Zwischen Extremen

Andreas Dresen erinnert mit „Gundermann“ an einen, der in keine Schublade passt

Plötzlich ist der Himmel voller Wolken, es regnet. Der Herbst vorm Fenster passt zur Stimmung im Land. Und dann kommt da dieser Film (Foto: PR/Peter Hartwig) daher, der von einer ebenso grauen Zeit in einem chronisch grauen Land erzählt: „Gundermann“ Nicht jedem ist der Liedermacher aus der DDR ein Begriff. Dabei hat er allein sechs Alben veröffentlicht, schrieb Songtexte für Silly und stand mit Bob Dylan auf einer Bühne.

Die Ideen zu seinen Songs kamen Gerhard Gundermann meist während der Schichten im Tagebau in Hoyerswerda. Selbst als er längst von der Musik hätte leben können, arbeitete er dort weiter, bis zum Schluss, dem frühen Ende mit nur 43 Jahren. Andreas Dresen und die Drehbuchautorin Laila Stieler haben fast zehn Jahre daran gearbeitet, das Leben von Gundermann auf der Leinwand zu erzählen. Entstanden ist ein bewegender Film, in dem die lakonische Bezeichnung des „singenden Baggerfahrers“ jeden süßlich witzelnden Beigeschmack verliert. Nicht schwarz-weiß, aber auf den Punkt.

Es ist ein Film, der aufs Ganze geht, ohne die Hauptfigur zu beschädigen. Denn ein Makel haftet dem Liedermacher bis heute an wie ein tiefer Kratzer auf einer Schallplatte: Gundermann, der in seinen Songs die DDR- und Nachwendezeit in kritische Töne kleidete und wegen „prinzipieller Eigenwilligkeit“ aus der SED flog, spitzelte sieben Jahre für die Stasi. Nach dem Mauerfall machte er es auf der Bühne öffentlich, eine fragile Figur mit dünnen, blonden Strähnen und übergroßer Brille. Alexander Scheer ähnelt ihm in der Hauptrolle nicht nur optisch bis aufs Haar, er zeigt „Gundi“ als einen Mann zwischen den Stühlen, aber mit Rückgrat. Vehement setzt Gundermann sich für bessere Arbeitsbedingungen im Tagebau ein. Geradezu rastlos schreibt er neue Lieder und erobert zielstrebig seine große Liebe Conny.

In Rück- und Vorblenden erzählt, schieben sich Gundermanns Songs wie melancholische Intermezzi zwischen die Szenen. So manche Perle befindet sich darunter. Alexander Scheer hat sie für den Film selbst eingesungen, oft so einfühlsam, dass er zu Tränen rührt. Dass Gundermann sich von der Stasi fangen ließ, mag viele Ursachen haben. Wunderbar unaufgeregt ist jedoch der Zugang, den Dresen zu diesem heiklen Thema findet, ohne anzuklagen oder allzu verbohrt nach Gründen zu forschen. Was ihn interessiert, ist vor allem der Mensch. Er zeigt Gundermann als Querkopf, Verrückten und Kumpel mit Herz in seiner ganzen Ambivalenz.

Das Leben in der DDR erscheint dabei in natürlichen Schattierungen, ohne dass es posthum idealisiert oder verteufelt wird. Egal, ob Axel Prahl, den baggerfahrenden Liedermacher mit ruhiger Stimme und raunenden Argumenten als Stasimitarbeiter anwirbt oder Anna Unterberger in der Rolle der Conny für ihn den Vater ihrer beiden Kinder verlässt. Behutsam sind auch die Randfiguren gezeichnet, wie Milan Peschel als Kollege, der auf „Gundis“ Stasi-Geständnis hin erst einmal Wodka ausschenkt oder Peter Sodann, der ihn fast väterlich mit sanften Worten aus der Partei befördert.

Vielleicht ist es überhaupt der erste ernstzunehmende Versuch einer differenzierten Darstellung der Verhältnisse. Gundermann wird weder auf den Starsockel erhoben noch als Verräter angeprangert. Er singt, kämpft, lebt, sagt am Ende die Wahrheit. Mehr aber nicht. Er könne sich doch nicht selbst „ent-schuldigen“ erklärt er in einer Szene, höchstens auf Verzeihung hoffen. Nun könnte man sagen, der Film macht es – vielleicht zu – leicht, ihm zu verzeihen. Und doch wünscht man sich in diesem Herbst mehr von dem unaufgeregten Blick auf die Dinge, den Dresen hier zum Prinzip gemacht hat.

„Gundermann“ läuft diesen Herbst im Programmkino Ost, dem Kino in der Fabrik, der Schauburg und Club Passage, weitere Infos gibt es im Kinokalender Dresden

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