Furiose Jagd nach schlummernden Sehnsüchten

„Der Raub der Sabinerinnen“ am Staatsschauspiel Dresden

Auch wenn man es im schnelllebigen Computerzeitalter vielleicht nicht glauben mag: Theater kann doch eine Menge. Die Welt der Illusion, der Verkleidung, des bunten Spiels lässt Sehnsüchte blühen und Träume wenigstens für ein paar Stunden wahr werden. Insofern taugt der Schwank „Der Raub der Sabinerinnen“ (Fotos: PR/David Baltzer) der Brüder Frank und Paul von Schönthan aus dem Jahr 1884 auch bis heute ohne Probleme für einen rundum unterhaltsamen Theaterabend. Susanne Lietzow bringt das Publikum am Großen Haus des Staatsschauspiels Dresden mit ihrer Inszenierung des Stückes nach langer Zeit sogar mal wieder richtig zum Lachen – und beschert am Schluss ein furioses Theaterchaos mit Happy End.

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Theater einmal derb und deftig, bitte!

Friedrich Dürrenmatts „Panne“ am Kleinen Haus

Es duftet nach Bratensoße und frisch belegten Schnittchen. Die Tafel, an der vier alte, tattrige Herren sitzen, ist mit einem blütenweißen Tischtuch bedeckt. Gerade als das Zimmermädchen einen edlen französischen Wein einschenken will, passiert draußen eine „Panne“. So beginnt das gleichnamige Stück von Friedrich Dürrenmatt in der Inszenierung von Roger Vontobel am Kleinen Haus Dresden. Doch die vermeintliche Tischordnung trügt – schon bald wird sie sich in ein heilloses Chaos, eine Essensschlacht mit Prozesscharakter verwandeln.

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Chaos ohne roten Faden

Was ihr wollt, Staatsschauspiel Dresden
Andreas Kriegenburg holt am Staatsschauspiel Dresden die Klamauk-Keule hervor. (Foto: PR/Matthias Horn)

Shakespeares „Was ihr wollt“ am Schauspielhaus

Stücke von William Shakespeare kann man auch mit noch so schrägen Regieideen nicht verhunzen, meint man. Denn Shakespeare ist zeitlos, lustig und vielseitig, er nimmt einem nichts übel. Andreas Kriegenburgs Inszenierung von „Was ihr wollt“ am Dresdner Schauspielhaus ist dennoch mächtig daneben gegangen.

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Siegeszug aus der Vergessenheit

Kästners „Klaus im Schrank“ am Staatsschauspiel

Das Dresdner Schauspielhaus ist bis auf den letzten Platz ausverkauft, als sich am zweiten Advent der Vorhang zu Erich Kästners lang verschollen geglaubten Theaterstück „Klaus im Schrank oder Das verkehrte Weihnachtsfest“ hebt. Vor gut einem Monat feierte das Werk aus dem Jahre 1927 seine Uraufführung. Zuvor nämlich hatte dieser „Klaus“ gut ein halbes Jahrhundert lang sprichwörtlich im Schrank geschlummert, bevor das Manuskript im Nachlass von Kästners Mitarbeiterin Elfriede Mechnig wieder auftauchte.

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Undefinierbares Machtmonster

Der Drache am Staatsschauspiel Dresden
Eheglück sieht anders aus: Tom Quaas und Ines Marie Westernströer (Foto: PR/David Baltzer) .

„Der Drache“ am Schauspielhaus

Der „Drache“ ist Märchenmotiv, Monster und Mythos. In Jewgeni Schwarz’ Märchenerzählung (1943) symbolisiert er in erster Linie eine barbarische Willkürherrschaft, die brutale Opfer von den Menschen fordert, ihnen gleichzeitig aber eine perfide Sicherheit bietet. Dieser Drache hat viele Köpfe mit zahlreichen Gesichtern und erobert die Bühnen je nach zeitgeschichtlichem Hintergrund in unterschiedlichen Gewändern.

Regisseur Wolfgang Engel bringt „Der Drache“ anno 2013 (Premiere am 12.4.) nun auf die Bühne des Dresdner Schauspielhauses. Die Inszenierung ist neben „Der Turm“ (2010) und „Meister und Margarita“ (2012) die dritte seiner Stücke-Trilogie, die sich mit dem Leben des Menschen unter den Umständen der Diktatur aus­einandersetzt. Sie beginnt ganz unkonventionell als Musikperformance, bei der das Ensemble vor dem Bild eines chinesischen Drachen auf einer (vermutlich) deutschen Autobahn, umhangen von goldenen Girlanden (Bühne und Kostüm: Hendrik Scheel) steht und sich dem märchenhaften Stoff des Stückes zunächst rappend, singend, auch skalierend nähert. Eine Diktatur des Dirigenten sozusagen, oder des Ballettchoreografen.

Nach dieser musikalischen Einlage wird es jedoch erstaunlich ruhig auf der Bühne. Bis, ja bis der sagenumwitterte Drache zum ersten Mal in Schlips und Kragen erscheint. Dieser Auftritt ist so grandios hintersinnig, dass das Stück plötzlich wieder an Fahrt gewinnt. Tom Quaas säuselt hier als Drache in Nadelstreifen mit rauer Stimme über Aktien, Macht und den Krieg, um dann – wieder ganz Gentleman – mit seinem Zigarillo doch noch ein wenig Feuer zu speien. Den Drachen zeigt Quaas auch im weiteren Verlauf facettenreich und mit viel spielerischer Leidenschaft, egal ob im Anzug, als hässliches humpelndes Grauen oder leger arrogant im Hawaiihemd.

Sein Widersacher, der tapfere Held Lanzelot (Matthias Luckey) in Lederjacke und mit langen Haaren, bleibt dagegen eher eine blasse Figur. Mit lässigem Ehrgeiz hält er am Sieg gegen den Drachen fest, setzt sich mehr schlecht als recht gegen das Regime eines neurotischen Bürgermeisters (Holger Hübner) und seiner – als treudoofer Sprechchor voller Mitläufer inszenierten – Bürgerschaft durch. Er tut es aus Überzeugung. Unterstützer hat er nicht. Bis auf seinen treuen Freund, den wilden allgegenwärtigen Kater (Christian Clauß), der darstellerisch weit präsenter scheint als der Held selbst.

Beim Drachenkampf rumpelt und donnert es. Als das Ungeheuer dann von geschundenen, gebrochenen, verkauften Seelen philosophiert, meint man, noch einmal Untertöne herauslauschen zu können. Doch sie verhallen abrupt, als ein riesiger Drachenkopf aus dem Bühnenhimmel hinabrauscht, eingeholt vom Theatervorhang. Pause. Als der Drache besiegt ist, kehrt die Diktatur jedoch in Form des alten Bürgermeisters und seines Sohnes umgehend zurück. Das Märchen wird nun endgültig zur Groteske, wenn die Bürger wie Vögel im Chor „Piepiephurra, Piepiephurra!“, zwitschern. Holger Hübner gelingt dabei eine überzeugende Wandlung vom neurotischen Stadtoberhaupt zum selbstsüchtigen Herrscher, an dessen Beispiel die Mechanismen der Politik humorvoll gespiegelt werden. Da wird gelogen, manipuliert, verhindert und wenn es sein muss, zu lang gewartet, aber am Ende doch regiert – und alle machen mit.

Alle, außer Elsa. Ines Marie Westernströer gibt eine smarte, selbstbewusste, geradlinige Jungfrau. Einst sollte sie dem Drachen geopfert werden, doch gegen die bevorstehende Zwangsheirat mit dem neuen Machthaber wehrt sie sich mit Händen und Füßen. Bis Lancelot zurückkehrt und Elsa zur Frau nimmt. Nun feiert das Volk, allein Elsa scheint noch nicht erlöst. Der Vorhang fällt.

Danach blicken die Zuschauer auf einen darstellerisch brillanten, dramaturgisch aber wenig prägnanten Abend zurück. Trotz schöner Ideen im Detail (wie dem Bürgermeistersohn im Dompteurs-Gewand) fehlt es der Inszenierung insgesamt an Konsequenz. Es scheint, als könne sich Engel nicht so recht zwischen Märchenparabel, Groteske und modernem Theater entscheiden. Andeutungen bleiben vage, werden kaum ausgespielt. Der „Drache des entfesselten Marktes“, von dem im Programmheft die Rede ist und den Quaas noch so wunderbar einführt, gerät allzu bald aus dem Fokus. Die Flut an Diktatoren, Gurus und Wendehälsen, mit denen Engel seine Zuschauer statt dessen im Laufe des Stückes konfrontiert, erscheint eher wie eine willkürliche Versammlung von Machthabern, die hier ohne Zusammenhang regieren. Der Spannungsbogen stolpert so über durchaus gelungene Höhen, um sich später in wenig pointierten Längen zu verheddern. Dabei muss es das Publikum 2013 statt mit einem Drachen, gleich mit unzähligen aufnehmen – und sich sein Lieblingsmonster schließlich selbst herauspicken.

Jewgeni Schwarz „Der Drache“ am Großen Haus Dresden, wieder am 16.4., 25.4., je 19.30 Uhr, 5.5., um 19 Uhr und am 11.5., 19.5., 30.5.

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