Die Staatsoperette sorgt mit dem Musical „Zzaun!“ für einige Überraschungen

Eine abgebrochene Zaunslatte wird zum Stein des Anstoßes. Was in Kleingartensparten zumindest Frust gebiert, bietet normalerweise kaum Stoff für die große Showbühne. Ganz anders ist das jedoch bei „Zzaun! Das Nachbarschaftsmusical“, das an der Staatsoperette Dresden jetzt mit viermonatiger Verspätung umjubelte Uraufführung (Fotos: Stephan Floss) feierte. Das Stück aus der Feder von Tilmann von Blomberg (Buch) und Alexander Kuchinka (Liedtexte und Musik) rückt einmal die Welt der ganz normalen Menschen ins Rampenlicht.

Doch wer nun denkt, es gehe hier nur um Krach in der Reihenhausidylle, der ist gewaltig auf dem Holzweg. Denn der kaputte Zaun ist eigentlich bloß Metapher für einen Riss, der die Nachbarschaft, ja gar die Welt zu spalten vermag. Man kennt das in Dresden sowie aus den Nachrichten längst. An diesem Abend aber kann man nun endlich herzhaft darüber lachen. Denn Regisseur Andreas Gergen inszeniert leichtfüßig und ohne Sorgenfalten ein mitreißendes Theaterfest am Gartenzaun.

Boulevardesker Humor mit Botschaft

Das darf ruhig auch boulevardesk und trashig sein: Ein Anwalt, der aussieht wie Donald Trump und bunte Ballette (Choreografie: Danny Costello) mit Bauarbeiterhut und Aktenordner, zum Schluss gar eine UN-Fee, die tanzend den Frieden zwischen den Kampfhähnen beschwört. Ja, warum denn nicht? Aus der bunten Unterhaltung schält sich dabei so manche Botschaft heraus, die zum Nachdenken anregt, auch wenn das Musical das gar nicht vordergründig verlangt.

Die typenhaften Figuren wirken wie einer amerikanischen Sitcom entsprungen. Ebenso die Kulisse von Walter Vogelweider und die Kostüme von Ulli Kremer: Die Häuser der Nachbarn Horst Könner und Roland Sieger gleichen einander wie Zwillinge, dazwischen thront der makellos weiß lackierte Jägerzaun als präzise Grenzmarkierung. Axel Köhler gibt den gescheiterten Handwerker Horst als polternden Besserwisser. Seine Freundin Leonie wird von Olivia Delauré als blondes Naivchen mit Herz gezeigt. Lucille-Mareen Mayr ist die pubertär rebellierende Tochter Michelle, die ihren Vater die gescheiterte Beziehung zur Mutter vorwirft.

Auf der anderen Seite des Gartenzauns wohnt das glatte Kontrastprogramm: Christian Grygas spielt den schwulen Pedanten Roland, der sich stets Vorurteilen ausgesetzt sieht. Jannik Harneit ist als sein frisch angetrauter Ehemann Felix der wahre Sonnyboy im Stück. Doch stört in der Rolle seiner strengen Mutter Walburga Cornelia Drese das junge Eheglück.

Mitreißende Melodien und ein starker Musicalchor

Dank eingängiger Melodien und mitreißender Showklänge, die aus dem Orchestergraben strömen, ist man in dieser klischeebeladenen Reihenhauswelt sofort zu Hause. Unter der Leitung von Peter Christian Feigel zeigt sich das Orchester der Staatsoperette Dresden von seiner jazzigen Seite, es groovt und swingt lebendig im Graben, Schlagzeugrhythmen und Bläser sorgen für ausgelassene Stimmung im Saal, ohne den Sängern die Show zu stehlen. Lucille-Mareen Mayr darf zum Schluss sogar als rappende Rockröhre richtig aufdrehen. Der Musical-Jugend-Chor der Staatsoperette indes schleicht sich als Volksstimme vom Parkett aus auf die Bühne – und bezaubert nicht nur gesanglich, sondern auch darstellerisch in den großen Ensembleszenen.

Geschichte wächst über Reihenhaussiedlung hinaus

Als der Zaun bricht, ist bei Horst und Roland Schluss mit Freundschaft. Bald geht es um mehr als nur um schnöde Schönheitsfehler. Hintersinnig wächst die Geschichte vom Kleinen ins Große: Der Nachbarschaftsstreit wird im politischen Wahlkampf ausgefochten, weitet sich schließlich sogar zum handfesten Staatskonflikt aus, in dem längst nicht mehr die Sache, sondern der Sieg über den jeweils anderen im Mittelpunkt steht. Flugs ziehen die Nachbarn „Zaun Müller“ zurate, den Marcus Günzel als gewinnorientierten Schnellsprecher gibt. Erst soll ein neuer Zaun her, später wird gar aufgerüstet.

Bryan Rothfuss brilliert in der Rolle von Horts Versicherungsvertreter Kühn, er amüsiert mit ungelenkem Wortwitz. Elmar Andree bringt als Rolands Anwalt Herr Grundlos die Unbeirrbarkeit eines Donald Trump ins Stück. Der Streit wird zur Schlammschlacht, ausgetragen in der Öffentlichkeit und eifrig verfolgt von der Presse. Dietrich Seydlitz ist hier als rasender Reporter stets zur Stelle, hetzt den Ereignissen nach, ohne dass der Kern der Sache je ans Licht kommt.

Kriegsgebaren mit Happy End

Schon erhebt „Mein Könner“ Horst die Kriegswaffen gegen Roland im „Siegerbunker“. Doch am Ende des Tages gibt es zum Glück noch etwas wie Freundschaft: Während die Streithähne zanken, gründen Leonie und Felix heimlich ein Friedenskommando. Olivia Delauré und Jannik Harneit bezaubern an dem Abend als gefühlvolles Duo. Silke Richter hat in der Partie der Beamtin Irene Sonnenschein zwei mitreißende Auftritte und kann zudem als Ulknudel punkten. So endet das Ganze dann wiederum überraschend im Guten – und ganz ohne Sorgenfalten wünscht man sich heimlich, dass es im Leben doch auch mal so sein möge.

„Zzaun! Das Nachbarschaftsmusical“ an der Staatsoperette Dresden, wieder am 21. und 22. April, 24. und 25. Mai, 2. und 3. Juni 2018

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