Von allem zu viel

Ein Essay zum Überfluss zu Weihnachten (und sonst) …

Er erinnerte mich fast ein bisschen an New York, der Trubel, der vor den Feiertagen die Dresdner Innenstadt beherrschte. Rote Rücklichter in den Straßen, Menschenmassen, die durch Geschäfte wälzen, Einkaufstüten in den Händen, leuchtende Lämpchen über der Stadt. Angebote überall. Ich mittendrin. Mit drei Beuteln bepackt, laufe ich heim. Dort öffne ich den Kleiderschrank und sehe Pullover. Türme von Pullovern. Ich sehe Röcke. Stapel von Röcken, von Kleidern, Hosen, T-Shirts. Der Schrank quillt über. Kein Mensch kann so viele Klamotten tragen. Warum ich das hier schreibe?

Weil es symptomatisch ist: Wir haben von allem zu viel. Zu viele Klamotten, zu viel Plastik, zu viel CO2 und zu viel Fastfood. Die (westliche) Welt quillt über mit Sachen, die eigentlich keiner braucht. Genau wie mein Schrank. Es ist der Überfluss im Übermaß, der uns blind macht für die wichtigen Dinge im Leben. Eine schöne Begegnung, ein tiefer Blick, eine zarte Berührung, ein interessantes Gespräch. Mit Menschen. Das Wesentliche gerät schnell aus dem Fokus. Es verschwindet im Überfluss dieser Welt, sodass wir es manchmal kaum wiederfinden können.

Das ist genau wie mit dem richtigen Kleid für einen Theaterabend. Es versteckt sich zwischen all den anderen, ich hatte es fast vergessen, weil so viele bunte Kleider ins Blickfeld rücken, sich zwischen mich und die Erinnerung an dieses Eine gedrängt haben. Nur, damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich gehöre wahrlich nicht zu jenen Leuten, die strikt gegen jede Art von Konsum protestieren und in Demozügen für eine bessere Welt einstehen. Ich mag Konsum. Das sieht man ja an meinem Schrank.

Ich finde allerdings, es ist an der Zeit, sich endlich wieder auf die wesentlichen Dinge zu konzentrieren. Ein bisschen weniger von allem würde dem, was wirklich wichtig ist, wieder mehr Gewicht verleihen. Und das gilt nicht nur für Kleider und Schränke. Es gilt für alles, was das Leben so wertvoll macht. Weniger Instagram heißt mehr Zeit für echte Freunde und wahre Gespräche. Weniger Shopping bedeutet mehr Gelegenheit für ausgedehnte Spaziergänge an der Elbe. Ein bisschen weniger von allem ließe uns Raum, die Wunder der Natur genießen, sie bewusst wahrnehmen zu können. Das gibt uns Zeit, Kraft zu tanken.

Selbst Modeworte wie „Achtsamkeit“, „Hygge“ oder „Balance“ werden mit etwas weniger von allem plötzlich bedeutungslos. Denn auch von gut gemeinten Ratschlägen für mehr Zufriedenheit für den Einzelnen darf es ruhig ein bisschen weniger sein. Öffnen wir unsere Augen: Es braucht doch gar nicht viel. Nur eine Änderung der Perspektive, ganz winzig, schon könnte unsere Welt ein bisschen bewusster werden. Der Blick fürs Wesentliche, für die wirklich wichtigen Dinge im Leben, er öffnet Türen. Er lässt uns jedes „Zuviel“ ausblenden. Wir müssen es nur versuchen. Mit dieser Erkenntnis gehe ich nun durch die letzten Tage des Jahres. Ich hole meinen alten Lieblingspulli aus dem Schrank, schalte den Laptop aus und streife die Stiefel über, um bei einem Spaziergang an der Elbe frische Luft zu atmen, wahres Glück zu finden.

Und 2019, das habe ich mir fest vorgenommen, gibt es bei mir von allem etwas weniger. Dafür mehr vom Wichtigen. In diesem Sinne: Einen guten Rutsch!

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3 Kommentare

  1. Vielen lieben Dank für diese schönen Zeilen, die mir aus dem Herzen sprechen. Vielen Dank Dir auch für Deine Mühe, Deinen Enthusiasmus und Deine positive Art zu denken, die ich so sehr mag…hier auf dem Blog und auch drüben bei Insta. Sei herzlich gegrüßt und habe einen schönen Übergang rüber, in das Neue Jahr. Jens

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