Herbstauslese: „Schrammstein“

Herbstzeit ist auch Lesezeit. Unter dem Motto „Herbstauslese“ gibt es auf elbmargarita.de eine Serie, in der wir ausgewählte Romane und Erzählungen rezensieren, die in Dresden spielen. Heute: Frank Goldammers neuen Krimi „Schrammstein“.

Das Ermittlerteam Uhlmann und Tauner ist auf dem Weg nach Niedersedlitz – ab der ersten Zeile ist Dresden präsent. Es ist der dritte Fall, den Frank Goldammer ihnen überträgt, doch diesmal kommt alles ganz anders.

Falk Tauner, gefangen zwischen Scheidung und frischer Beziehung, beißt sich an einem zehn Jahre alten Mord die Zähne aus, als plötzlich sein neureicher Bruder ihn mit einem Besuch beehren will. Ralf reist aus dem Westen an, um ihm tagelang auf den Keks zu gehen, aber dann passiert ein Unglück. Die Zerrissenheit in der Familie und eine unverhoffte Begegnung mit seiner Ex-Frau stellen Tauners Nerven auf die Probe. Wegen Befangenheit von den Ermittlungen ausgeschlossen, ergreift er die Chance und tastet sich auf eigene Faust an die Verbrecher heran – gräbt sich dabei jedoch so tief im Milieu ein, dass er bald selbst um sein Leben fürchten muss. Nach und nach deckt Tauner Machenschaften auf, die er in seinem eigenen Umfeld nie vermutet hätte, und plötzlich erscheint ihm sein Bruder – der Grenzflüchtling, Verräter und „Lackaffe“ – in einem ganz anderen Licht, und seine Verachtung gerät ins Schwanken.

„Ralf Tauner erhob sich von seinem Stuhl, er war ein bisschen größer als Falk und gerade so vollschlank, dass man ihn nicht als dick bezeichnen konnte. Er trug seine Haare ziemlich lang, hatte sie mit Fön und Haargel zu einer Frisur geformt, die sich in einem Film mit Musketieren gut gemacht hätte. Sein Gesicht strahlte, die Fingernägel waren manikürt. Ralf hatte sich eines der teuersten Hotels in Dresden ausgesucht.“

Frank Goldammer versteht es, seine Stereotypen zu plastischen Figuren zu formen. Trotz der Verstrickungen in einem immer weiteren Verdächtigenkreis verliert der Krimifan nicht den Überblick. Die Emotionen verdichten sich im Protagonisten Tauner, der hier seine ganz persönliche Tragödie durchlebt. Nicht nur Herz des Krimis, sondern auch Ossi-Urgestein, macht ihn seine aufbrausende, aber intelligente Art auf borstige Weise liebenswert.

Der Dresden-kundige Leser folgt Uhlmann und Tauner begeistert bei ihren dienstlichen Wanderungen in der Sächsischen Schweiz und sieht die Felsformationen bildhaft vor sich. „Schrammstein“ thematisiert Touristenmagneten ebenso wie Hotels und Restaurants und spielt neben dem Elbsandsteingebirge zum wesentlichen Teil im Dresdner Rotlichtviertel.

Goldammers Dresden-Krimi-Reihe bei Gmeiner umfasst bereits die Bände „Revierkampf“ (2012) und „Abstauber“ (2013). Der Dresdner ist vielseitig und sonst eher mystisch veranlagt: Nach regelmäßigen Mysterythrillern meisterte er 2013 und 2014 auch den Endzeit-Epos „Feldwebel“, nebenher schreibt er heitere Kurzgeschichten, wie in der Anthologie „Schneefrei“(2015) bei DTV oder führt „Stadtgespräche aus Dresden“ (2015). Mit „Schrammstein“ präsentiert er einen emotionalen Krimi mit hohem Tempo, der die Zeit wie im Flug vergehen lässt.

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