresden, Cavalleria Rusticana // Pagliacci

Die Ensembleleistung ist überragend, schon vom ersten Ton an nimmt einen die Musik gefangen. In den Interpretationen brodelt genau jenes Gefühl, jene Leidenschaft auf, die eben im besten Sinne des Verismo eine „wahre“ oder besser vielleicht glaubwürdige Wirkung erzeugt.

Sonia Ganassi brilliert in der Partie der Santuzza

Der rumänische Tenor Teodor Ilincai gibt bei Mascagni einen einfühlsamen, sehnsüchtig liebenden Turiddu, der schon mit dem Liebeslied für seine verflossene Lola zu Beginn alle Aufmerksamkeit bannt. Die Verzweiflung der betrogenen Ehefrau lässt Sonia Ganassi mit ihrer Stimme fast greifbar werden. Sie ist als Santuzza die tragische Figur der Oper, mit unentrinnbarer Präsenz entwickelt sie die Betrogene von der verzweifelt ahnenden zur in glühender Enttäuschung aufgehenden Ehefrau – und erntet dafür am Ende zu Recht Beifallsstürme.

Semperoper Dresden, Cavalleria Rusticana // Pagliacci

Obwohl Leoncavallos Musik sich nicht ganz so lebhaft flackernd gebärdet wie die von Mascagni, gelingt es dem Ensemble auch im zweiten Teil packende Emotionen heraufzubeschwören. Vladimir Galouzine wartet hier als betrogener Theater-Chef Canio mit einer überragenden Sangesleistung auf. Er lässt die Enttäuschung über die Untreue seiner Ehefrau tatsächlich schmerzlich spürbar werden, singt mit donnernder Stimme und zieht sich dann still in die Garderobe zurück, um sich stumm (und doch so vielsagend) einen roten Lachmund anzumalen. Als er zum Schluss die Worte verkündet: „Das Spiel ist zu Ende“, ist es auch im Zuschauersaal der Semperoper kurz still – bevor der euphorische Schlussapplaus einsetzt, stehende Ovationen inklusive. So könnte das Spiel hier gern noch weitergehen!


Weitere Termine: 19. und 22. Januar, 3. und 6. Februar

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