Herbstauslese: „Wolfsblues“ von Vanessa Carduie

Tamara liebt David, das wird schnell klar. Nur: Der Afrikaner nennt sich „Vollstrecker“ und ist über zweihundert Jahre alt. Tamara hingegen, als Werwolfwelpe von 26 Lenzen, schafft es nicht, sich von ihrer Familie zu lösen. Rassisten und Dämonenbeschwörer verkomplizieren ihren Alltag, dabei wünscht sie sich sehnlichst eine erotische Begegnung. Nach „WG mit Biss“ und „Neustadtzauber“ (2016) veröffentlichte Selfpublisherin Vanessa Carduie jüngst das Ende der Schattenseiten-Trilogie: „Wolfsblues“ (2017), holt Vampire und Werwölfe nach Dresden zurück – und wieder in ein Bett.

Der Schwerpunkt der Story liegt auf der Liebelei und der Loslösung von einem Vater, dessen Dominanz Tamara kaum beeindruckt. Die Tochter soll sich von dem Vampir fernhalten – Rassismus zeichnet nicht nur Dresden als Handlungsort, sondern auch die eigene Familie. Doch die differenzierte Betrachtung bleibt aus. Angesichts Tamaras Sehnsucht erscheint die menschenverachtende Schwarze Magie wie ein nerviges Hindernis. Das Nebenthema drängt sich in den Vordergrund: Beziehungsprobleme von Werwölfen und Vampiren – die schließlich auch Menschen sind. Tamara hat genug von den Konventionen des Rudels und sucht ihren eigenen Weg. Die Emanzipation der Studentin spricht ein Jugendthema an: Die attraktive Frau zweifelt wie schon in Band 1 an sich (auch wenn es dort eine andere war). Doch auch David möchte Tamara nicht „im Weg stehen“, glaubt, dass sie ihn wegen seiner Hautfarbe nicht lieben kann. Der Minderwertigkeitskomplex des ehemaligen Sklaven gibt dem Vollstrecker ein neues Gesicht und deutet eine Entwicklung an.

Die Autorin bringt Kritik in die Unterhaltungsliteratur, doch die Originalität erschöpft sich zu schnell: Gewalt in der Sklaverei, Misshandlung von Pflegekindern, Rassismus bei Dresdner Bürgern  – beschrieben wird dies alles leider mit wenigen Graustufen. Die bedrohlichen Aspekte des Dämonischen werden beiseite geschmust; viele Themen bleiben sanfte Berührungen, schrecken vorm tiefen Graben zurück und versickern so ungedacht.

Auch wenn man das Buch als Roman für Heranwachsende liest, wünscht man sich (neben den Überschriften) echte Perspektivwechsel. Denn der Autorin ist zuzutrauen, dass sie sich in einigen Jahren zu wirklichen Tabuthemen vorwagt. Spannende Gedanken deuten sich an – wie die geheime Dankbarkeit bei Kontakt mit dem Elend anderer – doch der Transport erfolgt durch Klischees. Die Moral unterhält, aber bildet kaum. Mehr Beschreibungen zwischen den Zeilen wäre schön, denn etliche von ihnen sind leer, zu viel Redundanz für fast 500 Romanseiten.

Carduies Leidenschaften gehören Romantik und Erotik, die jedoch kaum gefühlt, sondern mehr erklärt und dadurch schon mal zerredet werden. Die Autorin ist Analytikerin; wenn sie Gedanken ihrer Figuren beschreibt, reflektiert sie nicht mit Hilfe verschiedener Standpunkte, sondern manifestiert durch Wiederholung. Man wünscht sich mehr Gefühl, mehr Straffung und ein Hauptthema, das anerkannt wird, ohne dass es die Suche nach schwarzen Gegnern braucht.
Wie so oft wird in der Fantasy „unschädlich gemacht“, was falsch denkt und den Frieden bedroht. Carduie gibt sich Mühe, das Böse klar zu zeichnen: Wer von Tamaras Ansichten abweicht, ist ein „Montagsspaziergänger“ oder „Höhlenmensch“ – doch die Aufgabe von Künstlern wäre es, Ursachen der Ängste zu zeigen, nicht diejenigen abzuurteilen, die andere aburteilen.

Dresden wird im Roman an vielen Ecken erwähnt: Pieschen ist der Wohnort der Protagonistin, die Teestube im Kunsthof wird zum Geheimtreff. Im Untergrund der Dresdner Festung gibt es finstere Kämpfe, auch wenn die Geschichte woanders spielen könnte, fühlt man: Die Autorin liebt ihre Stadt. Doch der anspruchsvolle Leser spürt den Forschergeist und den Erklärungsdrang einer jungen Autorin. Plakative Kapitel-Titel tragen zur Unterhaltung bei: „Himmel und Hölle“, „Rosa Wolken“ oder „Nägel mit Köpfen“, während der Sprache die Vielfalt fehlt: Wo ein Baum zum „hölzernen Gewächs“ wird und Damen „wie Espenlaub“ zittern, Küsse – natürlich – „dahinschmelzen“ lassen, entsteht schnell der Eindruck von zu wenig Belesenheit. Hervorzuheben ist die Wärme, die man in den Familienthemen spürt. Die Aufnahme eines traumatisierten Kindes, die Schwester, die die Verantwortung trägt. Vielleicht baut sich hier eine Rudelführerin auf. Der Erfolg von Vanessa Carduie spricht für die Bedürfnisse ihrer Leser. Gern könnte sie daran weiter wachsen – man wäre überrascht, wohin.

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