Jan-Christoph Gockel inszeniert Heinrich Manns „Der Untertan“ am Staatsschauspiel

Bierkrüge knallen auf den Tisch, bis einer anfängt zu skandieren: „Die-der-ich – Häss-ling – Häss-ling – Die-der-rich – Häss-ling …“, und so fort. Ein Chor aus grölenden Kehlen, die Farben des Kaiserreiches auf der stolz geschwellten Brust. Heinrich Manns „Untertan“ Diederich Hässling war „ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt“, lernte im Wilhelminischen Kaiserreich aber schnell, wie man nach oben kratzt und nach unten tritt. Regisseur Jan-Christoph Gockel lässt diesen Untertanengeist, ein Psychogramm des Deutschen wie Kurt Tucholsky sagte, in seiner Inszenierung am Staatsschauspiel Dresden (Fotos: Sebastian Hoppe) lebendig werden – und zeichnet dabei nicht nur ein satirisches Bild des Kaiserreichs.

Mehr als einmal fragt man sich an dem dreistündigen Abend: Kann das denn sein? Hat Heinrich Mann das wirklich so geschrieben? Tatsächlich gilt sein Roman als prophetisch, bedenkt man, dass er die Arbeit daran bereits 1906 begann und 1914, noch vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, beendete. Die Spielfassung von Jan-Christoph Gockel und Julia Weinreich geht sensibel mit der Vorlage um, erzählt nah am Text, erlaubt sich hier und dort aber dezente Anspielungen auf die Gegenwart. „Haben Sie immer Achtung vor den Rechten – PAUSE –, Ihrer Mitmenschen“, entfährt es Torsten Ranft in einer Szene. Auch die Skandierenden am Schluss, man glaubt, sie irgendwoher zu kennen.

Kongenial ist, wie Gockel das Publikum immer wieder dezent einbezieht, die Darsteller direkt in den Saal sprechen lässt, den Bühnenmeister ins Rampenlicht holt und so zeigt: Dieses Stück ist uns ganz nah, viel näher vielleicht als uns lieb ist. Kunstvoll stellt er die Doppelbödigkeit der Figur Diederich Hässling mit Hilfe einer Puppe dar. Der Puppenspieler Michael Pietsch und der erst 24-jährige Jannik Hinsch agieren dabei als brillantes Doppel. Wie Jannik Hintsch sich vom pausbäckigen Backfisch zum Burschenschaftler und kühl kalkulierenden Fabrikanten wandelt, dabei dem Kaiser mit Schnurrbart und Bierbauch immer ähnlicher wird, das ist famos gezeichnet, steigert sich bis zur Karikatur: Schäumend huldigt er dem Nationalismus, feiert fanatisch geifernd Richard Wagners „Lohengrin“ und packt seine blonde, dralle Gustl, um mit ihr blonde Kinder fürs Vaterland zu zeugen.

Hinsch fiebert sich regelrecht in die Rolle hinein. Wie auf Kommando setzt er diesen irren Blick auf, spuckt schnaubend seine Parolen hinaus. Michael Pietsch lässt die Puppe dazu verständig blinzeln, nicken, er haucht ihr seine Worte ein. Selbst im Schlussapplaus wirkt die Marionette lebendig. Sie ist Hässlings bissiges Alter Ego, macht seine Gedanken hörbar. Oft wirkt „Diedel“ wie ein kleiner Teufel, manchmal sitzt er nur da wie ein trauriges Kind mit übergroßen Augen. Der innere Bruch zwischen schwach und stark wird so besonders plastisch.

Diederich verlässt die zarte Agnes (Deleila Piasko), nimmt lieber Guste Daimchen, die Ursula Hobmair als pralles Weib zeigt. Wenn sie Diederich mit Würstchen verführt, trägt das fast boulevardeske Züge. Gustl ist ihm Ersatz für den strengen Vater und die liebende Mutter zugleich. Sie wird zum heimlichen Motor seines Strebens nach Macht. Agnes ist die Leidtragende. Ebenso wie ihr Vater Göppel und der Liberale Buck Senior, die Torsten Ranft als feinsinnige Kontrapunkte auf die Bühne bringt. Ranft zeigt sich vielseitig, ob er nun euphorisch zwei Damen für das geplante Säuglingsstift aus der ersten Reihe angelt oder am Schluss leise über den Zustand im Land sinniert. Lukas Rüppel dreht als Buck Junior so richtig auf, als er sich nach der Pause ein beinahe kabarettistisches Saufgelage mit Hinsch liefert.

Schärpe, Saufen, Bierbauch und Bart sind die Insignien der kaiserlichen Macht, die Gockel in seiner Inszenierung zu Leitmotiven erhebt. Julia Kurzweg hat dazu ein aufwendiges Bühnenbild entwickelt. Eine drehbare Hauskonstruktion, in der sich die biedermeierliche Stube Hässlings mit dem großen Lumpenhaufen vor seiner Papierfabrik, der Burschenschaftskneipe und der guten Stube des alten Buck um eine Achse wenden. Das alles sind Facetten einer Zeit, die schließlich im Ersten Weltkrieg mündete.

Anton Bermann macht dazu am rechten Bühnenrand Musik, als säße er in einer Kneipe und würde die derben Stammtischgespräche mit Klängen untermalen. Mit Klavier, Schlagzeug und Elektronik zaubert er wirkungsvolle Toncollagen zu starken Bildern. Gockel und sein Team inszenieren pralles Theater, das aus dem Vollen schöpft. Während Diederich sich mit Gustl in der Seitenloge (bei Wagner) vergnügt, schaut man ihnen via Videoprojektion dabei zu. Wenig später wandelt die Diedel-Puppe durch die Zeiten, die Darsteller kramen Portraits von Hitler und Ulbricht aus Schubladen im Haus und halten sie ins Bild. Das mag übertrieben erscheinen, überdreht, bunt, zu laut vielleicht. Es hat jedoch seine Momente, ist bestürzend, irritierend, verrückt und humorvoll.

Selten gelingen Romanadaptionen am Staatsschauspiel derart lebhaft. Die vermeintlich historische Gestaltung der Kostüme von Sophie du Vinage führt uns hier regelrecht hinters Licht. Auf den ersten Blick meint man, diese Zeit ist längst überwunden, das Kaiserreich Geschichte. Bis, ja bis man die heutige Gesellschaft plötzlich wie im Spiegelbild erkennt. Das ist erschreckend und genial zugleich.

Info: Heinrich Mann „Der Untertan“ am Staatsschauspiel Dresden, wieder am 9.9., 13.9., 17.9.

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