Alter Mythos ganz modern

Odysseus Landesbühnen Sachsen

Johannes Krobbach ist Odysseus.

 

„Odysseus“ an den Landesbühnen Sachsen

Was ist über den alten „Odysseus“ nicht schon alles geschrieben, aufgeführt und gefilmt worden. An den Landesbühnen Sachsen erobert der Mythos nun in einer Version des dänischen Autors Kim Nørrevig (übersetzt von Kerstin Kirpal) die Studiobühne – und soll dort vor allem junges Publikum mit Odysseus, dessen Irrfahrten sowie seiner Rückkehr ins normale Familienleben vertraut machen.

Regisseurin Rosa Grunicke hat daraus eine gut einstündige Kammerversion für Zuschauer ab zehn Jahren gezaubert. Ihre Inszenierung begrenzt sich sowohl in Ausstattung (Irina Steiner) als auch in der Besetzung als Einmannstück plus Cello auf das Wesentliche: Drei schlichte, blaue Wände, eine grüne Insel für Dietrich Zöllner am Cello, ein gelber Mond und eine Art große, rote Narrenkappe für Odysseus sind alles, was die Bühne beinhaltet. Dazwischen bleibt viel Raum für die Erzählungen über das Leben und die Abenteuer von Odysseus, die Johannes Krobbach (Foto: PR/Hagen König), unterstützt von dem Musiker Dietrich Zöllner am Cello, größtenteils im darstellerischen Alleingang bestreitet.

Nørrevig hat mit seinem Stück eine stark reduzierte, dafür aber gut verdauliche Version des Mythos geschaffen. Er spart etwa den Trojanischen Krieg fast komplett aus, verzichtet lieber auf verwirrende Nebenhandlungen. Odysseus, der zusammen mit Penelope den Sohn Telemachos zeugte, kommt nach zehn Jahren Krieg und nochmals zehn Jahren Irrfahrt über die Meere mehr oder weniger als Fremder zurück nach Hause. Nur sein Hund erkennt ihn, und rückblickend erzählt Odysseus von seinen Abenteuern: Wie er Riesen blendete, das Trojanische Pferd baute, dem Werben der Circe erlag (und Penelope untreu wurde), Meerestürme überlebte und den siebenköpfigen Drachen Skylla bekämpfte.

Johannes Krobbach schlüpft abwechselnd in die verschiedenen Rollen. Er strippt die Geschichte fast comicartig auf, wenn er die Figuren im Einmannspiel aufeinandertreffen lässt, würzt das Ganze mit einigen witzigen Momenten, fragt hin und wieder auch ins Publikum hinein und zeigt schlussendlich eine sehr heutige Sicht auf den lange abwesenden Ehemann und Vater Odysseus. Die Frage: „Papa, was hast Du gemacht, so lange?“, scheint der Dreh- und Angelpunkt der Inszenierung zu sein. Odysseus verliert sich daraufhin regelrecht in seinen ausführlichen Abenteuerberichten. Plakativ trägt er bald den Titel „HELD“ auf seinem T-Shirt.

Seine Frau Penelope versucht indes noch immer die aufdringlichen Verehrer abzuweisen, die sich in seiner Abwesenheit um sie scharten. Während Dietrich Zöllner am Cello mit seinen Kompositionen für das Stück mal eine sanfte, mal eine spannungsgeladene Geräuschkulisse auf die Studiobühne zaubert, gelingt es Krobbach, durchaus packende Momente heraufzubeschwören. Dass er die Spannung dennoch nicht durchgängig halten kann, ist wohl den vielen Erzählpassagen der Vorlage geschuldet. Im Spiel jedoch wirkt das Ganze weitaus unterhaltsamer.

Am Ende wandelt sich Odysseus vom Abenteurer doch noch hin zum (Gentle-)Mann, befreit seine Penelope von den gierigen Freiern, die letztlich nur die Herrschaft über Ithaka erlangen wollten. Was der Mythos ebenso wie Nørrevigs aufs Nötigste zusammengeraffte Adaption allerdings offen lassen, ist die Frage der Folgen von Odysseus‘ zwanzigjähriger Abwesenheit für seine Frau und vor allem den Sohn. Es bleibt es Aufgabe eines jeden Einzelnen, dies weiterzudenken. Ein leicht fassbarer Zugang zu dem von Nebenhandlungen und Irrungen reichen Mythos ist mit diesem Stück aber in jedem Fall geöffnet.

Nicole Czerwinka

Kim Nørrevig „Odysseus“, Landesbühnen Sachsen, wieder am 30.11., 15 Uhr, 10.12., 10 Uhr u.a.

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