Im Bann der Sinnlichkeit

„Emilia Galotti“ am Staatsschauspiel Dresden

„Verführung ist die wahre Gewalt“, sagt „Emilia Galotti“ in Gotthold Ephraim Lessings gleichnamigem Trauerspiel (1772). Und auch Sandra Strunz verführt mit ihrer Inszenierung des Klassikers, die am Sonnabend (5.10.) im Schauspielhaus Dresden Premiere feierte, die Besucher. Strunz lässt das Stück zu einem sinnlichen, bildstarken Theatererlebnis werden, transportiert den Stoff um Macht, Gewalt, Verführung und Freiheit geschickt auf eine moderne Bühne, ohne dass die Vorlage Schaden nimmt.

Allein die Kulisse (Volker Hintermeier) ist betörend, geheimnisvoll und faszinierend zugleich. Ein großes Metallgerüst erfüllt die Bühne. Türen aus verspiegeltem Glas schwanken auf und wieder zu, werden zum Spiegel, Schaufenster oder tiefem Schlossraum. Das Licht ist mal dämmrig, mal gleißend metallisch. Anfangs können sich die Zuschauer noch selbst im Spiegel sehen, später werden sie von diesem Bühnenbild förmlich hineingezogen in das verhängnisvolle Machtspiel des Prinzen.

Zunächst jedoch betritt Lea Ruckpaul als Emilia die Bühne. Zerbrechlich, fast wie eine Porzellanpuppe wirkt sie am Anfang, entwickelt sich jedoch bald hin zu einem ungestümen Teenager, der dem Werben des Prinzen am liebsten sofort verfallen würde, sich aber dann für ihren Verlobten Appiani (Christian Clauß) entscheidet. Der Prinz jedoch möchte die junge Emilia unbedingt für sich gewinnen und arrangiert mit seinem Kammerherrn Marinelli – Ben Daniel Jöhnk gibt ihn als schleimigen Gehilfen im Ganzkörperanzug – einen Überfall auf die Hochzeitskutsche, um Emilia zu entführen.

Sebastian Wendelin ist ein selbstgefälliger Prinz, eine Art aalglatter und skrupelloser Seelenfänger. Der musikalisch inszenierte Schrei diverser Frauen auf seinem Schoss gehört zu den einprägsamen Momenten der Inszenierung. Rainer Süßmilch hat eine rauschhafte Musik geschaffen, die das Spiel auch an dieser Stelle stimmungsvoll würzt, wobei Luisa Mühl am Schlagzeug gelungene Akzente setzt. Die Spiegelfenstertüren geben nun einen diffusen Blick auf den hinteren Teil der Bühne frei, dort findet eine Art Maskenball statt, tanzen und räkeln sich puppenhafte Frauen mit Federbüschen und langen, transparenten Röcken. In ihrer Mitte der Prinz, in blauem Hemd und einer merkwürdigen, aus schwarzem Spitzenstoff gefertigten Hose (Kostüm: Daniela Selig). „Kann sein, ich habe euch wirklich geliebt“, lamentiert er, doch nun ist Emilia das Objekt seiner Begierde.

Sie scheint sich dem prunkvollen Rausch auf diesem glänzenden Schloss schnell zu ergeben, lässt sich vom Prinzen ihr Hochzeitskleid nehmen und den nackten Körper mit goldener Farbe einpinseln. Anders ist da die Gräfin Orsina (Karina Plachetka) gestrickt, die bisherige Geliebte des Prinzen. Nur sie kann seinen tentakelhaften Anziehungskräften offenbar entfliehen, während Emilia und selbst ihre Eltern machtlos bleiben. Tom Quaas und Christine Hoppe nimmt man das besorgte, auf den Ruf und das Wohl der Tochter bedachte Elternpaar gern ab. Hoppe ist dabei eher die selbstverlorene Lady, während Quaas als polternder, aufbrausender, am Ende aber doch hilfloser Vater auftritt.

In den letzten Szenen ähnelt das Schloss dann plötzlich einer Art Fotomodell-Schmiede, die Spiegel werden kurzzeitig zu Schaufenstern, in denen sich eine eigentlich tote bunte Welt bewegt, gruselig und faszinierend zugleich. Und Lea Ruckpauls Emilia ist jetzt nicht mehr zerbrechlich oder ungestüm, sondern eher verzweifelt. Hin und hergerissen zwischen der Verführungskunst des Prinzen und dem Kampf um Freiheit bittet sie ihren Vater – und hier wird es richtig berührend –, ihr das Leben zu nehmen.

Nach gut zwei Stunden senkt sich der Vorhang über dem tausendfach inszenierten Trauerspiel. Bei aller Sinnesverführung durch die Bühnenspiegelbilder bleibt nach dem aus heutiger Sicht völlig unverständlichen Ende dennoch ein verblüfftes Fragezeichen: Warum tötet ein Vater seine Tochter? Gerade darin liegt aber vielleicht die Stärke dieser Inszenierung, dass sie Andeutungen gibt, die Raum für (auch heutige) Interpretationen lassen, jedoch niemals so konkret wird, dass Lessings Text leidet.

Lessings „Emilia Galotti“ am Schauspielhaus Dresden, wieder am 07.10., 16.10., 14.11., 26.11., 28.12., 08.01. und 15.01., jeweils 19.30 Uhr

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Verführerischer Zigeunertanz

Bizets „Carmen“ erobert die Semperoper

„Die Liebe ist ein wilder Vogel“, singt „Carmen“ in der gleichnamigen Oper (1875) von Georges Bizet und meint damit wohl vor allem sich selbst. Wild und freiheitsliebend ist diese Carmen, die zwei Männer liebt, dabei aber auch ein Inbegriff des Weiblichen ist – verführerisch, leidenschaftlich, emotional, sexy  und durchtrieben. Bizets Werk, das heute zu den am häufigsten aufgeführten Opern des internationalen Repertoires gehört und dessen Melodien jedem irgendwie bekannt sind, erobert nun in einer Inszenierung von Axel Köhler als Neuproduktion (Premiere am 28.9.) die Bühne der Dresdner Semperoper.

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Opernspaß mit der Nanny und Steve Urkel

Szene12-COSIFANTUTTE

Szene12 inszeniert „Così fan tutte“ im Labortheater

Theaterregisseure sind oft bescheidene Menschen. So nahm Toni Burghard Friedrich den tosenden Schlussapplaus für seine Inszenierung von Mozarts „Così fan tutte – oder die Schule der Liebenden“ im Labortheater am Donnerstag (26.9.) auch mit einem stillen, zufriedenen Nicken entgegen. Verdient hat er ihn allemal, denn der Regiestudent aus Wien hat mit dem jungen, durchweg studentischen Ensemble des Dresdner Vereins szene12 in diesem Jahr eine so ungewöhnliche wie beachtliche Aufführung des bekannten Repertoirestücks auf die Beine gestellt.

Das Verwechslungsspiel um den kreuzweisen Pärchentreuetest in Mozarts dritter und letzter Oper, die er zusammen mit dem Librettisten Lorenzo Da Ponte realisierte, wird in Friedrichs Inszenierung als moderner Sitcom-Dreh verpackt. Don Alfonso (Steven Klose) ist hier der Regisseur am Filmset, seine Verbündete Despina (Marie Hänsel) steht ihm als Assistentin zur Seite. Die vier Hauptpersonen Fiordiligi (Johanna Will), Dorabella (Christiane Johanna Gänßler), Ferrando (Sie Hun Park) und Guglielmo (Meinhardt Möbius) treten schließlich als paarweise verbandelte Sitcom-Schauspieler auf, die stets zwischen Bühne und Hinterbühne auf- und abgehen.

Leonore Pilz und Dennis Ennen von der Dresdner Hochschule für Bildende Künste haben für diesen pfiffigen Stückzugang eine typische Sitcom-Kulisse im Wohnzimmerstil (Foto: PR/René Fußhöller) entworfen, in der das Spiel im Spiel stattfindet. Eine Videoleinwand zeigt zudem den Bereich hinter der Bühne. Hier streiten, pausieren und lachen die als Sitcom-Stars auftretenden Hauptcharaktere – vorn müssen sie den Partnertausch glaubhaft vorgaukeln, hinten wissen sie, wer sich hinter der Maskerade verbirgt. Die eigentliche Oper wird so auf geschickte Weise noch um eine Ebene erweitert, die den zumeist unkritischen TV-Konsum der Fernsehzuschauer hinterfragt.

Was hier vielleicht kompliziert klingt, verblüfft auf der Bühne als ungewöhnlich leichtfüßige und spritzige Opernvorstellung, der in Anbetracht von knapp fünf Wochen Probenzeit, die alle Beteiligten neben dem Studium stemmen mussten, höchster Respekt gebührt. Die jungen Darsteller überzeugen sowohl mit ihrer Spielfreude als auch gesanglich, wobei die Partitur des Stückes gerade für junge Stimmen eine große Herausforderung ist. Unter der musikalischen Leitung von Michael Blessing, der passend zum Stück ein reines Frauenorchester dirigiert, gedeiht der Abend zu einem soliden musikalischen Singspielerlebnis.

In Anlehnung an amerikanische Fernsehsitcoms stöckeln und stolpern hier auch einige vom Bildschirm bekannte Typen übers Parkett. So trägt Marie Hänsel als Despina ganz eindeutig Züge der „Nanny“, Guglielmo verwandelt sich dank Verkleidung plötzlich in den „Prinz von Bel Air“ und Ferrando ähnelt verblüffend komisch dem Tollplatsch Steve Urkel aus „Alle unter einem Dach“. Für Lacher sorgt auch immer wieder der von Leonore Pilz zusammengestellte Film-Vorspann zur Sitcom „School of Lovers“, die hier im Gewand von Mozarts Oper gezeigt wird.

So spielt die Inszenierung mit typischen Formen, Abläufen und Charakteren der amerikanischen Fernsehsitcom, doch geschieht dies alles, ohne dass es aufgesetzt oder penetrant wirken würde. Ungeachtet des lockeren Showcharakters bleibt die Oper immer Oper, in der Musik und Handlung wirkungsvoll Hand in Hand gehen. Und dennoch sind die gut zwei Stunden junger Kunst im Laborthater so kurzweilig, dass man am liebsten sitzen bleiben und weiter diesem opernhaften Fernsehspiel (oder war’s umgekehrt?) zuschauen möchte. Als am Ende dann doch die Lichter ausgehen, der Fernseher quasi abgeschaltet ist, kann man dem jungen Projekt für die fünf Vorstellungen in dieser Woche nur noch viele, viele Zuschauer wünschen …

Nicole Czerwinka

Szene12 spielt „Così fan tutte“ im Labortheater, wieder am 28./30.9., 2.10., je 20.15 Uhr, am 3.10., 16 Uhr und am 5.10., 20.15 Uhr

Linktipp: www.szene12.de

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Altenglisches Geburtstagsständchen

King Arthur, Staatsschauspiel Dresden
Tilmann Köhler schenkt dem Dresdner Staatsschauspiel zum 100. ein buntes Stück von Purcell (Foto: PR/David Baltzer).

Staatsschauspiel feiert mit „King Arthur“ Jubiläum

Ausgerechnet mit einem pompösen, barocken Herrscherlob feiert sich das Dresdner Staatsschauspiel zur 100. Spielzeit selbst. Die Semiopera „King Arthur“ von John Dryden und Henry Purcell ward 1691 zur Legitimierung der englischen Monarchie uraufgeführt und soll den Dresdnern anno 2013 wohl zeigen, was sie an ihrem Theater haben. Wie sonst sollte man den Prolog zu diesem Stück verstehen, das nicht ganz Oper, aber auch nicht ganz Schauspiel – insofern also weder Fisch noch Fleisch – ist? Die Engstirnigkeit der Dresdner wird da mal wieder gescholten. Das Theater als Spiegel der Gesellschaft gelobt. Wo Armin Petras hier in den Originaltext Drydens eingriff, ist schnell klar.

Auf der Bühne des Großen Hauses zeigen nun beide Staatstheater, Oper und Schauspielhaus, in Kooperation, was die Dresdner an ihnen haben. Gemeinsam erzählen Schauspieler und Sänger unterstützt vom Orchester Collegium 1704 hier die Geschichte König Arthurs von England, der sein Territorium vor dem Sachsen Oswald, König von Kent, verteidigen muss. Regisseur Tilmann Köhler inszeniert dieses überbordende Werk aus einer längst vergangenen Zeit ganz ohne Pathos, aber mit einem kräftigen Ausgenzwinkern. Nicht die angelsächsische Völkerschlacht von damals, sondern vielmehr der ewig männliche Kampf um die Frauengunst rückt bei ihm in den Fokus. Denn Objekt der Begierde beider Könige ist neben dem englischen Territorium auch die schöne, blinde Emmeline.

Als Kriegs- und Märchenschauplatz hat Karoly Risz die schräge Dreiecksbühne mit zahlreichen gold-orangen Stoffbahnen ausgestattet, die variabel als Baumstämme, Fessel oder Opferbank dienen. Quer herabhängende Metalllatten kommen ab und an als Wolkenwand danieder. Das Licht (Michael Gööck) besorgt den Rest. Mit einem verheißungsvollen Siegesschrei des Ensembles im modernen Ritterkostüm (Susanne Uhl) entfaltet sich sogleich der Zauber dieses Schauspiel-Opern-Konglomerats, in dem es an Geistern, Nymphen und Gottheiten im barocken Übermaß natürlich nicht fehlen darf. Das schönste dieser Fabelwesen ist der leichtfüßig über die Bühne flitzende Luftgeist Philidel, den Sonja Beißwenger im blauen Ballonkleid ganz sympathisch unbefangen gibt und so zum I-Punkt der Inszenierung macht. Vor dem bösen Zauberer Osmond geflohen, hat Philidel sich auf Arthurs Seite geschlagen und verhilft dem Engländer (vorerst) zum Sieg über die Sachsen.

Kaum dass die Briten diesen feiern, raubt Oswald ihnen jedoch Emmeline. Yohanna Schwertfeger, in dieser Spielzeit ganz frisch am Staatsschauspiel engagiert, mimt die junge Blinde zunächst noch kindlich naiv, entwickelt sie später zu einem frechen Mädchen mit spitzbübischen Zügen, der ihre Unerfahrenheit und Unbekümmertheit nach wie vor ins Gesicht geschrieben steht. Nun ist es an Arthur, seine Geliebte zurückzuerobern, zumal auch der böse Zauberer Osmond, dem Benjamin Pauquet mit hässlichem Dickbauch affenhafte Züge verleiht, schon auf sie aufmerksam wird.

Doch König Arthur gelingt es, selbst den mächtigsten Zaubern Osmonds zu trotzen und Emmeline aus dessen Zwängen zu befreien. Matthias Reichwald ist ein smarter, taktisch kämpfender und kluger König Arthur, dem man seine Überlegenheit gegenüber Oswald in dieser Inszenierung deutlich ansieht. Als es schließlich zum alles entscheidenden Zweikampf zwischen Arthur und Oswald kommt, scheint das Ende eigentlich sicher. Christian Erdmann zeigt Oswald als gebeutelten, scheinbar ziel-, ja fast hilflosen Gegenspieler, der ob des plötzlichen (im Original so nicht vorgesehenen) Siegs der Sachsen schließlich eher perplex aus der Wäsche schaut.

Am Ende wird es denn noch einmal richtig komödiantisch: Wenn dieser verwirrte Oswald zusammen mit der verblüfften Emmeline winkend auf der Bühne steht und sich von hinten eine nackte, blonde Venus (Nadja Mchantaf) nähert, der beide kaum widerstehen können, hagelt es Lacher aus dem Publikum. Dem Schlussakkord folgt der – ebenfalls von Armin Petras überarbeitete – Epilog, nicht minder ironisch-selbstbezogen und sozusagen als finaler Geburtstagsgruß des Hauses an sich selbst.

Was nach dem letzten Vorhang haften bleibt, ist die erfrischende Version einer alten Herrscherkamelle, deren barockes Handlungsgemenge sich in dieser Inszenierung überraschend gut verdauen lässt. Einige Längen, besonders im ersten Teil, sind wohl vor allem der Gattung der Semiopera geschuldet, dank des sonst hervorragenden Zusammenspiels von Schauspiel und Musik (musik. Leitung: Felice Venanzoni) jedoch schnell vergessen.

Schauspielhaus Dresden, „King Arthur“, wieder am 29.9., 19 Uhr, 14.10., 17.10., 30.10., 01.11., 07.11., 07.12., 19.30 Uhr

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DDR-Untergang als Dresden-Saga

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Herbstauslese: „Der Turm“

Herbstzeit ist auch Lesezeit. Unter dem Motto „Herbstauslese“ startet auf elbmargarita.de eine neue Serie, in der wir ausgewählte Romane und Erzählungen rezensieren, die in Dresden spielen. Heute: Uwe Tellkamp: „Der Turm“

Viel ist über Uwe Tellkamps Dresden-Roman „Der Turm“ (2008) schon gesagt und geschrieben wurden. Schließlich erhielt der 1968 in Dresden geborene Autor für sein knapp 1000 Seiten umfassendes Werk über die Wende den Deutschen Buchpreis sowie den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung. Im Herbst 2010 eroberte eine Theaterfassung (von Jens Groß und Armin Petras) des Romans die Bühne des Dresdner Schauspielhauses, bevor im vergangenen Jahr die zweiteilige Romanverfilmung in der Regie von Christian Schwochow erstmals über die Fernsehbildschirme flimmerte – und noch einmal rund 7,5 Millionen Zuschauer erreichte.

Im Mittelpunkt der als Familiensaga entworfenen Handlung steht die Figur des Christian Hoffmann, aufgewachsen in einem engen Zirkel von Bildungsbürgern in einer verfallenen Villa auf dem Weißen Hirsch – im Roman das „Turmviertel“. Sein Vater, Richard Hoffmann, ist Chirurg an der Medizinischen Akademie Dresden mit geheimen Doppelleben. Der Onkel, Meno Rohde, arbeitet als Lektor in einem renommierten Verlag und prägt das Geistesleben des jungen Protagonisten sehr. Zugespitzt auf diese drei Personen und deren Umfeld erzählt Tellkamp die letzten sieben Jahre der DDR und stellt die Deutsche Wende so inmitten dieser besonderen Dresdner „Turmgesellschaft“ dar.

Den teils ausschweifenden, jedoch nicht bloß idyllischen, Dresden-Beschreibungen sind im Roman die schweren, düsteren Jahre Christian Hoffmanns bei der Nationalen Volksarmee gegenübergestellt. Nach dem Unfalltod eines Kameraden handelt sich Christian durch Äußerungen gegenüber seinen Vorgesetzten einen Aufenthalt im Militärgefängnis Schwedt ein. So entwirft Tellkamp mit seinem Roman nicht nur ein detailliertes Wende-Panorama anhand dieser Familiengeschichte, sondern mythifiziert gleichzeitig den Weißen Hirsch als nahezu geheimen Ort, der alte Werte für eine neue Zeit bewahrt.

Voller Motive, Anspielungen und immer wieder von den verschlungenen Tagebuchaufzeichnungen des Meno Rohde unterbrochen, gehört „Der Turm“ zwar zweifelsohne zu den wenigen großen Dresden-Romanen der Literaturgeschichte, fordert seinen Leser allerdings mit ausschweifenden Beschreibungen, einer Vielzahl von Handlungssträngen und einer zum Ende hin immer rasanteren Erzählweise, die teils in surrealistisch anmutende Szenen mündet, auch arg heraus. So verwundert es wohl kaum, dass viele Dresdner dieses Werk zwar im Bücherregal stehen, es jedoch niemals bis zum Ende durchgelesen haben – und lieber auf Theateraufführungen oder Filme zurückgreifen, obwohl doch gerade der Dresden-Komplex sowohl auf der Bühne als auch im Film stets zu kurz kam.

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Oase der Ruhe im Neustadtdschungel

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Café OSWALDZ vereint Köstliches und Kunst

Kunst, Kaffee und Kommunikation gingen in den großen Kaffeehäusern der Welt seit jeher Hand in Hand. Die Symbiose aus köstlich duftendem Kaffee, zeitgenössischer Kunst und Konversationen im gepflegten Ambiente gehört auch zum Konzept des Café Oswaldz auf der Bautzner Straße 9, das am Freitag (20.9.) Eröffnung feierte.

Die Betreiber Petra van de Loo und Kai Lässig haben mit dem kleinen Café am Rande der Dresdner Neustadt einen lang gehegten Traum wahr gemacht und eine Oase der Ruhe in direkter Nachbarschaft des hektischen Albertplatz geschaffen. Mit der Kunstkennerin Elly Brose-Eiermann (Foto: N. Czerwinka) haben sie zudem eine Partnerin gefunden, die den Duft von köstlichen Kaffeespezialitäten im Oswaldz mit ausgewählten Werken der zeitgenössischen Kunst gekonnt zu ergänzen weiß.

Mit einer vierteljährlich wechselnden Ausstellungsreihe wird sie den Gästen regelmäßig andere Werke der zeitgenössischen Kunst präsentieren und dem ersten Kunstcafé der Stadt somit auch eine Art Galeriecharakter verleihen. Zur Eröffnung hatte Brose-Eiermann die in Berlin lebende Malerin Sophia Schama und den tschechischen Videokünstler Pavel Mrkus nach Dresden geladen.

Sophia Schama, die in Sophia/Bulgarien geboren, in Syrien aufgewachsen ist und an der Dresdner Hochschule für Bildende Künste studiert hat, stellt derzeit ihr imposantes Ölgemälde „Urban Jungle“ (2008) im Oswaldz aus. Pavel Mrkus zeigte zur Eröffnung an der Wand gegenüber dem Tresen eine vielseitige Live-Video-Performance.

Auch für die nächsten Ausstellungen habe Elly Brose-Eiermann schon einige passende Kunstwerke im Blick. „Ich könnte mir an der Wand auch etwas Skulpturales gut vorstellen“, sagte sie zur Eröffnung. Dabei sei es ihr Bestreben nicht nur Dresdner, sondern auch internationale Künstler in dem Café zu würdigen. „Nicht jeder Künstler ist bereit, in einem Café auszustellen, aber diejenigen, mit denen ich zusammenarbeite, haben großes Vertrauen zu mir“, so Brose-Eiermann, die in Dresden ein Büro für Kunst leitet.

Nicole Czerwinka

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Verträumtes Villenviertel

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Hirschspaziergänge …

Zwischen Romanschauplatz und Großbaustelle, von Lahmanns Erben bis hin zu den schnuckeligen Villen rund um die Standseilbahn gibt es auf dem Weißen Hirsch für Bummler und deren Kameraobjektive zu jeder Jahreszeit etwas zu entdecken. Sogar an vernieselten Herbstsonntagen …

Fotos: Nicole Czerwinka

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Kriminalistische Hetzjagd ums Gewölbe

Herbstauslese: „Der Dieb von Dresden“

Herbstzeit ist auch Lesezeit. Unter dem Motto „Herbstauslese“ startet auf elbmargarita.de eine neue Serie, in der wir ausgewählte Romane und Erzählungen rezensieren, die in Dresden spielen. Heute: Ralf Günther. „Der Dieb von Dresden“

Ein unerhörter Mord erschüttert die Dresdner Innenstadt. Maximilian Lenzen, der Stellevertreter des Direktors der Kunstsammlung im Grünen Gewölbe (Hofrat von Block) wird mit einer heißen Schokolade vergiftet. Schnell gerät von Block, der sich zur Auffrischung seiner privaten Edelstein- und Kuriositäten-Sammlung heimlich auch aus den Schätzen des Hofes bediente, unter Verdacht. Die Figur des von Block und seiner kuriosen Sammelleidenschaft ist ebenso historisch verbürgt, wie die des Musikers und Schriftstellers E.T.A. Hoffmann, der Blocks Tochter Ariane im Roman nicht nur Klavierunterricht gibt, sondern auch bei der Aufklärung des Verbrechens behilflich ist.

Der gebürtige Kölner Ralf Günther hat mit „Der Dieb von Dresden“ 2009 erstmals seine Wahlheimat Dresden in den Mittelpunkt einer historischen Romanhandlung gestellt. Schon ein Jahr später folgte mit „Der Leibarzt“ (2010) das zweite, und 2013 mit „Die Türkische Mätresse“ sein drittes Werk mit Dresden-Bezug. Die Figur des Hofrats von Block, dem „Dieb von Dresden“, geht auf den Baron Peter Ludwig von Block, den ersten Inspektor des Grünen Gewölbes zurück. Dieser ließ tatsächlich einst große Edelsteine aus Juwelen-Garnituren der Schatzkammer gegen kleine Steine austauschen und versetzte die anderen im Pfandhaus. 1816 wurde sein Vergehen entdeckt.

Den historischen Hintergrund der Romanhandlung zeichnen jene Tage im Jahr 1813, in denen Napoleon geschlagen aus Russland zurückkehrt, um in der Dresdner Gegend seine letzten Gefechte auszutragen. Es ist eine Zeit, in der die Neuverteilung der Macht bereits wie ein Damoklesschwert über dem Land schwebt und geheimdiplomatische Ränkespiele auch über das gesellschaftliche Hofparkett in der sächsischen Residenz ziehen.

Sorgsam recherchiert und verständlich aufgearbeitet, verwebt Ralf Günther historische Fakten mit seiner kriminalistisch angehauchten Romanhandlung um den diebischen Hofrat von Block. Das Gesamtkonzept des Romans ist klug konstruiert, ihm fehlt es allerdings über weite Strecken am roten Faden und damit auch an Spannung. Die Figuren von Block, Hoffmann und Ariane erscheinen als gleichberechtigte Hauptfiguren, was teilweise verwirrt und den Lesefluss etwas lähmt.

Trotz der gelungenen Atmosphäre, die Günther in seinen Stadtbeschreibungen immer wieder schafft, wirken einige Faktoren dabei ein wenig aufgesetzt. Die Figur E.T.A. Hoffmans etwa scheint eher ein Alibi für den prominent besuchten Dresdner Hof der Zeit zu sein. Die wahre Biografie des hier einerseits als labilen Trinker, andererseits als hilfreichen Klavierlehrer dargestellten Schriftstellers ist dabei für die Handlung des Romans – anders als bei von Block – jedoch kaum von Belang.

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Lyrik zwischen den Kulturen

Die 12. Bardinale zeigt Europa als „unvollendetes Gedicht“

Der Garten der Villa Augustin verwandelt sich am nächsten Wochenende (12. bis 15.9.) in einen Poesiepark mit Bühne für Science Slam, Musik und schauspielerische Darbietungen. Die Bardinale will mit einer Vielfalt von Diskussionen, Lesungen und Aufführungen in diesem Jahr für das europäische Denken begeistern. Auch Jugendliche können Literatur live erleben: Zehn verschiedene Workshops richten sich nach den Interessen von Schülern, ob Literatur-Analyse oder Schreibwerkstatt.

Eigentlich soll es weniger ums Politische gehen, im Mittelpunkt steht Europa als unser Lebensraum und Kulturraum. Die Bardinale will nicht nur das häufig negative Nachrichtenbild aus den Medien zeigen, sondern vor allem, dass es nach wie vor einen regen literarischen Austausch gibt. Die zentrale Frage ist, wie internationaler Dichter die aktuellen Entwicklungen erleben.

Die vortragenden Autoren stammen aus europäischen Krisengebieten und haben interkulturelle Hintergründe. In Essays im Bardinale-Blog beschreiben sie ihre persönliche Sicht auf Europa. Beqë Cufajs Werke beschreiben eine Kindheit im Kosovo – und Träume, die man nicht aus den Augen verlieren darf. Ulrich Schacht, ehemaliger Dresdner Stadtschreiber, ist zur Autorendebatte geladen. In der DDR wurde er wegen „Staatsfeindlicher Hetze“ verurteilt. María Eloy-García (Foto: PR) reflektiert in ihren Gedichten Alltag und Gegenwart, Leben und Menschen, gern auch surrealistisch und ironisch – vor allem aber authentisch. Die Autoren lesen in ihrer Muttersprache mit eingeblendeten Übersetzungen, Freitag und Samstag jeweils 20 Uhr zur „Erfindung Europas“.

Ein besonderer Schwerpunkt liegt in diesem Jahr auf der Literatur der Sinti und Roma und der Frage, wie Europa die Rechte von Minderheiten noch stärken kann. Jovan Nicoli? ist als Rom e.V.-Mitglied Fachmann auf dem Gebiet. In einer Vortragslesung erklärt er, wie eine mündlich geprägte Kultur Literatur produziert. Dazu organisiert das Literaturbüro auch eine Ausstellung, die man bis Herbst 2014 in der Villa Augustin besuchen kann.

Linktipp: www.bardinale.de & Weblog: www.bardinale.blogspot.de

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Dresdner Theatersaison eröffnet

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Zwischen Bühnentechnik und Premieren

Erst die Party, dann die Premieren. Das Dresdner Staatsschauspiel stimmt am kommenden Sonnabend (7.9.) mit einem großen Theaterfest auf die neue Saison ein. Das Programm für die kleinen Besucher startet um 15 Uhr vor dem Schauspielhaus, bevor es mit der Bühnentechnikshow im Theater um 16 Uhr dann auch für die Großen interessant wird.

In den Foyers enthüllen die Abteilungen des Hauses den Nachmittag über Geheimnisse aus ihren Werkstätten (Foto: PR/Daniel Koch), während zum 100. Geburtstag des Hauses Zeitzeugen aus vergangenen Tagen im Roten Salon zu Wort kommen. Höhepunkt wird am Abend der große Spielzeitausblick (20 Uhr im Hauptsaal) mit Szenen und Musik aus den ersten Premieren der Dresdner Staatstheatersaison sein. (NC)

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