Furiose Jagd nach schlummernden Sehnsüchten

„Der Raub der Sabinerinnen“ am Staatsschauspiel Dresden

Auch wenn man es im schnelllebigen Computerzeitalter vielleicht nicht glauben mag: Theater kann doch eine Menge. Die Welt der Illusion, der Verkleidung, des bunten Spiels lässt Sehnsüchte blühen und Träume wenigstens für ein paar Stunden wahr werden. Insofern taugt der Schwank „Der Raub der Sabinerinnen“ (Fotos: PR/David Baltzer) der Brüder Frank und Paul von Schönthan aus dem Jahr 1884 auch bis heute ohne Probleme für einen rundum unterhaltsamen Theaterabend. Susanne Lietzow bringt das Publikum am Großen Haus des Staatsschauspiels Dresden mit ihrer Inszenierung des Stückes nach langer Zeit sogar mal wieder richtig zum Lachen – und beschert am Schluss ein furioses Theaterchaos mit Happy End.

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Kindheit im Regen

Simon Solberg inszeniert „Rabenliebe“ am Kleinen Haus Dresden

Sie sind alle gleich: In graue Anzüge gepackt und mit grauen Bommelmützen behütet stehen sie in einem ebenso grauen Raum und versuchen langsam das Wort „Mama“ auszusprechen. Der kleine, vierjährige Junge, der in den 50er Jahren in einem Kinderheim abgegeben wurde, weil seine Mutter von der DDR aus gen Westen türmte, unterscheidet sich kaum von den anderen. Er ist klein, ein bisschen zurückgeblieben und er redet manchmal mit den Vögeln. Sonst sagt er kein Wort.

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Menschmaschine versus Rebellion

Sophokles „Antigone“ am Staatsschauspiel Dresden

Eine Videoleinwand, jemand liest die Ödipus-Sage. Unten raucht die Erde, der Krieg ist vorbei. Doch der frisch gekrönte König Kreon möchte Kraft seines neuen Amtes Polyneikes nicht bestatten lassen, dessen Bruder Eteokles hingegen schon. Beider Schwester Antigone ist das nicht recht. Mitten im Trümmerfeld steht sie, eine großköpfige Puppenfigur namens Ismene schüttelnd – denn sie will mit ihr den Bruder heimlich begraben. So geraten Antigone und Kreon also in Streit.

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Alle Macht der Verblödung

2000 Seiten, Staatsschauspiel Dresden
Burkhard C. Kosminski inszeniert 2000 Seiten am Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden (Foto: PR/Matthias Horn).

Lukas Bärfuss’ „20000 Seiten“ am Kleinen Haus

Im schummrigen Nachtlicht sitzt Tony (André Kaczmarczyk) auf seinem Bücherstapel vor dem Radiomikrofon. Er erzählt mit ruhiger, aber empörter Stimme über die beschämende Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg. Er berichtet vom unrühmlichen Umgang des kleinen Landes mit den Flüchtlingen vor dem Nazi-Regime – doch niemand hört ihm zu. Es ist vielleicht die berührendste Szene in Lukas Bärfuss Stück „20000 Seiten“, das am 17. Januar im Kleinen Haus Deutsche Erstaufführung feierte.

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Hamlet als Konzert

Hamlet am Staatsschauspiel Dresden
Christian Friedel ist ein musikalischer Hamlet in Roger Vontobels Inszenierung am Staatsschauspiel Dresden (Foto: PR/Matthias Horn).

Shakespeare am Dresdner Schauspielhaus

Das hat das Dresdner Schauspielhaus wohl in 100 Jahren so noch nicht gesehen: Stehende Ovationen schon am Anfang der Premiere von Shakespeares „Hamlet“ am 24. November. Doch gilt der Applaus (noch) nicht den Schauspielern, sondern ist vielmehr ein ironischer Geniestreich von Regisseur Roger Vontobel, bei dem das Publikum gleich zu Beginn der Inszenierung Teil eines großen Auftritts wird. Die Bühne ist hier ein Spiegel des feudalen Zuschauerraumes des Großen Hauses selbst (Claudia Rohner), in dessen mittelster Loge König Claudius (Torsten Ranft) und seine Gattin Gertrud (Hannelore Koch) Platz genommen haben. Kurz darauf tritt Christian Friedel als blass-leidender Hamlet auf und komplettiert somit seine eigene Band, die hier freilich nicht als „Woods Of Birnam“ musizieren, sondern für das Spiel im Spiel eher zu Nebendarstellern werden. Denn dieses Konzert gehört freilich – als rockiges Requiem für Hamlets just verschiedenen Vater – ebenso zum Stück.

Vontobels Hamlet in schlichter schwarzer Trauerkleidung, die wie seine Musik eindeutig aus dem 21. Jahrhundert stammt (Kostüm: Ellen Hofmann), ist ein selbstversunkener Künstler, ein sensibler Geist, der mit seinen Kompositionen verschmilzt, dem Leben aber nur die leidigsten Seiten abtrotzen kann. Rezitiert Friedel zunächst mehr die dem Shakespeare‘schen Text entlehnten Rocksongs, denn seinen Text aus der Schlegel‘schen Originalübersetzung, so nimmt man ihm diesen leidenden, egozentrisch auf der Bühne zappelnden Hamlet, doch irgendwie von der ersten Minute an ab. Gut möglich, dass dieser verrückte Egomane sich den Mord am eigenen Vater vielleicht nur eingebildet hat. Die Musik ist sein Geist und sie ist es denn auch, die den Zuschauer trotz der ungewöhnlichen Herangehensweise an das Stück sofort in selbiges hineinzieht – ohne erst Raum für Zweifel zu lassen.

Tatsächlich nimmt die Hamlet-Handlung parallel in den oberen Rängen auf der Bühne dann langsam ihren Faden auf. Denn während Hamlet unten seinen musikalischen Tribut für den Vater rockt, thront in der Mittelloge König Claudius mit protziger Krone neben seiner Geetrud, die Hannelore Koch als schillernde, aber durchaus gütige First-Lady mimt. Rosenkranz (Jonas Friedrich Leonhardi) und Güldenstern (Benedikt Kauff) werden prompt von ihr ermahnt, ein freundschaftlich wachsames Auge auf den Hamlet zu haben. In der dritten Loge schmachtet indes die träumerische Schwärmerin Ophelia (Annika Schilling), obwohl ihr Bruder Laertes (Matthias Reichwald) sie eindringlich vor dem Musiker da unten warnt. Und Ahmad Mesgarha gibt einen grandios schwafelnden Polonius, bevor die neuerdings in allen Stücken unverzichtbare Videoprojektion kurz hinter das Bühnenbild entführt und Hamlet wenig später die klassische Mausefalle – in diesem Fall natürlich als provozierenden Popsong mit eigener Band konzipiert – anstimmt. Dieses Lied treibt, wie erwartet, einen nervösen Ausdruck in die Augen des Königs, wie Horatio (Sebastian Wendelin) im großprojiziertem Video festhält.

Inzwischen ist auch Friedel als Hamlet gänzlich in Fahrt gekommen. Er zetert, zürnt und explodiert, lamentiert sein berühmtes „Sein oder nicht sein“ – und beweist, dass er es doch kann, das mit dem Schauspielern in großen Rollen. Singen ja sowieso. Vor allem in der zweiten Hälfte des gut dreistündigen Abends kann er sich so richtig entfalten. Die Instrumente sind verschwunden. Fast droht die klassische Theaterszene ohne die Musik zunächst hinter dem actionreichen Beginn zu verblassen. Und doch fängt sich das Stück recht schnell von selbst, ganz allein mit klassischer Schauspielkunst, wie man dankbar feststellt – und dazu ohne auch nur ein bisschen von seiner Spannung einzubüßen. Die Kulisse ist zur Palast-Wohnung geworden, Friedel indes kommt nun als jugendlich-ungestümer Hamlet erst richtig zur Geltung.

Ebenso wie Annika Schilling als unglückliche Ophelia, die nun vom Wahnsinn getrieben in Hamlets schwarzem Trauerhemd, später auch ganz ohne, über die Bühne taumelt. Schilling beherrscht die Entwicklung von der liebesblinden hin zur enttäuschten und verlorenen Ophelia in allen Abstufungen und lässt dieses verwirrte Wesen am Ende, trotz kleiner Übertreibungen, doch berührend umherirren. Nur einmal droht das Ganze kurz ins unangenehm Ulkige abzukippen, als sie als lang befederte Totengräberin erscheint. Doch das bleibt bloß Momentsache.

In der Schlussszene kämpft Hamlet dann vor allem mit sich selbst – und Christian Friedel gibt trotz sichtbarer Erschöpfung noch einmal alles. Nun ist er Hamlet, Königin, König und Laertes zugleich, wechselt die Rollen wie die Positionen – und bleibt trotzdem der Verlierer. Wenn die Kulisse wieder nach vorn fährt, sitzen Claudius, Gertrud, Güldenstern, Rosenkranz und Laertes wieder wohlbehalten oben im heimischen Palastzimmer. Selbst sein guter Freund Horatio hört Hamlets Rufe nicht, bevor dieses Theater-Konzert ein für alle Mal zu Ende ist. Keine stehenden Ovationen, dafür verdient tosender Applaus, diesmal gilt er tatsächlich einem brillanten Ensemble. Sogar die Frage, ob es reicht, Hamlet als verzogen-wirren Sohn zu interpretieren, kann nach einem solch erfüllten Theaterabend getrost unbeantwortet bleiben.

„Hamlet“ am Dresdner Schauspielhaus, wieder am 26.11., 6.12., 12.12., 26.12. je 19.30 und 30.12., 19 Uhr

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Shakespeare für Hartgesottene

Titus Andronicus, Staatsschauspiel Dresden
Titus Andronicus poltert in einer deutsch-polnischen Kooperation am Kleinen Haus Dresden (Foto: PR/Natalia Kabanow).

„Titus Andronicus“ am Kleinen Haus

Shakespeares „Titus Andronicus“ ist ein vulgäres Stück über Rache und Krieg. Es gilt als Shakespeares blutigstes Drama ohne Moral und ist vermutlich auch deswegen vom Theater der Neuzeit über Jahrhunderte hinweg an den Rand der Vergessenheit gedrängt worden. Eine Kooperationsarbeit des Staatsschauspiels Dresden und des Teatr Polski Wroclaw holt es von dort zurück auf die Bühne. Und wie. Der polnische Regisseur Jan Klata – in seiner Heimat kein Unbekannter – serviert mit seiner Inszenierung in Wroclaw und Dresden eine wuchtig-schonungslose Theaterproduktion, an der sich die Geister scheiden – weil sie nicht schön, aber anders ist und Shakespeares Vorlage dabei trotzdem durchaus gerecht zu werden scheint.

Es ist ein theatrales Feuerwerk mit grellem Blitz und lautem Donner, das hier zweieinhalb Stunden lang auf das Publikum niederprasselt. Ein wahrhaft vulgäres und abstoßend gewalttätiges Stück, skurril, schräg, bösartig und kompromisslos, brutal und dennoch gelungen zweisprachig inszeniert. Der Kampf zwischen Römern (Titus Andronicus) und Goten wird hier auf einer düsteren Bühne ausgetragen. 21 Sargkisten fallen zu Beginn laut krachend unter militärischem Marschgeklapper auf die Bühne, sie stehen für die 21 Söhne, die Titus der Sieg über die Goten gekostet hat. Als er anschließend den Sohn der Gotenkönigin Tamora als Brandopfer tötet und diese dann auch noch den neu ernannten Römischen Kaiser ehelicht, nimmt das blutige Rachedrama seinen Lauf.

Barbarische Gewaltszenen, verpackt in einen schrillen Diskosound, der ab und an mit militärischen Stechschritten kombiniert wird, um das Ganze auf allen Sinnesebenen ja noch wuchtiger zu gestalten, zeigen hier den verbitterten Rachefeldzug zwischen Goten und Römern. An dessen Ende steht das kannibalische Fressen des Gegners, ohne Moral. Auch bei Shakespeare. Nur dass sich hier anstatt der Römer, Deutsche in mit Wehrmachtstechnik bedruckten Shirts und Polen als barbarische Goten in Hawaiihemden gegenübertreten und gegenseitig niedermetzeln – wobei die Derbheit des Stückes auf die gestalterische Spitze getrieben wird. Da fliegen abgehackte Hände über die Bühne und Babys werden verspeist, die stumme Lavinia kehrt blutig vergewaltigt aus den Klauen der Goten zurück. Dazwischen lugt nur ab und zu ein Stück vergnügliche Ironie hervor, meist in Zweisprachigkeit verpackt, die zur Abwechslung ein paar müde Lacher provoziert.

Wirklich menschlich ist keine dieser Figuren auf Bühne, alle handeln brachial und übertrieben, offenbar von niederschmetternden Emotionen geleitet, die an Amokläufer aus dem Fernsehen erinnern. Das zweisprachig mit wirkungsvoll auf weißer Leinwand arrangierten Übertiteln angelegte Stück kommt dabei über lange Strecken nahezu ohne Text aus. Nur das Wichtigste wird gesagt, der Rest ist grell lautstarkes Effekttheater. So ist es am Ende denn auch egal, ob sich Römer und Goten oder Deutsche und Polen auf der Bühne gegenüberstehen, werden hier doch schließlich ohnehin bloß Extreme ohne Graustufen gezeigt, die jeder Hoffnung auf Besserung oder gar Läuterung entbehren.

Die schauspielerische Leistung ist dabei durchweg grandios, schade nur, dass das Publikum in der Wucht der Inszenierung davon größtenteils unberührt bleibt. So wartet etwa Torsten Ranft als Titus-Bruder Marcus Andronicus immer wieder mit keckem Lautklamauk auf und erscheint wie ein in die Handlung verwobener Erzähler, zu dem Wolfgang Michalek als Titus eher in den Hintergrund rückt – wenn er nicht gerade mal wieder lauthals brüllend Rache übt. Und während Paulina Chapko als geschundene Titus-Tochter Lavina in ihrer stummen Opferrolle physisch und psychisch gefesselt auf der Bühne steht, tigert Ewa Skibinska als hinterlistige, erotisch laszive Verführerin und fahrig-gedankenversunkene Rache-Kaiserin über die Bühne.

Die wiederum ist mit den 21 Holz-Sarg-Kisten und der weißen Leinwand im Hintergrund so einfach wie wirkungsvoll gestaltet. Das Bühnenbild von Justyna Lagowska-Klata wird von den kunstvoll arrangierten Übertiteln regiert und gibt trotz oder dank seiner Kargheit viel Raum für Bilder, die die Handlung um Krieg, Rache und Politik eben heraufbeschwört. Die größte Rolle in diesem Reigen aus kriegerischen Grausamkeiten nimmt jedoch immer wieder die Musik ein, die mal laut wummernd, dann wieder ironisch stimmungsvoll („Flames of Love“), immer aber überlaut tönend Raum greift, sodass der krude Machtkampf ähnlich einem Krieg auf der Diskotanzfläche erscheint.

Bei all dem bleibt die Inszenierung dennoch schockierend, abstoßend, grell überzogen und grausam laut, auf ihre Weise jedoch faszinierend zugleich werden diese zweieinhalb Stunden keine Minute langweilig. Dem gern vergessenen Bastard unter Shakespeares Stücken mag das vielleicht gerecht werden, ob es in aller Wuchtigkeit und Brutalität jedermanns Sache ist und so wie zu Shakespeares Zeit auch heute ein großes Publikum begeistern kann, ist dagegen fraglich.

„Titus Andronicus“ am Kleinen Haus Dresden, wieder am 06.10., 19.30 Uhr; 07.10., 19 Uhr; 10.11., 19.30 Uhr und 11.11., 19 Uhr

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Die zwei Seiten des „Liliom“

Liliom, Staatsschauspiel Dresden
Torsten Ranft (vorn) ist Liliom am Staatsschauspiel Dresden (Foto: PR/Matthias Horn).

„Liliom“ am Kleinen Haus Dresden

„Auf jeden Schrecken ein Bier“, sagt der Schausteller Liliom (Torsten Ranft) und lässt die leere Flasche die schräge Bühne im Kleinen Haus Dresden hinunterrollen. Die Hauptfigur in Franz Molnars gleichnamigen Stück ist ein Raubein, ein armer Schlucker und Schlawiner, der seine Freundin Julie (Cathleen Baumann) schlägt und nie Geld hat. Eine traurige Figur, die erst im Himmel zum Menschen wird.

Franz Molnars „Liliom – Eine Vorstadtlegende in sieben Bildern“ hat es schon bei der Uraufführung 1909 in Budapest nicht leicht gehabt. Molnars Stück – irgendetwas zwischen sozialem Drama und Tragikkomödie – floppte. Und auch die Premiere der deutschsprachigen Übersetzung von Alfred Polgar in Berlin 1912 war kein großer Erfolg. Erst die Aufführung am Theater in der Josefstadt Wien lief besser. Von da an wurde „Liliom“ zum Selbstläufer. Hans Albers hat es allein 1800 Mal in Berlin gespielt, das Sujet wurde mehrfach verfilmt und Vorlage für das Musical „Caroussell“.

So richtig verruchte Rummelatmosphäre will allerdings in der Inszenierung von Hausregisseurin Julia Hölscher am Staatsschauspiel Dresden nicht aufkommen. Das überwiegend düstere Bühnenbild (Esther Bialas) beschränkt sich hier auf jene Bierflaschen auf schräger Bühne und einen großen Kasten, ein Schrank mit Ziehharmonikatüren, der auf der Schräge beständig auf- und niederfährt und sich hin und wieder für musikalisch durchaus stimmungsvolle Szenen öffnet. Das darin versteckte bunte Licht und eine kleine Kapelle sind ist alles, was hier ans Schaustellermilieu erinnert.

Ansonsten sind die Figuren im Mittelpunkt der Szenerie. Sie zeigen eine kaputte Gesellschaft kleiner Leute am Rande des Lebens. In abgewetzten Hemden hecken die Männer Pläne aus, um an Geld zu kommen, während die kurz berockten Mädels (Kostüm: Ulli Smid) sich über die Liebe austauschen. Marie (Annika Schilling) scheint es mit ihrem Wolf dabei noch besser getroffen zu haben, als Julie mit ihrem Liliom. Das Spiel dieser drei Hauptfiguren wirkt vor allem zu Beginn allerdings noch zu wenig lebendig, ist weder berührend noch zieht es den Zuschauer hinreichend in das Stück hinein. Torsten Ranft gibt den Zyniker Liliom in der ersten Hälfte noch etwas farblos, eigentlich emotionale Stellen wirken dagegen eher künstlich akzentuiert. So entsteht eine Distanz, die schnell in Langeweile umschlagen kann. In den dialoglastigen Szenen des Anfangs wirkt der Wiener Dialekt der deutschen Übersetzung von Alfred Polgar zudem allzu angestrengt, Dialektsprache wechselt ungeschickt mit Hochdeutsch.

Doch dann öffnet sich der große Kasten wieder einmal, die bunten Lichter erstrahlen und die Musik der Einmann-Kapelle (Tobias Vethake) erfüllt den Raum, rauschhafte Szenen spielen sich ab und Benjamin Höppner tanzt als Ficsur plötzlich nackt im Schrank. Das ist verstörend und überzogen, aber immerhin passiert nun endlich etwas. Auch als Liliom anschließend seinen Raubüberfall plant, nimmt das Stück langsam Fahrt auf. Torsten Ranft hat die kühle Distanz des Anfangs nun gänzlich überwunden und bringt die Figur Liliom in ihrer ganzen Ambivalenz auf die Bühne. Als dieser im hellen Licht stirbt, später wieder unter Engelsmusik im Himmel erwacht und von seiner ungeborenen Tochter erfährt, wird es sogar für kleine Momente lang berührend.

Ansonsten sind die sieben Bilder des Stückes bis zum Schluss kaum voneinander zu unterscheiden. Die Inszenierung bewegt sich bis auf diese wenigen prickelnden Momente überwiegend im Nebulösen, Ungreifbar-Abstrakten. Und die tragische Figur des kleinen Rummelschaustellers „Liliom“ verschwindet ins Dunkel, als hätten sich die Türen des hell erleuchteten Kapellenschränkchens auf der Bühne eben wieder geschlossen.

Kleines Haus Dresden, wieder am 11.6., 26.6., 03.07., jeweils 19.30 Uhr

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