Gedanken zum Schreiben von Musikkritiken

Als Kritiker erlebt man oft seltsame Dinge. Das liegt auch daran, dass der Rezensent es – ganz egal, ob er nun besonders kritisch ist oder nicht – oft niemandem recht machen kann und mit seiner Meinung natürlich jederzeit angreifbar ist. Neulich zum Beispiel fragte mich eine Kollegin per E-Mail: „Wie fanden Sie die Oper denn wirklich?“ Ich war von dieser Frage einigermaßen verwirrt und antwortete wahrheitsgemäß, dass ich meine Kritiken schon noch ehrlich schreibe. Die Oper war gut, es gibt sicher bessere, aber weder an Ensemble noch Orchester und schon gar nicht an der Inszenierung könne man groß mäkeln – ich habe mich an dem Abend gut unterhalten gefühlt, genauso wie ich es in den DNN dargestellt hatte.

Nun gibt es neben Kollegenkommentaren immer wieder auch Reaktionen von Künstlern oder Widerspruch, wenn jemand sich oder seine Aufführung falsch verstanden sieht. Ich nehme das gern zur Kenntnis, lerne im besten Fall daraus und freue mich stets, wenn meine Texte Reaktionen provozieren, ist das doch genau das, was Kultur soll: Diskurse anstossen, zum Nachdenken anregen, Kommunikation zwischen den Menschen entfachen.

Und dennoch sollten wir uns immer vor Augen halten, was wir hier eigentlich tun. Wir beurteilen und loben, teilen aus und werten schlimmstenfalls ab. Das alles passiert in der Distanz der Texte oft mit einer Leichtigkeit, die manche Kollegen im Face-to-Face-Gespräch niemals an den Tag legen würden. Und auch deswegen muss ich gestehen, dass ich mich mit dem Schreiben von Rezensionen lange Zeit schwer getan habe.

Das Schwierige und zugleich Bereichernde am Kritikenschreiben ist nämlich, dass es in dieser Disziplin gar keine einwandfrei verifizierbare Wahrheit gibt. Ganz anders ist das bei klassischen Nachrichten: Wenn in der Stadt ein Auto verschwindet und das war blau, dann war das Auto eben blau und man muss es in der Meldung auch so darstellen. In der Kultur und im Feuilleton hinherent spielen immer unweigerlich persönliche Erfahrungen, Erwartungen, der aktuelle Geisteszustand, Geschmäcker des Journalisten mit in die Bewertung rein. Das soll ja auch so sein. Hinzu kommen Schreibstile und das Selbstverständnis von der Arbeit, die man macht. Das alles fließt in die Rezension ein, bewusst oder unbewusst.

Die Kunst liegt hier am Ende auch darin, ein Gleichgewicht aus allen Faktoren herzustellen, sie auszubalancieren. Wenn ich z.B. müde ins Konzert gehe, weil ich einen anstrengenden Arbeitstag hinter mir habe, muss ich in der Lage sein, mich selbst zu hinterfragen. Ich muss fragen, ob es denn wirklich nur am Orchester lag, dass es mich nicht berührt hat, oder ob ich vielleicht gerade nicht richtig aufnahmefähig war.

Gerade, weil es in Kritiken nie oder nur selten um knallharte Fakten geht, sondern vielmehr um Gefühle, Meinungen und Erfahrungen, muss ich mich als Rezensent also immer ein wenig selbst in Frage stellen, bevor ich andere bewerte. Erst dann kann die Diskussion, die wir mit unseren Texten anstoßen, fair und auf Augenhöhe stattfinden. Ein bisschen Rückgrat gehört freilich auch dazu – Humor sowie die Fähigkeit, sich selbst und seine Meinung nicht allzu ernst zu nehmen. Dann können Diskurse fruchtbar, ja bereichernd für alle sein. Aus der oben erwähnten Frage der Kollegin entwickelte sich übrigens schnell ein netter Mailwechsel, in dem sich auch viele Gemeinsamkeiten offenbarten. So kann Oper die Menschen zusammenbringen. Was will man mehr?

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