„Wir müssen im 21. Jahrhundert ankommen!“

Cellist Jan Vogler über neue Wege im Konzertbetrieb

Mit Dreamstage.live startet am 22. August 2020 ein neues Streaming-Portal für Musik aller Genres. Es soll Künstlern helfen, auch in Zeiten von COVID-19 mit ihren Fans in Kontakt zu treten und ihren Beruf wieder ausüben zu können – und dem Publikum zu Hause Konzerterlebnisse in HD-Qualität bescheren. Der Dresdner Cellist Jan Vogler (Foto: Marco Grob) ist einer der Gründer von Dreamstage und erzählt im Interview, wie er für die klassische Musik damit neue Welten eröffnen will.

Was unterscheidet Dreamstage von bisherigen Streaming-Plattformen?
Es ist die erste Plattform, die in HD-Qualität, also auf einem sehr hohen Niveau, Musik streamt und auch Tickets verkauft. Wir haben in den letzten zwei Monaten mit Thomas Hesse und Scott Chasin die Plattform gebaut – und natürlich kommen noch weitere Features hinzu. Aber jetzt kann man zunächst die Konzerte in HD-Qualität zu Hause auf dem Fernseher anschauen – und etwas erleben, das man sonst im Konzert nicht hat: Man kommt sehr nah ran die Künstler. Zudem ist es auch eine Notwendigkeit, weil wenn wir jetzt die Künstler im Stich lassen, kann etwas auseinanderbrechen, das sehr wertvoll ist.

Warum gerade jetzt, wo doch in Dresden die Säle langsam wieder öffnen und wir allmählich zum Liveerlebnis zurückkehren wollen?
Das ist nicht überall auf der Welt so. In Amerika herrscht gerade völliger Kahlschlag. In New York gibt es bis Weihnachten gar nichts, kein Broadway, keine Carnegie Hall, kein Lincoln Center – nichts! Und die Gefahr, dass wir die Routine uns auf Kultur einzulassen, verlernen, ist tatsächlich da. Und ich finde es ziemlich cool, wenn ich mich mit Freunden zu Hause treffen kann und mir dann auf dem Fernseher ein Livekonzert anschaue. Es muss ein Livekonzert sein, wie Livefußballspiel. Wenn es vorproduziert ist, hat es diesen Kribbel und die Atmosphäre nicht. Aber zu Hause Konzerte mit Freunden genießen, bei einem Glas Wein, das könnte sogar ein neues Ritual werden! Man kann ein Konzert so vielleicht auch anders hören, unsere Musiktempel wurden ja oft kritisiert, dass die Schwelle zu hoch sei, dass der traditionelle Konzertbetrieb zu elitär ist. Die jungen Leute sind im Internet sehr gut angekommen und es könnte sein, dass wir so ein junges Publikum finden für die Musik – nicht nur für die klassische Musik, die Plattform wird auch Rock, Pop, Hiphop und Jazz präsentieren, aber auch für die Klassik.

Ein Ticket für Dreamstage kostet 25 Dollar, also etwa 22 Euro. Dafür kann man mit der ganzen Familie schauen …
Das Konzerterlebnis ist so auf jeden Fall viel preiswerter, als wenn man ausgeht. Denn wenn man zu zweit ins Konzert geht, das Auto in der Stadt parkt, hinterher was essen geht, kostet das ein Vielfaches von dem, was ein Abend zu Hause kostet. Ich muss sogar sagen, ich habe es in der Corona-Zeit wirklich genossen, mal zu Hause zu sein, ich bin sonst immer unterwegs gewesen. Dieses Gefühl, dass ich alles zu Hause machen konnte, das habe ich sehr genossen. Und ich möchte natürlich als Intendant der Dresdner Musikfestspiele, als Künstlerischer Leiter des Moritzburg Festivals und als Cellist das Konzertritual erneuern. Ich möchte nicht der sein, der nur Besitzstände erhält. Ich möchte jemand sein, der neue Wege vorschlägt – und natürlich fühle ich mich im Moment so wie jemand, der mit der Machete im Dschungel einen Weg bahnt, weil das gibt es ja alles noch nicht. Aber es ist wichtig, wir müssen im 21. Jahrhundert ankommen.

Eine große Herausforderung beim weltweiten Streaming ist allerdings der Zeitunterschied. Wenn das Eröffnungskonzert am Samstag 20 Uhr in Deutschland startet, ist es in New York erst 14 Uhr.
Samstag um 14 Uhr ist keine so ungewöhnliche Zeit. Ich habe jetzt gesehen, dass bei vielen Streaming-Konzerten auch diese Zeit genutzt wurde, denn man bekommt zwei Zeitzonen: die Amerikaner und die Europäer. Für Asien wird es wirklich schwieriger. Aber da kann man vielleicht noch ein Konzert nur für die asiatischen Fans ansetzen und Stücke wählen, die gerade in Asien besonders beliebt sind. Also ich sehe da neue Möglichkeiten – und jetzt mal Hand aufs Herz: Wenn wir keine Möglichkeit für die Musiker schaffen, in diesem Herbst irgendwo aufzutreten, dann haben sie keine Chance. Denn wenn sich das Konzertleben um 95 Prozent reduziert – bei den vielen guten Musikern am Markt, müssen wir neue Wege finden. Alles andere wäre nicht verantwortungsvoll. Und ich habe als Leiter meiner Festivals auch die Aufgabe, mich auf die neue Saison vorzubereiten.

Alle wissen ja, dass Jan Vogler alles, was Klassik betrifft, holen kann. Wie sieht es in der Popszene aus? Eric Clapton war da, Sting wird nächstes Jahr kommen. Was ist zum Beispiel mit Madonna?
Ja, ich habe keine Berührungsängste und ich bin großer Fan von vielen Popstars. Und natürlich wird Dreamstage auch ein Projekt sein, wo man neue Kontakte knüpfen kann – die wir dann auch für die Musikfestspiele nutzen können. Ich glaube, dass es eine große Chance ist für unser Dresdner Festival, die Musikfestspiele sind ein großes Festival, wir sind darauf angewiesen, Menschen aus der ganzen Welt zu erreichen. Ich denke, dass Dreamstage den Festspielen auch helfen kann, in die ganze Welt zu strahlen.

Interview: Jens Czerwinka

Eröffnungskonzert auf Dreamstage.live am 22. August, 20 Uhr mit Hélène Grimaud & Jan Vogler, Tickets hier!

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