Eine Kindheit in Gorbitz

Geschichten aus Dresden

Dresden ist die Stadt der barocken Prachtbauten, in der sich Frauenkirche, Semperoper und der Zwinger an Herrlichkeit gegenseitig Konkurrenz machen. Doch es gibt auch Trabanten, in denen es ganz anders aussieht. Der Stadtteil Gorbitz ist so einer. Schon bei der Erwähnung schütteln viele Leute mit gerümpfter Nase bloß den Kopf. „Gorbitz, eeecht …?“ Worauf ich meist ein freundliches „Aber“ entgegne …

Denn es gab eine Zeit, da war Gorbitz eine begehrte Siedlung am Rande der Stadt. Viele Leute hätten damals einiges dafür gegeben, in dem Neubaugebiet im Norden von Dresden eine Wohnung beziehen zu können. Das glaubt ihr nicht? Oh, doch, es ist wahr! Ich selbst durfte die ersten zehn Jahre meines Lebens in Gorbitz verbringen. Und ich kann mich noch gut daran erinnern, dass es sich dort prima lebte, zumindest bis Mitte der 1990er Jahre der große Wegzug einsetzte.

In den 1980er Jahren jedoch wollten alle erst einmal unbedingt dahin. Meine Eltern haben unsere Dreiraumwohnung mit dem sperrigen Kürzel „WBS 70“ 1985 nur bekommen, weil sie behauptet haben, sie bekämen Zwillinge. Das hat auch geklappt. Zwillinge waren selbst zu DDR-Zeiten offenbar ein echtes Argument für eine Dreiraumwohnung. In Wahrheit bekamen meine Eltern dann allerdings nur mich.

Unsere Wohnung hatte drei Zimmer mit Küche und Bad. Die Küche war zu klein für einen Esstisch, im Bad konnte man sich auf die Waschmaschine knien, wenn man bequem im Spiegelschrank kramen wollte. Und auch der kleine Balkon bot gerade Platz für einen Wäscheständer und nicht gerade einen idyllischen Ausblick auf den nächsten Neubaublock. Doch die Wohnung war bezahlbar, sie verfügte über Heizung, fließend warmes Wasser und nette Nachbarn, die im Urlaub gern unsere Blumen gossen oder ungefragt die Hausordnung übernahmen, wenn meine Eltern das aus Versehen vergessen hatten. Ich spielte fast jedes Wochenende mit der Nachbarstochter, die drei Jahre älter war als ich. Wir trafen uns dann „drüben“ oder bei uns, hörten Schallplatten und dachten uns lustige Geschichten für unsere Puppen aus.

Gorbitz ist grüner geworden: Wo sich früher die Ebereschenstraße 10 befand, stehen heute drei einsame Parkbänke.

Es waren schöne Jahre mit Faschingspartys für alle Kinder im Haus, mit langen Spaziergängen durchs Neubaugebiet, auf denen man immer irgendwen Bekanntes traf. Mein Papa reparierte Fernsehapparate für die halbe Nachbarschaft und der Kindergarten war gerade mal hundert Meter von unserem Haus entfernt, genau wie die nächste Kaufhalle. Dass man dort oft in endlosen Schlangen nach einem Einkaufswagen anstehen musste, lag wohl eher an der DDR – weniger an Gorbitz.

Als ich in die Schule kam, ging der Spaß dann erst richtig los. Die Grundschule lag nur wenige Straßen weiter, man konnte den Eltern sozusagen vom Klassenzimmer aus winken, wenn man gut angekommen war. Mein erster Schulweg war kurz und meine Freundinnen wohnten fast alle in unserer Straße, so konnten wir gemeinsam zur Schule laufen und uns am Nachmittag zum Spielen hinter dem Haus verabreden. Dort gab es nicht nur Wäschestangen, sondern auch ein Klettergerüst, das leider häufig kaputt war.

Das machte aber nichts. Wir kurvten mit unseren Puppenwagen um den Block und funktionierten den Handlauf am Hintereingang flugs in eine Kletterstange um, an der wir dann kopfüber die Welt im Innenhof betrachteten. Im Winter holten wir unsere Schlitten aus dem Keller und rodelten die Hügel auf dem Wäscheplatz hinunter. Für uns Kinder waren die immer noch steil genug – wenn wir erst Mut geschöpft hatten, rutschten wir schon auch mal im Stehen auf dem Schlitten über den Hof.

Das waren die schönsten Jahre in Gorbitz überhaupt. Schon allein deshalb, weil ich später nie wieder so nah bei meinen Freundinnen gewohnt habe. Als wir älter waren, trafen wir Kinder von der Ebereschenstraße, die von der Forsythienstraße und die vom Altgorbitzer Ring uns am Gorbitz Center, einem der ersten modernen Einkaufszentren, die nach der Wende in Dresden eröffnet wurden. Wir aßen Hotdogs und kauften Sticker im Spielwarengeschäft. Der Weg nach Hause war für alle kurz genug, sodass wir pünktlich zum Abendbrot zurück waren.

Wie toll es in Gorbitz für uns Kinder war, das begriffen wir eigentlich erst, als nach der Grundschulzeit die ersten von uns (ich gehörte 1995 dazu) in andere Stadtteile zogen – und wir alle nun weiterführende Schulen in ganz Dresden besuchten. Von da an ging es mit Bus und Bahn oder in Papis Auto zur Schule in der Stadtmitte und aus den nachmittäglichen Treffen mit Schulkameraden wurden Brieffreundschaften. Einige bestehen heute noch. Inzwischen können wir natürlich selbst Auto fahren und die Stadt ist in unserer Wahrnehmung kleiner geworden. Wenn wir uns treffen und an die Kindheit in Gorbitz erinnern, sind wir uns aber alle einig: Gorbitz war toll, das Beste, was uns passieren konnte!

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