Blätterspiel

Gedanken auf einem Herbstspaziergang durch Moritzburg

Wo führt er hin? Der Weg, der sich einsam durch dichte Farne schlängelt, vorbei an deinem dicken Stumpf. Blätter fallen, rieseln leise zu Boden. Ganz sacht, als wollten sie jede Sekunde ihres letzten Weges auskosten. Unzählige Blätter hast du schon abgeworfen, unzählige Spaziergänger vorbeieilen sehen. In all den Jahren. Deine knorrige Rinde bot so vielen kleinen Tierchen Schutz, deine Krone lädt die Vögel zum Singen ein, jedes Jahr aufs Neue.

Herbstwald in Moritzburg

Heute scheint die Sonne golden auf dein Blätterdach. Es ist ein letzter kurzer Gruß, bevor der nächste Herbststurm die gelbe Pracht verweht – und die Flut der Spaziergänger sich in Ebbe wandelt. Doch für dich ist jedes Blatt, das fällt, nur ein Wimpernschlag im Lauf des Lebens. Deine Äste strecken sich hinauf zur Unendlichkeit des Himmels, obwohl sie längst wissen, dass sie ihn nie erreichen werden. Denn auch wenn du stillstehst, geht der Lauf der Zeit an dir nicht vorbei.

Enten auf dem Moritzburger Schlossteich

Wo führt er hin, dein Weg? Was ist dein nächstes Ziel? Des Winters weiße Krone nur? Oder sehnst du dich – wie wir – schon nach dem nächsten warmen Sommer? Und sind die Spaziergänger, die du in all den Jahren sahst, bloß wie die weißen Wolken, wie des Frühlings Blüten und das bunte Herbstlaub, die jährlich wiederkehren? Sind sie Teil des Kreislaufs oder ist da mehr? Hat jedes Blatt, das fällt, nicht auch seine eigene Geschichte zu erzählen?

Herbstimpression aus Moritzburg

Da ist das nächste schon, wippt sanft im Wind, schwebend fast. Es tanzt. So unbeschwert, als hätte es den ganzen Sommer über auf den Moment gewartet. So viele Blätter, so viele Menschen, Augenblicke nur im Lauf der Zeit. Viel zu schnell vorbei und doch auf ewig verwahrt in unseren Herzen, wenn wir die Augen öffnen: Jeder Schritt hinterlässt eine Spur, jede Begegnung einen Eindruck, jedes Blatt ist die Summe von Momenten zwischen Frühjahr und Herbst. Und du, mein Baum, bist weise genug, um stillzustehen ohne je zu verharren.

Herbst in Moritzburg

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1 Kommentar

  1. Hejho! Das ist schön!
    Ich frag mich aber, wie ich zu Elbmargarita gefunden hab … Kennen wir uns?
    Christian

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