„Allein sind wir nur ein halbes Buch“

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Bianca Raum und Arndt Stroscher sind „Literatwo“

Sie kommen aus gänzlich unkreativen Bereichen: Bianca Raum (28) arbeitet in Dresden als Betriebswirtin, Arndt Stroscher (52) ist Berufsoffizier in München (Foto: privat). Beide lesen. Und zwar in jeder freien Minute. Sie lernten sich kennen, als sie erste Rezensionen auf der Communtiy-Plattform Lovelybooks schrieben, nebenbei starteten gerade ihre ersten Bloggingversuche. Beim Leserkompass-Rezensionswettbewerb gewannen sie den ersten Preis in verschiedenen Kategorien. Sie stellten fest, wie ähnlich ihre Leseleidenschaften waren und gründeten einen gemeinsamen Literaturblog – heute kennt man sie in der Szene als „Literatwo“.

Mittlerweile sind sie Lesepaten eines Kinderheims und betreuen die Social Media Kanäle für die „schriftgut“-Messe. Außerdem berichten sie täglich aktuell als offizieller Blog beim Meißener Literaturfest. Im letzten Jahr schrieben sie 240 Artikel. Einen Großteil der Bücher lesen sie zusammen, dabei stehen sie im ständigen Dialog, online oder am Telefon. Ihre Grundmeinung stimmt oft überein, aber die Perspektive erweitert sich, zum Beispiel auch durch den Altersunterschied. „Die Leseerfahrungen ergänzen sich“, meint Arndt Stroscher. Er beschreibt Literatwo als untrennbare Einheit. Bianca Raum kann das bestätigen: „Alleine fühlen wir uns wie ein halbes Buch, als hätten wir ein Deckblatt, aber keine Rückseite.“

Eine große Community wollten sie ursprünglich gar nicht aufbauen. „Wir beschreiben einfach unseren Leseweg“, erklärt Arndt Stroscher. „Ich mache das nicht für irgendjemanden, ich notiere meine persönlichen Gefühle beim Lesen. Wenn morgen das Internet abgeschafft wäre, würde ich übermorgen dasselbe schreiben – dann eben auf Papier.“ Bianca Raum ergänzt: „Es geht um unseren täglichen Lebensweg mit Büchern, es ist nicht unsere Hauptintention, Kaufempfehlungen zu geben.“ Trotzdem macht sie das Feedback glücklich; für viele Menschen wurde Literatwo inzwischen zur Schatzkiste für neue Lese-Entdeckungen.

Das neue Programm zeigen ihnen „ihre Verlage“ in persönlichen Gesprächen auf den Buchmessen. Oft sind Titel noch gar nicht erschienen, und Literatwo bekommt Druckfahnen zum Vorablesen. Neugierig sind die Blogger vor allem auf Bücher aus der „zweiten Reihe“, für die das Werbebudget der Verlage oft nicht reicht. Dann fragen sie die Verlagsmitarbeiter nach ihren persönlichen Herzensbüchern, so entstehen Geheimtipps, und Bücher rücken in den Fokus, die sonst nur wenige entdecken würden.

Ein anderer Schwerpunkt ist das „Lesen gegen das Vergessen“: Literatwo berichtet über Geschichten von Jugendlichen, die unter politischen Systemen leiden. Wie junge Menschen solche Schicksale erleben und reflektieren, finden die Blogger besonders wichtig. Arndt Stroscher lobt: „Gerade im Jugendbuchbereich sind die Verlage in den letzten Jahren viel facettenreicher geworden!“

Die letzten beiden Jahre war Literatwo auf der Longlist für den avj-Medienpreis nominiert, eine Auszeichnung, mit der die Pressesprecher der Verlage journalistisches Engagement für Kinder- und Jugendbücher honorieren. Die Blogger freuen sich über die Nominierungen: „Es macht uns unfassbar stolz, so wahrgenommen zu werden!“

Mit Literatwo haben sie erfahren, was „spürbarer Journalismus“ bedeutet: Sie schrieben über Oda Schäfer, als sie als Lyrikerin vergessen war. Drei Jahre später wurden ihre Werke wieder verlegt, und die beiden Blogger lud man ein, Schäfers private Räume und ihren Enkel zu besuchen. Arndt Stroscher glaubt: „Ohne den Blog wäre das alles nicht möglich gewesen!“ Kommerzialisieren wollen sie ihre Arbeit auf keinen Fall. „Für Autoreninterviews wurde uns schon oft Geld angeboten“,erklärt Bianca Raum. „Aber wir haben es immer abgelehnt. Wir wollen uns unsere Unabhängigkeit bewahren, damit wir unsere eigene Meinung sagen können – denn die ist unbezahlbar!“

Lintipp:  http://literatwo.wordpress.com/

 

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