Ein Plädoyer für die Bewerbung um den Titel, gerade hier, gerade jetzt

Es sollte eigentlich nur ein Gespräch übers Bloggen in Dresden werden – und dann stand plötzlich die Frage im Raum: „Denkst Du die Stadt kann mit ihrer aktuellen Situation überhaupt Kulturhauptstadt werden?“ Logisch, denn wer sollte diese besser beantworten können als wir Journalisten, die jeden Tag über das (Kultur-)Leben in der Stadt berichten. Ich habe mir seither viele Gedanken über Dresden als Kulturhauptstadt 2025 gemacht und bin zu dem Schluss gekommen: Ja, Dresden kann!


Dresden ist, das sehen Auswärtige seltsamerweise oft viel deutlicher als die Dresdner selbst, eine Kulturstadt mit hohem Potenzial. Begründet liegt dies vor allem in der Geschichte der Stadt, die mit zwei wichtigen Zeitspannen in unseren Alltag schwappt: Es ist Ära Augusts des Starken und es ist die Zerstörung im Zweiten Weltkrieg, die Dresden bis heute deutlich prägen.

Dem Wirken Augusts des Starken haben wir jenen großen Schatz an Kunst und Kultur zu verdanken, auf den die Stadt bis heute stolz ist, mit dem sie wirbt. Überall ziehen sich Augusts Spuren über das Altstadtpflaster: in den Staatlichen Kunstsammlungen, in der Semperoper, sie spiegeln sich in der Architektur der Altstadt, die allzu häufig mit Barock gleichgesetzt wird. Sie spiegeln sich auch in der Mentalität und dem Selbstverständnis der Dresdner.

Die Zerstörung und der Wiederaufbau der Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg bergen wiederum eine Faszination in sich, die man so nur in Dresden beobachten kann. Mit Herzblut haben die Dresdner nach dem Krieg den Perlen der Vergangenheit neuen Glanz verliehen, vehement verteidigen sie ihre Stadt gegen jede Art von Modernismus, der diesen Glanz auch nur annähernd zerstören könnte. Nicht immer erfolgreich, wie man weiß. Doch ist das gerade jene Eigenschaft, die das Alte hier lebendig bleiben lässt – mag man es nun gut finden oder nicht. Es ist eine besondere Qualität von Dresden.

Dabei ist es falsch zu sagen, dass Dresden sich niemals neu erfinden würde. Im Gegenteil! Die Vielfalt der kulturellen Angebote, von der ich auch im o.g. Interview sprach, haben wir vor allem jenem Umstand zu verdanken, dass im Schatten des Barock immer auch neue Innovationen blühen und blühten, sei es in der Technologie oder in Kunst und Kultur. Man schaue sich nur die Kunstszene an, die Brücke-Bewegung war ein Beispiel für das Erwachen der Moderne in alten Strukturen. Heute findet man zahlreiche OFF-Gruppen oder Kunst(frei)räume in der Stadt, die diese Tradition fortsetzen, indem sie sie ständig erneuern.

Das Schöne ist, Dresden hat eine überschaubare Größe, ist weder Metropole noch Kleinstadt. Hier kann Kultur gedeihen, ohne von anderen überschattet zu werden – es fällt leicht, ins Gespräch zu kommen, sich auszutauschen, voneinander zu profitieren, so es gewollt ist. Jeder kann aus zahlreichen Angeboten wählen, nahezu jeden Tag aufs Neue. Die Wahl ist groß, sie ist aber nicht gleich so gigantisch, dass sie unbeherrschbar wäre. Dresden ist wie ein großes Dorf – ideal also als Kultur(haupt)stadt, in der Kommunikation mit Innen und Außen möglich werden soll.

Womit wir nun auch beim letzten – und wohl schwierigsten Punkt wären, beim schwarzen Fleck von Dresden: Pegida. Ich bin ganz sicher, dass Pegida für die Bewerbung Dresdens als Kulturhauptstadt eine, vielleicht sogar DIE Chance sein kann. Natürlich sind die zweitausend Spaziergänger, die hier seit fast drei Jahren jeden Montag durch die Stadt streifen, alles andere als schön. Ein Makel. Doch andererseits ist das genau die Herausforderung, die nur Kultur bewältigen kann: ins Gespräch kommen, Diskussionen anzetteln, unbeliebte Themen ansprechen, zum Denken anregen, niemals ausgrenzen. Sind wir mal ehrlich: Wie viele Tabuthemen wurden auch durch Pegida seit 2015 inzwischen zu salonfähigen Streitstoffen?!

Kultur braucht Kontroversen, eine richtige Kulturhauptstadt, müsste man meinen, braucht also auch Reibungspunkte. Pegida betrachte ich daher mehr als große Chance, denn als Hindernis bei dem Kampf um den Titel für 2025. Trump, Brexit, Dresden – das alles ist nur der Spiegel, das Brennglas für eine Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs. Kultur wirkt und entsteht aber gerade in Umbruchzeiten besonders stark. Doch wie ich schon im Interview sagte: Die Entscheidung treffen andere. Wir sollten jedoch selbstbewusst sein, denn eine bessere Kulturhauptstadt als Dresden kann es unter diesen Umständen gar nicht geben.

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