Atombombe im Märchenwald

Barbara Beyer führt das Regietheater mit Janáčeks „Das schlaue Füchslein“ am Kleinen Haus in düstere Abgründe

Nein, ein Märchen ist es wahrlich nicht, was die Opernklasse der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber (HfM) mit Leos Janáčeks Oper „Das schlaue Füchslein“ (1924) auf die Bühne des Kleinen Hauses bringt. Tatsächlich malt die diesjährige Kooperation der HfM mit der Hochschule für Bildende Künste (HfBK) und dem Staatsschauspiel Dresden düstere Bilder von der Menschheitszukunft: Statt Füchsen streifen hier graue Mutanten durch eine öde Felslandschaft (Fotos: Ronny Waleska) und halten den Menschen den Spiegel ihrer Sünden an der Natur vor. Das ist befremdlich und erschreckend – und auch in vielfacher Hinsicht ambitioniert.

Denn Barbara Beyer, Leiterin der HfM-Opernklasse seit 2015, hat die Latte mit der Stückauswahl für ihre zweite Regiearbeit in Dresden dieses Mal von vornherein hoch gelegt. Nicht nur musikalisch ist das Werk von Leos Janáček für junge Stimmen eine Herausforderung, hat er seine Musik doch für das Tschechische geschrieben, auch Wortmelodien seiner Muttersprache in die Partitur eingearbeitet. Da braucht es bei Sängern und im Orchester viel Gespür, soll die gewünschte Wirkung beim Hörer auch erzielt werden. Wenn das gelingt, kann Janáčeks Musik jedoch unglaublich schöne Bilder malen, mit der ihr eigenen Mischung aus Lyrik und Volksliedhaftigkeit bezaubern. Da braucht es auf der Bühne auch keine Dachshöhle und keinen Märchenwald, damit die Begegnung des Försters mit der Füchsin ungeheure Sinnlichkeit entfaltet und der Phantasie Flügel verleiht.

Damit das Stück verständlich bleibt, hat man sich nun für die Aufführung der Deutschen Fassung von Peter Hintze entschieden, für Kammerorchester arrangiert von Jonathan Dove. Erstmals gibt es dazu auch Übertitel (Franziska Leistner) im Kleinen Haus. Doch auch da, wo die ausbleiben, meistern die jungen Musiker das Stück souverän: Unter der musikalischen Leitung von Franz Brochhagen zaubert das Hochschulsinfonieorchester nach einem etwas holprigen Start noch viele schöne Momente am Premierenabend. Teaa An ist stimmlich wie darstellerisch eine entzückende Füchsin/Mutantin und findet mit Martha Sotiriou als Fuchs/Mutant einen starken Widerpart. Als Förster zieht Beomseok Choi sofort in seinen Bann. Rahel Brede bleibt auf die spröde Rolle der Försterin beschränkt, zeigt dies aber überzeugend – und Seongsoo Ryu darf als Schulmeister sogar komödiantisches Talent beweisen.

Die eineinhalbstündige Inszenierung stellt die Oper jedoch gehörig auf den Kopf: Wie in einem Comic wird das dreiaktige Stück in 12 episodenhafte Szenen unterteilt. Valentin Reichert von der HfBK setzt in seinem Bühnenbild auf die düstere Atmosphäre einer Steinlandschaft, ohne Tiere. Dafür lässt er fast Popart ähnlich immer wieder überzeichnet bunte Comicelemente und Figuren ins Bild plumpsen. Die Kostüme von Jakob Ripp (ebenfalls HfBK) stellen die heutige Alltagskleidung der Menschen den grauen Laborkitteln der Mutanten entgegen. Die Oper wird so gänzlich von allen Fabelwesen und Märchenkontexten befreit und in eine schaurige Zone der Unnahbarkeit im Jahr 2143 verlegt. Auf Dauer jedoch wirkt das arg konstruiert. So erfrischend alternative Regieansätze gerade in Produktionen mit jungen Künstlern oft gedeihen, in diesem Fall trägt das Konzept nicht.

Denn die Füchsin bei Janáček ist wendig und klug, agiert aktiv, eigenständig und souverän. Mutanten jedoch sind künstliche Wesen, oder zumindest von vornherein durch die sie erschaffenden Umstände determiniert. Genau das Gegenteil also von der flinken Fabelfigur, die Janáček zur Protagonistin seiner Oper erkor. Zwar ist die comichafte Erzählweise in Beyers Inszenierung auch eine Reminiszenz an den Ursprung des Librettos, das auf die Bildgeschichte „Die Abenteuer des Füchsleins Schlaukopf“ von Stanislav Lolek aus der Brünner Tageszeitung von 1920 zurückgeht. Doch nimmt sie der Oper hier gleichzeitig den Zauber, insbesondere da das Orchester zwischen den Szenen jeweils vorm schwarzen Vorhang spielen muss. Illusion und Sinnlichkeit adé. Im Kontrast dazu flimmern in den Szenen sporadisch bunt gewürfelte Videoausschnitte an der Bühnenrückwand auf, am Ende explodiert die Atombombe.

Die Botschaft ist klar: Der Mensch zerstört die Natur, indem er versucht, sie sich Untertan zu machen. Doch wo bleiben die Liebe, die Sehnsucht und die Melancholie, die so herrlich in Janáčeks Musik anklingen? Sie finden hier nicht statt. Die Hochzeit der Füchse/Mutanten wird dafür zur knalligen Marionettenshow verkitscht, der Schulmeister zum Showmaster stilisiert. Nur der Förster schwört im Jahr 2143 offenbar noch immer auf die gute alte Schrotflinte?! So werden junge, begabte Sänger am Ende in schrägen Bildern verheizt. Das ist schade für die Studenten wie fürs Publikum, sind doch die jährlichen Opernproduktionen der beiden Kunsthochschulen auch eine Chance, die Projekte des künstlerischen Nachwuchses ins Herz der Kulturstadt Dresden zu tragen – und am Rande der großen Spielpläne eine eigene Nische zu etablieren.

„Das schlaue Füchslein“ am Kleinen Haus, wieder am 21., 24., 29., 31. Mai sowie am 6. und 10. Juni

Gefangen zwischen Hoffnung und Angst

Grigori Frids Mono-Oper „Anne Frank“ aN den Landesbühnen Sachsen

Ein Koffer, ein Tisch, ein Stuhl. Viel ist Anne Frank nicht geblieben im Hinterhaus, in dem sie sich mit ihrer Familie von 1942 bis 1944 vor der Gestapo verstecken musste. Im Koffer befinden sich auch ein Stift und jenes berühmte Tagebuch, das nach dem Zweiten Weltkrieg weltweit verlegt, verfilmt und auf Theaterbühnen aufgeführt wurde. An den Landesbühnen Sachsen lässt Sängerin Miriam Sabba (Foto: PR/Hagen König) die Zeilen in einer Momo-Oper des russischen Komponisten Grigori Samuilowitsch Frid (1915-2012) nun abermals lebendig werden.

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Brittens Helena als Operndebüt

Asena Aktop singt Brittens „Ein Sommernachtstraum“ – erstmals unter neuer Leitung

Die Dresdner Opernklasse bringt mit Benjamin Brittens „Ein Sommernachtstraum“ heute (22. April) Abend am Kleinen Haus die erste Premiere unter der Leitung von Barbara Beyer auf die Bühne. Das Stück, das nach William Shakespeares gleichnamiger Komödie konzipiert ist, ist gleich eine zweifache Feuertaufe: Es ist die erste Regiearbeit von Barbara Beyer, der neuen Leiterin der Opernklasse – und die erste große Bühnenrolle für die Studentin Asena Aktop (Foto: privat). „Ich singe die Helena, die Unglückliche, die Hässliche im Stück. Sie ist unglücklich verliebt, gibt aber nie die Hoffnung auf. Eigentlich ist das eine Rolle, die jede Frau im Leben früher oder später einmal durchgemacht hat“, sagt sie mit einem Lächeln. Weiterlesen

Die Oper neu entdecken

ToNi burghard friedrich ist der kopf des jungen Off-Opernteams szene12

Toni Burghard Friedrich ist einer der kreativsten jungen Regisseure in der Stadt. In der Lausitz aufgewachsen, studierte er Musiktheaterregie in Wien und kam schließlich nach Dresden zurück, um hier Theater zu machen. Im elbmargarita-Interview plaudert er aus dem Regiekoffer und verrät, an welcher Inszenierung er mit dem OFF-Opernteam von szene12 gerade werkelt.

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Verdi-Oper zur Festspielzeit

Dresdner Studenten inszenieren „Falstaff“

Giuseppe Verdis letzte Oper „Falstaff“ ist ein verwirrendes Stück, dessen Libretto (Arrigo Boito) auf William Shakespeares „Die lustigen Weiber von Windsor“ basiert. Mitten im Verdi-Jahr 2013 wollen die Dresdner Hochschulen für Bildende Künste (HfBK) und für Musik (HfM) diese eher selten gespielte Oper in ihrer gemeinsamen Produktion am Kleinen Haus erneut zum Leben erwecken – und schlagen dank Shakespeare auch noch gekonnt einen Bogen zum diesjährigen Motto (Empire) der Dresdner Musikfestspiele (11.5.-2.6.), in deren Rahmen die Premiere am 25. Mai stattfinden wird.

Die Geschichte von „Falstaff“ ist schwer in ein paar Sätzen zusammenzufassen. Drei Handlungsstränge konkurrieren hier um die Aufmerksamkeit der Zuschauer. Jelena Josic (Foto: privat) kennt sich dennoch bestens mit dem Stoff aus. Aus dem Gedächtnis erzählt die Gesangsstudentin, worum es im „Falstaff“ geht. „Das Stück ist eine Kritik an der Gesellschaft und eher untypisch für Verdi, es ist sehr komplex, immer wieder gibt es inhaltliche Brüche“, sagt sie. Jelena Josic singt in der aktuellen Hochschulproduktion die Rolle der Nannetta, einer jungen Frau, die die Liebesheirat der gewinnbringenden Verkuppelung durch ihren Vater vorzieht. „‚Falstaff‘ ist musikalisch sehr anspruchsvoll, aber es macht große Freude, diese Figur zu erarbeiten“, erzählt Josic und sprüht spürbar vor Begeisterung.

Verdis Nannetta ist ihre erste große Rolle auf der Opernbühne. Zuvor hat die gebürtige Serbin, die derzeit im sechsten Semester an der HfM Gesang und Musikpädagogik studiert, bei den Hochschulproduktionen „Figaros Hochzeit“ und „Der Wildschütz“ im Chor mitgesungen. „Aber es ist ein ganz anderes Gefühl, jetzt eine Hauptrolle zu singen“, sagt sie. Seit November hat sich Jelena Josic intensiv auf diese Partie vorbereitet, musste einige Prüfungen an der Hochschule verschieben, um im März und April zweimal am Tag für die Premiere proben zu können. Die Teilnahme an einer solchen Opernproduktion im realen Theaterambiente ist jedoch eine große Auszeichnung für jeden Gesangsstudenten. „Es ist eine sehr gute Vorbereitung auf das spätere Berufsleben als Sängerin, ich habe dank Verdi unheimlich viel für mein Hauptfach gelernt“, sagt sie.

Es sei wahnsinnig reizvoll, ein solches Stück einzustudieren, das später im regulären Spielplan des Kleinen Hauses verankert sein wird, schwärmt die Studentin. Sechsmal soll „Falstaff“ von den Studenten aufgeführt werden. Wie immer bei den Dresdner Hochschulproduktionen zeichnet die HfM dabei mit Sängern und Hochschulsinfonieorchester für Regie und den musikalischen Teil verantwortlich, während Maske, Kostüme und Bühnenbild in der Hand der HfBK-Studenten liegen. „Das Publikum zahlt für die Vorstellungen, da muss alles passen, egal ob es einem an dem Abend gutgeht oder nicht“, sagt Jelena Josic – und man merkt, wie viel Herzblut sie in die Rolle gesteckt hat.

Verdi liege ihr nicht zuletzt auch deswegen am Herzen, weil sie sich in ihrem Heimatland Serbien viel mit der italienischen Gesangsschule beschäftigt habe. Dass die Dresdner Musikhochschule sie schließlich aufgenommen hat, betrachtet die junge Sängerin als großes Geschenk. „Ich habe sofort nach der Aufnahmeprüfung gemerkt, dass ich hierher möchte“, erzählt sie begeistert und gesteht, dass sie für Dresden dann sogar eine Bewerbung in Wien sausen lassen hat. Die Premiere der Verdi-Oper während der Dresdner Musikfestspiele ist der erste Auftritt in einem so großen, offiziellen Rahmen für die Studentin. „Ich bin jetzt schon aufgeregt und freue mich wahnsinnig auf diesen Abend“, verrät sie so voll Enthusiasmus, dass man ihr am liebsten um den Hals fallen möchte.

Linktipps: www.musikfestspiele.com und www.hfmdd.de

„Verstummte Stimmen“ an der Semperoper

Dresdner Theater erinnern an Nazi-Zeit

An der Dresdner Semperoper und dem Staatsschauspiel wird am Sonntag (15. Mai) eine geschichtsträchtige Ausstellung zum einem bislang in der Öffentlichkeit fast unerwähnt gebliebenen Thema eröffnet. Sie widmet sich der „Säuberung“ an deutschen Opernhäusern und Theatern im Nationalsozialismus. Die Ausstellung namens „Verstummte Stimmen“ nimmt dabei sowohl auf Gesamtdeutschland als auch speziell auf Dresden Bezug. Sie wird bis zum 13. Juli am Staatsschauspiel und an der Oper zu sehen sein. Der Eintritt ist frei.

Historiker Hannes Heer, Musikjournalist Jürgen Kesting und Gestalter Peter Schmidt realisierten diese Ausstellung seit 2006 bereits an den Staatsopern in Hamburg, Berlin, Stuttgart und Darmstadt. Gezeigt wurden dort – und nun auch in Dresden – das Schicksal von 44 prominenten Künstlern. Ergänzt wird das Ganze von einer lokalen Fallstudie, in der die Geschichte der Vetreibung an den Dresdner Staatstheatern rekonstruiert wird. Diese begann am 7. März 1933 mit einem spektakulären Akt auf der Bühne der Semperoper, als der Schauspieler Alexis Posse deren Leitung für abgesetzt erklärte und als kommissarischer Generalintendant die vollziehende Gewalt an beiden Häusern übernahm. Träger der Aktion war die schon Ende 1930 von Posse und Franz Heger, einem Maskenbildner der Semperoper, gegründete »Theaterfachgruppe der NSDAP«, die sich die Befreiung der Staatstheater von der »Beherrschung durch Fremdrassige« zum Ziel gesetzt hatte und im März 1933 mindestens 275 Mitglieder zählte. Weiterlesen