Ein Abend der Entdeckungen

Lutosławski Quartett im Meisterkonzert auf Schloss Albrechtsberg

Wenn das Moritzburg Festival zu seiner Kammermusikreihe auf Schloss Albrechtsberg lädt, darf man sich stets auf exquisite Konzertprogramme mit auserlesenen Künstlern freuen. Das Meisterkonzert mit dem Lutosławski Quartett aus Dresdens Partnerstadt Wrocław versprach am Freitag (12.4) eine Begegnung mit einem in Dresden noch fast unbekannten Ensemble und offenbarte mehr als nur eine musikalische Entdeckung.

Bereits seit 2007 sind die vier Musiker Bartosz Woroch (Violine), Marcin Markowicz (Violine), Artur Rozmysłowicz (Viola) und Maciej Młodawski (Violoncello) als Kammerensemble auf den Bühnen in der ganzen Welt vereint. Für ihr spätes Debüt an der Elbe hatten sie im ausverkauften Kronsaal auf Schloss Albrechtsberg ein originelles Programm im Gepäck, zu dem neben Haydn und Beethoven eine Komposition des Geigers Marcin Markowicz gehörte, die mit Anleihen aus Jazz und Filmmusik gelungen zur Wiener Klassik kontrastierte. Haydns Streichquartett d-Moll op. 76 bot zunächst einen geschmeidigen Auftakt für diesen Abend. Hier offenbarte sich bereits die vitale Spielfreude der vier Musiker. Mit großer Präzision gepaart, gipfelt sie jedoch nie in glatter Routine, sondern scheint stets vom Augenblick getragen. Eine Qualität, mit der das Quartett noch bis zur letzten Minute begeisterte – und von der die zeitgenössische Komposition von Marcin Markowicz in ganz besonderer Weise profitieren sollte.

Der Geiger schrieb sein Streichquartett Nr. 4 anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Lutsławski Quartetts 2017, inspiriert von dem Kinofilm „Der Zufall möglicherweise“ des polnischen Regisseurs Kryszof Kieslowski. Das Stück spannt den Hörer anfangs mit repetitiven Streicherpassagen – die auch in den folgenden Sätzen immer wieder auftauchen – gehörig auf die Folter und verlangt von den Musikern dabei doch höchste Virtuosität und Feingefühl. Die fünf relativ kurzen Sätze sind von verschiedenen Stimmungen durchwoben, leises Prickeln bricht aus wie ein Vulkan, um anschließend beinahe zu verstummen. Im dritten Satz gipfelt das Ganze in einer stimmungsvollen perkussiven Passage, bevor es zum Schluss gar jazzig rockt und die Verwirrung des Beginns wieder aufgreift. Die vier Musiker lassen das Werk mit ihrem ausdrucksstarken, virtuosen Spiel zum Erlebnis werden. Scheinbar mit einem Augenzwinkern bringen sie die Komposition mitreißend zum Klingen und wecken mit jedem Ton Neugier auf den nächsten.

Vom 21. Jahrhundert geht es nach der Pause dann zurück zu Beethovens spätem Streichquartett cis-Moll op. 131. Eines jener legendären Werke, das zu seiner Zeit sicher nicht minder revolutionär daherkam, als das von Markowicz heute. Das Lutosławski Quartett lässt es zu einem weiteren Höhepunkt an dem Abend gedeihen. Es interpretiert den späten Beethoven zum Dahinschmelzen, mit dramatischem Auftakt, seufzendem Adagio und groovendem Allegro molto – in sich rasant entwickelt, brillant gespielt, mit Akkuratesse gestaltet, sodass man nach dem letzten Takt am liebsten noch weiterhören möchte. Am Ende entlassen die vier Musiker das Publikum mit einer verdienten Zugabe und der Hoffnung, dass dies nicht die letzte Begegnung in Dresden war.

Das 27. Moritzburg Festival findet vom 4. bis 18. August 2019 statt.

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