Siegeszug aus der Vergessenheit

Kästners „Klaus im Schrank“ am Staatsschauspiel

Das Dresdner Schauspielhaus ist bis auf den letzten Platz ausverkauft, als sich am zweiten Advent der Vorhang zu Erich Kästners lang verschollen geglaubten Theaterstück „Klaus im Schrank oder Das verkehrte Weihnachtsfest“ hebt. Vor gut einem Monat feierte das Werk aus dem Jahre 1927 seine Uraufführung. Zuvor nämlich hatte dieser „Klaus“ gut ein halbes Jahrhundert lang sprichwörtlich im Schrank geschlummert, bevor das Manuskript im Nachlass von Kästners Mitarbeiterin Elfriede Mechnig wieder auftauchte.

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Arktische Eislandschaft aus Musik

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Jan Heinke vertont „Das Kind der Seehundfrau“

Es ist ein altes Inuit-Märchen über Liebe und Verlust, das die Landesbühnen Sachsen am Nikolaustag als Musiktheater für Kinder (ab acht Jahren) erstmals auf die Bühne bringen. „Das Kind der Seehundfrau“ erzählt poetisch von einer Mutter, die ihre Familie nach sieben Jahren verlassen muss, um zu den Seehunden im Meer zurückzukehren. Jan Heinke, Musiker und Komponist aus Dresden, schrieb die Musik für diese nachdenklich schöne Geschichte.

Der 45-Jährige findet mit seinen selbstgebauten Stahlcelli ganz eigene Töne, um die Atmosphäre der Eskimolandschaft klanglich zu beschreiben. „Das Stahlcello besteht aus unterschiedlich langen Edelstahlstäben und einer Metallplatte als Resonator. Es wird mit einem Bogen aus Bambus und Angelschnur gestrichen und hat einen metallischen Klang, der lange nachhallt“, erzählt der Musiker. So kann er die Weite der Eiswelt in Grönland und dem arktischen Kanada förmlich hörbar machen, die Musik wird dabei zu einer weiteren Erzählebene in dem Theaterstück.

Doch das Stahlcello ist nicht das einzige Instrument Marke Eigenbau, das in „Das Kind der Seehundfrau“ mitspielt. Zusammen mit dem Dresdner Schlagzeuger Demian Kappenstein sei Jan Heinke im Vorfeld der Proben über die Schrottplätze der Stadt spaziert und habe passende Teile für ein ganz besonderes Percussions-Instrument zusammengesammelt. „Das waren alte Sägeblätter oder Gastanks, wir haben dabei unsere Phantasie spielen lassen“, sagt Heinke. Die blechernen Schrott-Instrumente werden auf der Bühne noch von der glockenspielartigen Celesta, gespielt von Thomas Tuchscheerer, unterstützt, denn ganz ohne Harmonieinstrument geht es nicht.

Zusammen ist dieses kleine Orchester im Stück fast immer auf der Bühne präsent (Foto: PR/Hagen König). Es untermalt die Geschichte mit atmosphärischen Tönen, bringt live arktisches Meeresrauschen, bitterkalte Windböen oder klirrenden Frost ins Theater – und unterstreicht die Poesie des Stückes so auch akustisch. Zwischendurch wird in dem alten Inuit-Märchen aber auch gesungen, gerappt und sogar einen Obertongesang, der die Ohren wahrlich in eskimoartige Iglu-Gefilde entführt, hat Jan Heinke für das musikalische Theaterstück komponiert.

Die alte Geschichte aus einem fernen Land wird so vor den Augen und Ohren der Zuschauer von heute wiederauferstehen. Die Seehundfrau – so viel sei schon jetzt verraten – bekommt ihr Fell und damit ihr Leben am Ende von ihrem Sohn Oruk zurück. Ob dieser allerdings anschließend mit ihr in die Fluten des Meeres abtaucht oder sich für ein Fischerleben mit seinem Vater entscheidet, werden die Besucher in einer der vielen Vorstellungen vor Weihnachten sehen.

Nicole Czerwinka

„Das Kind der Seehundfrau“ an den Landesbühnen Sachsen: Premiere am 6.12., 10 Uhr in Weinböhla, weitere Vorstellungen in Radebeul am 7.12., 15 Uhr; 8.12., 17 Uhr; 13.12., 10 Uhr; 14.12., 11 Uhr; 16.12., 17.12. und 18.12., 10 Uhr; sowie am 10.12. im Großenhainer Schloss und am 11. und 12.12. im Klostersaal Riesa

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Märchentheater statt Mattscheibe

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„Das singende, klingende Bäumchen“ im Wechselbad

Die Weihnachtsfeiertage wären ohne die legendären DEFA-Märchenfilme wohl nur halb so feierlich. Kein Wunder, dass Filmklassiker wie „Die Hexe Babajaga“ oder „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ nach der Mattscheibe oft die Theaterbühnen erobern. Auch „Das singende, klingende Bäumchen“ hat jetzt ein szenisches Pendant gefunden, in der Regie von Olaf Becker feierte dieses Märchen am Donnerstag (28.11.) Gastspiel-Premiere am Theater Wechselbad der Gefühle.

„Lehnt euch entspannt zurück“, ist hier die Aufforderung des Erzählers (Hans-Georg Pachmann) zu Beginn – und die darf durchaus ernst genommen werden. Denn was die Zuschauer in den folgenden zwei Stunden (inklusive 20-minütiger Pause) erwartet, ist bunt verträumte Märchenunterhaltung, ganz im Stile jener Produktionen gehalten, mit der die TW.O GmbH schon seit Jahren das Dresdner Publikum begeistert – als da wären „Die Hexe Babajaga“ Teil I bis IV oder der sommerliche „Spuk unterm Riesenrad“ auf dem Konzertplatz am Weißen Hirsch.

Beckers Inszenierung hält dabei gekonnt die Waage zwischen solider Schauspielkunst und kleinen, unterhaltsamen Showelementen, die wohl vor allem bei den kleinen Zuschauern für leuchtende Augen sorgen werden. So kommt der Prinz (Christoph Fortmann) hier zunächst auf einem herrlich lebensgroßen Papppferd daher, um schließlich die tausendschöne Prinzessin Tausendschön für sich zu erobern. Der König (Philipp Richter) freilich hätte gegen diesen Freier für seine Tochter nichts einzuwenden. Doch sein Prinzesschen (Stefanie Bock) ist eine mehr als verwöhnte Ich-will-ich-will-ich-will-Göre und fordert von ihrem Brautwerber zunächst das singende, klingende Bäumchen ein.

Der Prinz macht sich also auf die Suche, doch wäre das Märchen ja viel zu schnell zu Ende, wenn das Bäumchen gleich singen und die Geschichte ohne echte Bösewichte auskommen würde. So nimmt das Ganze seinen Lauf – und zieht mit vielen schönen Ideen, kleinen Späßen, nicht immer ganz sauber präsentierten Liedern (Musik: Andreas Goldmann), ein wenig Zauberei, romantischer Kulisse (Bühne: Anna Beck) und dem Charme aller Darsteller (Foto: PR/Robert Jentzsch) bis zum Ende in seinen Bann. So gibt etwa Philipp Richter einen wunderbar witzigen, tattrigen König und Andreas Reuther amüsiert als herzlich treudoofer Wachmann, der nie weiß, was er eigentlich tun soll.

Stefanie Bock ist eine Prinzessin, wie sie im Märchenbuch steht, und der man selbst als hartherzige Göre gern zuschaut. Christoph Fortmann dagegen gibt einen lebensfroh unbeschwerten Prinzen mit einem endlos guten Herzen, der sich nicht davon abbringen lässt, an das Gute in der kaltschnäuzigen Prinzessin zu glauben und damit wohl zum heimlichen Helden des Stückes wird. Und Peter Brownbill ist ein schaurig böser Zwerg, vor dem sich selbst große Zuschauer manchmal gruseln möchten. Als Vermittler in allen Lagen, wie ihn so ein Märchen eben braucht, hält auf der Bühne zudem Hans-Georg Pachmann in der Doppelrolle von Erzähler und Hofmarschall die Fäden der Handlung stets zusammen.

Am Ende, ja am Ende singt und klingt das Bäumchen dann schließlich doch. Begleitet von einem Fisch, einem Hasen, mehreren Tauben und allerlei Getier im herrlich bunten Märchenwald kann jetzt endlich Hochzeit gefeiert werden. Zur Premiere war dieses furiose Happy End vom tobenden Applaus der Zuschauer begleitet – und der wird sicher auch bei den nachfolgenden Vorstellungen (zu) recht üppig ausfallen.

Nicole Czerwinka

„Das singende, klingende Bäumchen“ im Theater Wechselbad der Gefühle, wieder am 4.12., 19.30 Uhr; 5.12., 6.12., 20 Uhr; 16.12., 17.12., 18.12., 19.12., 20.12., 19.30 Uhr; 21.12., 22.12., 23.12., 15 Uhr, am 24.12., 10.30/14 Uhr; 25.12., 26.12., 15 Uhr …

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Weihnachtsbühnenschau

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Wie Dresdens Theater die Adventszeit versüßen

Alle Jahre wieder, wenn Glühweinduft durch die Straßen weht und Winterfrost in die Nasen zwickt, zieht es die Welt in kuschelig warme Theatersäle. Dort steigen zur Weihnachtszeit Märchenfiguren aus der Vergessenheit empor, rütteln Melodien längst schlummernde Kindheitserinnerungen wach und lassen den Zauber des Jahresendes für ein paar wohlige Stunden lang Wahrheit werden. Was? Das glaubt ihr nicht? Dann schaut selbst, wie Dresdens Theater zur Weihnachtszeit funkeln:

Staatsschauspiel Dresden:

Am Staatsschauspiel Dresden versteckt sich dieses Jahr im Advent zum ersten Mal Erich Kästners „Klaus im Schrank“ und feiert samt seiner Familie ein verkehrtes Weihnachtsfest. Zudem treiben auch die drei Geister aus Charles Dickens „A Christmas Carol“ wieder ihr Unwesen im Palais im Großen Garten. Wer sich eines der beiden Stücke anschauen will, der muss jedoch schnell sein, die meisten Vorstellungen sind schon ausverkauft!

Landesbühnen Sachsen:

Dis Landesbühnen Sachsen bescheren zur Weihnachtszeit eine Qual der Wahl. Zum einen erobert hier die Musicalversion des Kultfilms „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ die Theaterbühnen, zum anderen wird hier wohl auch all jenen warm ums Herz, für die Engelbert Humperdincks Oper „Hänsel und Gretel“ zum Advent gehört wie Stollen und Lebkuchen. Zudem versüßt hier auch „Ox und Esel“, eine tierische Weihnachtsgeschichte von Norbert Ebel den Advent.

Theater junge Generation:

Das Theater der jungen Generation (tjg) tischt zum Fest dieses Jahr die ebenso komische wie nachdenkliche Geschichte über die verrückte Familie Herdmann auf. Diese will in dem turbulenten Stück „Hilfe, die Herdmanns kommen!“ natürlich unbedingt beim Krippenspiel in einer Kleinstadt mitmachen, schnappt sich flugs die begehrtesten Rollen und sorgt dabei für allerlei Aufruhr bei den Nachbarn. Ob am Ende daraus noch ein friedliches Fest wird?

Theaterkahn:

Lustig wird es auch auf dem Theaterkahn. Hier verbünden sich Patrick Barlow, Peter Kube und Tom Quaas zur sogenannten Weihnachtskultkomödie „Der Messias“, in dem die Weihnachtsgeschichte mit vielen Überraschungen einmal ganz anderes erzählt wird als sonst. An den Tagen rings ums Fest lädt zudem ein Programm mit Geschichten Musik vom Michael-Fuchs-Trio zu besinnlichen „Weihnachten auf dem Theaterkahn“ ein.

Comödie Dresden:

Ein süßer Protagonist der Weihnachtszeit wird zur Hauptfigur des neuen Weihnachtsmusicals an der Comödie Dresden. Das Stück „Willie der Weihnachtsstollen“ stammt aus der Feder des Comödien-Intendanten Christian Kühn und erzählt die Geschichte von einem in der Backstube vergessenen Stollen, der sich auf eine abenteuerliche Reise über den Striezelmarkt begibt. Mit von der Partie ist dabei auch DSDS-Sternchen Lisa Wohlgemut in der Rolle von Krümel, dem Baisertörtchen.

Theater Wechselbad der Gefühle:

Das schöne Märchen „Das singende, klingende Bäumchen“ flimmert dieses Jahr zum Fest nicht nur über die Fernsehbildschirme. Im Theater Wechselbad erobert der DEFA-Märchenklassiker nun auch die Bühne und wird dort nicht allein Kinderherzen an den Festtagen erfreuen. Die Produktion stammt übrigens von den Machern von „Die Hexe Babajaga“ und „Spuk unterm Riesenrad“.

Societaetstheater:

Kein Theater, aber dafür umso mehr Weihnachten bescheren das Dresdner Societaetstheater und das Barockviertel im Advent. Beim Adventsgeschichtenkalender lesen stadtbekannte Dresdner im Barockviertel vom 1. bis zum 23. Dezember jeden Tag winterliche Märchen oder Weihnachtsgeschichten. Die literarischen Kalendertürchen öffnen sich jeden Tag um 18 Uhr an einem anderen Ort im Barockviertel. Glühwein, Gebäck und Kerzenschein inklusive.

Theaterhaus Rudi:

Weihnachtszeit ist auch im Theaterhaus Rudi gleich Märchenzeit. Hier sind Familien zu einer ganz besonderen Vorstellung von „Hänsel und Gretel“ eingeladen. Im Puppentheater mit Karla Wintermann steht außerdem „Frau Holle“ auf dem Programm und Katharina Randel inszeniert mit ihren Puppen das Märchen „Der Wolf und die sieben Geißlein“.

Projekttheater:

Heiliger Bimbam! Die Weihnachtsgeschichte soll gar nicht wahr sein? Die bühne, das Theater der TU Dresden, hinterfragt dieses Jahr in ihrer Weihnachtsshow „The Holy Shit!“, was wäre wenn. Zu sehen ist dieses freche, junge Theater dreimal im Dezember im Projekttheater Dresden – und ganz sicher wird dabei so manche lustige Wahrheit über das Weihnachtsfest entlarvt.

Semperoper:

Gleich dreifach märchenhafte Weihnachtsunterhaltung schenkt die Semperoper im Advent. Hier tanzt Peter Tschaikowskis Nußknacker-Ballett (Foto: PR/Costin Radu) kunterbunt über die Hauptbühne, während in Semper II „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“ das kleine Publikum in seinen Bann zieht und „Hänsel und Gretel“ sich in der zuckersüßen Inszenierung von Katharina Thalbach aus dem Pfefferkuchenhaus der Hexe befreien.

Staatsoperette:

Die Staatsoperette Dresden setzt zum Jahresende ebenfalls auf den Zauber der Märchenwelt. Neben Humperdincks „Hänsel und Gretel“ kommt hier mit der „Weihnachtsgans Auguste“ ein weiteres typisches Weihnachtsstück unter den Baum. Und auch der „Zauberer von Oz“ spukt hier über die Bühne, um die Qual der Wahl perfekt zu machen.

Nicole Czerwinka

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Manufaktur als Musikinstrument

Sounddesigner macht Dresden zum Orchester

Es rattert, piept, tickt, brummt, blinkt, spricht und hämmert – das alles vereint in einem rasanten, technoartigen Rhythmus. So klingt die Gläserne Manufaktur in Dresden für den Sounddesigner Jarii van Gohl. Für seinen Soundkalender 2013 sammelt er die typischen Geräusche aus zwölf Dresdner Gebäuden und verpackt diese in ein jeweils charakteristisches Klangbild. Die gläserne Phaeton-Fabrik am Straßburger Platz bildet das akustische Kalenderblatt für den November.

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Spiegelbild mit doppeltem Boden

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„Echo und Narziss“ an der bühne – eine Nachschau

Artikulations- oder kurz einfach A-Versuche sind in der Regel eher kleine Theaterproduktionen, mit denen die jungen Amateurschauspieler an der bühne, dem Theater der TU Dresden, sich in kurzen, aussagekräftigen Stücken in der Theaterkunst probieren. Die Ergebnisse sind etwa alle viertel Jahre zu sehen, fallen mal gelungen, mal krude oder verwirrend aus – und haben immer ein wenig Geheimtippcharakter in der Dresdner Theaterlandschaft.

Der jüngste A-Versuch mit dem Titel „Echo und Narziss“ (Foto: PR/bühne) jedoch scheint ein besonderes Exemplar seiner Art zu sein. Die griechische Sage um den an unstillbarer Selbstliebe erkrankten Narziss, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebt, kommt hier in einer äußerst experimentierfreudigen Inszenierung von Fynn Schmidt und Annemarie Renker auf die Bühne. Immer wieder von einer hinter den Bühnenraum blickenden Videoaufnahme ergänzt, wird die diese mythologische Geschichte von dem zwölfköpfigen Ensemble mit sichtbarer Spielfreude hier in zwei Varianten gezeigt.

Noch bevor es losgeht, verwirren jedoch zwei Helfer das Publikum in der ersten Reihe noch schnell mit der Verteilung von Müllbeuteln. Wozu diese dienen, weiß niemand, auch am Ende dieses Theaterabends ist dieses Rätsel nicht gelöst. Bis dahin allerdings gibt es viel zu sehen, viel zu denken und kaum Platz für Langeweile. Versuch eins wird hier zu einer Art Vorerzählung. Ein Haufen weißgetünchter Menschen, die an blasse, noch zu modischer Schönheit zu formender Fotomodels erinnert, liegt kreuz und quer auf der Bühne – bevor sich daraus ein Chor erhebt, der die Geschichte von Narziss erzählt. Schnitt. Video. Auf der Leinwand schminken sich die Darsteller wieder ab. Musik.

Versuch zwei spielt nun in einer Art kitschigem Lusttempel, in dem Liebesgott Amor Narziss und die Waldnymphe Echo zu vereinen sucht. Hier fliegen nicht nur seine Pfeile, sondern auch Blütenblätter durch die Luft, werden Farben über die Bühne gekleckst, bunte Lampions von der Decke gelassen und die Geschichte von Echo und Narziss huscht zwischen all diesem bunten Pomp als überladenes Schauspiel über die Bühne. Der weiße Ernst des Anfangs wandelt sich jetzt in ein kindliches Treiben, in dem man Echos Tod übertrieben lautstark beweint, bevor sie sich wiederum aus dem Grab erhebt. Die Wandelbarkeit dessen, was die Menschheit als „schön“ bezeichnet, wird so als bitter komische Groteske auf der Bühne simuliert.

Seit langer Zeit schon habe die Truppe, die seit dem Theaterfestival „schnell und schmutzig“ unter dem Namen „Neues aus der Wundertüte“ auftritt, für diese Inszenierung geprobt – alles neben dem Studium versteht sich –, heißt es am Schuss. Aus einer Low-Budget-Produktion haben die Studenten mit pfiffigen Ideen und viel Herzblut eine ebenso beachtliche wie anspruchsvolle Aufführung gezaubert, die ein antikes Stück in moderne Formen verpackt und so für junges Publikum öffnet. Eigentlich schade, wenn diese Mühen nun im Archiv der bühnen A-Versuche verstauben müssten.

Nicole Czerwinka

Linktipp: https://die-buehne.tu-dresden.de/

Termintipp: die bühne „Gotham City I“, Premiere am 27.11., 20.15 Uhr

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Zeitlose Kindheitserinnerungen

Herbstauslese: „Als ich ein kleiner Junge war“

Herbstzeit ist auch Lesezeit. Unter dem Motto „Herbstauslese“ startet auf elbmargarita.de eine neue Serie, in der wir ausgewählte Romane und Erzählungen rezensieren, die in Dresden spielen. Heute: Erich Kästner: „Als ich ein kleiner Junge war“

Es ist wahrscheinlich eine der schönsten Liebeserklärungen an Dresden, die Erich Kästner (1899-1974) seiner Heimatstadt mit seiner Erzählung „Als ich ein kleiner Junge war“ (1957) einst machte.

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Im Karussell der Erinnerungen

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Jochen Schmidts „Schneckenmühle“ am Kleinen Haus

Was ist, wenn sich die Welt verändert, während im Ferienlager, mitten in der Pubertät, das eigene Leben aus den Fugen gerät? Wie nimmt man die politische Wende wahr, wenn man doch noch auf der Suche nach sich selbst ist? Das Stück „Schneckenmühle“ nach dem gleichnamigen Roman von Jochen Schmidt (2013) ist jener Vorwendegeneration gewidmet, die 1989 gerade 14/15 Jahre alt, gleich eine doppelte Umbruchzeit durchleben durfte – bei der der persönliche Aufbruch ins Erwachsenenleben mit dem Aufbruch in eine neue deutsche Zeitrechnung zusammenfiel.

Ohne (N)Ostalgie will Regisseur Robert Lehniger diese jugendliche Geschichte über den 14-jährigen Jens im Ferienlager „Schneckenmühle“ auf die Bühne des Kleinen Haues bringen. So liegt der Protagonist (Thomas Braungardt) zwar nicht im blauen FDJ-Hemd, dafür aber im blauen Samtpulli zunächst auf einer Art Zahnarztstuhl mit Lampe und Kamera, setzt sich jugendlich verspielt eine echte Weinbergschnecke auf die Wange und hadert in einer Art szenischer Lesung mit dem Vorhaben Ferienlager. Es dauert einen Moment, bis das unbeschwerte Lagerleben auf der Bühne dann tatsächlich Raum greift. Worte wie Intershop, Pfeffi, Nicki und FDJ fallen nun doch – und verorten das Ganze eindeutig da, wo es auch hingehört: Im Ferienlager der Wendezeit auf ostdeutscher Seite.

So spielt das Stück geschickt mit den Erinnerungen jener, die in dieser Zeit – oder vorher – ebenso eine fröhliche Ost-Jugend erleben durften, wie der Protagonist und seine Freunde. Es bleibt aber auch jenen nicht fern, die Intershop-Geruch und FDJ-Ansagen (Foto: PR/Matthias Horn) nur mehr aus den Erzählungen der Elterngeneration kennen, eben weil die Jugend und ihre Blüten im Grunde in jeder Zeit ähnlich bleiben. Tatsächlich nämlich handelt das, was sich hier im Pappmaché-Bungalow (Bühne & Kostüm: Irene Ip) abspielt, viel mehr von den großen und kleinen Unwägbarkeiten der Jugend, als von großer Politik – seien es kurze Blicke aufs andere Geschlecht, heiße Diskussionen über die Liebe oder kleine Hänseleien der Schwächsten im Bunde.

Es wird gerappt, gesungen und getobt, mal gespielt, dann getanzt – all das also, was junge Leute auch heute noch so tun. Zum Beweis dafür, greift Robert Lehniger immer wieder auf die Videoprojektion zurück, die hier nicht nur einen aktuellen Blick ins ehemalige und heutige Ferienlager Schneckenmühle eröffnet, sondern auch Interviews mit jungen Menschen aus dem Jahr 2013 abspult, bevor die Perspektive abermals zum Romanstoff hin wechselt. Wunderbar stimmungsvoll gelingt hier vor allem die Szene am Lagerfeuer, und als denn auch noch die Russen kommen, wird es zeitweise sogar richtig humorig spannend.

Das fünfköpfige Ensemble schlüpft gekonnt in die Rollen der Vorwende-Kinder und zieht mit Authentizität und Wandlungsfreude in den Bann. Vor allem Thomas Braungardt kann als schüchterner, unsicherer Jens, der stets zwischen den Überzeugungen der Gruppe und seiner eigenen hin- und hergeworfen wird, überzeugen. Immer wieder, vielleicht ein bisschen zu häufig, ergänzt vom bunten Videospaß auf Leinwand und Kulisse, entspinnt sich die Romanhandlung in der Bearbeitung von Beret Evensen und Robert Lehniger als abwechslungsreiches und kurzweiliges Theatererlebnis. Ein Erlebnis allerdings, dass wenig Raum für tiefergehende Gedanken über diese Zeit gibt, sondern stattdessen oft in Übermut zu ersticken droht.

Wer den Berliner Autor Jochen Schmidt (Jahrgang 1970) und seine Texte kennt, der wird wissen, dass diese, von ihm live in seinem typisch gleichgültigen Schmidt-Duktus (etwa bei der „Chaussee der Enthusiasten“ in der Hauptstadt) vorgetragen, sich weit wirksamer entfalten als auf bloßem Papier. Ähnlich ist es mit dieser Inszenierung, sie ist lebhaft unterhaltsam – und dennoch wünschte man ihr hier und dort doch ein Quäntchen mehr von eben diesem herrlich gleichgültig sonoren Schmidt-Stil.

Nicole Czerwinka

Jochen Schmidt: „Schneckenmühle“ am Kleinen Haus, wieder am 9.11., 12.11., 18.11., 23.11., 11.12., 31.12., jeweils 20 Uhr

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Florentinischer Liebesreigen

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Weills „Viel Lärm um Liebe“ an der Staatsoperette

Der Komponist Kurt Weill (1900-1950) ist wohl vor allem für die „Dreigroschenoper“ (1928) bekannt. Die Staatsoperette schenkt Dresden zum Saisonstart nun die europaweit erste szenische Aufführung seiner Broadway-Operette „Viel Lärm um Liebe“ (1945, Original: „The Firebrand of Florence“). Und diese ist ganz anders, als das, was man gemeinhin von Weill so kennt. Die Musik klingt wie aus einem Revuefilm der 50-Jahre, die Melodien sind schwärmerisch, fast schwelgend, die Texte (Ira Gershwin, Deutsche Fassung: Roman Hinze) oft keck und frech. Wer das Stück sieht, dem wird schnell klar, warum man Weill gern vorwirft, er hätte nach seiner Emigration nach Amerika die ernsthafte Musikgattung gegen die sogenannte niedere, sprich: unterhaltsame getauscht.

Mit der Inszenierung von Holger Hauer lädt die Staatsoperette ihr Publikum nun dazu ein, sich ohne diese Vorurteile mit dem deutsch-amerikanischen Gesamtwerk Kurt Weills auseinanderzusetzen. Und Hauer macht die Operette zu dem, was sie jenseits des großen Teiches sicher auch einmal war: ein kunterbuntes, bilderreiches Spektakel aus dem Reiche der unbekümmerten Unterhaltung, das hier oft filmisch und märchenhaft, manchmal auch überladen und etwas derb daherkommt.

Die Handlung (Buch: Edwin Justus Mayer) basiert sehr frei auf den Memoiren des florentinischen Bildhauers Benvenuto Cellini (1500-1571), dessen Werke bis heute leibhaftig in Florenz herumstehen, und der im Stück zur Hauptfigur wird. Cellini ist ein geschwätziger Gernegroß und Frauenheld. Im Auftrage des Herzogs von Florenz meißelt er eine große Statue nach dem Bild der schönen Angela, doch soll er aufgrund seines ausschweifenden Lebensstils mehrfach in der Operette hingerichtet werden. Miljenko Turk gibt diesen sprunghaften Künstler voller Energie und singt seine Partie zur Premiere trotz Erkältung in einem angenehmen Duktus.

Seine zweifache Begnadigung verdankt dieser Cellini in erster Linie den Frauen, denn auch die Herzogin hat ein Auge auf den smarten Bildhauer geworfen. Elke Kottmair erscheint in der Rolle dieser eher kühlen, berechnenden Medici, die nur auf das Eine aus ist, wie eine überzeichnete Comicfigur. Mit blauen Haaren, pelzbesetztem Mäntelchen, silbernem Rock (Ausstattung: Christoph Weyers) und ihrem gehässig grausamen Lachen ist sie die exzentrische Lady im Stück. Ganz anders dagegen die bescheidene, schöne Angela im weißen Kleid, die sich wahrhaftig in Cellini verliebt. Olivia Delauré ist eine reizende, anfangs fast zerbrechlich wirkende Angela, die mit ihrer zarten, in den Höhen angenehm perlenden Stimme sowohl in Arien als auch Duetten überzeugt.

Kein Wunder, dass der Herzog, Alessandro von Medici, wiederum mit der Gunst dieses jungen Bildhauermodells liebäugelt und Angela kurzerhand aus Cellinis Atelier entführt. Bryan Rothfuss verleiht dem selbstgefälligen bis narzisstischen Neurotiker im langen schwarzen Pelz eine gehörige Portion Komik und bewegt sich auch stimmlich auf hohem Terrain. Unter der Leitung von Andreas Schüller lässt das Orchester der Staatsoperette Dresden die Weill-Partitur dazu mit Schwung und dem für das Stück gebührenden Pathos wiederauferstehen.

Ballett und Chor der Staatsoperette (Chor: Thomas Runge, Choreografie: Christopher Tölle) machen die europäische Renaissance dieser Revue auf der Leubener Bühne wunderbar komplett. So geht es durch opulente Bühnenbilder also hin und her, von der fröhlich wuselnden Galgenszene am Beginn, über Cellinis helles Bildhaueratelier, zur überaus grünen Spielwiese des Herzogs und seiner Frau, bis nach Paris, wo schließlich – Wie sollte es anders sein? – das versöhnliche Happy End auf Cellini und Angela (Foto: PR/Kai-Uwe Schulte-Bunert) wartet.

Alles in allem also doch ganz schön viel seichte Unterhaltung, die hier serviert wird. Ab und an gewürzt mit ein paar unnötigen Albernheiten, von der platten Übersetzung der Vorlage ins Deutsche mal ganz abgesehen. An manchen Stellen wünscht man sich schlicht etwas weniger der bunten Fülle. Dennoch gedeiht dieser deutsch-amerikanische Operettenabend mitten in Dresden am Ende zu einem fulminanten Spektakel, das den Spielplan des Hauses gekonnt um eine echte Broadway-Operette ergänzt und das Wissen der Zuschauer um eine Weill-Facette erweitern möge. Schon allein deshalb ist dieser florentinische Liebesreigen doch durchaus sehenswert.

Nicole Czerwinka

Kurt Weills „Viel Lärm um Liebe“ an der Staatsoperette Dresden, wieder am 5. und 6. November sowie am 18. und 19. Dezember und 28., 29. Januar, jeweils um 19.30 Uhr

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Lichtblicke in der virtuellen Welt

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Theater an der TU: die bühne spielt „Prometheus 2.0“

Virtuelle Datenmassen rasseln an einer Videowand hinauf, hymnische Musik ertönt, zwei Männer mit großen Kerzen in den Händen erscheinen im Schummerlicht und halten ihre Fackeln in einer Geste, die an die Freiheitsstatue erinnert. Doch es ist Prometheus, der den Menschen in der griechischen Mythologie das Licht zurückbrachte und von Göttervater Zeus dafür sträflich bestraft wurde. Mit der vielsagenden Produktion „Prometheus 2.0 – I’ve been looking for Edward S.“ beginnt an der bühne, dem Theater der TU Dresden, die neue Spielzeit und die beiden Regisseure Markus Arnhold und Romy Lehmann haben nicht nur im Titel zu dem Stück so einige pfiffige Anspielungen versteckt.

Da ist zunächst der antike Held Prometheus, gepeinigt von Zeus in der Einöde des Kaukasus. Er trifft in diesem Stück auf Edward Snowden – Wistleblower und Superheld (?) des Internetzeitalters (an dieser Frage scheiden sich ja irgendwie noch immer die Geister). Und da sind diverse Songs und Serien-Superhelden, zum Beispiel Kit „Night Rider“ mit David Hasselhoff und seinem Hit „I’ve been looking for freedom“. Alles in allem eine verheißungsvolle Mischung für einen Theaterstoff mit brandaktuellem Gegenwartsbezug, den man an den großen Bühnen der Stadt derzeit ja vergeblich sucht.

Mario Pannach und Robert Richter (Foto: PR/Timo Raddatz) bescheren in diesem Zweimann-Stück einen ebenso witzigen wie mutigen und intelligenten Theaterabend an der kleinen bühne der großen Universität. Zwei Tische, zwei Laptops, zwei Stühle, zwei Kaffeetassen sind schon fast das ganze Equipment, mit dem ihr Spiel auskommt. Abwechselnd sitzen die Jungs an ihren Schreibtischen, schwadronieren über typisch jugendlichen Alltagskram wie Fußballspiele und Internetvideos – und schlüpfen, immer wenn Hasselhoffs Freiheitshymne ertönt, in die Rolle diverser Superhelden mit Jackett und Sonnenbrille. Hier gehören NSA-Agenten und Präsidenten, Columbo und heroische Miniplaybackshoweinlagen ebenso zum Repertoire wie der Rückgriff auf die antike Prometheus-Sage in Form von Aischylos Theatertragödie.

Einmal erscheinen die beiden Hauptdarsteller auch in einer Videosequenz als Nachrichtensprecher, die sichtlich sprachlos von Snowdens Enthüllungen in diesem Sommer berichten. Sie lassen den NSA-Skandal so auch in Nachrichtenform noch einmal aktuell werden, um nachher wieder zu zeigen, wie hoffnungslos austauschbar die Helden der neuen und der alten, der realen und fiktiven (Fernseh-)Welt sind. Das Ganze passiert wunderbar nah am Zuschauer, steckt voller Improvisation und gerät dadurch so lebendig und vielfältig, dass keine Zeit für Längen und Langeweile bleibt.

Banale Alltagsgespräche am Rechner wechseln mit großer Weltpolitik und führen scheinbar zufällig die ganze Absurdität der virtuellen Räume vor, in der (!) heute schließlich jeder via die verschiedenste Kanäle zum Superhelden und – dank kollektiver Beobachtung – auch zum Märtyrer werden kann. So humorvoll wie unbequem zeigt dieses junge, freche und offensive Theaterstück, dass nichts neu ist, außer die Form – der Inhalt der Heldenschicksale bleibt sich gleich. Aufgeregte, witzige und nachdenkliche Momente wechseln in diesem mutigen und unbequemen Spiel, kippen schließlich ins Ernsthafte und enden doch wieder im scheinbar belanglosen Studentenalltag, der uns allen doch so nah ist …

„Prometheus 2.0 – I’ve been looking for Edward S.“ an der bühne der TU Dresden (Teplitzer Straße 26), wieder am 25., 26. und 30. Oktober sowie am 02. November, 20.15 Uhr

Linktipp: www.die-buehne.tu-dresden.de

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