Frühlingserwachen?

Ein Osterspaziergang mit Goethe durch ewige Corona-Zeiten …

Ein Jahr im tiefen Winterschlaf. Dämmernde Zustände, Kultur auf Eis gelegt. Das Warten auf den Frühling nährt die Hoffnung auf Besserung. Das war schon immer so. Doch hoffen wir im Moment vergebens. Kaum neigt ein Sonnenstrahl sich sachte zu Boden, rücken auch schon dicke Wolken auf. Und nach 21 Wochen kulturellem Lockdown müssen wir allmählich die Frage stellen, wie lange es noch so gehen soll? Ja, wie lange es noch so gehen kann, ohne nachhaltige Schäden anzurichten?

Seit die Kulturinstitutionen ihre Türen geschlossen haben, ist es dunkel geworden in unseren Herzen. Der menschliche Austausch bleibt auf soziale Medien beschränkt, Inspiration ist Mangelware. Wir kochen unsere eigenen Süppchen im Homeoffice und lassen uns auf Netflix von den neuesten Serien berieseln. Denken scheint ebenso unerwünscht wie Kreativität. Der alte Goethe würde sich im Grabe umdrehen, wenn er das sehen könnte!

„Überall regt sich Bildung und Streben“, heißt es in seinem „Osterspaziergang“ aus dem „Faust“. In Deutschland anno 2021 ist nun bereits zum zweiten Mal „Wir bleiben zu Hause!“ das Credo für das Osterfest. Unfähig, sich von starren Maßstäben zu lösen, bieten unsere Politiker großes Welttheater, während die Kabaretts des Landes seit fast einem halben Jahr geschlossen bleiben. Die Kulturnation Deutschland droht an ihren perfektionistischen Regelwerken zugrunde zu gehen und weiß einem Virus dabei nichts Besseres entgegenzuhalten als eine Osterruhe, die jäh endet, bevor sie angefangen hat.  

Clara-Schumann-Weg in Maxen

Das ganze Ausmaß der Folgen für unsere Gesellschaft ist dabei noch gar nicht abzusehen: Wer wird unseren Kindern im nächsten Jahr Klavier- und Gitarrenunterricht geben, wenn sich viele Musiker doch schon längst in andere Berufe umorientieren (müssen)? Wer wird Bühnen auf Stadt- und Volksfesten aufbauen, beleuchten und wer wird sie bespielen, wenn wir einen ganzen Wirtschaftszweig ins Berufsverbot und somit in die Pleite treiben? Wer wird übermorgen noch Filme für Netflix produzieren, wenn wir Schauspielern, Autoren, Regisseuren und Komponisten jetzt den Boden unter den Füßen wegziehen?

Wann fangen wir an, die seit einem Jahr vielbeschworene Solidarität zu leben, statt die wirklich Solidarischen ewig zu Hause einzusperren? Und wann begreifen wir, dass Musik, Kunst und Kommunikation genauso Lebenselixier für Psyche und Geist sind wie Wasser und Nahrung für den Körper? Was ist das für ein „Konzept“, das Gastwirte und Künstler zum Wohle aller in den Winterschlaf verbannt, während sich die Räder in Fabriken ungerührt weiterdrehen?

Wir müssen endlich wirklich zusammenzuhalten, anstatt Angst zu verbreiten! Und wen brauchen wir dafür am meisten? Den Weckruf der Künstler, ein gemeinsames Bier in der Sonne und die Erkenntnis, dass Verständnis und Solidarität immer den Austausch mit anderen voraussetzen! Denn Menschlichkeit gedeiht niemals in Isolation. „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche“? Vielleicht. Es wird aber wohl lange, viel zu lange dauern, bis wir endlich wieder aus vollem Herzen die Formel aussprechen können: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!“

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